War die documenta fifteen ein Erfolg? Editorisches Postskriptum zu Die Welten der documenta

VON PAUL BUCKERMANN

Am 25. September 2022 endete die documenta fifteen in Kassel. Ein halbes Jahr später ist die fünfjährlich stattfindende Kunstschau noch längst nicht aus der öffentlichen Debatte verschwunden, wie zuletzt die Reaktionen auf den Bericht des »Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen« gezeigt haben. Um die ästhetische Qualität der ausgestellten Arbeit geht es dabei nur am Rande. Vielmehr bestimmen der in einigen der gezeigten Werke manifeste Antisemitismus und der als unfähig noch wohlwollend charakterisierte Umgang damit seitens der documenta-Verantwortlichen die Diskussion.

Obwohl sich heftige Kontroversen schon abzuzeichnen begannen, als die Beiträge zum von Paul Buckermann editierten und dann im Juli 2022 erschienenen Band Die Welten der documenta entstanden, übertraf das Ausmaß des Skandals alle Erwartungen. Dass »das Weltkunstereignis documenta immer wieder selbst prominenter Gegenstand zahlreicher Debatten sowie Projektionsfläche widersprüchlicher Interessen aus Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft« ist, wie es im Klappentext des Bandes heißt, hat sich jedenfalls bewahrheitet. Grund genug für eine Rückschau, die das Velbrück Wissenschaft Magazin in Form eines dreiteiligen Postskriptums präsentiert: Den Anfang macht Herausgeber Paul Buckermann, es folgen Beiträge von Christine Magerski und David Roberts sowie von Cheryce von Xylander.

11. Oktober 2022

Die documenta fifteen endete am 25. September 2022 und hatte es damit trotz vehementer Kritik und Schließungsforderungen in fast vollständigem Umfang wieder über die gesamte Distanz der einhundert Tage geschafft. Die anhaltenden Kontroversen über den ausgestellten Antisemitismus und den organisatorischen und kuratorischen Umgang damit hatten dabei doch bis zum Schluss (Teil-)Schließungsforderungen provoziert. Am Tag nach der Ausstellung bezeichnete die verantwortliche documenta und Museum Fridericianum gGmbH in ihrer Pressemitteilung die documenta fifteen jedoch eindeutig als Erfolg. Das Statement endete mit den Terminen für die kommende sechzehnte Ausgabe im Jahr 2027 und wenig später wurde ein neuer Interimsgeschäftsführer ernannt.[1]

Die Debatten um die diesjährige documenta sowie die unterschiedlichen Einschätzungen ihres (Miss-)Erfolges können insofern als Bestandteile eines Forschungsinteresses erschlossen werden, als dass beide Phänomene auf plurales Wissen über und durch kulturelle Großereignisse verweisen. Eine solche Herangehensweise an multiple Epistemologien und deren Anbindung an Weltereignisse der Kunst leitet den Essayband Die Welten der documenta. Wissen und Geltung eines Großereignisses der Kunst[2] ein, welchen ich für Velbrück Wissenschaft vor der documenta fifteen editiert habe.[3] Nun – nach der letzten und offensichtlich immer auch schon vor der nächsten Ausgabe – ziehe ich ausgewählte Ereignisse nach Drucklegung des Bandes heran, um meine Thesen einer ersten Prüfung zu unterziehen und potenzielle Anschlussdebatten zu eröffnen. Das vorliegende Postskriptum stützt sich dabei empirisch auf offizielle Pressemitteilungen, Statements und eine (hauptsächlich deutschsprachige) Medienberichterstattung, um abschließend für eine umfangreichere Beschäftigung mit der documenta (fifteen) im Speziellen und kulturellen Weltereignissen im Besonderen zu plädieren.

