Es gibt keinen unverstellten Blick auf die Sterne. Das hat nicht nur mit wolkenverhangenen Nächten oder der Lichtverschmutzung vor allem in den stets hell erleuchteten Städten zu tun. Auch unser Wissen über das Firmament prägt die Art und Weise, wie wir die Himmelskörper verstehen. Peter Fischer hat dies in seiner jüngst bei Velbrück Wissenschaft erschienenen Studie »Kosmos und Gesellschaft« für die in der Frühen Neuzeit aufkommenden Sozialwissenschaften gezeigt. Was die soziale Konventionen für unserer Perspektive auf die Sterne bedeuten und wie der Himmel uns als Projektionsfläche dient, umreißt er in einem kurzen Text für das Velbrück Magazin.
Von Peter Fischer
Eine »unschuldige« Antwort, z.B. »Sterne«, fällt bei genauerer Überlegung schwer. Nach dem Ausgriff der Menschen ins All vor mehr als 60 Jahren sieht man in der Dunkelheit neben »Sternen« vor allem Flugzeuge, Satelliten und Raumstationen. Die Entzauberung des Himmels durch den naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritt verlangt zudem eine exaktere Sprache, die z.B. zwischen Sternen als gasförmigen Himmelskörpern und Planeten unterscheidet. Für eine Entzauberung spricht auch, dass die Himmelsordnung, die über die Zahl der Planeten und ihre Bewegung um die Sonne Auskunft gibt, fest im Allgemein- bzw. Hintergrundwissen der Gesellschaft aufgehoben ist und auch durch Entdeckungen, bspw. von neuen Jupitermonden, kaum erschüttert wird. Die Ordnung des Himmels ist genau wie der Platz der Erde im Weltall in der menschlichen Alltagsperspektive kein Thema mehr, auch wenn bei genauerer Auslegung viele Detail- und Spezialfragen offenbleiben.
Andererseits bleibt im Gegensatz zu solchem fest verankerten Hintergrund- und Alltagswissen der Wunsch bestehen, sich ein Bild von der Ordnung, die den Menschen und die Welt umgibt, zu machen. Ein gutes Beispiel für dieses Bemühen um eine sinnhafte Ordnung ist die Deutung der Sternzeichen. Hier zeigt sich, nicht nur aufgrund der Phantasie, die aufgebracht werden muss, um die Bilder in den Sternkonstellationen zu erkennen, dass solche Ordnungen sozial konstruiert sind. Gleichzeitig sind sie Übertragungen aus der sozialen Welt in den Himmel. Während die Himmelsordnung als Errungenschaft der wissenschaftlichen Aufklärung, nicht nur als Alltagswissen, sondern auch als Entlastungswissen verstanden werden kann, zielt der Wunsch, sich ein Bild von dem zu machen, was einen umgibt, auf Konkretes. Die abstrakte physikalisch-mathematische Erklärung der Vorgänge im Himmel muss nicht der sinnhaften Wahrnehmung entsprechen. Tatsächlich zeigt die wissenschaftliche Revolution, dass die sinnhafte Wahrnehmung der Menschen exakten Erklärungen der Himmelsordnung im Weg steht.
Die Frage, was wir sehen, wenn wir in den Nachthimmel schauen, baut also auf einem Wissensschatz auf, der erst mühsam durch Versuche, Irrtümer, Umwege und durch den Streit konkurrierender Theorien entstanden ist. Erst dieses gesicherte Wissen im Hintergrund ermöglicht heute den Spielraum für Phantasie, Romantik und Sciencefiction im Blick in den Himmel. Dass die Menschen sich in Sicherheit von Gefahren aus dem Himmel wiegen, war lange Zeit keine Selbstverständlichkeit. Vor dem Ausgriff ins All, in der Frühen Neuzeit, waren die Ordnungsvorstellungen, die wir heute teilen, noch umstritten und unsicher. Die Interpretationen von dem, was am Himmel vor sich geht, waren vielfältig, verschiedene Ordnungsvorstellungen des Kosmos überlagerten sich und konkurrierten miteinander. Die drängenden Fragen – Wo droht Gefahr? Sind die bärtigen Sterne Botschafter des Unheils? Und: Kommt die Welt an ein Ende? – beschäftigten auch noch die Menschen in Oshawa/Kanada in der Nacht zum 12. November des Jahres 1833, wie es das Bild des 1845 in England geborenen und später nach Kanada ausgewanderten E. S. Shrapnel zeigt.

Was wir sehen, wenn wir in den Nachthimmel blicken, hängt also vom gesellschaftlich verankerten und über Klassen, Stände und Schichten verteilten Wissen über die Natur und ihre Phänomene ab.
