Mit seinem 1958 erschienenen Werk Aesthetics legte der amerikanische Philosoph Monroe C. Beardsley in der noch jungen analytischen Philosophie den Grundstein für die Auseinandersetzung mit der philosophischen Ästhetik. Der jüngst bei Velbrück Wissenschaft erschienen Band »Was sind ästhetische Objekte?« liefert erstmals eine deutsche Teilübersetzung des ersten Abschnittes von Beardsleys umfangreicher Studie. Mit Luca Viglaloro spricht Herausgeber und Übersetzer Alexander Averhage für das Velbrück Magazin über Bedeutung und Aktualität von Beardsley Werk.
Das Buch:

Alexander Averhage
Was sind ästhetische Objekte?
Monroe C. Beardsley und die analytische Ästhetik
- In der Reihe »Ästhetisches Denken«
- 1. Auflage 2025
- 20 cm x 12,5 cm
- broschiert
- 156 Seiten
- ISBN 978-3-95832-380-3
- 20,00 € *
Buchtext:
Mit seinem 1958 erschienenen Werk Aesthetics legte Monroe C. Beardsley in der noch jungen analytischen Philosophie den Grundstein für die Auseinandersetzung mit der philosophischen Ästhetik. Der vorliegende Band liefert erstmals eine deutsche Teilübersetzung des ersten Abschnittes von Beardsleys umfangreicher Studie. Ergänzt wird der Text um Passagen aus dem in der zweiten Auflage von 1980 erschienenen Nachwort, in dem der amerikanische Philosoph weitere Überlegungen zu und Kritiken an der eigenen Arbeit formuliert. Im Zentrum der Textausschnitte sowie des begleitenden Aufsatzes von Alexander Averhage steht die Frage: Was sind ästhetische Objekte?
Das Buch erscheint in der Reihe »Ästhetisches Denken | Sammlung«, herausgegeben von Luca Viglialoro. Infos zur Reihe finden Interessierte am Ende dieses Beitrags und unter folgendem LINK.
Link zum Buch: Was sind ästhetische Objekte?
Leseprobe
Ausschnitt aus Kapitel 1: Einführung der deutschen Übersetzung der Aesthetics von Monroe C. Beardsley:
I. Einführung
Es gäbe keine Probleme der Ästhetik – in dem Sinne, in dem ich vorschlage, diesen Bereich der Studie abzugrenzen –, wenn niemand jemals über Kunstwerke sprechen würde. Solange wir einen Film, eine Geschichte oder ein Lied in aller Stille genießen – außer vielleicht dem gelegentlichen Grunzen oder Stöhnen, Gemurmel der Verärgerung oder Befriedigung –, gibt es keinen Grund zur Philosophie. Sobald wir uns aber über das Werk äußern, können verschiedene Arten von Fragen auftauchen.
So wird zum Beispiel in der Besprechung der Ausstellung eines britischen Malers in einer Kunstzeitschrift über die Vielfalt der Formen berichtet, die in seinen Gemälden auftauchen, einschließlich von
»auch ganz offenkundigen Ziffern, die einfach so hineingeworfen werden. Manchmal zeigen diese lediglich das Datum an – obwohl sie nicht aus diesem Grund so plakativ in Davies Design einbezogen wurden, sondern weil sie ganz einfach als Symbole derart primär, derart offensichtlich sind. Sie fungieren in der Komposition als Symbole von Symbolen – und Davie ist, wie so viele andere wichtige zeitgenössische Künstler, mehr darauf bedacht, die Tatsache auszudrücken, dass sein Werk aus Symbolen besteht, als diese Symbole etwas Bestimmtes symbolisieren zu lassen. Darüber braucht man sich nicht zu wundern: Es ist einfach das Ergebnis der Besessenheit von jenem tiefen Sinn für die Realität, von dem der wahrhaft schöpferische Künstler in jeder Epoche immer wieder heimgesucht wird. […] Seine Wahrnehmung der Realität dessen, was er wahrnimmt, zu zelebrieren – das ist das Ziel des Künstlers beim Malen. Es gibt also nichts Esoterisches an den unentzifferbaren Krypto-Symbolen, die sich an Alan Davie vorbei und auf seine Leinwände drängen.«
Wie können die Ziffern »Symbole« sein, wenn sie nichts »Spezifisches« symbolisieren, und wie können sie »Krypto-Symbole« sein, wenn sie nicht »esoterisch« sind? Was ist ein Symbol in einem Gemälde, und vor allem, was sind »Symbole von Symbolen«? Wie hängen die Symbole des Malers mit seinem »tiefen Sinn für die Wirklichkeit« zusammen und was bedeutet das Wort »Wirklichkeit« in diesem Zusammenhang? Wenn dieser Wirklichkeitssinn und das Ziel, die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu »zelebrieren«, Malern aller Epochen gemeinsam sind, wie kommt es dann, dass der Wunsch, irgendwie symbolisch zu sein, ohne sich darum zu kümmern, was man symbolisiert, ein besonderes Merkmal der zeitgenössischen Künstler ist?
