Wir Natürlichen

Eine Ende des Hypes um Künstliche Intelligenz ist bislang noch nicht abzusehen. Gleichwohl mangelt es nicht an kritischen Stimmen, die Bedenken an der neuen Technologie formulieren – insbesondere in ethischer und sozialer sowie ökologischer Hinsicht. Ein Unbehagen an der KI geht zudem auf die Tatsache zurück, dass durch sie der Unterschied zwischen Mensch und Maschine, Natürlichkeit und Künstlichkeit zu verschwinden droht. In seinem Beitrag für das Velbrück Magazin geht der Philosoph und Rechtswissenschaftler Lorenz Engi der Frage nach, warum wir dem Natürlichen überhaupt einen gesonderten Status einräumen.

Wir Natürlichen

Von Lorenz Engi

Die Künstliche Intelligenz macht auf die Unterscheidung von »natürlich« und »künstlich« aufmerksam. Etwas, was natürlich war – die Intelligenz –, nimmt nun, wie es scheint, teilweise eine künstliche Form an. Die Grenze zwischen dem Artifiziellem und Nicht-Artifiziellem, zwischen Gemachtem und natürlich Gewordenem verschiebt sich. Das Aufkommen der KI markiert hierbei eine besondere Etappe. Mit ihr dringt Künstlichkeit in Bereiche vor, die bislang als genuin und per definitionem ausschließlich menschlich betrachtet wurden. Diese Expansion des Künstlichen löst teilweise Faszination, aber auch Unbehagen aus. Sie scheint das Natürliche zu bedrohen, dem wir eine besondere Stellung beimessen und zu dem wir eine Affinität besitzen. Namentlich im Bemühen um den Schutz der Umwelt kommt dies zum Ausdruck. Aber worin genau der besondere Status des Natürlichen, wenn es ihn denn gibt, begründet liegt, bleibt zu fragen. Und immer ist die richtige Haltung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, die beide das menschliche Existieren bestimmen, zu finden.

I.

Die Künstliche Intelligenz tut Dinge, von denen wir angenommen hatten, dass sie nur Menschen zu tun vermögen. Sie schreibt Texte, komponiert Musikstücke, erstellt Bilder. Dass Maschinen manuelle Vorgänge übernehmen, ist altbekannt und vertraut. Da diese in einer ähnlichen Weise auch von anderen Lebewesen als Menschen vollbracht werden und als eher »niedrig« angesehen werden, beunruhigte das meist nicht allzu sehr. Dass die Technik uns aber in Bereichen substituiert, die das besonders Menschliche auszumachen scheinen, dass sie geistige Leistungen zu erbringen vermag, verblüfft und verunsichert. Gegenwärtig ist nicht klar, wie weit das kreative Vermögen von Künstlicher Intelligenz reicht und dereinst reichen wird. Einstweilen reproduzieren die Programme im Wesentlichen Dinge, die ursprünglich von Menschen gemacht wurden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass sie Emergenz entwickeln, also selbständig neue Dinge entwickeln können.

Qualitativ erreichen die Erzeugnisse von Künstlicher Intelligenz teilweise bereits das Niveau menschlicher Produkte. Gleichwohl bestehen wir, zumindest im Moment, auf dem Unterschied zwischen künstlich und natürlich Hervorgebrachtem und setzen häufig eine Präferenz bei Letzterem. Das macht sich etwa bei künstlicher Musik oder künstlich hergestellter Kunst bemerkbar. KI-generierte Musikerinnen und Musiker wie beispielsweise der Sänger Ben Gaya oder digital geschaffene Influencerinnen wie Lil Miquela erreichen beachtliche Zugriffs- und Followerzahlen, doch sind diese von denen menschlicher Individuen noch weit entfernt. Das Werk mit dem Titel »AI-God« der Roboter-Künstlerin Ai-Da wurde im Herbst 2024 für über eine Million Euro verkauft. Das ist ein höchst beachtlicher Wert, und doch noch um einiges entfernt von den Preisen, welche die kostbarsten menschlichen Bilder erzielen.

