VON XIAO XIAO
Auf welche Weise kann Philosophie dazu beitragen, Werke der bildenden Kunst den Menschen näherzubringen? Was kann die Kunstvermittlung von der Philosophie lernen? Und was kann die Philosophie über sich selbst lernen, wenn sie sich mit Kunstwerken konfrontiert, die ihren Ausdruck gerade nicht im Medium der Philosophie, nämlich der Sprache, finden? Diesen Fragen geht Xiao Xiao in ihrem Beitrag für das v. Hase & Koehler-Magazin nach. Xiao hat im Verlag v. Hase und Koehler zuletzt ihre Studie über Philosophie und Künste Ostasiens im Werk von Günther Uecker veröffentlicht.
Auf welche Weise kann philosophische Kunstvermittlung einem Rezipienten ein Kunstwerk näherbringen? Eine Antwort auf diese Frage könnte darin liegen zu ergründen, ob Philosophie auf ihren logisch-analytischen Formulierungsstil beschränkt ist oder ob sie mithilfe literarischer bzw. anderer künstlerischer Mittel ihre Artikulationsgrenze überschreitet kann. Das impliziert weiter, dem besonderen Verhältnis von auf Handlungen basierender Kunstpraxis und auf Schrift und Sprache angewiesener Philosophie nachzugehen.
Als Kunstwissenschaftlerin beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich in meiner Kunstvermittlungspraxis eine neue Beschreibungsweise von Kunstwerken finden kann, die einen besonderen Raum eröffnet, in dem Werke der bildenden Künste nicht nur sprachlich umschrieben und analysiert werden, sondern der Rezipient auch emotional an die Kunstwerke gebunden wird. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Sprache allein die von mir angestrebte Art und Weise der Beschreibung zu leisten imstande ist. Kann Philosophie eine geeignete Praxis sein, um die Grenzen der Sprache zu erweitern, auf dass sich diese neue Art der Beschreibung einem Bereich nähern kann, in dem Nicht-Sprachliches artikulierbar werden kann? Eine Antwort kann in der Untersuchung von Artikulationsformen liegen und wie diese es dem Rezipienten ermöglichen, das Unsagbare zu interpretieren, wie es auch in anderen Kulturräumen seit langem üblich ist. Die altjapanische Haiku-Gedichtform ist hierfür ein gutes Beispiel.
An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass die Kunstvermittlung, von der ich spreche, im Gegensatz zur Kunstpädagogik nicht die Pflicht hat, dem Rezipienten ein wissenschaftliches Verständnis der Kunstwerke zu vermitteln. Meine spezifische Kunstvermittlung hat den Vorteil, dem Rezipienten Zeit für die Interpretation zu lassen, damit er seine Sinne für die Erkenntnis öffnen kann. Vor diesem gedanklichen Hintergrund ist das Verhältnis zwischen Vermittler, Kunstwerk und Rezipienten klar konturiert, sodass die ästhetische Wahrnehmung der Rezipienten in diese Art der Vermittlung einbezogen ist. Die hierarchische Rollenverteilung von aktivem Vermittler und passivem Rezipienten, wie sie in der konventionellen pädagogischen Kunstvermittlung üblich ist, soll aufgehoben werden; stattdessen liegt der Schwerpunkt des Verstehens auf dem eigenen Erkennen, darauf, wie die einzelnen Elemente, die den Schaffensprozess des Werks beeinflusst haben, zueinander in Beziehung stehen. Diese einzelnen Elemente, die das Werk im künstlerisch-ideellen Schaffensprozess prägen, ergeben sich aus der historisch-zeitlichen, makro- und mikrosoziologischen, psychischen und ortsgebundenen Umwelt. Ich halte es für das tiefgreifende Verständnis eines Kunstwerks für elementar, diese Komponenten in meiner Kunstvermittlung zu artikulieren.
Ich hoffe, durch diesen Vermittlungsprozess dem klassischen Problem der Malerei entgegenzuwirken. Wenn man nämlich mit einem Bildwerk konfrontiert ist, sieht man nur das Endergebnis. Die Schritte, die zu diesem bildnerischen Endresultat geführt haben, die der Künstler in seiner eigenen Zeit mit seinen Ideen gegangen ist, sind dem Betrachter nicht zugänglich. Gleichwohl ist es nicht die Aufgabe der Malerei, dem Betrachter ihren Schaffensprozess vor Augen zu führen. Hier ist eine Grenze dieser Kunstgattung zu spüren, die sich einerseits durch die praktische Kunst der Malerei und andererseits durch das Mittel des visuellen Ausdrucks definiert hat.
An dieser Stelle setzen meine Überlegung an: Ist es für die Kunstvermittlung zielführend, eine phänomenologische Sichtweise so auszubilden, dass das Zeit-Raum-Verhältnis in seiner Prozesshaftigkeit artikuliert werden kann? In diesem Vorgang der ständigen Verwandlung entsteht das Kunstwerk. Das kunstwissenschaftliche Sehen ist kein isoliertes Sehen; das auf die Relation fokussierte Sehen ist ein abstraktes, destruktives, in dem man sich nicht auf das Kunstwerk als Objekt konzentriert, sondern auf die Bedeutung der Relation, die in der wechselseitigen Interaktion zwischen dem Gegebenen und einem auf dieses Gegebene reagierenden Künstler besteht und in der ein Werk zur Vollendung geführt wird.