Ein Rezensent einer Literaturzeitschrift kommentiert einen neuen Roman:
»Wenn ein amerikanischer Schriftsteller versucht, in die Gedankenwelt einer fremden Kultur einzutauchen, ist es für den Leser wichtig zu wissen, ob der Autor gewissenhaft ist. Schreibt der Romanautor wirklich, wie Hemingway sagen würde, oder ist er oder sucht er lediglich nach pittoresken (und irrelevanten) Symbolen für seine eigenen privaten Fantasien?
Bei der Lektüre von Robert Ramseys bewundernswertem Roman [Fiesta] über das heutige Mexiko braucht der Leser nun keine Befürchtungen zu haben. Der Roman von Herrn Ramsey ist authentisch. Er handelt nicht von den eigenen Erfahrungen des Autors. Er hält sich an die mexikanische Erfahrung, und die Anwesenheit des Autors ist nur als Gewissen am wirken. Das ist eine beruhigende Art der Präsenz.«
Warum ist es für den Leser wichtig zu wissen, ob der Autor »gewissenhaft« ist oder nicht? Und warum ist es für den Leser wichtig zu wissen, dass der Roman »authentisch« ist? In der Tat: Wie kann der Leser (oder der Rezensent) das überhaupt herausfinden? Was bedeutet es, zu sagen, dass in dem Roman ein »Gewissen am Werk« ist, und was ist der Beweis für diese Aussage?
Ein Plattenkritiker bespricht die Sinfonien von Anton Bruckner:
»Bruckner scheut sich nicht, am Ende seines ersten Themas stehenzubleiben und dann sein zweites Thema ohne jedwede höfliche oder schmeichelnde Passage aufzugreifen. Er verwendet oft lange Unisono-Abschnitte ohne harmonische Verzierungen – ein Verfahren, das dem eingefleischten Bruckner-Liebhaber als äußerst kühn erscheint, beim ersten Hören aber manchmal grob klingt. Wenn Bruckner einen großen, barocken Satz zu Ende bringt, hämmert er ihn oft mit Punkten und Ausrufezeichen, und er ist ein großer Verfechter davon, Sequenzen beim Aufbau seiner mächtigen Höhepunkte zu verwenden. Bei einem weniger genialen Komponisten könnten diese Angewohnheiten entweder als undifferenziert oder arrogant erscheinen. Aber sie sind ein wesentlicher Bestandteil von Bruckners musikalischer Personalität, und gerade ihr Mangel an Raffinesse steht in engem Zusammenhang mit der Ernsthaftigkeit, der großen Aufrichtigkeit und dem sorgfältigen Bemühen um die Vermittlung edler und einfacher Ideen, die Bruckner bei denjenigen beliebt machen, die mit seiner Musik vertraut sind.«
Was ist mit »harmonischen Verzierungen«, »Barock« und »Sequenzen« gemeint? Warum sollten Wagnisse in der Musik erstrebenswert sein? Wie können musikalische Gewohnheiten, die der Rezensent bei anderen Komponisten offenbar als Fehler ansieht, durch Bruckners Schärfe und Ehrlichkeit in Vorzüge verwandelt werden? Und auf welche denkbare Weise kann Musik ohne Worte »edle und einfache Ideen vermitteln«?
