Die Dialektik sozialer und psychischer Realität

Können moderne Gesellschaften mit sich selbst Schritt halten und eine Balance zwischen sozialer und psychischer Realität finden? Johann August Schülein betrachtet für das Velbrück Magazin das heikle Zusammenspiel der beiden Realitäten in der Entwicklung von prämodernen bis zu modernen Gesellschaften. Zum komplexen Verhältnis von sozialer und psychischer Realität ist jüngst bei Velbrück Wissenschaft seine Studie »Schwierige Dioskuren. Die Koevolution Sozialer und Psychischer Realität« erschienen.

Quelle: Dioskuren-Statuen am Ende der Treppe zum Kapitol in Rom

Die Dialektik sozialer und psychischer Realität

oder: Können moderne Gesellschaften mit sich selbst Schritt halten?

von Johann August Schülein

1. Das Problem

Gleich am Anfang der Entwicklung des Lebens auf diesem Planten entsteht soziale Realität – automatisch, als (Resultat der) Biozönose, biologisch durch Hormone und Instinkte determiniert und durch die Logik von Ökosystemen balanciert. In dieser prototypischen Form hatte und hat sie daher auch keine Eigenständigkeit, sondern ist Ausdruck biologischer und ökologischer Gesetzmäßigkeiten. Und in dieser Form ist soziale Realität evolutiv perfektioniert worden (etwa in Insektenstaaten), dabei jedoch stets eine adjunkte Leistung im Rahmen der Ökologie geblieben.

Dies änderte sich erst, als die Natur anfing, Lebewesen hervorzubringen, deren Überleben nicht mehr auf der optimalen Anpassung an eine bestimmte ökologische Nische beruhte, sondern darauf, dass sie sich an unterschiedliche Nischen anpassen konnten. Solche Lebewesen müssen Entscheidungen treffen, deren Auswirkungen evaluieren und Strategien entwickeln, kurz: aktive Anpassungsleistungen erbringen. Dazu brauchen sie ein entsprechend manipulierbares Antriebspotenzial sowie Reflexions- und Steuerungspotenzial. Diese Fähigkeiten verdichteten und konzentrierten sich im Lauf der Evolution zu der eigenständigen Instanz zwischen Physiologie und Außenwelt, die Psyche genannt wird.

Die Entwicklungsgeschichte der Psyche von prä- und protopsychischen Mechanismen bis zur (bisher) weitesten Entwicklung bei der Gattung homo sapiens ist mindestens so kompliziert wie der Mythos, der beschreibt, wie aus der gleichnamigen Königstochter eine Unsterbliche wird, aber bei weitem nicht so gut bekannt. – Außer Frage steht jedoch, dass mit der Psyche auch für soziale Realität eine neue Dialektik in Gang kommt, die weitreichende Folgen hat. Sie löst sich mehr und mehr von der engen Bindung an Biologie und Ökologie. Je mehr differenzierte Psyche zur Verfügung stand, desto mehr konnte soziale Realität deren Leistungen zur Entwicklung und Unterstützung ihrer eigenen Komplexität nutzen, sich also auf psychische Leistungen stützen. Umgekehrt erlaubt ein differenziertes soziales Milieu der Psyche mehr Autonomie und eine eigenständige Funktionsweise. Soziale Struktur und psychische Struktur sind zwei Seiten derselben Medaille; sie setzen sich voraus, sie bieten sich Halt und sind in die jeweils andere Form transformierbar. Beide Seiten stellten sich Raum und Material für den Aufbau einer jeweils spezifischen Form von Autopoiesis zur Verfügung.