Die editorische These des Sammelbandes[4] lautete, dass die documenta nicht nur die Aufmerksamkeit und entsprechende Bewertungsstile zahlreicher epistemischer Gemeinschaften auch über ästhetische und kunsthistorische Fragen hinaus verlässlich auf sich zu ziehen vermag, sondern dass sie als Weltereignis der Kunst in besonderem Maße eine solche gesellschaftliche Pluralität von Weltsichten der gesamtgesellschaftlichen Reflexion öffnet. Sowohl an Kontroversen um die documenta fifteen als auch an den jüngsten Erfolgsmeldungen aus Kassel zeigt sich, dass sich diese Annahmen auch für ein Verständnis der neuesten Ereignisse eignen. Andererseits bietet die letzte documenta auch Material, das korrigierende und ergänzende Aspekte zur Untersuchung von Wissen durch und über kulturelle Großereignisse als Kontaktzonen ermöglicht und insbesondere Grenzen und Hindernisse in der Vermittlung von pluralen Weltsichten aufzeigt.

Die Konflikte um die documenta fifteen

Nach monatelangen Warnungen, Vorwürfen und Beschwichtigungsversuchen zeigte sich the elephant in the room in seiner hässlichsten Gestalt also doch auf der documenta fifteen. Ab Anfang Januar 2022 gab es bereits Hinweise auf die Nähe von einzelnen Teilnehmer:innen der Weltkunstschau zur antiisraelischen und antisemitischen Kampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanction)[5] und entsprechende Bedenken wurden etwa vom Zentralrat der Juden in Deutschland geäußert.[6] Solche Befürchtungen wurden von politischer, organisatorischer und künstlerischer Seite der documenta als voreilig, haltlos oder als potenzielle Einschränkung der Kunstfreiheit zurückgewiesen. Es wurden Versprechen zur größten Vorsicht abgegeben und die Situation sollte hauptsächlich entschärft werden, indem ein Abwarten auf die eigentliche Ausstellung eingefordert wurde. Als dann diese eigentliche Ausstellung zu sehen war, stieß sie nicht nur die Debatte um die documenta fifteen, sondern gleich um die ganze Institution documenta in eine Eskalationsspirale.

Als Bundespräsident Steinmeier in seiner Eröffnungsrede am 18. Juni seine Bedenken gegenüber antisemitischen Positionen und der Abwesenheit von jüdisch-israelischen Künstler:innen vorbrachte[7], konnte noch harsche Kritik an ihm geäußert werden. Elke Buhr, Chefredakteurin der Kunstzeitschrift MONOPOL, bezeichnete die Rede als »Skandal«. [8] Journalist:innen seien doch sowieso nur angereist, »um wie Detektive in Kassel nach Spuren des Antisemitismus zu suchen«.[9] Dass angeblich nirgendwo die Existenz Israels infrage gestellt wurde[10] und die Journalist:innen nicht fündig wurden, lag jedoch nicht an mangelnden Recherchefähigkeiten, sondern daran, dass das am offensten antisemitische Werk erst am Ende der Eröffnungswoche und damit nach Abreise der meisten Presseteams gezeigt wurde. Sogar Buhr musste dann am 20. Juni einräumen, dass mit den antisemitischen Karikaturen auf Taring Padis »People’s Justice« eine Grenze übertreten sei, nicht jedoch ohne eine Relativierung hinterherzuschieben, denn es handelte sich Buhr zufolge lediglich um die »Grenze dessen, was in Deutschland gezeigt werden sollte«. Im Interview mit dem NDR fand Buhr dann auch nicht primär »sehr ärgerlich«, dass die monatelangen Warnungen offensichtlich berechtigt waren und von Seite der documenta unterschätzt worden sind, sondern dass »genau in so einem Fall dann so eine antisemitische Karikatur auftaucht.«[11]