Dass die Differenz zwischen Künstlichem und Natürlichem nach wie vor ins Gewicht fällt, darauf deuten zum Beispiel auch Entwicklungen auf dem Markt für Diamanten hin. In den letzten Jahren sind die Preise für Diamanten erheblich gesunken. Ein Grund dafür ist die zunehmende Verbreitung synthetischer Diamanten. Diese werden im Labor hergestellt, analog zu den Prozessen, durch welche Diamanten auf natürliche Weise entstehen. Chemisch und physikalisch sind sie mit natürlichen Diamanten identisch. Die zunehmende Beliebtheit von Labordiamanten deutet darauf hin, dass der Aspekt der Künstlichkeit an Gewicht verlieren könnte. Allerdings erreichen die synthetischen Diamanten nach wie vor bei weitem nicht die Preise von natürlichen Diamanten. Obwohl äußerlich das Gleiche vorliegt, bewerten die meisten Menschen das natürlich Entstandene höher.

II.

Auf eine ganz grundsätzliche und umfassende Weise lässt sich der besondere Wert, den wir dem Natürlichen zumessen, am Umweltschutz verdeutlichen. Es ist allgemein anerkanntes Ziel, dass die natürliche Umwelt geschützt werden soll. Aber warum eigentlich ist dies wichtig? Es lassen sich verschiedene Gründe anführen. Beispielsweise lässt sich sagen, dass wir die Natur schützen, weil dies unserem eigenen Wohl dient. Geht die Natur kaputt, so nehmen damit auch unsere eigenen Lebensgrundlagen Schaden. In der Natur ist medizinisches und biologisches Wissen enthalten, das der menschlichen Gesundheit zugutekommt. Eine schwerwiegende Schädigung der Natur hat negative Auswirkungen auf die Menschen und ihr Wohlergehen (wie es der One-Health-Ansatz besagt). Ein anderer Grund liegt in der Schönheit der Natur. Wir haben gute Gründe, uns für den Erhalt der Natur einzusetzen, weil sie schön und eindrücklich ist. Diese Begründungen sind plausibel, haben aber den Nachteil, anthropozentrisch zu sein. Eigentlich geht es bei ihnen nur um unsere Interessen[1].

Eine andere Sichtweise sieht die Bedeutung der Natur in ihrem spezifischen Entstehungsprozess begründet. Die natürlichen Dinge sind, wie beispielsweise Robert E. Goodin hervorhebt, auf natürliche Weise entstanden, nicht auf künstliche[2]. Gewiss ist heute auch ein Teil der Natur in gewisser Weise künstlich, indem Wälder beispielsweise planmäßig angelegt und gehegt, Flüsse begradigt werden und so weiter. Die meiste uns umgebende Natur ist »gemachte Natur«[3]. Gleichwohl ist bei den natürlichen Dingen ein Moment des eigenständigen Wachsens und Gedeihens, der spontanen Entwicklung stets gegeben, so dass sie nicht in einer Weise beherrschbar sind wie künstliche Dinge[4]. Natürliche Entitäten können bestimmt werden als Entitäten, die natürlichen Ursprungs sind, also nicht durch menschliche Produktion geschaffen wurden[5].

Ronald Dworkin erzählt in seinem Werk »Religion ohne Gott« folgende Geschichte: Jemand sieht zum ersten Mal den Grand Canyon. Die Person ist sehr beeindruckt und überwältigt. Nun erfährt sie, dass der Canyon vor ein paar Jahren von ein paar Ingenieuren und Architekten des Disney-Konzerns angelegt wurde, um ihn zum Schauplatz des größten Themenparks aller Zeiten zu machen. Die staunende Begeisterung des Betrachters ist auf einen Schlag dahin. Der Grand Canyon hat sich äußerlich auf keine Weise verändert. Doch ist die Betrachtung, wenn sich das natürliche Gebilde als künstlich geschaffen entpuppt, eine andere. »Nicht nur gibt es in der Natur Dinge, die inhärent schön sind«, so Dworkin, »sondern es ist die Natur, und nicht die Intelligenz oder das Geschick der Menschen, die diese Dinge hervorgebracht hat. Und das macht ihren Zauber aus.«[6]