Diese Konfiguration war revolutionär, weil sie – auf biologischer Basis – die Grenzen der Biologie sprengte. Sie erwies sich (dadurch) als extrem erfolgreich: Die Eigengestaltung der ökologischen Nische (zur sozialen Welt) inklusive der Instrumentalisierung von ganzen Ökosystemen hat die Gattung homo sapiens bis ins 21. Jahrhundert gebracht. Ein Erfolgsmodell also, zugleich jedoch auch eine Aufgabe, an der Gesellschaften immer wieder scheitern. Soziale wie psychische Differenzierungsprozesse sind nicht nur voraussetzungs- und anspruchsvoll, d.h.: sie verlangen besondere Bedingungen und verbrauchen viel Ressourcen. Ihr laufender Betrieb ist nicht zuletzt anfällig, weil das Zusammenspiel von sozialer und psychischer Realität heikel ist und bleibt. Von einem reibungslosen Funktionieren kann keine Rede sein. Daher müssen Gesellschaften, um überleben zu können, Modi finden, mit deren Hilfe sie beide Seiten verbinden und den Austausch stabilisieren.

Dieses Problem stellt sich in moderne Gesellschaften auf besondere Weise. Sie haben zu großen Teilen die Modi aufgegeben, mit deren Hilfe sich diese beiden – auf unterschiedliche Weise autopoietischen, in jedem Fall exzentrischen – Prozesse in prämodernen Gesellschaften stabilisiert haben. Um dies zu verdeutlichen, soll zunächst skizziert werden, wie archaische und traditionelle Gesellschaften die Beziehung zwischen sozialer und psychischer Realität strukturiert haben. Dies geschieht in Anlehnung an eine gern verwendete Dreiteilung, die oft und zu Recht kritisiert worden ist, aber nützlich ist – vor allem, wenn man die dabei verwendeten Inhalte (Ökonomie, Politik, Sozialstruktur) erweitert und kognitive und psychodynamische Strukturen einbezieht (und nicht vergisst, dass Grobtypisierungen dieser Art, siehe Max Weber, keine empirischen Gesellschaften charakterisieren).

2. Archaische und traditionelle Gesellschaften

Unter archaischen Gesellschaften versteht man üblicherweise zahlenmäßig kleine, d.h. überschaubare Lokalgesellschaften mit geringen Ressourcen (aller Art). Sie sind gekennzeichnet durch Kopräsenz in einem auch sozial engen Raum und (aus heutiger Sicht) geringen sozialen Stratifizierung sowie einer kaum formalisierten sozialen Struktur. Der soziale Prozess vollzieht sich weitgehend kollektiv und diese kollektive Praxis wird vor allem gehalten durch massiv bindende Rituale (ausführlich dazu z.B.: Gehlen, »Urmensch und Spätkultur«). Ritualisierung erhöht die Bedeutung und reißt mit. Parallel dazu entsteht eine Vorstellungswelt, die von holistischer Metaphysik beherrscht wird – einer Erzählung, die alles Relevante erfasst und es in Verbindung bringt und hält, die aus heutiger Sicht un-logisch erscheint, aber insofern logisch ist, als sie Zusammenhalt gewährleistet.

Der soziale Prozess ist daher homogen und konkret. – Dem entspricht eine gering individualisierte Psyche, die deren Funktionsweise in der Literatur als »Gruppen-Ich« – also an die Gruppe gebunden – charakterisiert wird (z.B. Parin et al, »Die Weißen denken zu viel«). Genetisch ist diese Abhängigkeit das Resultat eines alternativlosen Prozesses der Enkulturation: der selbstverständlichen Einübung in selbstverständliches Denken, Erleben und Handeln. Enkulturation hat zur Folge, dass sich intrapsychisch ausgesprochen starke Introjekte (externe Objekte, die die Innenwelt besetzen und strukturieren) bilden und das psychische Geschehen prägen. Gleichzeitig (und damit zusammenhängend) werden wichtige psychische Funktionen (Beziehungssteuerung, Affektkontrolle) vom sozialen Institutionsgefüge importiert bzw. dorthin ausgelagert.