Die Ereignisse um »People’s Justice« und dessen stufenweise Entfernung aus der Ausstellung vor einer Weltöffentlichkeit müssen hier nicht noch einmal wiedergegeben werden. Allen Beteiligten muss zum Zeitpunkt der ersten Berichterstattung über die eindeutig antisemitische Bildwelt an Kassels zentralem Friedrichsplatz deutlich gewesen sein, dass die bisherigen Beschwichtigungs- und Verteidigungsstrategien nicht mehr ausreichen werden. Weder die unglücklich agierende und schließlich entlassene Generaldirektorin, Sabine Schorman, und ihr Interimsnachfolger, Alexander Farenholtz, noch die verantwortlichen Kurator:innen von ruangrupa wollten oder konnten die Debatten in den folgenden einhundert Tagen entschärfen. Was mit einem Blogeintrag und dem Hinweis auf eine BDS-Nähe von einzelnen Teilnehmer:innen am 7. Januar 2022 begann, entwickelte sich zu einer beinahe pausenlosen Debatte. Der (zumindest bis heute) letzte Höhepunkt der Kontroverse war dann ein deutlich kritisches Expert:innengutachten vom 10. September[12] und ein ebenso deutliches Statement von aktiven Kurator:innen und Künstler:innen der documenta fifteen gegen besagte Expert:innenkommission und Antisemitismuskritiker:innen. Welche Eskalationsstufe hier erreicht wurde, zeigt das Banner des offenen Briefes auf dem Kunstportal e-flux, wo Poster an Wänden des Fridericianums zu sehen sind mit Aufschriften wie »BDS – Being in Documenta is a struggle« und »Free Palestine from German guilt«.[13] Respektvolles Zuhören und kooperatives Lernen – Grundmotive von ruangrupas Konzept in Kassel – können durch diese provokativen Gesten wohl nicht mehr angestrebt gewesen sein.

Es entfaltete sich somit eine lange Konfliktsituation, die in den gegenseitigen Anschuldigungen, Rücktrittsforderungen, Expert:innengutachten und deren Zurückweisung, kommunikativen Eskalationen und Kompetenzkämpfen für Beobachter:innen wie ein Unfall in Zeitlupe wirkte. Diagnosen darüber, welche Personen verletzt worden sind, und strafrechtlich relevante Fragen werden sich klären, nur ein institutioneller Totalschaden scheint laut Verantwortlichen nicht vorzuliegen: »Die documenta 16 wird vom 12. Juni bis zum 19. September 2027 stattfinden« verkündet eben die Abschlusspressemitteilung der documenta und Museum Fridericianum gGmbH. Am 5. Oktober wurden dann nicht nur ein neuer Interimsgeschäftsführer vorgestellt, sondern auch langfristige Lösungen versprochen, denn: »Nach der documenta ist vor der documenta«. In welchem Ausmaß die angerichteten Schäden die Institution, ihre Organisationsstruktur sowie die öffentliche und private Förderung betreffen, wird sich zeigen.

Die Erfolge der documenta fifteen

Wenn schon über die nächste Ausgabe gesprochen wird, kann nicht alles schlecht gewesen sein an dieser documenta. Von den Verantwortlichen wird die jüngste Edition trotz vehementer Kritik an Inhalt, Form und organisatorischer Infrastruktur in der Pressemitteilung vom 26. September 2022 vielmehr offensiv als Erfolg verbucht. Belegt wird dies mit einer ganzen Reihe von Zahlen: 738.000 Ticketverkäufe sind zwar weniger als die letzten drei documentas von 2017 (891.000 in Kassel und 339.000 in Athen), 2012 (904.992) und 2007 (750.585), jedoch »übertrafen [die Besucher:innenzahlen] die Erwartung der Veranstalter«. 15.150 Dauerkarten, 78.700 Teilnehmer:innen auf 5.250 Walks & Stories, 33.000 Besuche von Schüler:innen und 4.600 Presseakkreditierungen verzeichnete die Ausstellung. 57,4 Prozent der Teilnehmer:innen einer Publikumsbefragung gaben ihre Zufriedenheit mit 1 oder 2 auf einer Skala von 1 bis 5 an. Daneben konnten laut Pressemitteilung auf 25.000 qm Ausstellungsfläche über 1.500 Künstler:innen an 32 Ausstellungsorten aktiv sein. 1.700 Veranstaltungen fanden statt und der Output des Themas Nachhaltigkeit lässt sich mit 375.000 Euro Spenden für Aufforstungsprojekte beziffern. Barrierefreiheit und Zugänglichkeit als weitere »zentrale Anliegen« drückten sich in 3.500 verkauften »Solitickets« aus. Die Onlinepräsenz verzeichnet ebenfalls zählbare Erfolge: knapp 700.000 Besuche der Website aus 115 Ländern, der Instagram-Kanal hatte 65.000 Follower und der Newsletter verzeichnete 29.500 Abonnements. Der Katalog umfasste ganze 320 Seiten.