Es wäre leicht, viele andere Fragen zu diesen Zitaten zu stellen, die reich an unklaren Begriffen und anfechtbaren Behauptungen sind. Sie werden hier nicht als abschreckende Beispiele angeführt und wie typisch sie sind, muss an dieser Stelle nicht erörtert werden: Das wäre auch schwer zu entscheiden, denn der Diskurs über Kunst reicht von Passagen, die die subtilsten Einsichten und feinstes Urteilsvermögen verkörpern, hin zu Passagen, die ein Niveau prätentiöser Unverständlichkeit erreichen, das in anderen Bereichen nicht toleriert, geschweige denn als vorteilhaft gepriesen würde. Aber die drei oben aufgeführten Passagen und die daran anschließenden Fragen veranschaulichen einige der Rätsel, die einen nachdenklichen Leser beschäftigen können. Es sind solche Rätsel, die das Thema der Ästhetik auf den Plan rufen.
Publikationsreihe
»Ästhetisches Denken«
Herausgegeben von Luca Viglialoro
Was ist Ästhetik heute? Neue Entwicklungen in ihrem Gegenstandsbereich sowie im wissenschaftlichen Diskurs haben Idee und Bedeutung der Ästhetik als philosophischer Disziplin signifikant erweitert. Worüber denkt sie nach? Was zeichnet sie als Denkweise aus? Und wer kann zu ihren Vertretern gezählt werden?
Die neue Reihe »Ästhetisches Denken« sucht Antworten auf diese Fragen. Unter der Überschrift »Sammlung« greift sie dazu auf den Traditionsbestand der Ästhetik zurück – die Klassiker – und konfrontiert ihn mit aktuellen Debatten. Gegenwärtige Fragen der Ästhetik und der Kunstphilosophie werden durch das Prisma maßgeblicher Texte betrachtet. Diese werden vollständig oder in ausgewählten Auszügen den Lesern in handlichem Format neu zugänglich gemacht. Durch wechselnde Herausgeber editiert und von diesen mit kontextualisierenden Begleittexten versehen, sollen sie dem interessierten Publikum Ursprünge, Themen und Potenziale, aber auch Probleme der Ästhetik offenlegen.
Die Bände der »Sammlung« bieten Einsteigern eine Einführung in einen Grundlagentext und in eine konkrete Thematik der Ästhetik, Kennern hinterfragende, auch provokante Thesen zur Theoriebildung und ein Forum, in dem über Möglichkeiten und Grenzen, Formen und Inhalte der Ästhetik sowie darüber diskutiert werden kann, welche Werke zu ihrem Kanon gerechnet werden können – ein Kanon, der stets neu zu bewerten und weiter aufzubauen ist. Auf diese Weise vermittelt die Reihe ein zeitgemäßes Verständnis von Begriff und Sache, Geschichte und Gegenwart der Ästhetik. In Planung befinden sich Bände unter anderem zu Siegfried Kracauer, Martin Heidegger, Benedetto Croce, Édouard Glissant, Martin Buber, Denis Diderot und Alexander Baumgarten.
Ergänzt werden die Editionen der »Sammlung« durch Sammelbände und Monographien, die unter der Überschrift »Studien« sowohl vertiefende wissenschaftliche Auseinandersetzungen als auch Interventionen in aktuelle Debatten über Ästhetik und Kunst im Kontext von Politik und Gesellschaft vereinen. Sie bieten interdisziplinär angelegte wissenschaftliche Arbeiten zu konkreten Problemen, Begriffen und Fragen der gegenwärtigen Ästhetik sowie ihrer intellektuellen Tradition, mischen sich aber auch in Debatten ein, die in der breiteren Öffentlichkeit Resonanz erfahren.
Weitere Informationen zu den Büchern der Reihe erhalten Interessierte auf der Homepage des Verlags