Das funktioniert dauerhaft nur, wenn die externen Objekte ihrerseits dem Bedarf der Akteure nicht nur entgegenkommen, sondern entsprechende Anknüpfungsmöglichkeiten direkt anbieten. Da die soziale Realität semantisch und grammatikalisch wesentlich auf psychischer Realität aufgebaut sind, begegnen sich die Akteure in den sozialen Objekten und Vorstellungen sich selbst – ihren darin geronnenen Hoffnungen, Ängsten, Konflikten und deren Abstrahlungen. Allerdings nicht einfach nur gespiegelt, sondern auf in soziale Formate übersetzt und verarbeitet, mit Bewertungen und Definitionen, mit Kanalisierungen und Bewältigungsstrategien verbunden. In den Institutionen ist und wird psychisches Geschehen mit-inszeniert, so dass die Introjekte passend psychodynamisch imprägniert sind. Das heißt insgesamt: Das Ich funktioniert nach den herrschenden Regeln, weil es ihre Funktionsweise für Eigenzwecke nutzt und die herrschenden Regeln repräsentieren massiv intrapsychisches Geschehen. Soziale Exklusivität, soziales »Containing«, die Verschränkung von Objekten und Introjekten stützen eine fast geschlossene Gesellschaft, die affektiv versiegelt ist. Archaische Gesellschaften sind daher »autochthon« und sie erzeugen psychisch wie sozial keinen unverdaulichen  »Überschuss« bzw. systemsprengende Abweichungen.

Allein auf dieser Basis können traditionelle Gesellschaften nicht funktionieren, da es sich um expandierte und differenzierte Regionalgesellschaften handelt, in denen lokale Nahwelten in einem und durch ein entsprechend formalisiertes (Herrschafts-)System überspannt und gebunden sind. Solche Gesellschaften sind imstande, eine solche Makrostruktur zu etablieren, aber die Mittel, um sie – ebenso wie die lokalen Nahwelten – zu erhalten, sind beschränkt. Sie müssen daher basale Mittel nutzen. Dies sind vor allem:

  • Eine zentralisierte Hierarchie,
  • Traditionsbindung und
  • Organisierte Metaphysik.

Hierarchien sind ein einfaches Mittel, um Differenzen zu erhalten, weil sie sie durch Über/Unterordnung festhalten und zugleich einen universell operationsfähigen Entscheidungsmodus bereitstellen. Die Zentralisierung auf eine Spitze sorgt für Integration durch Monopolisierung und Exklusion. Traditionen binden Gegenwart und Zukunft an die Vergangenheit und bieten dabei nicht nur klare Orientierungen, sondern filtern Abweichungen weg. Und eine organisierte Metaphysik (die von Experten entwickelt und betreut wird) ist potenziell ein Instrument der Absicherung und Legitimierung herrschender Verhältnisse, indem sie Wissensbestände begrenzt, zuteilt, überwacht und das Ganze dadurch versiegelt.

Solche sozialen Strukturen erzwingen entsprechende psychische Strukturen: Einerseits bedarf es eines höheren Grades an Autonomie, weil die quasi-symbiotische Bindung ein Stück weit ersetzt wird durch die Abhängigkeit von heterogenen Strukturen; andererseits entsteht aus dem gleichen Grund intrapsychisch Heteronomie durch den Abstand und den Zwang zum Import dieser externen Strukturen. Soziale Identität und psychische Identität driften dadurch auseinander und müssen integriert werden. Sozial geregelt werden diese Differenzen durch eine zugewiesene Zentralposition, die dauerhaft einordnet und alle wichtigen Beziehungen regelt. Diese soziale Zuweisung vollzieht sich über Formen von Sozialisation, die stark instruktiv und kontrollierend sind. Psychische Entwicklung vollzieht sich so unter den Vorzeichen einer intrusiven Objektwelt, die psychisches Funktionieren an externe Vorgaben bindet – die ein Stück weit verselbständigte Psyche ist darauf programmiert und begrenzt, innerhalb der (engen) gesellschaftlichen Leitplanken selbständig zu operieren. Erikson benutzte für die daraus resultierenden (zwingenden) Beziehungen zur sozialen Welt des Ausdruck »inzestuöse Objektwahl«, also: Reproduktion dessen, was als Modell von der Nahwelt vorgegeben und von Hierarchie und Traditionen abgesichert ist.

