Dichtung und Wahrheit, das impliziert zweierlei: einerseits, dass sie voneinander zu unterscheiden sind; andererseits, dass sie ein zusammengehöriges Ganzes bilden. Diesem intrikaten Verhältnis geht Manfred E.A. Schmutzer (Autor von PANTA RHEI. Die Geburt der Wissenschaften, Velbrück Wissenschaft 2011) in seiner philosophischen Erkundung für das Velbrück Magazin nach.

Von Manfred E.A. Schmutzer
Von ›Dichtung und Wahrheit‹ habe ich so wenig Ahnung wie ein ›Taferlklassler‹. Warum, fragt man sofort, schreibt man dann darüber? Die Antwort ist kurz: Weil mich das Thema irgendwie ›angeht‹. Was sagt es eigentlich?
Umgekehrt: Wissen Sie, Leser oder Leserin, eigentlich noch, was das ist, ein ›Taferlklassler‹? Oder haben Sie das schon vergessen?
›Tafelklassler‹ sind Schulanfänger. Der Begriff stammt aus jener Zeit, wo die Kinder noch mit schwarzen Tafeln in der Schultasche, mit Schwämmchen und Wischtuch bewaffnet, selbstständig und allein zur Schule stapften. Der große Vorteil dieser Tafeln war: Man konnte alles leicht wegwischen, was man falsch geschrieben hatte. Alles Falsche wurde so der Vergessenheit und Vergebung überantwortet. Die Technik des Vergessenmachens ist allerdings mit den Tafeln nicht gänzlich verschwunden.[1]
Doch anders als früher müssen sich heute die Kinder den Fehlern stellen bzw. sie werden quasi in flagranti erwischt oder gestellt. Die Tafel war also eine Technik des Verbergens und Vergessens. Sie war zugleich eine Technik des Vergebens. Sie wurde deshalb, in unserer Zeit der alles überbordenden Überwachung, zu einer vergessenen Technik. An ihre Stelle trat eine Technik der Verblödung, Entfremdung und Entmündigung, ergänzt durch diverse Techniken der Überwachung.[2]
Die alte Technik des Vergessens wurde durch Papier ersetzt. Papier ist die Technik des Unvergessenen, des Bekundens, der heiligen Schriften, der Ur-Kunden und der Ur-teile. Papier wurde eine Technik des Stellens, das heißt nicht nur des Fest-Stellens und -nehmens, sondern auch des Haftbarmachens. Papier ist die Technik des Richtigen, Rechten und des Fest-Setzens. Und unsere derzeitige Wissenschaft ist eine Folge dieser Technik, nicht umgekehrt!
Papier ermöglicht eine, nämlich seine eigene, Wahrheit. Diese Wahrheit ist die Wahrheit des Protokolls. Darauf beruft sich etwa Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus Logico-Philosophicus von 1921/22. Papier ist demnach die Technik der Setzer, d.h. die Technik des Fest-Setzens, Gesetzten und des Gesetzes.
Jeder Fehler der Schulanfänger am Papier wird zur bitteren Tatsache und in der Unvergessenheit konserviert. Ihr Versagen bleibt unverborgen. Versagen wird zu einer bitteren Wahrheit, zur Wahrheit des Unvergessenen. Früher wurde solches Versagen schlicht vergessen, weggewischt. Papier ermöglicht stattdessen ein Protokoll, das haftet und klebt, wie das Wort ›Protokoll‹ selbst schon sagt.[3]
Diese Technik schafft ›Wahrheit‹. Doch, was für eine Wahrheit ist das? Es ist die Wahrheit des nicht-vergessenen Logos, die Wahrheit eines festgenommenen Wortes, die Wahrheit des Unvergessenen oder Nicht-Verborgenen. Die zu dieser Wahrheit gehörige methodische Technik bezeichnet man dann als ›Logik‹.[4]
Doch: Auch jene fest-gehaltene, klebende Wahrheit des Papiers vergisst einiges, schneller als manches andere: nämlich alles das, was nicht am Papier festgehalten wurde. Das bleibt verborgen.[5] Papier wurde die Dienstmagd der Be-, Er- und Fest- Halter, das sind jene, die dienlich sind.[6]
Früher blieb das, was nicht notiert wurde, im Gedächtnis der Vielen verwahrt. Es wurde überliefert und blieb so wahr. Das war die ›Wahrheit des Mythos‹, nicht jene des Logos. Es war eine andere Wahrheit und sie schuf eine andere Welt als jene der Notare, sprich: ›Protokollanten‹. Das richtige ›Notieren‹ wurde bald zu einer eigenen Wissenschaft, man konnte sie ab dem 13., 14. Jahrhundert in Italien bereits an Universitäten studieren.
Wahrheit wird erdichtet
Wie man nach diesen Zeilen vielleicht bemerkt: ganz so unbedarft, wie ein ›Taferlklassler‹, bin ich vielleicht doch nicht. Warum aber beschäftige ich mich mit diesem Thema? Warum geht es mich an, was geht es mich an, wie geht es mich an?
Warum hat sich z.B. auch Johann Wolfgang von Goethe damit befasst und daraus ein über 600 Seiten umfassendes Opus gemacht? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Er selbst behauptet in der Einleitung, weil Freunde und Leser seiner Publikationen endlich wissen wollten, was an seinen Veröffentlichungen ›wahr‹ und was bloß ›erdichtet‹ sei, wer etwa die Geliebte des jungen Werther, also Goethes, in Wirklichkeit war und Ähnliches. Kurzgefasst antwortet der Meister auf diese Frage etwa so: Solche Fragen sind nicht zu beantworten, weil die Wirklichkeit immer komplex und nie eindeutig ist. Um das zu belegen, schreibt er also jene umfangreiche Autobiografie,[7] die es letztlich wiederum dem Leser anheimstellt zu entscheiden, was ›nur‹ Dichtung und was Wahrheit sei.
Dieses ›nur‹ stört mich übrigens auch. Das ›Stören‹ ist mir aber ›Anstoß‹, mich mit dieser Thematik eingehender zu beschäftigen. Dieses ›nur‹ stört mich vor allem deshalb, weil es Ausdruck einer weit verbreiteten Meinung ist, die nur wahr ist, weil sie ›erdichtet‹ ist. Sie vergisst, Wahrheit wird erdichtet. Das könnte als These dieses Aufsatzes vorwegnehmend, also hypothetisch, gesagt werden, oder auch: Dichtung zeugt Wahres.
Ich möchte also einiges ›richtig stellen‹: etwa die verbreitete Meinung, dass Wissenschaft für Wahrheit zuständig wäre und Kunst für das Schöne. Ich habe vor, ›mit der ganzen Wahrheit herauszurücken‹! Ich bitte aber um freundliche Nachsicht, wenn ich dabei schleiche.[8] Die ganze Wahrheit hat ja zwangsläufig auch einen beträchtlichen Umfang.
Obige Hypothese, dass ›Wahrheit erdichtet wird‹ ist Er-gebnis jenes oben erwähnten Anstoßes. Die Hypothese ist, wie die meisten Anstöße, anstößig – und Anstöße tun weh, eben weil man anstößt!
Ein Anstoß ist ein Impuls. Impuls wozu? Ein Anstoß zu philosophieren! Doch: Was heißt ›Philosophieren‹?
Ein Anstoß zu philosophieren heißt: zum eigenen ›Denken‹ anstoßen. Denken ist ein ›An-denken‹, heran-denken. Daher bedeutet ›Denken‹ nahekommen bzw. im Extremfall: sogar identifizieren, ›gleich-machen‹.[9]
›Gleichgemacht‹ wird meistens der zu etwas (einem Seienden) gehörige, abstrakte Begriff[10], dem tatsächlichen Sein eines Seienden. Tatsächlich verhält es sich aber umgekehrt. Das Seiende wird erst durch einen Begriff ge- und er-fasst. Das Denken in Begriffen macht Vergessen, und zwar sehr oft gerade das Wesentliche. Dieses wurde vielleicht gar nicht protokolliert, weil der Protokollant gar nicht wissen kann, was wesentlich sein wird. So leben auch wir in einer ›Unterwelt von Schatten‹. Sie sind, heute wie damals, nur ›Schatten‹ des wahren, werdenden Lebens. Das hat zwar Platon so nicht gesehen. Er betrachtete die Schatten als Projektionen unveränderlicher Ideen. Doch, dass Wahrnehmungen nur Schatten sind, hat Platon in seinem ›Höhlengleichnis‹ schon deutlich vorweggenommen. Die meisten betrachten jedoch sein Gleichnis als Dichtung und nehmen seine Sage deshalb nicht (für) wahr.[11]
Jene Philosophie, von der hier im Unterschied zur gängigen, weltweit dozierten die Rede ist, wirkt daher wie jener Trank aus dem Fluss ›Mnemosyne‹, der jenen Schatten in der Unterwelt verabreicht wird, die neugeboren werden bzw. auferstehen sollen. Er hilft jenes Vergessen zu vergessen, das der Trunk des Wassers aus dem Lethe beim Eintritt in die Schattenwelt erwirkte. Es gilt also: das Vergessen vergessen! Das heißt eben: ›philosophieren‹. Es bedeutet, das Verborgene und Verstellte zu entdecken bzw. zu entbergen. Ich offeriere in aller Bescheidenheit also einen Anstoß zu einer ›Neugeburt‹.
Leser und Leserinnen sollten daher von mir keine Antworten auf Fragen, die ich noch nicht kenne, erwarten, sondern umgekehrt: Anstöße zu Fragen, die Sie noch nicht kennen, erdulden.
Ich sehe also vorwiegend den Sinn meiner Erörterungen darin: anstößig zu sein, zu entfremden oder zu entwurzeln!
Anstößigkeiten
Doch vielleicht wollen meine Leser nun auch wissen, woher ich meine Anstöße und mir das Recht nehme, anstößig zu sein? Zu einem Teil aus der Philosophie, wobei Martin Heidegger anstößig genug ist, um zu meinem Hausphilosophen geworden zu sein, sowie, zweitens, aus verschiedenen ›Anstößigkeiten‹ der Mathematik und Physik und drittens aus der Etymologie.[12] Was ›Mathematik‹ oder ›Physik‹ bedeutet, braucht nicht ausführlich erläutert zu werden. Für diese Disziplinen wird mehr als nötig verschleiernde ›Werbung‹ gemacht. Etymologie bleibt davon verschont, sie wird kaum beworben. Daher möchte ich gleich den Namen dieser Wissenschaft als Beispiel nehmen, um vorzuführen, was diese Wissenschaft macht und wie sie arbeitet.