»Zauber« ist ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang Beachtung verdient, besonders auch, weil es auf sein Gegenstück, die »Entzauberung« verweist. Die moderne Rationalität ist mit einer grundlegenden Veränderung verknüpft, die Max Weber auf diesen Begriff gebracht hat[7]. Das Voranschreiten der Technik im Besonderen vernichtet das Zauberhafte, lässt die Dinge banaler werden. Die Vorgänge, die einst mit viel Enthusiasmus, Freude, auch Kummer und Trauer verbunden waren, werden simpel und unaufregend. Was beispielsweise irritiert, wenn eine KI ein Musikstück komponiert, ist die ungeheure Banalität, die Mühelosigkeit des Vorgangs. Das kann eigentlich nicht sein! Das Schöne an der Musik, an der Kunst, war und ist auch der mühevolle, schwierige Weg der Komposition, des Sich-Hineinbegebens in die Kreativität. Selbst wenn Künstliche Intelligenz Musik hervorbringen kann, die im Ergebnis mit derjenigen vergleichbar ist, die Menschen komponieren, fehlt dieser Entstehungsprozess. Kunst ist nie ganz technisch – nie ganz künstlich, könnte man sagen –, sie besteht nicht einfach in der Herstellung eines Produkts, sondern beruht auf einer menschlichen Investition, die dem Kunstwerk ein besonderes Gepräge, eine »Seele« verleiht.

Auch solche Wertzuschreibungen haben eine anthropozentrische Note. Letztlich sind es wir, die die besonderen Resonanzerfahrungen machen möchten, die mit dem Natürlichen verbunden sind. Da wir aus menschlicher Warte auf die Welt blicken, streifen wir diese Bezogenheit nie ganz ab. Der Eigengesetzlichkeit des Nicht-Gemachten kann aber auch ein gewisser objektiver Wert zugeschrieben werden, besonders deshalb, weil die Erhaltungsfähigkeit der Welt mit einer Balance zwischen Natürlichem und Künstlichem zusammenhängt.

III.

Was nicht gemacht ist, ist der Mensch. Wir sind Produkte der Natur, wir gehören kategoriell dem Bereich des Gewordenen, nicht dem des Gemachten an. Nur so können wir uns auch gleichberechtigt begegnen. Anfang der 2000er-Jahre wurde intensiv über Gentechnologie diskutiert und in diesem Zusammenhang auch über die Möglichkeit, dass Menschen bewusst mit bestimmten Eigenschaften gewählt und geschaffen werden könnten. Jürgen Habermas hat darauf aufmerksam gemacht, dass damit eine fundamentale Asymmetrie in die menschlichen Beziehungen einzöge. Das Kind, das nach bestimmten Wünschen erzeugt wäre, befände sich in einer irreversiblen Abhängigkeit von seinem Designer, die nie verschwände, sondern sein ganzes Dasein prägte[8]. Dass wird nicht nur voneinander abstammen, sondern auch einen Grund in einem neutralen Dritten, der Natur, haben, impliziert eine basale Egalität der menschlichen Individuen.

Gleichzeitig ist der Mensch auch der Verfügende. Er ist es, der in die Natur eingreift. Er muss dies tun, denn er braucht beispielsweise Kleidung oder Wohnstätten. In völliger Harmonie mit der Natur können Menschen schwerlich leben, sie sind zum Eingreifen in die Natur quasi verdammt. Eine bestimmte Machbarkeits- und Zivilisationskritik, die in den Fußstapfen Rousseaus menschliche Interventionen in die Natur verurteilt, verkennt dies. Zum menschlichen Dasein gehören in einem bestimmten Maß das Machen und die Machbarkeit. Eine menschliche Gattung, die beispielsweise im Bereich der Medizin nicht bewusst in natürliche Geschehnisse eingreifen würde, verkennte sich selbst. Kultur, lässt sich zugespitzt formulieren, ist die Natur des Menschen[9]. Der Mensch sei von Natur aus künstlich, formuliert Plessner[10].

