In seiner jüngst bei Velbrück Wissenschaft erschienenen Studie Sprache und Darstellung der Phänomenologie des Geistes arbeitet Simon Waskow detailliert heraus, dass Hegels Phänomenologie des Geistes eine komplexe Theorie der Sprache enthält, die sich durch alle Teile seiner Schrift zieht und ein Kernmoment in deren Programm einer situierten, kritischen Darstellung des erscheinenden Wissens bildet. Für das Velbrück Magazin fasst der Autor seine Studie in Grundzügen zusammen.
Von Simon Waskow
Hegels Phänomenologie des Geistes ist eine Darstellung der philosophischen Wahrheit, die über eine Darstellung des erscheinenden Wissens zustande kommt. Weiterhin entwickelt die Phänomenologie einen Begriff der Sprache als »Dasein des Geistes«.
Hegels Ausführungen zu Sprache und Darstellung in der Phänomenologie lassen sich in einen systematischen Zusammenhang bringen. So wird deutlich, dass die Phänomenologie eine komplexe Theorie der Sprache enthält, die kognitive, kommunikative und welterschließende bzw. ästhetische Aspekte der Sprache berücksichtigt. Ebenfalls zeigt sich, dass Hegels Theorie der Sprache in einer engen Beziehung zu seiner Auseinandersetzung mit dem logischen Urteil steht. Diese Theorie der Sprache sowie ihren Zusammenhang mit dem für die Phänomenologie spezifischen Darstellungsproblem habe ich in einer längeren Arbeit[1] untersucht, deren Grundzüge ich hier kurz umreißen möchte. Wie ich nachweise, zieht sich die Entwicklung dieser Theorie systematisch durch alle Teile der Phänomenologie. Für eine Interpretation der Phänomenologie ist es deshalb produktiv, die Programme der Darstellung des erscheinenden Wissens und der philosophischen Wahrheit im Licht von Hegels Ausführungen über das Problemfeld »Sprache« zu betrachten.
Sprache und Geist sind derart miteinander verknüpft, dass sie sich nicht losgelöst voneinander verstehen lassen. Ein Verständnis der gesamten Bandbreite des menschlichen Sprachvermögens können wir nur im Rahmen einer Theorie des objektiven Geistes gewinnen. Zugleich erfordert eine Theorie des Geistes eine Theorie darüber, wie dieser sich in Sprache (und anderen Medien) ausdrückt bzw. darstellt und wie sich Geist und Darstellungsmedien dabei dynamisch entwickeln. Indem Hegel Sprache als »Dasein des Geistes« begreift, bietet er eine solche Theorie an. Deshalb schlage ich vor, die Themenkomplexe »Sprache« und »Darstellung« zusammenzudenken und auf diesem Weg nachzuvollziehen, welcher Stellenwert der Sprache im Rahmen des Projekts der Phänomenologie zukommt. Hegels Konzept des Geistes wird damit über die Wege seiner Darstellung verstanden, wobei die Spezifik des Darstellungsbegriffs berücksichtigt werden muss. Daraus folgt, dass die Sprache auch als Medium der Darstellung für das Projekt der Phänomenologie relevant ist. Die Theorie der Verknüpfung von Sprache und Geist, die damit in den Blick kommt, erfordert ein weites Verständnis von Sprache, das die kognitive, kommunikative und welterschließende Dimension der Sprache gleichermaßen berücksichtigt. Sprache kann in diesem Modell zwar als Leitfaden einer Untersuchung dienen, die Untersuchung führt aber zwangsläufig auch in andere Bereiche, die mit dem menschlichen Sprechen verbunden sind – dazu gehören u.a. die Untersuchung des Sozialen, des Ästhetischen und des Logischen.