Der Name dieser Wissenschaft leitet sich von ›etymos‹ und ›logos‹ her. Letzter Begriff findet häufig als Kennzeichnung für eine Wissenschaft Verwendung, etwa in ›Psychologie‹, und braucht deshalb hier nicht besonders erläutert werden.
Auch Etymologie ist eine Form wissenschaftlicher Wahrheitssuche. Ähnlich wie die Archäologie beschäftigt sie sich mit den ›Erzählungen alter Geschichten‹ und deren ›Geschichte‹. Sie bemüht sich um das Entbergen des Vergessenen und Verborgenen. Dieses Vergessene heißt griechisch auch: λήθη (lethe). Daran werden wir uns später noch erinnern. Man könnte sie auch als eine ›Archäologie des Wissens‹[13] bezeichnen, Wissen, das sich in Sprache, Worten und deren Geschichte tradiert.
Was heißt nun das griechische Wort ›etymos‹ (ἐτυμος)? E-tymos (τυμος, oder ἐτυβος = Grab, lat.: tumulus) oder auch e-tymbos besagt, etwas aus dem Grab / der Unterwelt / dem Vergessenen holen. ἐ-τυμος und λεγω (lego: sammeln, lesen) zusammen ergeben dann die ›Etymo-logie‹. Übersetzt wird das Grundwort ›etymos‹ häufig mit ›wahr‹ oder auch ›wirklich‹, obwohl ›Wahrheit‹ auf Griechisch anders heißt, wie wir gleich sehen werden.
›Etymologisieren‹ bedeutet also den Ursprung eines Wortes herausfinden. Das Grund- oder Ausgangswort[14] zu entbergen. Im Hintergrund steht die Annahme bzw. These, dass das ursprüngliche Benennungsmotiv etwas über das Wesen des so Bezeichneten aussagt. Diese Annahme führt schließlich zu der Auffassung, dass das Grundwort (›etymon‹) den Kern der Bedeutung bietet, also das Wesen eines Begriffs erleuchtet und ins Licht rückt.[15]
Es ist an dieser Stelle nützlich, daran zu erinnern, dass andere Kulturen und Epochen ein gänzlich anderes Verständnis von Wahrheit hatten. So bezeichneten etwa die alten Griechen ›Wahrheit‹ mit ›aletheia‹ (αλήθεια). Das heißt, wörtlich übersetzt, das ›Nicht-Verborgene‹ oder auch ›Nicht-Vergessene‹, das zum Erscheinen gebracht wird oder auch von selbst erscheint.
Die griechische Wahrheit ist demnach eine Verneinung des Noch-nicht-Erschienenen, es ist also das bereits Erschienene, das Nicht-Verborgene oder Nicht-Vergessene.
Wir erinnern uns: e-tymos (τυμος oder τυβος = Grab, tumulus) oder e-tymbos heißt aus aus dem Grab / der Unterwelt / dem Vergessenen (ἐ-τυμος) herausholen, analog dazu sagt ›a-letheia‹ aus dem Reich des Vergessenen holen. Dieses Vergessen heißt griech.: λήθη (lethe). Die Griechen scheinen in Hinblick auf ihr Verständnis von Wahrheit konsistent gewesen zu sein. Wahr war für sie das ›Entborgene‹, das nicht Vergessene. Man konnte es sogar ausgraben und vermehren. Dazu haben sie eigene Verfahren entwickelt, die diese Schürfarbeit ermöglichen.
Die Frage, wie dann das Vergessene eigentlich ›verloren‹ wird, wird nur selten gestellt. Wir vergessen nämlich gerne jenes Vergessenmachen (s.o., ›Technik des Vergessens‹) bzw. Verbergen und erzeugen so den Schein eines ›Währenden, Festen‹ und so des Wahren und begründen damit Wahres!
Was sagt uns eigentlich unser Wort für ›Wahrheit‹?
Das Wort ›Wahr-heit‹ bezeichnet das Wesen des Wahren.[16] Somit verlagern wir die Frage: »Was ist ›wahr‹?«
Ich behaupte: Was wahr ist, ist eine Angelegenheit von Glauben. Wie allerdings dieser Glaube zustande kommt, ist kulturspezifisch.
Die Etymologie sagt uns zunächst: Die Bedeutung von ›glauben‹[17] ist ›vertrauen‹. Und ›trauen‹ kommt von ›treu‹: Demjenigen, dem man vertraut, der oder das ist wahr. Dieses Vertrauen ist Ergebnis einer Gewöhnung,[18] in anderen Worten: des Üblichen, das eben eine Kultur ausmacht.
Die Etymologie sagt uns weiters: Wahr ist, was währt. Was währt, ist gebräuchlich und wird be-wahrt. Was währt, ist be-währt, weil es sich bewährt hat und deshalb bewahrt wurde. Man kann also dem Wahren ›trauen‹.
Was währt, dauert auch, und was dauert, ist treu. Wahrheit ist ›true‹, ›truth‹ und demnach eine Form von Treue. Treue wozu? Treue zur Sache, zu sich – und zu Mitmenschen. Wem wird wann und vor allem warum getraut? Man glaubt am liebsten denjenigen, die Wahres sprechen oder selbst ›wahr‹ sind, d.h. ›treu‹.
Das, was (oder wer) sich bewährt hat, ist echt, das Pure, das fest-stehend Fußende sowie das Fest-Gestellte und Fest-Gesetzte.[19]Es ist zugleich das, was häufig auf Papier – nicht auf Tafeln (s.o.) – festgehalten wird und im Protokoll haftet. Es ist jenes, das bewahrt und damit über-liefert wird. Das Überlieferte, Sitte[20], Brauch und Tradition sind das, was eine Kultur ausmacht. Sie ruht im Un-verborgenen und sie west alltäglich an.
Wenn allerdings Kultur verloren geht, dann entschwindet zugleich die Verbindlichkeit mit dem Verbundensein und damit auch die Treue zur Wahrheit – auch deshalb, weil sich dadurch Wahrheiten ändern und quasi untreu werden.
Genauso ist es den ersten Philosophen, den sogenannten ›Vorsokratikern‹ ergangen: vertrieben durch die Perser, ist ihnen auf ihren vielfältigen Fahrten der Glaube an das einzig Verbindliche, an Gesetz[21], verbindlichen Brauch oder Sitte abhandengekommen. Sie waren ihnen aufgrund vielfältiger Erfahrungen nicht länger zur Hand.[22]
Und deshalb mussten sie, Entwurzelte, die sie waren, philosophieren, um die neuen Lebensumstände zu reflektieren – und um sie zu verstehen, d.h. zur Sprache zu bringen[23]. So begannen sie zu fragen: Was ist richtig oder wahr, und suchten verbindliches Wissen – seit Aristoteles als ›Episteme‹ (Einsicht, Erkenntnis, sich Aus-kennen) bezeichnet – und lehrten ihr Wissen durch Hin-weisen. Das nennen wir kurzerhand ›Weisheit‹[24].
Wahrheit ist also kulturspezifisch, sie ist nichts Absolutes. Was heute wahr ist, kann vor hundert oder in mehr Jahren unwahr sein und umgekehrt. Deshalb definiert sie Nietzsche so: »Wahrheit ist die Art von Irrtum,ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.«[25] Und schon Bischof Isidor von Sevilla, ein bedeutender Historiker und Gelehrter des 7. Jahrhunderts[26] wusste, dass »Wahrheit eine Tochter der Zeit ist« (man mag ergänzen: auch des Ortes). Die Ansicht, dass etwa Menschen vom Affen abstammen und keine eigene, gottgeschaffene Gattung sind, wurde nur allmählich zu einer ›Wahrheit‹ und es gibt auch heute noch Kulturen, die diese ›Wahrheit‹ nicht teilen, und sie ist heute aufgrund von diversen Fossilien und DNA-Analysen überholt.
In solchen Zweifelsfällen, wenn Wahrheit bzw. Sitte nicht länger anwest und folglich vermutet wird, dass sie verborgen oder vergessen sei, dann braucht es Methoden, diese oben genannte ›Treue‹ zu testen, um zu prüfen, ob sie hält. Wahr ist dann, (wer oder) was diese Prüfung bestanden hat. Diese Methoden, deren Erben wir sind, wurden von den ›entfremdeten Griechen‹ systematisch entwickelt. Sie waren wesentlicher Bestandteil ihres ›Weisens‹.
Wie machten sie das?
Sie begannen mit einer These, genauer einer ›Hypothese‹, das ist eine ›Unterstellung‹. Damit stellt sich zu allererst die zentrale Frage: Ist sie auch wahr? Wie findet man das heraus?
Durch Gegenüber-stellung (Anti-these) mit etwas, das schon als ›wahr‹ gilt. Das, was schon gilt, liefert den Maßstab, an dem man ermisst, was wahr ist. Doch woher nehmen wir so einen gültigen Maßstab, besonders wenn wir anfangen zu philosophieren?
Ich mache es kurz: wieder resultiert er aus einem Glauben. Und auch dieses Glauben ist Ergebnis von Vertrauen, Vertrauen in die Mitwelt, die Lehrer und die überlieferten Geschichten. Somit schließt sich ein hermeneutische Zirkel.
Aus einem kleinen, dem Alltag entlehnten Beispiel möchte ich nun zeigen, wie dieses Glauben funktioniert und zugleich das, was daran fragwürdig sein könnte, verbirgt.
Die Bedeutung des schlichten Wörtchens ›UND‹
Wir glauben etwa, dass
I und I = II.
Nein, wirwissen es, denn es wurde ja gerade gezeigt. Jeder, der bis 2 zählen kann, kann überprüfen, dass es richtig ist. Genauso wissen wir, dass es mich gibt, dass es Raum und Zeit gibt etc. Wir glauben jedenfalls das zu wissen. Ist es aber auch tatsächlich so? Ich frage, weil auch mein Glaube, ähnlich wie bei den frühen, griechischen Philosophen, auf meinen Fahrten durch das Dasein ins Schwanken gekommen ist. Ich betrachte somit obige Aussage nur als Hypothese. Ob sie stimmt, muss sich weisen.
Betrachten wir obiges Beispiel also noch einmal.
I und I = II.
Üblicherweise sagen wir dann: ›Eins und eins ist zwei‹.
Schreiben wir jedoch:
1+1 = 2
dann sagen wir genauso: ›Eins und eins ist zwei‹. Aber kann man das noch, so wie zuvor, überprüfen?
