Einschneidende Lebensentscheidung und transformative Erfahrung

Es gibt Entscheidungen im Leben, die alles bisher Erwartbare übersteigen. Sie verändern unser Leben auf radikale Weise – und sind dennoch unausweichlich, wenn wir ein authentisches Leben führen wollen. Jutta Thorbergsson entwickelt den Begriff der transformativen Erfahrung im Anschluss an Laurie A. Paul in ihrem Buch Einschneidende Lebensentscheidungen, das bei Velbrück Wissenschaft erschien, und erklärt für das Velbrück Magazin, wie eine christliche Perspektive solche Erfahrungen stützen und tragen kann.

Wo entlang von hier? Manchmal müssen wir Entscheidungen treffen, ohne die Konsequenzen abschätzen zu können.

Will ich ein Vampir werden? Diese Frage ist Teil eines philosophischen Gedankenexperiments, mit dem die amerikanische Philosophin Laurie A. Paul in ihrem Buch Transformative Experience hinterfragt, ob wir überhaupt zu rationalen und authentischen Entscheidungen fähig sind, wenn wir vor der Wahl stehen, uns entweder auf umwälzende Erfahrungen einzulassen oder sie zu vermeiden. Unter radikal verändernden Erfahrungen (transformative experiences) versteht Paul Erfahrungen, die von Grund auf ändern, wie es ist, Ich zu sein. Paul geht dabei nicht nur von einer überschaubaren Selbstveränderung aus, sondern sieht das Vorher-Selbst durch die transformative Erfahrung von einem Nachher-Selbst abgelöst. Diese Position wird durch das Vampirgedankenexperiment zugespitzt, denn es ist offensichtlich, dass Mensch und Vampir sich grundlegend unterscheiden.

Das Vampirszenario ist allerdings so unrealistisch, dass sich die Frage aufdrängt, was es mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Paul nennt aber zahlreiche einschneidende Lebensentscheidungen, die uns radikal, unumkehrbar verändern können: die Partnerwahl, Karriereentscheidungen und die Wahl, Eltern zu werden oder kinderlos zu bleiben. Gerade in diesen Wahlsituationen sind konkrete Erwartungen eine Illusion – so Pauls These. Ich kann nicht im Voraus wissen, was mich erwartet, wie sich die Erfahrung für mich anfühlen wird und welchen Wert sie für mich haben wird. Sich deshalb allein auf Expertenwissen und Bücher zu verlassen, führt auch nicht weiter, denn bei eine Entscheidung auf der Basis von Expertenmeinungen fälle ich meine Entscheidung nicht mehr als ich selbst, sondern quasi aus der Perspektive der dritten Person. Bei einer drittpersonal getroffenen Wahl fällt die eigene Perspektive weg, wodurch die Wahl möglicherweise entfremdet vom eigenen Selbst getroffen wird, so dass die eigene Authentizität verloren geht: es ist eigentlich gar nicht meine eigene Entscheidung. Stattdessen ohne irgendwelche Erkenntnisse und Überlegungen, quasi ahnungslos, rein gefühlsmäßig erstpersonal zu entscheiden würde allerdings die Rationalität aufgegeben. Pauls These ist daher, dass bei einschneidenden Lebensentscheidungen ein Dilemma zwischen Rationalität und Authentizität vorliegt. Ihrer Ansicht nach bedeutet dies, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir glauben, wir würden unser Leben rational und authentisch führen können.

Pauls These stützt sich auf die psychologische Konzeption des Selbst: Verschiedene Selbste unterscheiden sich demnach besonders hinsichtlich ihrer Überzeugungen, Präferenzen und Wertvorstellungen. In transformativen Erfahrungen ändern sich Überzeugungen, Präferenzen und Wertvorstellungen tiefgreifend. Transformative Erfahrungen können ungewollt schicksalshaft auftauchen oder frei gewählt werden, aber immer gehen sie mit neuen Überzeugungen, Präferenzen und Wertvorstellungen einher. Die daraus resultierende Abfolge von verschiedenen Selbsten (S1, S2, S3 usw.) fällt bei Paul nicht völlig auseinander. Sondern Paul geht davon aus, dass sich unsere Rationalität und Authentizität lebenslänglich durchziehen.

Mit der lebensweltlichen Vorstellung von Authentizität als Treue zu einem wahren Selbst hat dies aber nichts zu tun: Ein wahres Selbst gibt es bei Paul nicht. Ihr geht es lediglich um ein Festhalten an der subjektiven Ersten-Person-Perspektive.