Zwei zentrale Bezugspunkte meiner Auseinandersetzung mit Hegel bilden die Hegel-Interpretationen von Robert Brandom und Jacques Derrida. Wie Brandom unterstreicht, ist Sprache für Hegel im Rahmen der Theorie des objektiven Geistes relevant, also in ihrer Funktion als Medium der Kommunikation und Anerkennung in sozialen Kontexten. Brandom rückt dabei das aufklärerische Potential der inferentiellen Begründung ins Zentrum einer expressiven Theorie der Freiheit. Allerdings entwickelt er eine Vorstellung sozialer Gemeinschaften, in denen Momente der Entfremdung in einem zukünftigen Zustand prinzipiell überwunden werden sollen. Dadurch droht die Möglichkeit, kritische Distanz zum Gegebenen zu generieren, eingeebnet zu werden. Gerade dieses Moment betont Derrida, dem es darum geht, durch Operationen auf der sprachlichen Materialebene neue Denkbewegungen zu eröffnen, also Distanz zum Gegebenen herzustellen. Wie sich an Derridas Texten nachvollziehen lässt, ist es entscheidend, eine Dimension der Sprache zu berücksichtigen, die bei Brandom vernachlässigt wird. Diese welterschließende Dimension der Sprache in den Blick zu nehmen, erfordert insbesondere eine Auseinandersetzung mit den Formen der Sprache, die wir häufig als »künstlerische« Sprache bezeichnen. Auch Derridas textliche Praxis verdeutlicht, auf welchen Wegen eine Entfremdung von bekannten Sprachmustern philosophisch produktiv gemacht werden kann.
Hegel inszeniert ebenfalls eine Entfremdung von der Sprache – allerdings mit dem Ziel, uns der Sprache näher zu bringen. Hegel ist damit kein Sprachskeptiker, sondern bietet eine Sprachkritik an. Hegels Sprachkritik richtet sich sowohl gegen bestehende sprachliche Formen als auch gegen eine Verweigerung der Sprache bzw. einen (sprachskeptischen) Rückzug aus der Kommunikation. Zwischen den Interpretationen von Brandom und Derrida lässt sich ein Verständnis der Phänomenologie entwickeln, das diese nicht nur in Bezug auf die in ihr entwickelte Sprach- und Darstellungstheorie produktiv macht, sondern auch erklären kann, dass sich Hegels philosophische Sprache selbst aus den Konsequenzen entwickelt, die er aus dieser Theorie zieht.
Hegels Phänomenologie enthält also eine Theorie darüber, wie der Geist sich durch seine Darstellung konstituiert und wie sich dieses Problemfeld mit der Konzeption des Verhältnisses von Sprechen und Denken verbindet. Im Haupttext der Phänomenologie spielt Sprache zunächst als Moment der Erfahrungen des Bewusstseins eine Rolle, später aber als Medium der Darstellung des Absoluten. Dies kann man folgendermaßen verstehen: Die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Denken bzw. nach dem Ausdruck des Individuums liegt auf der Ebene des subjektiven Geistes. Die damit verbundenen Probleme behandelt Hegel in den Kapiteln über die sinnliche Gewissheit und über Physiognomik und Schädellehre. Dabei steht die kognitive Funktion der Sprache im Vordergrund. Die Frage nach der kommunikativen Funktion der Sprache und der Bedeutung von Sprache in sozialen Kontexten ist eine Frage des objektiven Geistes. Sie wird in der Phänomenologie in den Kapiteln über Bildung und Gewissen behandelt. Die Frage nach der Bedeutung der Sprache für die Darstellung des Absoluten ist eine Frage des absoluten Geistes. Damit befasst sich Hegel in den Kapiteln über Religion und das absolute Wissen. Insofern Sprache als Medium der Darstellung des Absoluten untersucht wird, rückt ihre welterschließende Dimension in den Fokus.