Die menschliche Vernunft ist der Natur entsprungene Vernunft[11]. Alles, was Menschen zu tun vermögen, beruht auf der Natur. So steht der Mensch quasi auf der Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit, zwischen »geworden« und »gemacht«. Die Trennung dieser Bereiche geht sozusagen durch ihn hindurch. Eine Spannung, vielleicht eine Zerrissenheit zwischen diesen beiden Bereichen wird er nie ganz los. Menschen ringen um eine Balance zwischen den beiden Polen, und sie können keines der beiden Elemente je loswerden, ohne das Menschsein selbst zu verneinen. Die Künstliche Intelligenz, um auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen, erreicht das Menschliche darin nicht. Ihre Künstlichkeit markiert eine kategoriale Differenz – was immer KI »kann«. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Grenze zwischen Natürlichem und Künstlichem sich auflöst. Im Gegenteil wird sie durch die Künstliche Intelligenz gerade akzentuiert.

Unübersehbar ist indes, dass die Balance – um diese Metaphorik nochmals aufzunehmen – zwischen Artifiziellem und Natürlichem individuell und kollektiv immer größere Mühe bereitet. Völlig ins Künstliche verstrickt, finden wir den Zugang zum Natürlichen schwerer. Es zeigen sich Neigungen, das natürlich Gegebene immer barbarischer zu behandeln, wie Hannah Arendt annahm[12]. Aber auch Tendenzen der Idealisierung und Verabsolutierung der Natur sind vorhanden. Ein gelingender Naturzugang jedoch kann die Verwobenheit mit dem Artifiziellen nicht ausblenden – wie auch umgekehrt ein vernünftiger Umgang mit dem technischen Potential vom Bewusstsein begleitet ist, dass wir natürliche Wesen sind. Die Dynamik ergibt sich aus der Gegensätzlichkeit, auch hier[13].

***

Lorenz Engi ist Privatdozent für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität St. Gallen. Bei Velbrück Wissenschaft ist von ihm erschienen: Die Würde der Verletzlichen (2022).


[1] Vgl. John Rawls, Politischer Liberalismus, Frankfurt a.M. 2003, S. 352.

[2] Robert E. Goodin, Green Political Theory, Cambridge 1992, S. 27.

[3] Dietmar von der Pfordten, Ökologische Ethik. Zur Rechtfertigung menschlichen Verhaltens gegenüber der Natur, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 68–70.

[4] Vgl. von der Pfordten, a.a.O., S. 69.

[5] Katia Henriette Backhaus, Nachhaltige Freiheit. Elemente einer ökologischen politischen Philosophie, Frankfurt a.M. 2020, S. 168.

[6] Ronald Dworkin, Religion ohne Gott, Berlin 2014, S. 48.

[7] Max Weber, Wissenschaft als Beruf, in: Gesamtausgabe, hrsg. von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Birgitt Morgenbrod, Band 17, Tübingen 1992, S. 49–111, 87.

[8] Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur – Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?, Frankfurt a.M. 2001, S. 105–114.

[9] Volker Gerhardt, Partizipation – Das Prinzip der Politik, München 2007, S. 51, 172.

[10] Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch, Gesammelte Schriften IV, Frankfurt a.M. 1981, S. 385. Schon Burke meinte: »Art ist man’s nature« (An Appeal from the New to the Old Whigs, London 1791, S. 108).

[11] Vgl. Jürgen Habermas, »Ich selber bin ja ein Stück Natur« – Adorno über die Naturverflochtenheit der Vernunft. Überlegungen zum Verhältnis von Freiheit und Unverfügbarkeit, in: ders., Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a.M. 2005, S. 187–215.

[12] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 10. Aufl., München/Zürich 2005, S. 621 f.

[13] Vgl. Philippe Mastronardi, Die Frage des Menschen, Band 2, Zug 2024, S. 52 f. (zu Heraklit).

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