Rationalität ist bei Paul prozedural konzipiert. Wer in einer Wahlsituation die Prozeduren der Standardtheorie rationaler Wahl einhält, entscheidet rational. Ausgangspunkt sind hierbei die eigenen Präferenzen. Angesichts von Transformationen die Präferenzen des aktuellen Selbst in die Wahlprozedur einzuspeisen, birgt allerdings das Risiko, das nachfolgende transformierte Selbst mit seinen völlig anderen Präferenzen ins Unglück zu stürzen. Deshalb die Gegenwart zu überspringen und gleich mit der Zukunft anzusetzen, kommt aber auch nicht in Frage, denn die Transformation versperrt die Erkenntnis der zukünftigen Präferenzen. Was nun?

Paul variiert die Standardtheorie rationaler Wahl, indem sie eine Metaebene einführt, und zwar in Form von Präferenzen, die sich auf Präferenzen beziehen. Solche Präferenzen zweiter Ordnung müssen erfahrungsunabhängig sein. Für ihre Theorie definiert Paul exakt zwei solche Präferenzen: die Präferenz für das Beibehalten der bisherigen Präferenzen des aktuellen Selbst und die Präferenz für die Entdeckung neuer Präferenzen eines neuen Selbst. Kurz gesagt sind dies die Präferenzen für Neophobie und für Neophilie. Mit diesen Präferenzen kann eine Entscheidung gefällt werden, ohne vorab wissen zu müssen, wie sich die möglichen Optionen anfühlen werden. Die Entscheidung für oder gegen ein neues Selbst ist auf der Metaebene prozedural-rational und zugleich authentisch möglich.

Paul nennt diese Auflösung des Dilemmas die revelation-Lösung, weil jede Transformation eine revelation, das Offenbarwerden bzw. die Entdeckung, eines neuen Selbst bringt. Der größte Einwand gegen diese Lösung ist, dass sie der existenziellen Dimension von transformativen Entscheidungen nicht gerecht wird. Pauls Lösung wurde scharfzüngig als ein Fetisch für Abenteuer kritisiert. Wir können unserem Leben damit weder Inhalt noch Richtung geben. In der bisherigen philosophischen Diskussion von Pauls Theorie klaffen zwei Lücken. Zum einen wird die von Paul vorausgesetzte Theorie prozeduraler Rationalität als alternativlos hingenommen, zum anderen hinterfragt kaum jemand die von Paul vertretene Abfolge distinkter Selbste.

Die bei Paul in der Wahlsituation ausgelassenen inhaltlichen Bestimmungen von Zielen und Zwecken des Lebens stehen im Zentrum substanzieller Rationalitätskonzeptionen. Damit eine Entscheidung als rational gelten kann, müssen Gründe zu ihrer Rechtfertigung vorliegen. Hier kann zwar nicht mehr als das unter den gegebenen Umständen Mögliche gefordert werden, aber auch nicht weniger, denn Rationalität ist normativ, sie stellt Ansprüche an den Menschen. Dazu gehört, dass Entscheidungen dazu beitragen, das Gelingen des Lebens zu fördern.

Ein Beispiel für ein Handeln, das mit Gründen gerechtfertigt ist, ist Odysseus’ Schiffspassage der Sirenen. Odysseus will den Gesang der Sirenen hören, aber keinesfalls bei ihnen sterben. Der Tod droht aber, wenn die durch den Gesang unweigerlich aufkommende Präferenz für einen Landgang in die Tat umgesetzt würde. Um das zu verhindern, lässt Odysseus sich an seinen Schiffsmast binden. Mit der Bindung legt er sich rational auf seine aktuellen Präferenzen fest. Präferenzen sind also kein Schicksal, dem man ausgeliefert wäre, sondern offen für Reflexion und Regulation. Auch angesichts von Transformationen sind inhaltliche Bestimmungen, ein Sich-Binden und Wertungen möglich.