Die Welten der documenta (fifteen)

Sowohl die Debatten um Antisemitismus als auch die Erfolgsmeldungen zum Abschluss der documenta fifteen machen die kritische Prüfung meiner einleitenden Thesen aus Die Welten der documenta einerseits leicht, weil viele Behauptungen sich auch an der neuesten Ausgabe nachvollziehen lassen. Andererseits lässt sich die Deckkraft der vorgeschlagenen soziologischen Erklärung bezüglich Besonderheiten von Weltereignissen der Kunst zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig beurteilen. Die kunst- und wissenssoziologische Perspektive kann jedoch, so denke ich, eine Debatte ermöglichen, die sich eben nicht im feuilletonistischen und kulturpolitischen Handgemenge verhalten muss, sondern gerade an diesem Handgemenge ihren Untersuchungsgegenstand findet, um adäquate Erklärungen für die Gegenwartskunst in der derzeitigen Gesellschaft zu finden.

Ausgehend von der Beobachtung, dass »gerade die documenta als Ereignis und Institution der Kunst in ganz unterschiedlichen Weltsichten und unter ganz unterschiedlichen Geltungsbedingungen einen so prominenten Unterschied zu machen« vermag, hatte ich als These angeboten, »dass epistemische Pluralität als Problem und Struktur einer ausdifferenzierten Gesellschaft sich an der documenta nicht nur analytisch adäquat zeigen lässt, sondern dass die documenta als Weltereignis der Kunst auch in doppelter Weise ganz praktisch eine gesellschaftliche Reflexion von epistemischen Konflikten provoziert.« Eben weil »die documenta untrennbar mit der umkämpften gesellschaftlichen Rolle der Künste im Allgemeinen verbunden ist, führt sie die Kontingenz von Welt nicht nur schon in ihrem künstlerischen Kerngeschäft von kuratorischen Konzepten und präsentierten Kunstwerken vor, sondern auch die (Stellvertreter-)Konflikte um sie verweisen auf die unauflösliche Pluralität von Weltsichten und gleichzeitig auf eine potenzielle Vermittlung dieser epistemischen Kulturen.«

Die hitzigen Kontroversen um Kunstfreiheit, Kulturpolitik und Kunstgeschichte an der documenta fifteen bieten ausreichend Argumente und neues Material für diese konzeptuelle Rahmung. Aber insbesondere die Aussagen über Potenziale der Kunst und ihrer organisierten Großereignisse scheinen doch bezüglich der Unvermittelbarkeit von Positionen zum jetzigen Zeitpunkt eher wohlwollend. Die angenommene Pluralität von Weltsichten – und ihre offensichtliche Vorführung durch eine Kunstausstellung – zeigt sich jedoch auch ohne Lösung oder Aufhebung in vollem Umfang an der documenta fifteen. Der Verweis auf plurale Erfahrungswelten, grenzüberschreitende Kooperation und deren Einbettung in globale Strukturen gehörte bereits zum Grundkonzept von ruangrupa. Es ging um Zuhören, Kooperieren, Lernen und Teilen von Ressourcen, Wissen und Ideen.[14] Allerdings passierte dies nicht nur (wenn überhaupt) im programmatischen lumbung und nongkrong in vermeintlich harmonischer Weise, sondern zeigte sich von seiner anderen Seite auch in zahlreichen Stellungnahmen und feuilletonistischen Beiträgen. Wenn Schormann am 21. und 23. Juni etwa die antisemitischen Darstellungen und »Missverständnisse« mindestens partiell damit entschuldigt, dass eine »Unterschiedlichkeit der kulturellen Erfahrungsräume« zu beachten sei, und die Findungskommission gleichzeitig darauf hinweist, dass die documenta fifteen eben »ein Bild einer Welt [bietet], die aus vielen Welten besteht, ohne Hierarchie oder Universalismus«, so war es doch nur konsistent, dass ruangrupa in der Schlusseskalation um das Expert:innengutachten erstens den Status der Expert:innen und ihren Definitionen mit Verweis auf die Geschichte und Funktion kolonialer Wissenschaften fundamental infrage stellte sowie zweitens die Kritik an Antisemitismus und antiisraelischer Propaganda als eine »German-centric« Perspektive einordnete. So lässt sich offensichtlich eine vermeintliche Kontrolle der Peripherie und eine Zensur ihres Denkens durch die Zentren nicht nur überhaupt erkennen, sondern zurückweisen. Weil in solchen Formen der Positionierung und Situierung von Epistemologien eine Re-Essentialisierung von Weltsichten aber zumindest denkbar ist, werden Möglichkeiten des gegenseitigen Lernens schon deshalb versperrt, weil sich immer auf die Unentrinnbarkeit von kulturell bedingten Weltsichten zurückgezogen werden kann. Wenn alle in ihrer Position feststecken und eine vermeintlich homogene Standortgebundenheit (globaler Norden, globaler Süden, Deutschland, Indonesien usw.) das Erkennen und Wissen bestimmt, hat man nicht nur die sehr ausgetretenen Pfade identitätspolitischer Debatten betreten. Vielmehr wird allen Beteiligten durch eine solche Hervorhebung von kaum zu entkommenden Erfahrungswelten das Tätigen absoluter Aussagen – mit Gültigkeit innerhalb einer Erfahrungswelt – ermöglicht, was gerade keine Reflexion und Vermittlung zulässt. Wenn auf die koloniale Erfahrung hingewiesen wird oder Debatten um Antisemitismus mit Verweis auf global-kontextunabhängige Wahrheit geführt werden, werden weniger die Vermittlungschancen in epistemischen Konflikten sichtbar als deren Grenzen, die sich derzeitig auch an Pandemie, Klima und Krieg zeigen.