Ist 2 wirklich gleich II?
Nein, wenn das Eine ein Plural (2 Zeichen), das andere ein Singular (1 Zeichen) ist. Wir be-zeichnen in beiden Fällen also mit II bzw. 2 nicht dasselbe. II sind zwei Zeichen, 2 ist ein Zeichen, 2 bezeichnet also eine Einheit, folglich gilt dann:
1+1 = 1
Ein ansehnlicher Beweis für diese Behauptung wäre, folgende Darstellung:
– + – = —
Aber häufig sagen wir doch, eins und eins sind zwei, etwa, ›mein Sohn und meine Tochter sind meine Kinder, sie sind Geschwister, nicht: ›ist Geschwister‹. Zwei repräsentieren also eine Mehrzahl, grammatikalisch einen Plural, der ›sind‹ statt ›ist‹ verlangt.
Wir sagen aber auch der rechte und der linke Schuh zusammen, ist ein Paar. Beide Schuhe unterscheiden sich, sie sind ungleich, sie er-gänzen sich und gerade deshalb bilden sie ein Ganzes, d.h. eine Einheit.
1 + 1 = 1
Es ergibt sich so eine Zweiheit, die aus I-en (Einsen) bestehend eins geworden ist.
›2‹ bezeichnet eine solche Einheit, die man auch ›Zweiheit‹ nennt. Zweiheit ist eine Einheit, die aus zwei besteht. Sie verweist auf ein Paar. Genauso symbolisiert 3 eine Dreiheit, 4 die Vierheit etc.
Eine Dreiheit ist demnach nicht eine Summe von III. Eine Dreiheit ist etwa das:

Eine Dreiheit ist also mehr als nur die Summe der Teile, sie ist etwas Ganzes. Daher sagt schon Aristoteles: ›Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile‹. Dieses Ganze wird allerdings als mögliche Alternative zur Summe meistens vergessen und damit wird Qualität der Quantität geopfert bzw. verborgen. Die II und die 2 zusammen bilden die Wahrheit der Zwei, das Vergessene und das Unvergessene. Sie sind das Entborgene und das Verschleierte, Wahrheit und Un-wahrheit. Zusammen entbergen sie erst die ganze Wahrheit des ›und‹.
Es gibt allerdings Beispiele, die zeigen, dass das Ganze nicht immer vergessen wurde. Etwa:

Zunächst handelt es sich dabei um drei Männer ›tres viri‹, III! Doch wie sich zeigte, waren sie mehr als nur ihre Summe. Sie wurden bald als Einheit wahrgenommen. Sie wurden ›eins‹ bzw. eine Dreiheit, die sich als Einheit besser mit 3 als mit III symbolisieren ließe.
Dieses ›neue Ganze‹ (eine Ganzheit) findet auch sprachlich seinen Ausdruck in einem Singular. Obiges Ganzes ist ein Einzelnes geworden. Sprachlich äußert sich diese Erkenntnis in ›triumvir‹ (ein Singular!, statt viri), bei uns mit ›Triumvirat‹ übersetzt. Analoges Vorgehen lässt sich bei Sternbildern und vor allem in Genealogien zeigen. Die ›Sieben Sterne‹ [27] werden zu einem Begriff, dem ›Großen Bären‹, und in der Folge – und das ist höchst bedeutsam – nur mehr zusammen, als ein einziges Bild oder als eine ›Gestalt‹, d.h. als ›Ganzheit‹ wahrgenommen.
Es fand damit ein ›Paradigmenwechsel‹ statt, wie Thomas Kuhn und vor ihm Ludwik Fleck dies bezeichnen würden. Nützlich scheint daran zu erinnern, dass ›Paradigma‹ griechisch ›Musterbeispiel‹ bedeutet. Es fand ein Wechsel der Muster – der Denk- und Wahrnehmungsmuster – statt, die als Vorbild dienen sollen. Mit solchen neuen Paradigmen/Musterbeispielen können aber gänzlich neue Weltbilder und Wahrheiten entworfen werden, wie das etwa beim Wechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen System oder vom Vorbild ›Scheibe‹ zu ›Kugel‹ geschah.
Analog, doch in umgekehrter Richtung, wurde auch die ›Analytische Geometrie‹ von René Descartes begründet. Er hat das zusammengefügte Ganze in der euklidischen Geometrie aufgelöst, indem er die Zahlengerade in eine unendliche Punktreihe verwandelte. Zwei Strecken von je ein Meter, die zusammengefügt eine Strecke von zwei Meter ergaben, blieben aneinander gereiht zwei Strecken von einem Meter. Die Fügung wurde vergessen, es interessierte nur mehr die Quantität. Es wurde quasi II 2 gleichgesetzt. Er schuf damit ein in sich widersprüchliches und meines Erachtens ›anstößiges‹ Kontinuum, das als ›arithmomorph‹ bezeichnet wird.
Die Zeichen 2, 3, 4 usw. bleiben folglich ›deutungslos‹[28]! Ihre Be-deutung wurde vergessen! Genauso vergessen wurden die unterschiedlichen Bedeutungen von ›und‹, die ursprünglich in zwei Termini ihren Ausdruck fanden und in dem heute landläufig verwendeten »und« unterschiedslos amalgiert wurden.
Fassen wir zusammen: Wie im Lateinischen noch deutlich zwischen ›-que‹ und ›et‹ oder ›plus‹ unterschieden wurde, so gab es auch in der deutschen Sprache zwei verschiedene ›und‹, die aber heute nicht mehr gebräuchlich sind: das alte ›und‹ (etwa in der Bedeutung von anti) bzw. das nun vergessene ›auch‹ (›auk‹ entspricht dem lat., enklitischen que). ›Auk, -que‹ wurden schrittweise verborgen und schließlich vergessen. Das alte ›und‹ konfrontierte zwei Gegensätze, ›Antipoden‹, so wie ›heiß‹ und ›kalt‹, die man auch nicht zusammenzählen kann.[29] Die gesamte Entwicklung manifestiert sich allerdings noch in jenen zeitlichen Verläufen, in denen sich aus einem ursprünglichen Plural ein Singular entwickelt hat. Doch auch dieser Prozess wird meistens genauso schnell vergessen wie die anderen und wird folglich heute kaum mehr wahrgenommen.
Ursprünglich wurde also von ›et‹ und ›-que, anti und auk‹, ein semantischer Raum aufgespannt, der durch Zahlen – allgemeiner: in der Arithmetik[30] bzw. der Mathematik und der zweiwertigen Logik mit ihrem ›tertium non datur‹[31] – vernichtet wurde und wird. Descartes schuf ein ›arithmomorphes Kontinuum‹, das aus unendlich vielen Löchern besteht, und per Definition kein zusammenhängendes Ganzes sein darf.[32] Der Begriff selbst verbirgt seinen ihm eigenen Widerspruch, der so dem Vergessen anheimgestellt wird.
Folglich kann heute alles ›Gute‹ und ›Schöne‹ (Qualitäten) durch Wertungen, die auf einem Markt geschaffen werden, gezählt, gezahlt und bewertet werden. Das Leben aber, so behaupte ich, besteht aus Qualität, d.h. dem ›Guten‹ und dem ›Schönen‹, und nicht aus Quantität. Qualität verschwindet, wenn sie geschäftig in Zahlen aufgelöst wird. Sie ist nämlich eine Größe und als solche unzählbar, bezifferbar – oder be-zahl-bar.
Wie eine aufmerksame Leserin vermutlich bemerkt hat: Ich philosophierte bis jetzt über die Bedeutung des schlichten Wörtchens ›UND‹.
›Dichtung und Wahrheit‹
Ich kehre nun endlich zum Titel ›DICHTUNG UND WAHRHEIT‹ zurück. Was sagt eigentlich dieser Titel? Vermutlich nicht, dass man Dichtung und Wahrheit addieren soll. Oder doch? Was bedeutet das ›UND‹ in diesem Kontext?
Es bieten sich zwei Alternativen. Eine mögliche Antwort findet sich bereits im Vorhergehenden: dieses »und« bedeutet so viel wie ›anti‹, also eine Gegenüberstellung.
Goethe war allerdings ein kluger und belesener Mann. Die Mehrdeutigkeit des ›und‹ ist ihm kaum entgangen. Als sehr kurzen und bescheidenen Beleg für diese Behauptung zitiere ich Goethe selbst: Im Vorwort zum sechzehnten Buch von ›Dichtung und Wahrheit‹ steht folgendes zu lesen:
…wir kommen, »um gewisse Ereignisse fassbar und lesbar zu machen, in den Fall, einiges, was nur durch eine Folge begriffen werden kann, in sich selbst zusammenzuziehen und so das Ganze aus Teilen zusammenzustellen, die man sinnig überschauend beurteilen und sich davon manches zueignen mag.«[33]
Es gibt somit zwei Möglichkeiten den Titel ›Dichtung und Wahrheit‹ zu verstehen. Die eine ist das ›und‹ als ›anti‹ zu verstehen, die zweite, die ich lieber in lateinischen Worten zum Ausdruck bringe, lautet: poesis veritasque. Dichtung und Wahrheit bilden, so betrachtet, ein zusammengehöriges Ganzes, so wie etwa »senatus populusque« im antiken, republikanischen Rom.
Die erste Variante stellt die Dichtung der Wahrheit gegenüber, betrachtet beide als getrennt und als Gegensätze, etwa wie Tag und Nacht[34]. Die andere lässt das dadurch ausgeschlossene Dritte zu und beschäftigt sich auch mit der Bedeutung der Qualität schaffenden Dämmerung, die die Gegensätze miteinander als Kontinuum ver-eint bzw. als Einheit betrachtet. [35]
Um herauszufinden, was die beiden Begriffe ›Dichtung‹ und ›Wahrheit‹ bedeuten, müssen wir ihr Wesen erkunden, besonders wenn wir verstehen wollen, was eine einseitige Vernutzung des ›und‹ bewirkt bzw. uns vorenthält oder verbirgt. Denn auch sie spannen einen semantischen Raum, d.h. einen Bedeutungsraum, auf, der erst zu entdecken und zu erforschen ist.
Mit dem Bedeutungswandel des Begriffes ›Wahrheit‹ haben wir uns bereits ausführlich befasst. Das Ergebnis war, dass das Verständnis dessen, was als ›Wahrheit‹ bezeichnet wird, kulturspezifisch ist.
