Eine selbstkritische Verteidigung der europäischen Moderne im Licht der postkolonialen Kritik

Seit die Moderne existiert, so scheint es, gibt es auch eine Kritik an ihr. Viel und mitunter hitzig werden in dieser Hinsicht gegenwärtig Ansätze postkolonialer Theoriebildung diskutiert. Diese selbst sind mittlerweile ins Visier einer Gegen-Kritik geraten. Hans Schelkshorn plädiert im Velbrück Magazin sowie in seinem Buch Entgrenzungen. Ein europäischer Beitrag zum Diskurs der Moderne für einen Umgang mit der Moderne, der sie vor dem Hintergrund ihrer kolonialen Geschichte weder radikal verwirft noch verharmlost.

The World: Colonial Possesions and Commercial Highways, 1910. Edited by Sir Adolphus William Ward, G.W. Prothero, Sir Stanley Mordaunt Leathes, and E.A. Benians.

Im globalen Diskurs über die Moderne ist die europäische Aufklärung zunehmend in das Visier postkolonialer Kritik geraten. Diese Ansätze führen die machttheoretische Kritik der Moderne von Horkheimer und Adorno sowie Heidegger mit neuen Mitteln fort. Umgekehrt sind durch die aktuellen geopolitischen Konflikte auch die offenen Flanken postkolonialen Denkens sichtbar geworden. In der medialen Öffentlichkeit Europas ist inzwischen sogar eine Front gegen jede Form eines »linken Postkolonialismus« entstanden.

Doch weder eine naive Verteidigung der europäischen Aufklärung, die ihre dunkle, koloniale Dimension verharmlost oder ausblendet, noch ein radikaler Postkolonialismus, der das moderne Europa auf einen rassistischen Kolonialismus reduziert, werden der ambivalenten Komplexität die europäische Moderne gerecht.

In den zentralen Bereichen der europäischen Moderne – von der Subjektphilosophie bis zum politischen Denken und der Ökonomik – sind vielmehr fortschrittliche Durchbrüche und koloniale Herrschaftsansprüche jeweils amalgamiert. Die Ambivalenzen der europäischen Moderne entspringen, wie durch Studien zur Philosophie der Renaissance und frühen Neuzeit gezeigt wird, einem kulturellen Umbruch, der durch eine zweifache Entgrenzung des antik-mittelalterlichen Denkens ausgelöst worden ist: die Entgrenzung des teleologischen Weltbildes durch die astronomische Revolution (Nikolaus von Kues, Kopernikus) und die transatlantische Expansion Europas, in der die Grenzen der Ökumene überschritten werden.

Die Leitideen der modernen Subsysteme lassen sich daher nicht mehr mit Habermas als Institutionalisierungen von Rationalitätstypen beschreiben. Stattdessen verbinden sind in den philosophischen Grundlegungen moderner Wissenschaft (Bacon), Politik (Hobbes) und Ökonomie (Locke) und des neuzeitlichen Kosmopolitismus (Vitoria) jeweils rationale Innovationen, koloniale Machtsyndrome und partikular kulturelle Elemente miteinander. Um die aufklärerischen Errungenschaften der europäischen Moderne zu retten, müssen daher die kolonialen und machttheoretischen Elemente freigelegt und dekonstruiert werden. Dies bedeutet: Die Legitimität der europäischen Moderne (Blumenberg) kann heute nur mehr über den »langen Weg« einer schonungslosen und zugleich sorgfältigen Verarbeitung der postkolonialen Kritik verteidigt werden.

Hans Schelkshorn, Entgrenzungen. Ein europäischer Beitrag zum philosophischen Diskurs über die Moderne, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2009, 2. Aufl. 2016.

Die deutsche Fassung der Theorie der Moderne von Hans Schelkshorn ist vor Kurzem in einer überarbeiteten Version auf Englisch erschienen:

Hans Schelkshorn, Rethinking European Modernity. Reason, Power and Coloniality in Early Modern Thought. Trans. Paul Bowman, London: Bloomsbury 2024.

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