In meiner Einleitung schreibe ich, dass die »documenta [.] durch ihren Bezug zu einer gesellschaftlich immer prekären Funktion der Künste ein besonderes Weltereignis [ist], weil sie die Kontingenz von Welt schon in ihrer Kunstausstellung aufführt. Vielmehr vermag sie aber auch regelmäßig die Diskussionen um sie als Symptom für die Existenz und Unhintergehbarkeit pluraler Epistemologien sowie die Chancen des gesellschaftlichen Austausches vor einem globalen Horizont zu zeigen.« Auch wenn nun keine Einigung erreicht wurde über Grenzen der Kunst oder ein Verständnis von Antisemitismus, müssen der documenta fifteen durch ihre Provokation von epistemischer Reflexion als Kunstereignis (ungewollte) Teilerfolge zugeschrieben werden, die aber nicht mit quantitativen Faktoren auf einer Schaubühne der Organisation[15] belegt werden können. Einer Kunstausstellung vorzuwerfen, die großen Konflikte um Wahrheit nicht zu lösen, wäre dem Gegenstand und dem eigenen Anspruch des Personals und der Institution nicht angemessen. Die documenta nahm sich jedoch immer vor, aktuelle Tendenzen der zeitgenössischen Kunst in der jeweiligen Gesellschaft zu präsentieren. Aus dieser Perspektive hat die fünfzehnte Ausgabe doch ziemlich prominent die Reflexionsaufgaben der gegenwärtigen Gesellschaft zumindest aufgezeigt und vorgeführt: Was heißt Wahrheit und wie kann eine Gesellschaft sich verständigen, wenn Wahrheit anscheinend nur noch im Plural zu haben ist?