Kann man Kulturen kategorisieren, so könnte man vermutlich auch deren ›Wahrheiten‹ unterscheiden. Das, was möglicherweise einer bestimmten Kultur als wahr gilt, würde dann einer anderen als ›unwahr‹ bzw. ›falsch‹ gelten.
Ein zweidimensionales, anthropologisches Modell von Kulturtypen
Tatsächlich gibt es in den Kulturwissenschaften eine solche Kategorisierung. Ich will diese hier nicht ausführlich vorstellen, wer darüber mehr erfahren möchte, möge in meinem Buch Ingenium und Individuum nachschlagen.[36] In Kürze gesagt, schlägt diese Typologie vier Typen aufgrund von zwei unabhängigen, charakteristischen Variablen vor. Träger dieser Variablen sind gesellschaftliche Systeme (bzw. deren Vertreter), die einerseits in Hinblick auf ihre Abgrenzung nach außen und andrerseits auf ihre innere Struktur beschrieben werden. Werden diese Variablen dichotomisiert, dann ergibt sich ein Vierfelder Schema. Ist Abgrenzung nach außen für ein System charakteristisch, spricht man von ›geschlossenen Systemen‹, ist sie unwesentlich, von ›offenen‹. Sind die Elemente eines solchen Systems alle gleichrangig oder gleichwertig, nennt man sie ›egalitär‹. Sind sie ungleich, ergibt sich ein Stufenmodell, das als ›hierarchisch‹ bzw. ›autoritär‹ bezeichnet wird.[37]
Da Wahrheit nie selbstverständlich ist, wird sie geprüft, d.h. durch bestimmte Verfahren er-zeugt! Es gibt nach obigen Beobachtungen verschiedene, auch kulturspezifische Verfahren, die die dazugehörige Wahrheit schaffen. Dazu werden ›Zeuger‹ benötigt und als Zeugen, lat.: ›testor‹, aufgerufen. Diese Vorgehensweise möchte ich aus Sicht des obigen Kategoriensystems kurz exemplifizieren.
Ob eine Aussage wahr ist oder nicht, beruht auf einem Vernunfturteil. Die Überprüfung, ob eine Aussage wahr ist, erfolgt demgemäß auf der Grundlage dessen, was in einer bestimmten Kultur als ›rational‹, d.h. ›vernünftig‹[38] betrachtet wird. Anders als gerne behauptet wird, gibt es verschiedene Rationalitäten. Aus Selbsterhaltung ist jede Kultur bemüht, ihre eigene Rationalität als einzig richtig, andere als ›falsch‹ zu beurteilen.
Um solche, sich daraus ergebende Unterschiede in Handlungsweisen und Verhalten an einem Beispiel anschaulich zu machen, möchte ich auf einen in unseren Gesellschaften[39] wiederkehrenden Disput[40] hinweisen. Vertreter der sogenannten freien Marktwirtschaft kritisieren gerne das Verhalten staatlicher Bürokratien wegen unökonomischer Verhaltensweisen und betrachten sie daher als unvernünftig. Sie fordern dann aufgrund ihrer eigenen Rationalität z.B. die Privatisierung staatlicher Unternehmen. Umgekehrt kritisieren die Vertreter staatlicher Bürokratien häufig jene wegen ihrer schwer zu überprüfenden Vorgehensweisen als unvernünftig. Bürokratien legen auf die Nachvollziehbarkeit von Prozessen großen Wert, und das kann aufwendig und ›unökonomisch‹ sein. Daher herrscht in staatlichen Bürokratien[41] eine andere Rationalität als in Unternehmen, die Kosten minimieren und Gewinne maximieren wollen. Dieser letztgenannte Typ von Rationalität wird mit Max Weber als ›substantielle‹ oder ›materielle Rationalität‹ bezeichnet. Jenen Typ, der von Bürokratien präferiert wird, bezeichnet man dann als ›performative Rationalität‹. Wie aus untenstehenden Diagrammen ersichtlich ist, pflegen alle vier Typen von Kultur unterschiedliche Rationalitäten und kommen so zwangsläufig zu unterschiedlichen Wahrheiten. Die Darstellung macht zugleich auch deutlich, warum es zwischen den Vertretern unterschiedlicher Kulturen zwangsläufig zu Un- und Missverständnissen kommen muss.
Die vier Typen werden folgend benannt: jener, wo eine materielle Rationalität vorherrscht, wird ›Markt‹ (M) oder ›individualistisch‹ bezeichnet; der, wo eine ›performative‹ bzw. ›prozedurale‹ Rationalität herrscht, wird ›Hierarchie‹ (H) genannt. Ein geschlossenes, egalitäres System mit einer ›traditionalen Werte-Rationalität‹ heißt ›Clan‹ (C) oder ›familiär‹. Die Vertreter eines offenen, inegalitären Systems handeln auf der Basis einer ›hedonistischen Rationalität‹, das heißt, sie präferieren augenblickliche Wunsch- und Bedürfnisbefriedigung. Man nennt sie ›Isolierte‹ (I).
Die auf solcher Basis gefundenen jeweiligen ›Wahrheiten‹ beruhen somit auf sehr unterschiedlichen Wahrheitskriterien. Clans beurteilen das als wahr, was eine Majorität vertritt. Wahrheit und Treue zur Sitte sind mehr oder weniger dasselbe.
Historisch betrachtet können sich aus ›Clans‹ aufgrund von neuen organisatorischen Anforderungen, die z.B. durch Wachstum bedingt sein können, u.a. Hierarchien entwickeln. Ein derartiger Wandel ist häufig mit unübersehbaren Krisen verbunden und gelingt meistens nicht.
Charakteristisch für derartige inegalitäre Systeme sind imperative Befehlsstrukturen, die auf der Einhaltung strenger Regeln und Gesetze beruhen. Ausschlaggebendes Wahrheitskriterium ist folglich die Befolgung dieser Regeln. Wahr ist dort, was ›richtig‹ ist, d.h. zum Beispiel widerspruchsfrei ist oder wie bei Platon Ergebnis eines in die ›richtige Richtung‹ Blickens ist. Für ihn geht diese Richtung dorthin, wo die unveränderlichen, also ›wahren‹ ›Ideen‹ wesen.[42]
›Märkte‹ hingegen mit ihrer ›substantiellen‹, ›materiellen‹ Rationalität überprüfen Aussagen anhand ihrer Übereinstimmung mit Fakten, etwa in empirischen Experimenten. Allerdings sollte man hier in Erinnerung halten, dass ›Fakten‹, wie das Wort (facere) selbst schon sagt, gemacht werden. Fakten, die ja erst in Protokollen aufscheinen, werden nach Möglichkeit so gemacht, dass sie mit einer Ausgangsthese übereinstimmen können.
Schlussendlich beruht Wahrheit bei der letzten Gruppe, den ›Isolierten‹, auf einer Art von Offenbarung. Diese kann göttlichen Ursprungs sein, muss es aber nicht. Offenbarungen werden den Menschen durch Propheten vermittelt, die irgendwie ›tiefere Einsichten‹ gewonnen haben.

Verallgemeinernd kann man sagen: Überprüfung einer Hypothese auf ihre Wahrheit wird meistens mittels eines oder mehrerer Zeugen, lat. ›testes‹, durchgeführt. Diese testen die These, indem sie sie ›probieren‹, d.h. nach den Kriterien der jeweiligen vorherrschende Rationalität prüfen. Sie liefern damit das ›testimonium‹, das das Zeugnis bzw. den Beweis erbringt und fest-hält, dass die Aussage den Test bestanden hat (oder unter Umständen nicht) und folglich ›wahr‹ ist.
Die Kunst des Über-zeugens
Währende Treue zu etwas, als Basis für die Feststellung von Wahrheit, ist wieder nur unsere Sicht von Wahrheit. Sie ist genauso ›ethnozentrisch‹ und spezifisch für unsere Kultur wie ›unsere Sicht‹ von ›UND‹.
Vordergründig stellt sich folglich die Frage: Kann, soll oder darf man zum Beispiel a-letheia, die griechische Wahrheit des ›Unverborgenen‹, mit unserer ›wahren Treue‹ gleichsetzen und dann entsprechend übersetzen? Kann man ›wahre Treue‹ dem griechischen Entborgenen gleichsetzen? Diese Frage wird kaum je gestellt!
Trotzdem machte man es in Ermanglung anderer Begriffe einfach so. Sogar bei den diversen Bibelübersetzungen, wo es doch um die Wahrheiten göttlicher Offenbarung geht, wurden ›wahr‹, ›richtig‹ und ›treu‹ gleichgesetzt, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, dass damit unterschiedliche Wahrheitskriterien zur Anwendung kamen. Mir erscheint solches Vorgehen ähnlich zweifelhaft wie die Gleichsetzung von II und 2.
Denn ›wahre Treue‹ wird damit dem ›Nicht-verborgenen‹ gleichgesetzt und umgekehrt. Ob allerdings jene Treue mit denselben Methoden wie eine verborgene Wahrheit zum Erscheinen gebracht werden kann, darf, nein: muss in Zweifel gezogen werden.
Wie wurde also ›verborgene Wahrheit‹ zum Erscheinen gebracht? Es gibt zwar Wahrheiten, die treten manchmal von selbst, meistens im Laufe eines historischen Prozesses in Erscheinung, etwa die Unmenschlichkeit mancher politischer System. Es gibt allerdings auch Wahrheiten, die werden gesucht und geschürft, etwa bei Gerichtsverfahren und anderen Techniken der Wahrheitsfindung. Eine Weise, Wahrheit zu finden, ist mittels Zeugen, eine andere, nahezu unbekannte Methode ist mittels Dichtung. Die Beiden stehen sich näher, als gerne vermutet wird.
›Zeugen‹ heißt griechisch: ›Poesis‹ (ποιήσις)[43] und bedeutet das Herstellen, Machen und eben Zeugen. Mit ›Poesis‹ wird zunächst auf kurzem Weg insinuiert, dass das Zeugen von Wahrheit durch Zeugen, welcher Art immer, eine Kunst ist, Ars[44] oder eben Poesie[45], also ein ›Fügen‹ und ein ›Können‹.
Es gibt daher naheliegenderweise eine Kunst des Über-zeugens. Diese Kunst hat Aristoteles in seiner ›Politik‹ detailreich entwickelt. Ich begnüge mich mit Andeutungen. Seine Kunst hat den Namen ›Logik‹, ›Technik des Wortes‹ (λογικὴ) oder ›der Rede‹ erhalten. Er hat die freie Wahrheit begründende, sophistische Rhetorik strengen Regeln unterworfen, z.B. mithilfe des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten oder dem vom Widerspruch. Das bedeutet konkret, dass nichts etwas und zugleich sein Gegenteil sein kann.[46] In direktem Zusammenhang steht damit auch der Satz von der Negation der Negation. Er besagt, dass die Verneinung einer Verneinung zur Folge hat, dass die ursprüngliche Aussage wahr bzw. richtig ist.