Werte lassen sich in einer subjektiven und einer objektiven Variante denken. Bei Paul begründet die subjektive Bewertung von Neophilie und Neophobie die transformative Entscheidung. Es wird subjektiv bewertet, ob man die neophile oder die neophobe Alternative rein um der Erfahrung willen erleben will. Objektive Theorien besagen dagegen, dass das zu wählen ist, wofür Evidenz spricht. In dieser Sicht kommen wahre Überzeugungen über die eigene Person als gründe-gebend für eine Wahl in Betracht. Möglichst sichere Selbsterkenntnis ist nicht einfach zu erlangen, aber wichtig, da falsche Überzeugungen hinsichtlich der eigenen Person kontraproduktive Entscheidungen nach sich ziehen können. Die Rationalität der Überzeugungen hängt vom Grad der Übereinstimmung mit den Tatsachen und von den Beziehungen der Überzeugungen untereinander ab. Vernetzte Überzeugungen können wichtige Fragen in Lebensentscheidungen beantworten. Z.B. Welche Talente habe ich? Wie steht es um meine Gesundheit? Welche Fähigkeiten habe ich? Welche Emotionen? Wie deute ich die Welt? Wer mit solchen Selbsterkenntnissen beginnt, immer zahlreichere zutreffende vernetzte Überzeugungen von sich erlangt und daraus begründete Wünsche und Präferenzen entwickelt, kann in der Wirklichkeit verankert entscheiden.

Die Bemühung um evidenz-relative, rationale Selbsterkenntnis mag kopflastig wirken, aber das ist ein Missverständnis. Der nach Selbsterkenntnis strebende Mensch ist authentisch, indem er sich selbst rational zu erkennen sucht. Und er ist rational, weil dieses Streben ein authentischer Prozess ist.

Da Menschen sich selbst nicht vollkommen transparent sind, sollte eine Theorie der Selbsterkenntnis entsprechend geerdet sein. Anthropologisch angemessen argumentiert beispielsweise Quassim Cassam. Er berücksichtigt die menschliche Fehlbarkeit, die Gefahr von Anfechtungen und Selbst-Idealisierungen. Um diesen Rechnung zu tragen, hat er eine inferentialistische Theorie des Selbstwissens entwickelt. Hier wird von Indizien auf vorhandene Überzeugungen geschlossen. Als Indizien führt Cassam beispielsweise Verhaltensweisen, Emotionen und psychologische Prozesse an. Die daraus abgeleiteten Überzeugungen über die eigene Person können sich gegenseitig stützen und durch Schlussfolgerungen auch Überzeugungen begründen, für die selbst kein direktes Beweismittel vorliegt. Solches Selbstwissen ist inferentiell, holistisch und basiert auf Evidenz. Da Präferenzen nur einen Bruchteil aller Überzeugungen ausmachen, stürzt die Rechtfertigung der Wahl auch durch einen radikalen Präferenzwechsel wie in einer transformativen Erfahrung nicht in sich zusammen. Wer Rationalität substanziell begreift, kann andere Gründe für seine transformativen Lebensentscheidungen angeben. Und diese Gründe sind angesichts des inhaltlichen Gehalts der Selbsterkenntnis nicht nur rational, sondern auch authentisch. Pauls Dilemma ist damit lebensnah auflösbar. Eine zielgerichtete Lebensführung wird möglich. Allerdings besteht dabei die Gefahr, nur an sich selbst Maß zu nehmen.

Hier kann die christliche Perspektive etwas einbringen, was in einer rein säkularen Betrachtung von Lebensentscheidungen zwar auch einen Platz hat, aber nicht dieselbe Bedeutung: die Zweite-Person-Perspektive. Wir alle leben in Beziehungen zu anderen Menschen. Wir interagieren, sprechen auch über Lebenspläne. Wir erfahren Widerspruch und Zustimmung, und wir lernen uns in Beziehungen auch besser selbst kennen. Mit der Zweiten-Person-Perspektive ist dieses dialogische und erkenntnisreiche Beziehungsgeschehen angesprochen. Die Beziehung zu Gott ist allerdings etwas Unvergleichliches.

Der Glaube an den trinitarischen Gott stellt einschneidende Lebensentscheidungen in einen völlig anderen Horizont, einen von Liebe bestimmten objektiven Horizont. Transformative Erfahrungen, selbst gewählte und auch unfreiwillige, sind für Gläubige in ihre Gottesbeziehung eingebettet. Pauls Fokus auf die Fragen „Wie fühlt sich die Erfahrung für mich an?“ und „Welchen Wert hat sie für mich?“ wird dann von anderen Fragen abgelöst „Welchen Wert hat die Erfahrung bei Gott?“, „Vertieft oder lockert die Erfahrung die Gottesbeziehung?“, „Hilft diese Erfahrung, meine Berufung zu leben?“

Berufung ist in christlicher Perspektive als Erstes die Berufung zur ewigen Gemeinschaft mit Gott im Himmel als Letztziel, dazu kommen individuelle Berufungen. Berufungen sind die von Gott zugesprochene Verantwortung, eine bestimmte Person zu sein bzw. zu werden. Dazu bietet Gott seinen Geschöpfen ein Spektrum von Aufgaben an. Dies sind nicht nur ganz spezifische Aufgaben, sondern auch weit gefasste Aufgaben, mit denen der Mensch die liebevolle Sorge für Gutes übernimmt und teilhat an Gottes Liebe für seine Schöpfung.

