Über die Sprache, die Welt und die Plagiate

Velbrück-Wissenschaft-Autor Stefan Weber ist auch als »Plagiatsjäger der Wissenschaft« bekannt. Im Interview mit Jochen Zenthöfer, freier Journalist der F.A.Z. und Buchautor, spricht er über sein neues Buch »Radikaler Lingualismus. Von Wittgenstein zu Mitterer und einer neuen Philosophie« sowie seine Motivation, Wissenschaftsbetrüger zu überführen.


Ihrem Buch stellen Sie Zitate von Karl Popper, Thomas Nagel u.a. vorweg. Der österreichische Philosoph Josef Mitterer scheint diese Aussagen fast immer zu widerlegen. Trifft diese Beobachtung zu?

Nein, Josef Mitterer »widerlegt« sie nicht, er bietet ein alternatives Denkmodell an, eben die »Nicht-dualisierende Philosophie«. Ich beschreibe das im Nachwort des Buchs, »Mein Weg zur Philosophie«: Mich interessieren seit langem Denkalternativen zum Mainstream. Und die elaborierteste und radikalste, die ich kenne, ist die »Nicht-dualisierende Philosophie« von Josef Mitterer, die mit der Objektangabe ›beginnt‹ und nicht mit einem prioritären Objekt wie etwa der Erde, der Welt oder dem Universum. Das fand und finde ich spektakulär. Ich finde es etwa auch interessant, dass wir uns alle den Zeitpfeil nach vorne, in die Zukunft gerichtet vorstellen. Dabei können wir uns an die Vergangenheit erinnern und nicht an die Zukunft (nach Stephen Hawking).

Wie erklären Sie einem Laien in wenigen Sätzen das Ergebnis Ihrer Forschung?

Wenn Sie Menschen auf der Straße fragen würden: »Denken Sie, dass es die Welt auch dann geben würde, wenn sich die Menschheit nie entwickelt hätte und sich auch keine anderen sprachfähigen Lebewesen entwickelt hätten?«, dann würden dies wohl sehr viele bejahen. (Das wäre übrigens mal eine interessante empirische Untersuchung für die Philosophie!) Ich versuche in meinem Buch zu zeigen, dass diese Auffassung einen Haken hat: Es ist schlichtweg unmöglich, in diesem Gedankenexperiment die Sprache wegzudenken. Daraus folgt für mich aber, wie ich zeige, dass die Annahme, dass es so sein könnte, inkonsistent ist, ja womöglich sogar in einen bösartigen infiniten Regress führt – wobei dies freilich Definitionssache ist.

Ihre Forschung artikulieren Sie durch Sprache. Als es das Buch noch nicht gab, und niemand dies gesagt oder geschrieben hatte, waren diese Forschungsergebnisse dann schon existent?

Das ist eine Falle! Denn würde ich hier mit »Nein« antworten, würde ich ja wieder behaupten, in ein Jenseits, in ein Vorgängiges der Sprache blicken zu können. Sie stellen ja hier eigentlich eine altbekannte philosophische Frage, von der es viele Variationen gibt. Eine ist der philosophische ›Witz‹: »Papa, wenn im Wald ein Baum umgefallen ist und niemand ist dabei gewesen, ist er dann wirklich umgefallen?« Bruno Latour fragte: »Gab es die Mikroben schon vor Pasteur?« Die Nicht-dualisierende Redeweise würde hier nicht mit »Nein« antworten. Antwortet sie aber mit »Ja«, dann immer im Bewusstsein, dass diese Aussage erst nach der Entdeckung der Mikroben etc. möglich ist, und damit – und das ist ja die eigentliche Pointe – auch die Unterscheidung zwischen den Mikroben ›an sich‹ und deren Entdeckung!

Wenn es keine Menschen gäbe, gäbe es dann den Nondualismus?

Die nächste Falle: Ich kann die Bedingung »Wenn es keine Menschen gäbe …« nicht denken, genauso wenig wie die vorhin erwähnte Bedingung »Wenn sich die Menschheit nie entwickelt hätte …«.

Es könnte logischerweise doch sein, dass es die Welt gibt, aber noch niemals gesagt wurde, dass es sie gibt. Oder nicht?

Das hat einer der für mein Buch befragten 29 Sprachphilosophen so behauptet. Elefanten würden auch dann existieren, wenn sie noch nie ein Mensch gesehen hätte. Die Dinosaurier hätten auch dann existiert, wenn wir deren Fossilien nie entdeckt hätten. Und natürlich gibt es allfällige Außerirdische schon längst, obwohl wir sie womöglich erst in Jahrmillionen entdecken werden. – Das ist der übliche »realistische Konditional«, den ich in meinem Buch hoffentlich überzeugend hinterfrage. Aber ich würde mich auch sehr über profunde Entgegnungen meiner Gedanken freuen.

Wird Markus Gabriel überschätzt?