Was aber ist das Richtige, würde nun vermutlich ein Sokrates fragen? Nun, das Richtige ist das Rechte, das Gerichtete, das Gerade, das in die richtige Richtung weisende. Alle die genannten Begriffe weisen in eine als richtig vorbestimmte Richtung. Diese Richtung ist die von Recht, Gericht, Richter etc. gesetzte, also sich auf etwas Festgesetztes, auf ein gesetztes Gesetz berufende. So betrachtet zeigt sich deutlich, dass Wahrheit ein Produkt bzw. ein angestrebtes Ziel von Macht ist.
Bereits Platonhat die Richtung und deren Ziel vorgegeben und zusätzlich diese Leitvorstellung jenseits von Gesellschaft und Natur angesiedelt, d.h. ›ver-absolutiert‹. Er hat das Wahre mit absoluten Ideen identifiziert, die unveränderlich im Jenseits des sogenannten ›Ideenhimmels‹ wesen. Die richtige Richtung weist demnach nicht auf festgesetzte Gesetze und Sitten, sondern ins Jenseitige der Metaphysik. Die richtige Sehweise ist demnach eigenständig nicht zu finden, sondern muss gelehrt und erlernt werden. Es gibt auch keine Garantie dafür, dass jedermann dieses richtige Sehen umfassend erlernen kann. Die hierarchisch geordnete, jenseitige Welt, deren Gipfel das absolut Gute und Schöne ist, wird aus Platons Sicht nur von besonders begnadeten Menschen, den Philosophenkönigen, eräugt. Die gemeine Menge wird von den den Begnadeten unterstehenden ›Wächtern‹ geführt und kontrolliert. Platon begründete damit eine ›Orthodoxie‹, die bis heute in der sogenannten Metaphysik praktiziert und doziert wird. Erinnern sollte man vielleicht daran, dass ›ortho‹ (ὄρθο) ›aufrecht‹, ›wahr‹, ›richtig‹ bedeutet.
Überzeugen ist die Kunst, mithilfe von Zeugen jemanden zu über- bzw. hinüber zu führen oder hinüberzutragen. Eine Weise, dies zu bewerkstelligen, arbeitet mit Metaphern.[47]
Um hinüberführen zu können, braucht es jenes Vertrauen, das erneut im ›Richtigen‹ fußt. Dazu muss u.a. die Sprache der zu Führenden beherrscht und ihre Welt gekannt werden! Ansonsten weigern sie sichmitzukommen. Es ist daher wichtig, die Mitmenschen, die zu überzeugen sind, zuerst zu erziehen. Damit hat Platon etwa mithilfe seiner Akademie begonnen, die dies dann über Jahrhunderte erfolgreich praktizierte.
Wenn wir uns an die vorigen Grafiken erinnern, so entspricht dort die Logik des Aristoteles der Rationalität einer Hierarchie. Bedenken sollte man vielleicht, dass Aristoteles der bedeutendste und erfolgreichste Schüler Platons war. Seine Logik beruht auf strikten Regeln, die Platon so noch nicht formuliert hat, und sie begründet Wahrheit durch Urteile und einen Spruch.[48] Für Aristoteles ist also Wahrheit weder eine Sage (Mythos, μῦθος) noch eine Offenbarung, wie etwa in dem familiären Clan-Kulturen, die Wahrheit durch Hinweise und Vergleiche mit tradierten Mythen erzeugen.
Aristoteles Kunst des Überzeugens, auf den ›richtigen‹ und richtig verwendeten Regeln fußend, wurde über Jahrhunderte tradiert und in der Neuzeit vor allem durch eine weit verbreitete Mathematisierung an die Wissenschaften delegiert. Allerdings ist die Gesamtheit dieser Regeln komplex und umfangreich. In einer zunehmend in individualistischer Auflösung begriffenen Gesellschaft (I) kann es daher nicht überraschen, dass den Wissenschaften ein religionsähnlicher Status zuwächst. Ihre Urteile werden zu Ersatz-Offenbarungen, wie das während der ›Corona-Krise‹ unübersehbar deutlich wurde. Damit wird allerdings die autoritäre, hierarchische Grundstruktur keineswegs aufgehoben, sondern nur konzentriert[49]. Die dort vorherrschende, hierarchische Ordnung wird nicht länger hinterfragt. Eine alternative und egalitäre, diesseitige Erkenntnisbegründung bleibt ihnen dadurch zwangsläufig verschlossen. Deshalb kann etwa Heidegger sagen: ›Wissenschaft denkt nicht!‹
Was sagt uns das Wort ›Dichtung‹?
›Dichten‹ leitet sich etymologisch von lat. ›dicere‹ her. Es wird übersetzt mit ›sagen‹, aber auch ›dichten‹. Dichtung ist ›Sage‹, eine An-Sage oder eine Aus-Sage. Was eine Sage ist, vermittelt das Wort ›die Sage‹ selbst. Sage ist Mythos. Hier beginnen wir uns scheinbar im Kreis zu drehen. Denn μῦθοςω (mytheuo) bedeutet wiederum ›sagen‹, ›erzählen‹. Man könnte meinen, dass es gleichbedeutend wäre mit dem Verb λεγω (lego), dessen Substantiv λόγος (logos) häufiger verwendet wird als Mythos. Logos wird gerne als Aus- oder Bezeichnung für eine Wissenschaft gebraucht (s.o.). Das kommt daher, dass es auch in der Bedeutung von ›Rede‹, ›Mitteilung‹ und für alles, was mit ›Berechnen‹ bzw. ›Vernunft‹[50] zu tun hat, gebraucht wird. ›Mythos‹ und ›Logos‹ sind also nicht dasselbe, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag.
Wieder einmal trügt allerdings dieser Schein nicht. Mythos und Logos haben anfänglich dasselbe bedeutet: das Wort, die Rede, Erzählung, aber auch Gerücht u.a. Grob gesagt galt diese Gleichheit von Logos und Mythos vor allem in der vorsokratischen Zeit. Mit Sokrates und dann dessen Schüler Platon und dessen Schüler Aristoteles beginnt die reflektierende Suche nach dem Richtigen, dem Nomos.[51] Das war das ›gesetzte Gesetz‹, obwohl auch dieses Wort ursprünglich einen weiteren Bedeutungsinhalt abdeckte. Manche[52] übersetzen ›nomos‹ noch heute mit ›Brauch‹ oder ›Sitte‹ (engl.: custom), was für die Frühzeit korrekt ist, später nicht mehr. Dieses Richtige wurde später, zur Unterscheidung von anderen Bedeutungen, vorwiegend mit ›Logos‹ bezeichnet. Der verbleibende Rest war dann ›Mythos‹.
Eine Sage ist im Unterschied zu Berechnungen weder wahr noch falsch. Das kommt daher, dass sie nicht wie eine ›vernünftige‹ Rede Regeln unterworfen wird, die vor allem seit Platon und Aristoteles zu neuen Wahrheitskriterien hochstilisiert wurden.
Eine Sage ist metaphorisch, d.h. hinübertragend[53].
Um jemanden hinüberzutragen, muss man zuvor denjenigen, den man hinübertragen will, über-zeugen. Dieses Überzeugen geschieht bei einer Sage nach anderen Kriterien als bei einer ›vernünftigen‹ Rede. Der Mythos überzeugt, weil er sich auf bekannte Überlieferungen beruft, die Rede beruft sich auf Regeln. Dadurch kommen unterschiedliche Wahrheiten zustande. Bedeutend in unserem Kontext ist, dass in diesem regelgeleitenden System immer nur solche Aussagen als wahr gelten, die sich dem Regelkorsett fügen. Dichtung, die sich häufig solchen nicht unterwirft und folglich frei ist, kann daher auf all jenes hinweisen, das außerhalb dieser Regelwelt existiert und erscheint.
Wohin weist sie dann? Sie verweist auf die ›andere Seite‹ eines Flusses, einer Kluft! Das ist jene Seite, die gerne übersehen und vergessen wird.
Hinübertragen ist ein Bewegen. Das Wort hat von alters her eine zweifache Bedeutung, nämlich sowohl innerlich wie auch äußerlich bewegen. Sage bewegt und sie soll bewegen![54]
Die Sage bewegt das Innere. Sagen schafft daher Stimmung, worauf Gadamer[55] nachdrücklich hinweist. Sie schafft eine innere Schwingung und trägt auf dieser Schwingung jene Stimmung hinüber, die stimmt, nämlich ein.
Durch diese schwingende Bewegung verrückt sie. Sie produziert einen Impetus oder Impuls: und damit wird die Wahr-nehmung, die Seh- und Sichtweise bewegt.
Wie geschieht das?
Im Wort ›dichten‹ schwingt, wenn auch etymologisch nicht korrekt, zusätzlich noch etwas anderes mit: das Dichten des Dichten. Die Dichte des Wortes (d.h.: des Mythos) macht dasGe-dicht aus, das ist das Gedichtete und somit Verdichtete.
Dicht verdichtet das Gedicht,
schützt den Kern vor bösen Sinnen.
Schale, wenn der Kern durchbricht,
weis’ der Welt ein dichtes Innen.[56]
Die massige Dichte bewegt. Die Sage – so ist man versucht metaphorisch zu sagen – bekommt Masse durch den Ver-Dichter. Sie kann durch diese ›An-mass/ß/ung‹ anstoßen und in Bewegung setzen.[57]
Eine Frage ist somit berechtigt: Was wird/wurde hier ver-dichtet?
Das Noch-nicht-Erschienene, das bislang Vergessene, Verschleierte, ›Vernebelte‹ wird verdichtet und so zum Erscheinen gebracht. Es netzt nun der Tau das Auge und bringt es dazu, zu Er-äugen, ein Er-eignen wahr-zunehmen.
Ist diese neu gewonnene Dichte des Mythos bzw. der Sage wahr oder falsch? Sie ist, wie bereits bemerkt, weder wahr noch falsch, sondern sie ist ›sonders gleichen‹.