Sowohl die soziale als auch die psychische Realität sind in traditionellen Gesellschaften daher wenig autonom. Die soziale Realität besteht im Kern aus engen Pfaden in einem ansonsten unwegsamen und sozialen Raum, die scharf kontrolliert werden. Unterschiedliche soziale Funktionen sind dabei gebündelt und parallelisiert. – Auch der psychische Raum ist eng und enthält nur wenig (und wenig reflexive) Optionen; es dominieren daher eher rigide Operationsmodi. Beide Seiten sind dabei eng verklammert und halten sich gegenseitig so fest, dass potenzielle Abweichungen weggefiltert werden (und sich gelegentlich eruptiv Bahn brechen, aber dann wieder eingefangen werden).

Gemeinsam ist beiden Modellen, dass sie die Beziehung von sozialer und psychischer Realität strikt verschränken – archaische Gesellschaften durch symbiotische Geschlossenheit und vollständige Inklusion, traditionelle durch starre Asymmetrie und repressive Limitierungen (also eine Art von Inklusion durch interne Exklusionen). Beide provozieren, nutzen und fixieren basale psychische und soziale Mechanismen und die Bündelung von Funktionen, wodurch keine Alternativen entstehen oder andere Möglichkeiten ausgeblendet werden.

3. Moderne Gesellschaften

3.1  Moderne Sozialstruktur

Moderne Gesellschaften brechen radikal mit diesen Prinzipien – sie müssen dies tun, weil weder definitiv festgelegte Sozialordnungen noch eingeschränkte Akteure zu ihren Prinzipien passen. – Bevor man sich der Frage zuwendet, wie sie das fragile Verhältnis von sozialer und psychischer Realität so gestalten, dass sie den Prinzipien der Modernität entsprechen, muss zumindest vektoriell geklärt werden, was damit gemeint ist. Es gibt jede Menge von (zutreffenden) Charakterisierungen (etwa: »funktionale Differenzierung«), aber keine allgemein akzeptierte Definition. Außerdem gibt es inzwischen einige begriffliche Weiterentwicklungen (2. Moderne, Postmoderne etc.). Beides verweist auf ein zentrales Merkmal: Dynamik. »Funktionale Differenzierung« impliziert, dass etwas (immer) weiterentwickelt wird und die Abfolge von Typisierungen zeigt, dass die Entwicklung weiter voranschreitet. – Die folgenden Überlegungen beziehen sich also auf eine Dynamik, die aus Veränderungen besteht.

Verbunden ist mit moderner Dynamik zunächst ein Strukturwandel des sozialen Raumes. Aus engen, verregelten und exklusiven sozialen Räumen wird ein expandierendes und offenes Feld der Mobilität von Akteuren, Themen und sozialen Formen. Der soziale Raum ist dabei »multizentrisch« und enthält nur wenige Vorab-Präferenzen. An die Stelle hierarchisch verteilter Rechte treten einerseits generalisierte, andererseits spezifizierte Normen – beides ist themenbezogen (und nicht statusabhängig). Der Effekt: Unterschiedliches kann unterschiedlich behandelt, ausgearbeitet und unterschiedlich kombiniert werden (was die Möglichkeit partikularer Leistungen und Kombinationseffekte exponentiell steigert). Analog dazu ändert sich die soziale Zeit: an die Stelle zyklischer Reproduktion tritt ein Prozess mit Vergangenheit (die vorbei ist) und Zukunft, die offen ist, d.h.: sie wird zum Ort von Planungen, Erwartungen und Auseinandersetzungen.

Revolutioniert wird entsprechend auch die kognitive Struktur der Gesellschaft. Die herrschende Metaphysik wird ersetzt durch ein differenziertes Symbolsystem, welches Platz für eine Fülle verschiedener »Sinnprovinzen« mit unterschiedlicher Logik und Zugänglichkeit hat. Diese kognitiven Subsysteme stehen zur Verfügung, bilden jedoch keine Einheit mehr, so dass sie auch keine direkten Verbindungen herstellen oder Integrationsleistungen erbringen. Stattdessen bilden sie einen reflexiven Resonanzraum, in dem alles auf unterschiedlichen Niveaus thematisierbar ist.