Auf eine solche Pluralität an Wahrheitsmöglichkeiten verweisen ebenfalls die Erfolgsmeldungen der Verantwortlichen und deren Rechtfertigungsstrategien. Gleichzeitig provoziert die Auflistung von quantitativen Erfolgsindikatoren geradezu Widerspruch. In meiner Einleitung schreibe ich, dass wer sich »über die Relevanz der documenta äußern will«, sich »aus einer breiten Palette von Rechtfertigungs- und Argumentationsstrategien bedienen« könne und gleichzeitig eine »solche Fülle an Argumenten für die gesellschaftliche Relevanz der documenta [.] nicht vor ebenso vielfältigen Kritikpunkten« schütze. Bezüglich der Publikums- und Klickzahlen vermerkte ich mit Bezug auf Bourdieu, dass auch »wenn ein Wissensanspruch über ihre [der documenta] globale Relevanz schon leicht mit nachprüfbaren Publikumszahlen belegt oder widerlegt werden kann, ist längst nicht ausgemacht, dass Ticketverkäufe als Indikator für die Relevanz oder Qualität eines Kunstereignisses anerkannt werden. Für den Fall der Künste sind genauso gegenteilige Meinungen verbreitet, solange noch Trennungen von Hoch- und Populärkultur greifen oder gerade der Ansturm von wahlweise ›dem breiten Publikum‹ oder einer ökonomischen Elite als Beleg für ästhetische und intellektuelle Dürre angesehen werden.« Verschiedene Bewertungsstile für Kunst(-ereignisse) und deren Durchsetzung sind im Feld eben immer noch Gegenstand von Konflikten um Deutungshoheit. Eine Debatte um Erfolg oder Misserfolg der documenta fifteen wird sich, das zeigt die Erfahrung seit 1955, weiter und manchmal auch ganz neu entspannen. Diese Auseinandersetzungen gilt es zu beobachten, um zu Erkenntnissen über den Stand der Kunst und der Gesellschaft zu kommen.

Paul Buckermann ist Soziologe und forscht am Thematic Research Network »Wissensgeltung« an der Universität Heidelberg zu Kunst, Technologie und Politik. Zuvor Forschungstätigkeiten an Universitäten in Luzern, Basel, Paderborn und Bielefeld. Auch bei Velbrück Wissenschaft erschienen: Die Vermessung der Kunstwelt. Quantifizierende Beobachtungen und plurale Ordnungen der Kunst (Open Access).


[1] Alle zitierten Pressemitteilungen und Statements der documenta und Museum Fridericianum gGmbH sind abrufbar unter: https://www.documenta.de/de/press#. Alle zitierten Pressemitteilungen und Statements der documenta fifteen sind abrufbar unter https://documenta-fifteen.de/pressemitteilungen/.

[2] https://www.velbrueck.de/Programm/Theorie-der-Gesellschaft/Die-Welten-der-documenta.html?noloc=1

[3] Der Band erschien dann Mitte Juli 2022.

[4] Vgl. für die zitierten Passagen Paul Buckermann: »Die Welten der documenta. Wissen über und durch Weltereignisse der Kunst«, in: ders. (Hg.): Die Welten der documenta. Wissen und Geltung eines Großereignisses der Kunst, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2022, S. 7–23. Abrufbar unter: https://www.velbrueck.de/out/media/Buckermann_documenta_Einleitung.pdf.

[5] https://bgakasselblog.wordpress.com/2022/01/07/documenta-fifteen-antizionismus-und-antisemitismus-im-lumbung/

[6] https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/artikel/news/presseerklaerung-zum-gespraech-zentralrat-mit-staatsministerin-roth/

[7] Die Rede ist einzusehen unter https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2022/06/220618-documenta.html

[8] https://www.monopol-magazin.de/steinmeier-documenta-kommentar-diese-rede-ist-ein-skandal

[9] https://www.monopol-magazin.de/taring-padi-documenta

[10] Auch damals gab es bereits Kritik an Werken wie »Guernica Gaza« und den »Tokyo Reels«.

[11] https://www.ndr.de/kultur/kunst/niedersachsen/Antisemitisches-Gemaelde-auf-der-documenta-Was-steckt-dahinter,documenta208.html

[12] Es handelt sich genaugenommen einerseits um ein Gutachten der gesamten Kommission und andererseits um eine ausführlichere Fassung, über die keine Einigkeit herrschte.

[13] https://www.e-flux.com/announcements/489576/we-are-angry-we-are-sad-we-are-tired-we-are-united-letter-from-lumbung-community/

[14] https://documenta-fifteen.de/ueber/

[15] Vgl. zu den flexiblen Erfolgsverständnissen von Organisationen der Kunst und ihrem strategischen Einsatz von numerischen Daten Paul Buckermann: Die Vermessung der Kunstwelt. Quantifizierende Beobachtungen und plurale Ordnungen der Kunst, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2020. Online unter: https://www.velbrueck.de/Open-Access-Publikationen/Die-Vermessung-der-Kunstwelt.html?noloc=1

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