Leider ist der Mensch anfällig für Destruktion. Auch sich als christlich bezeichnende Personen können in ihrer Lebensführung völlig fehl gehen. Die Selbstetikettierung als „christlich“ sagt noch nichts darüber aus, ob der Mensch sich wirklich auf Gott hin ausstreckt oder ihm Widerstand leistet. Doch die Hinwendung zu Bösem widerstreitet der grundlegenden Gutheit Gottes, der den Menschen als sein Geschöpf ebenbildlich geschaffen hat. Deshalb geht die Hinwendung zu Bösem mit innerer Zerrissenheit des Selbst einher. Innere Zerrissenheit bedeutet, dass ich Teile meines eigenen Selbst vor mir selbst verberge und ich dadurch mich nicht voll und ganz in Beziehungen hineingeben kann. Die Beziehungsfähigkeit zu den Mitmenschen und zu Gott wird dadurch eingeschränkt.

Herzenswünsche der Person, wenn sie sich auf Gutes bzw. Gott richten, bieten die Chance, aus der Zerrissenheit ein Stück weit herauszukommen. Herzenswünsche sind Wegweiser bei der Suche nach der eigenen Berufung. Sie wirken als persönliche Festlegungen und haben einen normativen Sog, ihre Erfüllung ist aber nicht für gelingendes Leben notwendig. Der Mensch sollte vielmehr neophil offen für die Transformation seiner Herzenswünsche sein, weil das objektiv Gute nicht nur der Maßstab für die subjektiven menschlichen Wünschen ist, sondern diesen auch vorausliegt. Dies ist ein Unterschied zu der Vorstellung, dass Wünsche aus sich heraus Begründungen seien. Subjektive Herzenswünsche lassen sich eher als hinführende Sinnbausteine auf dem Weg zum objektiv guten Letztziel Gott verstehen.

Zum Abschluss kommen die Umformungen der subjektiven Herzenswünsche, wenn sie mit der objektiven Berufung konvergieren. Dabei wird die von Gott intendierte einzigartige Persönlichkeit immer sichtbarer. Bei sich selbst ankommen kann der Mensch nur in der Ausrichtung auf das Gute und die Liebe und damit in der bewussten oder unbewussten Ausrichtung auf Gott, der die Liebe selbst ist. Verstrickungen in Böses dagegen sind Fesseln. Wahrhaft autonom lebt der Mensch deshalb nur, wenn er bewusst oder unbewusst auf Gott hin lebt. Dabei hilft Vertrauen.

Lebensentscheidungen mit Gottvertrauen zu fällen, ist rational, weil dies auf erstpersonaler Selbsterkenntnis beruht und zweitpersonal vermitteltes, personales Wissen und Gottes Berufung einschließt. Lebensentscheidungen mit Gottvertrauen sind außerdem authentisch, weil gerade auf diese Weise das Selbst bei sich ist, indem es auf Gott hin unterwegs ist. Die Lebensführung ist in einem ersten Prinzip verankert. Dies ist die Liebe, d.h. Christus selbst. Transformative Lebensentscheidungen mit Gottvertrauen zu fällen, löst aber nicht alle Probleme. Auch Gläubige erliegen Irrtümern und fällen falsche Entscheidungen. Sie bleiben anfällig für Böses und Leid. Das Leben wird auch ihnen abenteuerliche Überraschungen bringen, aber der Horizont ist ein anderer. Selbst im Scheitern bleibt das Letztziel des Menschen Gott. Die christliche Person hofft trotz aller Widrigkeiten auf die Auferstehung und Einswerdung mit Gott.


Literatur

  • Thorbergsson, Jutta: Einschneidende Lebensentscheidungen. Rationalität vs. Authentizität in der Theorie der Transformativen Erfahrung von Laurie A. Paul, Weilerswist 2024.
  • Paul, Laurie A.: Transformative Experience, Oxford 2014.
  • Paul, Laurie A.: Was können wir wissen, bevor wir uns entscheiden? Von Kinderwünschen und Vernunftgründen, übersetzt von Jürgen Schröder, Nachwort von Sascha Benjamin Fink, Ditzingen 2020.

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