Mit diesen Umstrukturierungen verbunden ist eine neue Funktionslogik. Im Kern: An die Stelle bindender und reduzierender Modi treten öffnende und stimulierende Prinzipien. Hierarchien und Traditionen verlieren ihre Dominanz und werden größtenteils durch Leistung und Macht ersetzt. Es gilt also, was (gemessen an spezifischen Kriterien) besser ist oder was sich unter gegebenen Umständen am besten durchsetzen kann. Das Gesamtsystem inszeniert also eine permanente Konkurrenz und lässt zu, dass die Karten neu gemischt werden. Auf diese Weise entstehen dynamische Asymmetrien, die neue, unerwartete Optionen und Alternativen hervorbringen. Das bedeutet auch, dass sich das Gesamtsystem in gewisser Weise unberechenbar und erratisch entwickelt.

Entsprechend sehen allerdings auch die Kosten und Risiken aus. Zu den Kosten gehört, dass die für den Erhalt des Gesamtsystems erforderlichen reproduktiven Leistungen prinzipiell aufwendiger und komplizierter (und damit auch anfälliger) werden. Differenzierung – die partikulare Behandlung und Optimierung von Teilen – hat zur Folge, dass immer mehr Unterschiede entstehen, die dann stabilisiert, verkraftet und integriert werden müssen. Dass gilt für gesellschaftliche Funktionen und Strukturen ebenso wie für Themen und Populationen: Alles entwickelt sich eigenständig und driftet auseinander. Es gibt keine feststehende Zuordnungs- (und erst recht keine Unter/Über-Ordnungs-)Matrix. Alle relevanten und mächtigen Faktoren mischen sich mit ihren Interessen, Intentionen und Produkten ins Geschehen ein. Daraus ergibt sich daraus ein vielstimmiges, dissonantes Konzert.

Anders gesagt: Differenzierung bedeutet auch eine Ausweitung von Teilhaberechten und Ansprüchen. Das erweitert und erschwert die Inklusionsproblematik (weil jetzt geklärt werden muss, was legitime Ansprüche sind und wie knappe Mittel verteilt werden) und führt unvermeidlich dazu, dass es zu flächendeckenden Aushandlungsprozessen kommt. Im Prinzip steht alles zur Disposition, so dass es nicht nur zu einer »Ausweitung der Kampfzone«, sondern auch zur Auseinandersetzung um die Aushandlungsregeln kommt. Dabei ist dieses permanente »bargaining« nicht unbedingt eine wohlgeordnete Abstimmung, sondern über weite Strecken ein mit allen Mitteln geführter Kampf um Definitions- und Entscheidungsmacht.

Begleitet wird das Ringen um Richtung und Verteilung von ständigen Diskussionen und Kommentaren und, damit verbunden, von Selbst- und Fremdbeobachtungen. Diese Institutionalisierung von Dauerreflexion führt zu einem wesentlich differenzierteren (Selbst-)Verständnis, aber auch zu einer kognitiven Hochrüstung des »bargaining«. –Ergebnisse von »bargaining« sind nicht unbedingt sachangemessen und rational. Zudem erzeugt »bargaining« stets Gewinner und Verlierer, also Folgeprobleme (anders als prämoderne Gesellschaften, in denen von vornherein feststeht, wer was zusteht und wer was bekommt). Selbst »reife« Formen der Konfliktbewältigung sind im Endeffekt Kompromisse, die selten alle Beteiligten zufrieden stellen (und im schlechtesten Fall »faul« sind und dann Konflikte prolongieren oder verstärken). Die Bemühungen um Integration und Ausgleich sind aus strukturellen Gründen unabschließbar und unzulänglich.