Dichten ist ein und bewirkt einen Prozess, der bisher Ungesagtes zur Sprache bringt, ihm eine Stimme gibt und Ausdruck verleiht. Es zielt daher auf kein Ziel oder einen Zweck. Das »Wirken des Gedichts zielt auf eine ganz andere Gedächtnisleistung: Dichtung und Kunst legen Zeugnis ab vom ›sinnenden Denken‹. In der Dichtung gehört zusammen, was strengem Denken, was der Wissenschaft und der Philosophie als strikt getrennt gilt: nämlich die Tätigkeit des Wissenschafters und diejenige des Künstlers, das Denken und das Dichten«.[58]
Martin Heidegger meint: »Das Wesen der Kunst ist die Dichtung. Das Wesen der Dichtung aber ist die Stiftung der Wahrheit.«[59] Diese Wahrheit ist allerdings als ›aletheia‹, also vorsokratisch, in unserer Terminologie als Wahrheit der ›Clans‹ gedacht. Dichtung schafft, so besehen Wahrheit, indem sie ›verdichtet‹, Wissenschaft hingegen analysiert, d.h., sie löst etwas auf bzw. zertrennt, zerstreut und entfremdet.
Wir benennen Dichtung auch mit dem griechischen Wort: Poesie. DasWort leitet sich von ποιέω (poieo) her und bedeutet: ›etwas zu etwas machen‹. ›Poesis‹ wird mit ›herstellen, schaffen‹ übersetzt.
Dieses mit ›herstellen, schaffen‹ Bezeichnete ereignet sich in der Sprache, weil diese das ursprüngliche Wesen der Dichtung verwahrt. Denn das ursprüngliche Wesen/Walten der Sprache ist die Bezeichnung oder Benennung, d.h. die Gebung oder Zuteilung von Namen. Wir praktizieren dies, wenn wir z.B. ›etwas etwas heißen‹. In den Sozialwissenschaften spricht man dann unter Umständen von ›Stigmatisierung‹.
Benennen, d.h. Namen geben, ist ein ›entwerfendes Sagen‹; es ist zunächst eine These[60] oder ein Entwurf. Indem Sprache zuerst einmal be-nennt, bringt solches Nennen das eräugte Ereignis (Ereignis ist etymlog.: Er-äugen) zum Wort und zur Sprache. Solches ›zur-Sprache-bringen‹ ist aber im Sinne Heideggers: philosophieren.
Im Denken, das überwiegend in Sprache erfolgt, kann damit das eräugte Ereignis zum Erscheinen kommen. Dieses (Be-)Nennen ernennt das eräugte Seiende[61] zu seinem So-Sein. Geläufige Beispiele wären: »Du bist…Petrus« oder »ein Trottel…« etc.
Das bedeutet schlussendlich: Sagen und Benennen ist ein Entwurf für das, als was das Seiende erscheint. In der Physik ergibt sich daraus etwa die Frage, ob Licht z.B. als Welle oder Korpuskel benannt werden soll. Als Niels Bohr dann festlegte, dass es beides sei, hat er die Rolle des Physikers verlassen und die eines Dichters oder Philosophen übernommen.
Ent-werfen ist, wie das Wort selbst insinuiert, Auslösen eines Wurfs, der über die Kluft zwischen Vergessenem und Entborgenem hinüber-trägt. Aus solchem Ent-wurf wächst die Unverborgenheit. Das wissen Architekten am besten! Mithilfe eines Entwurfs tritt das Verborgene in Erscheinung. Ein technischer Entwurf ist folglich eine genuine Sprache.
Dieses Hinübertragen, das ›zur-Sprache-bringen‹, bezeichne ich als ›WAHRE DICHTUNG‹. Wahre Dichtung schafft neue Sichtweisen, sie setzt damit einen Bruch, denn sie bringt etwas zum Erscheinen, was bislang verborgen war. Sie verrückt den Standpunkt, macht damit ›verrückt‹ und bringt Wahrheit zur Welt.
Wahrheit ist Ver-Rat
Ist solche (neue) Wahrheit noch Treue? Nein! Solche Wahrheit ist Un-Treue und Un-Wahrheit. Sie ist Ver-Rat am Wohl-geratenen, am richtig Gesetzten und Überlieferten. Sie ist u.a. deshalb Un-Treue und Un-Wahrheit, weil das Richtige mit Wahrheit gleichgesetzt wird und wurde. Solche Fest- und Richtigstellungen sind zwangsläufig ›bewahrend‹. Man bezeichnet sie auch als ›konservativ‹ oder ›fortschrittsfeindlich‹[62], weil sie das ständige, fließende Werden nicht berücksichtigen können.
Treue waltet allerdings auch in der Dichtkunst. Ich bezeichne diese Art der Dichtung als ›Wahrende Dichtung‹. Platon bezeichnet diese Kunst als ›nachahmende Kunst‹. Sie pflegt die Sitte (situs) und das Gesetz(te) und be- und ver-wahrt alles, was währt. Denn dort ist wahr, was währt! Dieser Satz bedarf keiner weiteren Erläuterung. Es währt eben das, was am Papier – und nicht auf schwarzen Tafeln (s.o.) – feststeht und nicht bewegt oder verrückt wird.
Wahre Dichtung zeigt hingegen hin, weist-auf. Sie weist auf Vergessenes und verweist auf das bislang Verborgene. Sie stößt-an und motiviert[63]: ander(e)s wahr-zu-nehmen! Sie ist und will anstößig sein. Sie zer-stört alte Wahrheiten und stört daher. Ihr Anstoß bewirkt jenen Stoß, der die Kluft durch ein Ent-werfen überwinden lässt und Neues zum Erscheinen bringt, weil u.a. eben der Standpunkt verändert wurde.
Allgemein: Wahre Kunst entbirgt ein anderes SEIN und bringt dieses zum Erscheinen. Salvatore Dali bringt diesen Umstand in einigen wenigen Bildern anschaulich zum Ausdruck. Eines davon, das Bild ›Gala betrachtet das Mittelmeer‹ kann man unten sehen. Es verwandelt sich in einer Entfernung von zwanzig Metern in ein Porträt von Abraham Lincoln und zeigt damit deutlich, wie sehr unsere Wahrnehmung vom jeweiligen Standpunkt abhängt. Es verdeutlich aber zugleich, wie wichtig es ist, Erscheinungen, i.e.: das zunächst zunehmend verschwimmende Bild, zu benennen. Es würde nämlich kaum jemand auf die Idee kommen, sich die vorgeschlagenen zwanzig Meter zu entfernen, wenn nicht durch seine Namensgebung eine Erwartungshaltung geschaffen worden wäre.

Es ist möglicherweise nötig, nun kurz zu erläutern, was der Begriff ›Sein‹ benennt. In der Tradition der Metaphysik und der abstrahierenden Definitionen benennt ›Sein‹ das, was übrig bleibt, nachdem alles andere abgezogen (abstrahiert) wurde, d.h. die bloße Existenz: ›etwas ist‹. Es wurde quasi die Spitze der Abstraktion erklommen, danach erscheint nur mehr das ›Nichts‹. Was übrigbleibt, ist dann ein gänzlich leerer Begriff, aus dem das, was etwas ist, vollständig entfernt wurde.
Platon suggeriert daher, dieser Rest – das pure Sein – sei notwendig ›das Gute‹ und ›das Schöne‹. Dieser Sichtweise wollten sich weder die arabischen, etwa al-Fārābī, noch die mittelalterlichen, europäischen Philosophen anschließen. Sie sprachen daher von der ›quidditas‹, dem ›was etwas‹ ist. Bei diesen und jenen bezeichnet SEIN das, was etwas ist – und zwar für ein vereinzeltes Individuum wie gerade auch für viele, für eine Gesellschaft, eine Epoche oder eine Kultur. Dieses ›Sein‹ ist kein ›Seiendes‹, es lässt aber das Wahrgenommene erst als etwas erscheinen, und zwar als ›wahre‹ Wirklichkeit.
Jedes andere (mögliche und noch nicht ent-borgene) SEIN bleibt uns, den Wahrnehmenden, ge-wöhnlich verborgen. Wir nehmen wahr, was wir gelernt haben (ALS) wahr-zu-nehmen, ohne zu bedenken, dass etwas auch anders wahrgenommen werden könnte. Bedenkenlos nehmen wir dieses angelernte SEIN als das Wahre. Das ist ein Grund, warum wahre Kunst, so wie gute Philosophie, weh-tut.
Denn das Wesen der Dichtung und der Kunst beruht im Denken, d.h. im Be-Denken. Dies sagt uns der Mythos, d.h. die ›Sage‹. (M. Heidegger, 1954)[64]
Zusammenfassung
Zum Abschluss hinterlasse ich ein Denk-Bild zur Ein-Bildung des Gesagten:

Wahre Kunst/Dichtung benennt das Ereignis und bringt das Verborgene zum Erscheinen, ›Revolutionäre Wissenschaft‹ reimt[65] es und fügt es zum Richtigen oder ins Richtige.
Benennen, i.e.: Namen geben, ist ein ›Entwerfendes Sagen‹; ein Entwurf bzw. eine These (ein Hin-setzen oder Vor–legen). Dazu bedürfen wir wahrer Dichter. Sie ermöglichen es uns erst, durch die gebräuchlichen ›Sprachgitter‹[66] hindurchzulugen, um zumindest Umrisse der verborgen ›Un-wahrheit‹[67] zu eräugen.
›Normale Wissenschaft denkt nicht‹ (Heidegger), sie ist ›wahrend‹ oder ›nachahmend‹; so wie die wahrende, d.h. nachahmende Kunst nicht denkt. Sie denkt nicht, weil sie das Vergessene vergessen hat, das An-denken – her-andenken – gerade deshalb nicht wahrt.
Revolutionäre Wissenschaft ist folglich nicht länger Wissenschaft, sondern Philosophie, so wie auch wahre Kunst philosophiert, d.h., sie be-denken. Somit darf man sagen, dass ›wahre Wissenschafter‹ – z.B. Albert Einstein oder Hermann Minkowski, ebenso Salvatore Dali oder Pablo Picasso – in Wahrheit Philosophen waren.
Die Sage des Mythos, weist – in oder auf – das Verborgene, ohne es zu entschleiern (auch Orakelsprüche tun das). Sie weisen ins ›Be-denken‹. Das Verborgene wurde in der Sage ver-dichtet und so zum Erscheinen gebracht. Es muss dann ›für den Hausgebrauch‹ verdünnt werden. Das bezeichnet man auch als ›gereimt werden‹, d.h. der verständigen Ordnung nahegebracht werden.
Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen
Solche Gebilde -: Fühl und glaub!