Nun ja, was heißt hier »überschätzt«? Er ist sicher ein begnadeter Schreiber. Sein Buch »Warum es die Welt nicht gibt« habe ich sehr genau gelesen. Mir gefallen der flotte Schreibstil und die vielen Assoziationen. Aber wenn ich dann lese, dass es die Welt nicht geben kann, weil die Welt in der Welt nicht vorkommt, dann schreit mir der Widerspruch schon entgegen: Es gibt bei Markus Gabriel nämlich die Welt (»in der Welt«) und es gibt sie gleichzeitig nicht. Das hilft uns also philosophisch nicht weiter. Mein noch nicht geschriebener Bestseller sollte heißen: »Warum die Wirkung vor der Ursache kommt«.

Ist eine Nicht-dualisierende Redeweise die ethischste aller möglichen Redeweisen?

Ich habe mir dazu noch keine Gedanken gemacht. Die »Nicht-dualisierende Redeweise« ist sicher sehr tolerant, lässt Weltanschauungen, Ansichten und Meinungen nebeneinander stehen. Auf der anderen Seite stünde die Warnung vor zu viel Toleranz, eben das »Plädoyer für die Intoleranz« nach Žižek. Dies wiederum führt zu gegenwärtigen Debatten über die sogenannte »Cancel Culture«. Ein schwieriges Terrain. Ich habe mir dazu noch keine gereiften Gedanken gemacht.

Sie wollen im Buch auch das Problem des »verstärkten Lügners« gelöst haben, das sich in Sätzen wie »Ich lüge jetzt.« oder »Dieser Satz ist falsch.« zeigt.

Nun, nach zwölf Jahren des Nachdenkens präsentiert das Buch auch diese Früchte meiner Reflexionen. Josef Mitterer hat dazu eine enorm wertvolle Vorarbeit geleistet und gezeigt, dass das Lügner-Paradoxon gleichsam ein isoliertes Konstrukt unter idealisierten Bedingungen ist. Ich habe nun erkannt, dass mit der Ableitung von »Dieser Satz ist falsch.« im Dualismus (!) eine Verwechslung von Syntaktik und Semantik vorliegt. Denn richtig wäre einzig und allein: »Dieser Satz enthält einen Fehler.« Aber da ist kein Fehler, also gilt: »Dieser Satz enthält einen Fehler.« ist falsch. Hingegen enthält »Dieser Satz enthält einen Fähler.« tatsächlich einen Fehler. »Dieser Satz ist falsch.« hat in Bezug auf ebendiesen Satz überhaupt keine Bedeutung. Es ist so, wie wenn ich schreiben würde: Das Wort »Rettich« ist wahr.

Kommen wir zu einem anderen Thema. Abseits Ihrer sprachphilosophischen und kommunikationswissenschaftlichen Publikationen kennt man Sie als »Plagiatsjäger«. Was ist Ihre Motivation, Wissenschaftsbetrüger zu überführen?

Es ist Neugierde, Forschergeist, aber natürlich mittlerweile auch ein Business. Ich bin seit einem Jahr quasi amtlich in Österreich gewerblicher Berufsdetektiv, habe mir sozusagen in diesem Berufsbild die Untergruppe der »Plagiatsjäger« selbst geschaffen. An der Plagiatsprüfung interessiert mich, was man sieht, wenn man ganz genau hinschaut, freilich auch mit der besten Prüfsoftware am Markt. Interessant ist für mich dann die Änderung des Eindrucks: Ein Text, der zunächst absolut seriös oder hochwissenschaftlich daherkommt, entpuppt sich immer mehr als Luftnummer, weil man immer mehr abgeschriebene und nicht zitierte Stellen entdeckt. Das interessierte mich besonders zuletzt beim Buch von Annalena Baerbock, bei den beiden Büchern von Diana Kinnert und bei der Dissertation von Maja Göpel. Diese Änderung der Wahrnehmung eines Textes ist also ein bisschen wie Wittgensteins Aspektsehen, nur geht der Prozess des Kippens in ein anderes Bild viel langsamer …

Sind Plagiate in der Wissenschaft nicht ein untergeordnetes Problem im Vergleich zu schlechter Wissenschaft oder betrügerischer Wissenschaft mit gefälschten Datenreihen?

Die etablierten Institutionen und leider auch die Agenturen der Qualitätssicherung versuchen oft, das so kleinzureden: Wie harmlos denn ein Plagiat in der Soziologie sei, wenn eine Datenfälschung in der Medizin viel handfestere Auswirkungen haben könne! – Wir haben weder zum einen noch zum anderen genaue Zahlen. Schaffen wir doch erst einmal die Empirie, indem wir ein Lehr- und Forschungsgebiet »gute wissenschaftliche Praxis« versus »wissenschaftliches Fehlverhalten« schaffen. Wenn wir einmal Daten und Fakten haben, können wir eine Diskussion dazu führen, wie harmlos was ist, also die Phänomene einordnen und bewerten. Im Moment wissen wir, zumindest in deutschsprachigen Ländern, fast nichts über wissenschaftliches Fehlverhalten, also sollten wir uns auch mit Bewertungen dieser Art eher zurückhalten.