In den Kapiteln über Religion und absolutes Wissen reflektiert Hegels Phänomenologie die Bedingungen ihrer eigenen Darstellung. Entsprechend erfordern diese Schlussteile der Phänomenologie eine Untersuchung der Sprache als Medium der Darstellung des Absoluten. Eine solche Untersuchung ist Teil des Projekts des religiösen Bewusstseins, das Repräsentationen des Göttlichen entwickelt. In der Phänomenologie behandelt Hegel in diesem Rahmen auch verschiedene Formen der Kunst. Während dem natürlichen, vernünftigen und geistigen Bewusstsein bis zum Ende des Geistkapitels die Sprache als etwas Bestehendes erscheint, das es als Teil der Welt vorfindet, beginnt der absolute Geist (ab dem Religionskapitel), Sprache aktiv einzusetzen und zu verändern und entwickelt ein differenziertes Repertoire sprachlicher (und vorsprachlicher) Ausdrucksmöglichkeiten. Die Untersuchung der Sprache erhält damit auch eine methodische Relevanz. Im Geistkapitel wird zwar die Relevanz der Sprache als wichtiges Ausdrucksmedium des Geistes registriert, sie wird aber nicht mit Blick auf die Entwicklung und Transformation von Ausdrucksmöglichkeit untersucht, denn im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die sozialen Verhältnisse – Konstellationen des Handelns, das teilweise auch sprachliches Handeln ist. Zu einer Untersuchung der Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache als solcher kommt es erst auf der Ebene des absoluten Geistes, also ab dem Religionskapitel. Thema dieses Kapitels ist die Frage, wie die Welt medial und insbesondere sprachlich erschlossen wird. Während es im Geistkapitel wichtig ist, dass Sprache ein zentrales Moment sozialer Verhältnisse ist, fragt das Religionskapitel, wie genau unterschiedliche Formen sprachlichen Ausdrucks funktionieren. Dabei geht es um ästhetische Formen wie etwa hymnischen Gesang, Tragödie und Komödie.
Das zentrale Problem der verschiedenen Formen der Religion ist, dass sie konstitutiv dem Paradigma der »Vorstellung« verhaftet bleiben, was die Selbsterkenntnis des Geistes letztlich unterläuft. Hegels Sprachkritik zeigt sich hier als Vorstellungskritik, womit dieses Kapitel auch beginnt, Hegels generelle Kritik des vorstellenden Bewusstseins auf den Punkt zu bringen. Den Schluss der Phänomenologie interpretiere ich als Reflexion auf deren Darstellung. Das absolute Wissen enthält nicht nur die Einsicht in die Entwicklung philosophischen Wissens aus alltäglichem Vorwissen, sondern auch die Einsicht in die Bedeutung der medialen Darstellung dieses Wissens. Hier stellt sich ein Bezug zu einem weiteren philosophischen Themengebiet her, denn ein zentrales Moment des Kapitels zum absoluten Wissen ist Hegels Konzept der Zeit als Dasein des Begriffs. Darin zeigt sich eine Parallele von Sprache (dem »Dasein des Geistes«) und Zeit: Beide sind Momente der Artikulation, die konstitutiv zur Bestimmung des Geistes als »Begriff« gehören. Das Kapitel zum absoluten Wissen ist für die Darstellungsproblematik einerseits wichtig, weil die Darstellung des Geistes hier selbstreferentiell werden soll und andererseits, weil Hegel hier die argumentative und die eher narrative, mediale Ebene der Darstellung als »begriffene Geschichte« zusammenführt. Am Ende der Phänomenologie steht das freie Sich-Entlassen des Geistes in sein Werden. Der Geist wird damit auf die Bewegung seiner Darstellung im äußerlichen Medium der Sprache zurückverwiesen. Zugleich öffnet er sich in diesem Moment für die Formen der sprachlichen und medialen Expression, denen sich das Bewusstsein am Beginn der Entwicklung der Phänomenologie noch verweigert.

Simon Waskow
Sprache und Darstellung der Phänomenologie des Geistes
Erschienen: 24.07.2023
broschiert
476 Seiten
ISBN 978-3-95832-339-1
59,90 €
[1] Vgl. Waskow, Simon: Sprache und Darstellung der Phänomenologie des Geistes. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2023.