Im Kern geht es um eine ästhetische Rezeption, die durch eine auf den Schaffensprozess fokussierte Artikulationsmethode eine emotionale Bindung der Rezipienten an ein Kunstwerk modelliert. In Abgrenzung zu konventionellen, wissensbasierten (meist kunsthistorischen) Formen der Kunstvermittlung nenne ich die hier diskutierte Vermittlungsform eine phänomenologisch geleitete Seherfahrung.
In einer allein kunsthistorischen Betrachtung fehlt der Vorgang des Sehens, bei dem das Geistig-Intuitive in den Vordergrund treten kann. Ich meine dabei nicht das Geistig-Intuitive des Künstlers, d.h. unter welchen psychischen Umständen er sein Werk hervorgebracht hat, sondern des Betrachters. Das Geistig-Intuitive kann nur mittels einer phänomenologisch geleiteten Seherfahrung erkannt werden, in der das emphatische Nachempfinden derjenigen komplexen Verhältnisse in der Fokus rückt, die den schöpferischen Hintergrund des Werks bilden. Zwei zentrale Leitfragen für diese Art der ästhetischen Rezeption lassen sich skizzieren:
- Was ist die erste Reaktion, die sich bei der Betrachtung eines Werkes einstellt?
- Welche Fragen oder Irritationen ergeben sich nach dieser ersten Reaktion bei der Betrachtung dieses Werkes?
Die beiden Leitfragen zielen vor allem auf die psychische Ebene des Betrachters und lenken damit die Aufmerksamkeit auf seine im Rezeptionsprozess entstandene Emotionalität gegenüber dem Kunstwerk. Auf Grundlage dieser psychischen Erregung stellt der Kunstvermittler eine Beziehung zwischen dem Betrachter und dem ihm vorliegenden Kunstwerk her. In diese Beziehung tritt der Vermittler unweigerlich selbst ein, sodass sich in mehrfacher Hinsicht der intersubjektive Dialog entwickeln kann, der für diese Art der Kunstvermittlung wesentlich ist. Der intersubjektive Dialog eröffnet eine wechselseitige Beziehung, in der der visuell ausgelöste psychische Erfahrungsprozess des Rezipienten und die Arbeit des Vermittlers auf sprachlicher Ebene zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. Die vom Kunstvermittler moderierten Dialoge zielen darauf ab, die emotional gesteuerten Bilderfahrungen des Rezipienten greifbar zu machen. Das bewusste Wahrnehmen der Emotionen, die bei der Bildbetrachtung durch die methodische Begleitung des Kunstvermittlers hervorgerufen werden, halte ich für einen entscheidenden Prozess der Selbstfindung, der es ermöglicht, eine klare Position zum vermittelten Werk einzunehmen. In diesem Vermittlungsprozess wird die Wahrnehmung des Rezipienten bewusst akzentuiert, die durch den visuellen Kontakt mit den künstlerischen Elementen sowie durch eine sprachliche Erzählung über die Entstehungsprozesse ausgelöst wird. Die hier diskutierte Methodik der Kunstvermittlung konzentriert sich auf das Ziel des phänomenologischen Bewusstseins. Das phänomenologische Bewusstsein geht von der unmittelbaren Erfahrung durch reine Anschauung aus. Diese Anschauung im kontemplativen Sinne, deren Erfahrung jeder sprachlichen und wissenschaftlichen Erfassung vorausgeht, kann als primäre Erfahrung verstanden werden. Auf diese Weise versuche ich, gemeinsam mit meinen Rezipienten den Bereich des Unaussprechlichen oder Unsagbaren mit literarischen Mitteln zu erfassen. Martin Heidegger, Schüler des Phänomenologen Husserl, nannte dieses Phänomenpräsprachliche Erfahrung.
Mit diesem resümierenden Gedanken schließe ich meine Reflexion zu der von mir vorgeschlagenen, von der Phänomenologie geleiteten Kunstvermittlung ab. Als Ziel dieser Art der Kunstvermittlung könnte formuliert werden, dass sie eine humanistische Bildbetrachtungsweise fördert, um aufseiten des Rezipienten einen emphatischen Blick auszubilden. Mit dieser Sehfähigkeit kann er den Schöpfungsprozess nachempfinden, der für den Schöpfer intim ist, weil er intuitiv verläuft, aber dennoch dafür entscheidend ist, wie das Kunstwerk geschaffen geworden ist und wie es mit seinen ästhetischen Mitteln auf sein Publikum wirkt.
Xiao Xiao (geboren in China), studierte bis 2006 Design in China und schloss in diesem Fach 2012 in Hildesheim ihr Bachelorstudium ab. Ihren Master of Arts erhielt sie 2015 im Fach Kulturvermittlung und Kunstwissenschaft. Im Jahr 2022 wurde sie an der Universität Hildesheim mit der vorliegenden Arbeit promoviert.