Wir leidens oft: zu Asche werden Flammen;
Doch, in der Kunst: zur Flamme wird der Staub.[68]
Um den beschrittenen, hermeneutischen Zirkel zu schließen, kehre ich abschließend zu ›Dichtung und Wahrheit‹ zurück. Worauf wollte Goethe hinweisen? Ich behaupte auf das, was ich hier in vielen Worten und mit sehr unterschiedlichen Instrumenten zu explizieren versucht habe: auf poesis veritasque.
Sie sind Eins und dürfen nicht auseinanderdividiert werden, sondern müssen zusammen gesehen werden. Sie dienen den gleichen Anliegen, d.h. Wahrheit erscheinen zu lassen.
Die heute gängige Differenzierung ›Kunst versus Wissenschaft‹ ist ein ›Marketing-Gag‹, um die Offenbarungen[69] unserer Religion, das sind die logisch-empirisch begründeten Wissenschaften, zu heiligen. Sie werden in den Gesängen der ›wahrenden‹ Künste in endlosen Litaneien mit Glorie umwunden.
Literatur
Adorno, Theodor W. (2020): Negative Dialektik – Jargon der Eigentlichkeit, Berlin: Suhrkamp.
Arendt, Hannah (2015): Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte, München: Piper.
Celan, Paul (1980): Die Niemandsrose – Sprachgitter, Gedichte, Frankfurt/Main: Fischer.
Foucault, Michel (2002): Archäologie des Wissens, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Gadamer, Hans-Georg (2006): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen: J.C.B. Mohr.
Goethe, Johann Wolfgang von (1957): Dichtung und Wahrheit, in: Gesammelte Werke Bd. 6, hg. von Bernt von Heiseler, Gütersloh: Bertelsmann.
Heidegger, Martin (1967): »Was heißt Denken? Bauen, Wohnen, Denken, Das Ding (1954)«, in: ders., Vorträge und Aufsätze, Pfullingen: Neske.
Heidegger, Martin (2004): »Grundbegriffe der Metaphysik (1929/30)«, in: Gesamtausgabe, hg. von Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Frankfurt/Main: Klostermann.
Heidegger, Martin (2003): »Der Ursprung des Kunstwerks (1935/36)«, in: ders., Holzwege, Frankfurt/Main: Klostermann.
Heidegger, Martin (2005): »Platons Lehre von der Wahrheit (1931/32, 1940)«, in: ders.: Holzwege, Frankfurt/Main: Klostermann.
Heit, Helmut (2007): Der Ursprungsmythos der Vernunft. Zur philosophiehistorischen Genealogie des griechischen Wunders, Würzburg: Königshausen & Neumann.
Hölderlin, Friedrich (2015): Mnemosyne (1800/1805), in: Sämtliche Gedichte und Hyperion, Berlin: Insel Verlag.
Kluge, Friedrich (1999): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin/New York: de Gruyter.
Lühe, Irmela v. (2015): »Über Hannah Arendts Gedichte«, in: Arendt (2015).
Nietzsche, Friedrich (1996): Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte, Stuttgart: Kröner.
Ortner, Christian (2023): »Staatsversagen«, Wiener Zeitung, 23. Juni 2023, S.2.
Rilke, Rainer Maria (1986): Die Gedichte 1922–1926, Frankfurt/Main: Insel Verlag.
Schmutzer, Manfred E. A. (1994): Ingenium und Individuum. Eine sozialwissenschaftliche Theorie von Wissenschaft und Technik, Wien/New York: Springer.
Schmutzer, Manfred E. A. (2017): Um-Wege zur Un-Wahrheit. Von Technikeuphorie über Wissenschaftsskepsis zur Kunst, Bielefeld: transcript.
Schmutzer, Manfred E. A. (2019), Eudoxias Traum, Wien: Ibera Verlag.
Wittgenstein, Ludwig, (1921/22): Tractatus Logico-Philosophicus, in: Schriften von L. Wittgenstein, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
[1] Vieles wird gerade heute vergessen gemacht, und zwar weniger in den Schulen als im täglichen Leben. Eine dieser Techniken bezeichnet man als ›Künstliche Intelligenz‹, die die individuelle Intelligenz, das eigene Denken, zum Verschwinden bringt.
[2] Das ist jedoch ein anderes Thema, das hier nicht ausgewälzt werden kann.
[3] Kommt von griech: κολλαω (kollao), ›zusammenleimen, -fügen‹.
[4] ›Logik‹ ist die Technik des Wortes. Die Endsilbe ›-ik‹ oder ›-tik‹ ist ein Überbleibsel des griechischen Wortes ›techne‹ (τέχνη).
[5] Diese Technik wurde heute auf Computer ausgelagert, was sie nicht besser macht. Was das etwa in der täglichen Praxis bedeutet, kann man erleben, wenn man als Patient von einem Team abwechselnder Ärzte behandelt wird. Sie schauen kaum mehr den Patienten, aber dafür umso intensiver den Bildschirm an, auf dem alles erscheint, was festgehalten wurde. Alles andere verschwindet.
[6] Man darf nicht übersehen, dass diese Technik heute bereits überholt ist. Sie wurde durch die EDV abgelöst.
[7] Diese Autobiografie umfasst allerdings nur sein Leben bis etwa zum 26ten Lebensjahr.
[8] Dieses ›Heranschleichen an das Vergessene‹ erfordert ein An-Denken, ein Heran-Denken an das noch Verborgene und zusätzlich ein ›Verstehen‹.
[9] ›Identifizieren‹ heißt ›gleich machen‹. Weil Philosophie Gedanken anstößt, weil sie sogar bei besonders harten Stößen des ›Her-andenkens‹ den eigenen Standort/-punkt verändern kann und dadurch ent-wurzelt oder zumindest ›ent-fremdet‹, daher tut, nein, muss gute Philosophie weh-tun! – Unserem üblichen Denken wohnt der Schein von Identität von Begriff und Sein, seiner puren Form nach, inne. Unser übliches Denken wird von der Abstraktion bei jeder Begriffsbildung beherrscht. Es herrscht daher der Glaube oder die Überzeugung vor, dass das, mit einem Begriff bezeichnete Begriffene, im Begriff zur Gänze aufgeht, so Theodor W. Adorno (2020).
[10] Ein Begriff ist die Gesamtheit wesentlicher Merkmale einer gedanklichen Einheit; der geistige, abstrakte Gehalt von etwas. Doch das, was wesentlich ist, wird vorweg durch ein Diktat fest-gelegt. Ich bin versucht zu sagen, ein Begriff ist das, was nach einem geistvollen ›Strip-tease‹ den Zuhörern oder -chauern letztlich geboten wird: der nackte Anblick, unbegriffen und unerfasst
[11] Seine Konklusion, dass die Wahrheit im Reich der ›Ideen‹ waltet, muss allerdings auch nicht bedingungslos übernommen werden.
[12] Siehe dazu auch: Schmutzer 2019.
[13] Diese Bezeichnung entlehne ich von dem französischen Philosophen Michel Foucault (2002).
[14] Das Grundwort einer analysierbaren, historischen Formgebung wird auch mit ›etymon‹ bezeichnet.
[15] Siehe dazu: Kluge 1999, S. 236.
[16] Die Nachsilbe ›-heit‹ war ursprünglich ein eigener Begriff, der die Beschaffenheit, die Art und Weise bzw. das Wesen einer Sache charakterisierte. Daher bezeichnet z.B. ›Geworfenheit‹ das Wesen oder die Art des Geworfenseins, ›Wahrheit‹ demnach die Art und Weise des Wahren.
[17] ›glauben‹ leitet sich von ›Laub‹ her, mit dessen Hilfe man Tiere zutraulich macht.
[18] Es ist vielsagend, dass sich dieses Wort von ›wohnen‹ herleitet und so viel wie ›zufrieden sein‹, d.h. in Frieden leben, bedeutet.
[19] Dieses Feste zu ent-stellen verursacht zugleich ein Ent-setzen und bewirkt ein solches, es ist un-geheuer.Das bedeutet so viel wie: ›nicht heimisch‹, ›nicht vertraut‹.
[20] ›Sitte‹ ist eng verwandt mit ›situs‹, lat. der Ort der Heimat, was genauso wie ›Ethos‹ (griech.) den Brauch oder die Gewohnheit an einem Ort bezeichnet.
[21] Diese ›Gesetze‹ waren keine ›nomoi‹, sondern ›themistes‹.
[22] Ein anschauliches Exempel würde z.B. die Biografie des Zweiflers Anaximenes liefern.
[23] Martin Heidegger meint ja, philosophieren heißt, ›etwas zur Sprache bringen‹. Diese Paraphrase sollte man zunächst in ihrer ursprünglichen Bedeutung verstehen: etwas wohin bringen, d.h. zur Sprache.
[24] Genauso wie bei ›Wahrheit‹ benennt das Wort ›Weisheit‹ das Wesen dieses Weisens.
[25] Nietzsche 1996, S. 493.
[26] Er verfasste eine Sammlung von Schriften mit dem Namen »Etymologien«, die durch das gesamte Mittelalter zum Kanon der höheren Bildung gehörten.
[27] Die Römer bezeichneten sie als ›septem-triones‹, d.h. septentrio: triones, d.h. die sieben Dreschochsen, die ständig rund um einen Pol/Pfahl wandern.
[28] »Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
(F. Hölderlin, Mnemosyne, 2. Fassung (2015))
[29] Vermutlich gab es einmal Übergänge zwischen ›anti‹ und ›-auk‹. Auch diese Übergänge wurden zusammen mit ›auk‹ der Vergessenheit anheimgestellt.
[30] Im Griechischen lautet eine Bezeichnung für Zwischenraum »arithmos« (ἀρθμός). Dieses Wort selbst ist, ähnlich wie etwa »akosmos«, »aletheia« etc., die Verneinung von »rithmos«. »rithmos« leitet sich vom indogermanischen Stamm »rta« her. Dessen Bedeutung ist »fügen«, »Gelenk« oder »Ritus«. »Rithmos« verbindet und fügt, sein Gegenteil »a-rithmos« trennt. »Arithmos« ist zugleich auch die gängige Bezeichnung für »Zahl«. Eine Zahl ist demnach etwas Unverbundenes, vereinzelt Getrenntes. Sie »existiert« allein, und zwar aufgrund eines Zwischenraums. Wer diesen Zwischenraum leugnet, schafft die Zahl ab, und setzt an deren Stelle eine »Größe«. Da eine Zahl das Ungefügte, d.h. die Negation einer gefügten Sache ist, ist das Gegenteil der Zahl das »Vereinte«, das ist das Ganze. Das Wesen eines Ganzen nennen wir eine ›Ganzheit‹. Eine Ganzheit ist eine Größe, in der der jeweilige Widerspruch, das ›a-‹, innerhalb der Grenzen ge- und verborgen bleibt.