Ist das Plagiatsproblem in Österreich im Allgemeinen oder an bestimmten Universitäten in Österreich besonders groß?

Auch hier: Wir haben keine genauen Zahlen, wir können nur spekulieren. Ich glaube nicht, dass das Plagiatsproblem in Österreich größer ist als in Deutschland oder in der Schweiz. Vielleicht ist es auch in Ost- und Südeuropa viel größer, vielleicht ist dies aber auch ein Vorurteil. Wir wissen es nicht, es gibt keine Länderstatistiken und daher erst recht keine Ländervergleiche. Ein schwerwiegender Plagiatsfall geht nicht in die Statistik ein wie ein schwerwiegender Coronafall. Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen, über den Umgang mit Plagiatsanzeigen. Und da fällt auf, dass etwa die Universität Innsbruck keine akademischen Grade aberkennt, einerlei, wie schwerwiegend das gemeldete Plagiat ist. Es scheint an der Universität Innsbruck eine spezielle Plagiatspolicy zu geben. Eigentlich wird hier seit Jahren Amtsmissbrauch betrieben.

Plagiate können noch nach Jahrzehnten dazu führen, dass jemand seinen Doktorgrad abgeben muss. Wäre es nicht sinnvoll, hier – wie bei Straftaten – eine Verjährung einzuführen?

Nein, weil das Wissenschaftsplagiat per se nicht einmal eine Urheberrechtsverletzung sein muss und es etwa in Österreich keine Straftat ist, sondern allenfalls nach Aberkennung des Grades als Verwaltungsübertretung geahndet werden kann. Wer eine Verjährung fordert, hat das ethische Problem des Wissenschaftsplagiats schlichtweg nicht verstanden. Es gibt dazu einen herrlichen Aufsatz von Volker Rieble über die Ersitzung des Doktorgrades.

Wenn Sie eine Doktorarbeit lesen, was sind für Sie die ersten Anzeichen, dass da Plagiate drin sein können. Haben Sie da ein Bauchgefühl, das anspringt?

Ja, das habe ich mittlerweile. Wenn ich in einer sozialwissenschaftlichen Doktorarbeit einen Theorieteil mit vielen verschiedenen Theorien und Theorieansätzen lese, dann finden sich dort sehr häufig Plagiate. Und im Zeitraum von 1997 bis ca. zum Fall Guttenberg, bis ca. 2011, wurde sehr viel plagiiert. In den ersten Jahren habe ich meinem Riecher und Google vertraut. Mittlerweile vertraue ich Turnitin, WCopyfind und der Wayback Machine – und weiter meinem Riecher. Google könnte ja mit Google Books eine eigene Plagiatssoftware schaffen, tut das aber nicht. Damit ist Turnitin derzeit die Benchmark.

Konnten Sie sich schon mal mit Plagiatoren unterhalten: Was ist die Motivation der Täter?

Ha, noch nie zur Frage des Motivs! Im Ernst. Ich habe seit 2002 noch keinen Plagiator erlebt, der das Plagiat zugibt. Noch nie hat jemand zu mir gesagt: »Ups, erwischt!« Dagegen hörte ich von vom Textverarbeitungsprogramm verschluckten Fußnoten im Vorwort, von falschen Manuskriptfassungen, von vom Betreuer explizit gewünschten Unterlassungen von Zitaten, von zulässigen Zitierweisen, von kleinen Formalfehlern und sogar einmal von einem Verbot von Anführungszeichen!

Sie sind seit vielen Jahren im Business. Haben Sie das Gefühl, dass die jüngeren Wissenschaftler heute vorsichtiger sind, was Plagiate angeht – einfach auch, weil sie wissen, dass sie rasch entdeckt werden können?

Ich hoffe doch. Und ich hoffe, dass sie nicht bloß trickreicher geworden sind. Übersetzungsplagiate, Synonymplagiate, künstlich generierte Texte, absichtlich falsche characters, um die Plagiatssoftware auszutricksen, das Engagieren von Ghostwritern – die Möglichkeiten des Textbetrugs sind ja nicht kleiner geworden. Letztlich ist es traurig, dass wir überhaupt so viele Plagiate und andere Schummeleien in Doktorarbeiten und Sachbüchern entdecken. Eigentlich sollte es gar nicht erst dazu kommen. Es handelt sich hier um eine generelle Schieflage des Bildungssystems, die Volker Ladenthin oder Konrad Paul Liessmann überzeugend herausgearbeitet haben.


Stefan Weber, geboren 1970 in Salzburg, ist Kommunikationswissenschaftler und nach zahlreichen Enthüllungen auch als »Plagiatsjäger« der Wissenschaft bekannt. Habilitationsschrift zu Josef Mitterer und Silvio Ceccato 2005. Bei Velbrück Wissenschaft erschienen: »Die Dritte Philosophie« (Hg. mit Alexander Riegler, 2010).

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