[31] Aristoteles erläutert etwa in der Metaphysik diese Regel anhand eines räumlichen Modells: Niemand kann gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein. Seine Denkeinheit wird am Beispiel eines Individuums (Griech: atomos, ατομοσ, nicht teilbar) modelliert. Was er übersieht ist, dass ein Paar eine Einheit bzw. Zweiheit ist, und gerade deshalb an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig sein kann. Dieses antike Denken hat sich bis in unsere Zeit erhalten und könnte auch für das verbreitete Erstaunen verantwortlich sein, das die Quantenverschränkung begleitet. Diese geschieht ja dann, wenn Quanten von Anbeginn an paarweise auftreten.
[32] ›Kontinuum‹ kommt von lat. ›contingere‹, d.h. zusammenhängen. Genauso bedeutet ›a-rithmos‹ ›nicht zusammenhängend‹.
[33] Goethe 1957: 16.Buch, Vorwort, S. 557. In dem über fünfhundert Seiten umfassenden Werk Goethes finden sich für das Bestreben, das Ganze in Erscheinung treten zulassen, weitere zahllose Beispiele. Ich begnüge mich daher mit diesem einen kurzen Hinweis. Der geneigte Leser wird unschwer bei der Lektüre des Werks andere Beispiele entdecken.
[34] Dieser Gegensatz wird seit Hegel als ›bestimmte Negation‹ bezeichnet. Das heißt, dass der eine Teil vom anderen abhängig ist und ohne diesen gar nicht wahrgenommen werden könnte. Der Gegensatz kann aber ›synthetisch‹ in einem Überbegriff aufgelöst werden.
[35] In unserer Sprache wird als Folge solcher Vereinigung bzw. Synthese der Begriff ›Tag‹ neu festgelegt. Er ist nun nicht länger der Gegensatz zur Nacht, sondern eine 24 Stunden umfassende Zeitspanne. Die Nacht wird zu einer Zeitspanne zwischen 22.00h und 6.00h früh und gleichfalls vom Sonnenaufgang unabhängig. Als treibende Kräfte hinter diesem Wandel steht kein Dichter, sondern u.a. technische Erfindungen, etwa die Eisenbahn und elektrische Beleuchtung, aber auch soziale Erfindungen wie die industrielle Produktion mit 24-Stunden Schichtbetrieb und die Werbeindustrie.
[36] Schmutzer 1994. Es handelt sich dabei um ein lineares, mathematisches Modell und somit um eine ›contradictio in re‹ zu den hier explizierten Ansätzen. Diese Widersprüchlichkeit erkläre ich mit einem, im Laufe der Zeit zunehmenden Zweifel an meinen eigenen Vorstellungen, somit wie Goethe autobiografisch. Allerdings möchte ich anfügen, dass dann, wenn Kategorisierung aus welchen Gründen auch immer gewünscht wird, eine Mathematisierung hilfreich ist. Zusätzlich möchte ich anmerken, dass es mit diesem Ansatz sogar möglich ist, Systeme, die dem arithmomorphen Grundgedanken der Mathematik nicht entsprechen, einzubeziehen. Man muss sie nur sachgerecht interpretieren und darf nicht dem weit verbreiteten Vorurteil verfallen, dass ein unlösbares Gleichungssystem (wie etwa bei ›Clans‹) zu verwerfen sei. Diese formalisierte Darstellung ist, trotz des scheinbaren Widerspruchs, korrekt. Das vordergründig zunächst unerwünscht scheinende Ergebnis verdeutlich nur, dass der ›Zahlenmythos‹, dem in den heutigen Wissenschaften gehuldigt wird, maßlos übertrieben und verallgemeinert wird.
[37] Diese Terminologie ist etwas unpräzise, doch nützlich. Wer eine exaktere Terminologie bevorzugt, findet u.a. in obiger Publikation ein formal-mathematisches Modell, das derartigen Wünschen gerecht wird.
[38] Vernunft: Vernunft ist Ergebnis eines Vernehmens, sagt uns die Etymologie. Wann, was, wer und wie vernommen wird, bleibt unbestimmt. Vernunft wirkt sowohl über eine eigenständige Art von Gerichtsbarkeit wie auch über die nötigen ›objektiven‹ Richter, die feststellen, was ›vernünftig‹ ist. Diese Richter können auch internalisiert sein, wie z.B. das menschliche Gewissen. Vernunft erfüllt eine Legitimierungs- und Sozialisierungsaufgabe. Ihr Zweck ist das Begründen, doch nicht von Erkenntnis, sondern von Kooperationsfähigkeit. Solche ›(aus-)richtende Vernunft‹ ist zugleich auch eine Quelle der Angst, die aus gesellschaftspolitischer Sicht gleichfalls eine Integrationsfunktion zu erfüllen hat.
[39] Moderne Gesellschaften beherbergen mehrere Kulturen. Das ist manchmal vorteilhaft, manchmal aber auch Ursache für massive, innere Konflikte.
[40] Ein charakteristisches Beispiel dafür findet sich in der Wiener Zeitung in einem Kommentar von Christian Ortner (2023) mit dem vielsagenden Titel: »Staatsversagen« und dem Merksatz: »Der Staat kann es einfach nicht.«
[41] Die Tatsache, dass internationale Großunternehmen selbst bürokratisch organisiert sind und es sein müssen, verweist darauf, dass diese Strukturen selbst z.B. größenabhängig und folglich nicht beliebig wählbar sind. Diese Interdependenz kann zu beträchtlichen internen Konflikten führen.
[42] M. Heidegger hat diese Entwicklung bei Platon in seinem sehr lesenswerten Aufsatz »Platons Lehre von der Wahrheit« detailreich beschrieben, siehe Heidegger 2005.
[43] ποιέω: etwas zu etwas machen.
[44] Etymologisch aus Indoeurop.: ›rta‹, das bedeutet ›fügen‹.
[45] »Wahrheit als die Lichtung und Verbergung des Seienden geschieht, indem sie gedichtet wird. Alle Kunst ist als Geschehenlassen der Ankunft der Wahrheit des Seienden als eines solchen im Wesen Dichtung.« (Heidegger, 2003a S.59)
[46] Dieser Satz ist wichtig in der Mathematik. Mit seiner Hilfe werden die meisten mathematischen, sogenannten ›indirekten Beweise‹ geführt.
[47] Auch dieses Wort bedeutet nichts anderes als ›hinübertragen‹.
[48] Ein Ur-teil ist nach Kluge (1999): das er-teilte Zugeteilte.
[49] Deutlich zeigt sich dieser Trend in der Zunahme von ›Führer‹-Persönlichkeiten, die aus sogenannten »Bewegungen« kommen. Es ließe sich ein Bogen von Frankreich bis in die Türkei oder Israel entlang der Küste des Mittelmeers ziehen, wo genau dies stattfindet. Doch auch das Baltikum ist u.a. davor nicht geschützt.
[50] Ich erinnere an Fußnote 39. Dort ist zu lesen, dass ›Vernunft‹ ›Kooperation‹ ermöglichen soll. Das bedeutet, dass das vernünftig ist, was von anderen verstanden und akzeptiert wird. Form und Inhalt einer Rede ist folglich sozial determiniert. Das macht den wesentlichen Unterschied zur Sage aus, die mehr den Sprechenden als den Hörenden im Auge hat.
[51] Die ursprüngliche Bedeutung war eigentlich ›Vertrag‹, also wieder ein Kooperationsverhältnis. Das Muster eines Vertrags wurde später auf alle von Menschen geschaffenen Regeln und Gesetze übertragen. Damit änderte sich allerdings auch das Verständnis von ›Gesetz‹, das zuvor Gabe der Götter oder der Natur war. In Griechenland wurde dieses Gesetz mit ›Themistes‹ bezeichnet, nicht ›Nomos‹.
[52] Z.B. Heit 2007.
[53] Die Metapher ist, »das geheimnisvollste Geschenk der Sprache […], weil sie in der ›Übertragung‹ es möglich macht, das Unsichtbare zu versinnlichen [MS: sentire: fühlen &senden] […] und so erfahrbar zu machen.« (Lühe 2015, S. 100)
[54] Das kommt deutlich in umgangssprachlichen Wendungen wie: ›Dem werd’ ich es aber sagen!‹ zum Ausdruck.
[55] Vgl. Gadamer 2006.
[56] Arendt 2015, S.63.
[57]Ich erlaube mir nun selbst dichterisch zu verdichten: Kraft ist ja Masse mal Beschleunigung.
[58] Irmela v. Lühe in: Arendt 2015, S. 97.
[59] Heidegger 2003, S. 63.
[60] Das Wort leitet sich von τιθέμαι (tithemai), hin-setzen, vor-legen, her.
[61] Solches ›Eräugen‹ findet nicht nur in der materiellen Gegenstandswelt statt. Wie schon die Psychoanalyse zeigte, findet es auch gerne in Träumen statt. Solche sind allerdings wieder kulturabhängig. Heute wird kaum jemand olympische Göttererscheinungen etc. in Träumen haben.
[62] Es wäre an dieser Stelle notwendig, über den Begriff ›Fortschritt‹ zu philosophieren. Das ist teilweise bereits in meiner Arbeit Ingenium und Individuum geschehen, sollte allerdings aktualisiert werden.
[63] Es ist vermutlich überflüssig, darauf hinzuweisen, dass ›motivieren‹ sich von ›movere‹ (bewegen) herleitet.
[64] Vgl. Heidegger 1967.
[65] ›Reimen‹ bedeutet eigentlich ›ordnen‹. Es ist mit dem griech. ›a-rithmos‹, ›die Zahl‹ verwandt. Das besagt genug!
[66] Diesen enthüllenden Begriff verdanke ich einem anderen ›meiner Hausheiligen‹: Paul Celan (1980).
[67] Dazu: Schmutzer 2017.
[68] Rainer Maria Rilke: Magie (1924). In: Rilke 1986.
[69] Wir leben in einer zunehmend dominant werdenden Kultur der ›Isolierten‹ und beziehen daher unsere ›Wahrheiten‹ aus einer ›hedonistischen Rationalität‹ bzw. aus kaum bis unüberprüfbaren ›Offenbarungen‹.