Moderne Gesellschaften basieren auf einer Form von dynamischer Autopoiesis, die ständig Selbstüberraschungen und Selbstüberforderungen mit sich bringt. Sie können sich nur begrenzt kontrollieren und steuern, weil sie (bisher jedenfalls) kaum über produktive Mittel des Dimensionierens, des »Bremsens« verfügen und jede steuernde Intervention immer auch Nachteile hat. Jede Optimierung bringt Risiken und Kostensteigerungen mit sich, geht auf Kosten anderer Optionen und nicht alles ist zugleich optimierbar. Und: nicht jede Optimierung ist auch sinnvoll (besonders, wenn sie nur partikulare Interessen optimiert). Daher ist der soziale Prozess moderner Gesellschaften aus strukturellen Gründen nicht perfektionierbar.

Gleichzeitig sorgt das – ebenfalls aus strukturellen Gründen – teilweise erratische Zusammenspiel der eigendynamischen und eigenwilligen Faktoren für eine opportunistische Gesamtdynamik, für einen Schlingerkurs, der mal besser, mal schlechter und mal beides zugleich mit den Gegebenheiten zurechtkommt. – Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass moderne Gesellschaften prämoderne Modi weder zur Gänze aufheben noch auf sie verzichten können. Sie müssen daher versuchen, sie sinnvoll zu entwickeln und einzubetten. Auch das gelingt (bisher) nur teilweise. Das kann zur Folge haben, dass sich solche Modi in das moderne Geschehen einmischen und es beeinträchtigen. Gleichzeitig ist eine ungekonnte Modernisierung besonders unter dem Druck Belastungen und Komplikationen einsturzgefährdet und tendiert dann zur Regression auf prämoderne Muster. In Summe heißt das: Moderne Gesellschaften sind immer nur begrenzt wirklich modern bzw. nur partiell modernisiert und: empirisch hat man es (bisher) mit mehr oder weniger belasteten Hybridgesellschaften mit hohen Risiken und chronischem Mangel an passenden Strukturen zu tun.

 3.2 Die Psyche der Moderne

Moderne Gesellschaften sind, zugespitzt ausgedrückt, nicht vollständig modern und modernisierbar. Dies gilt mutatis mutandis auch für ihre Mitglieder. Manche Theoretiker (vor allem Biosoziologen und Ethologen) vertreten die These, Adam bliebe immer der (gut, böse) alte Adam und sei gar nicht »modernisierbar«. Das stimmt wohl in Bezug auf die biologischen Grundlagen, das biopsychische Antriebspotenzial und vermutlich auch die basalen Schritte und Etappen der Entwicklung der Psyche. Auf der anderen Seite ist unverkennbar, dass die psychische Entwicklung und ihr Funktionsniveau zugleich in hohem Maße variabel sind.

Von entscheidender Bedeutung sind dabei die gesellschaftlichen Bedingungen und der gesellschaftliche Bedarf. Der hat sich auf dem Weg zur Moderne dramatisch verändert. Wo prämoderne Gesellschaften möglichst viel Bereiche individuellen Handelns determinieren und kontrollieren, verlangen Moderne ein wesentlich höheres Maß an subjektiver Eigenaktivität. Der Differenzierung der sozialen Welt entspricht die Erwartung, den jeweils unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Das heißt auch: Es gibt kaum mehr zugeschriebenen (also unveränderlichen) und einheitlichen Sozialstatus, sondern kontextspezifische Teil-Positionen und Statusfragmente, die erworben, ausgestaltet und durch erfolgreiches Handeln im jeweiligen Kontext verteidigt werden müssen.

Dies gilt nicht nur für die Welt der sozialen Organisationen und Subsysteme, sondern in dramatischer Zuspitzung auch für die soziale Nahwelt. Der Übergang zur Moderne hat auch zur Folge, dass viele Funktionen der Nahwelt – Überleben, Ausbildung, Kranken- und Altersfürsorge – weitgehend von entsprechend differenzierten Makrostrukturen übernommen werden. Das erlaubt ein Überleben außerhalb von Nahweltgruppen, wodurch Zwangsmitgliedschaften aufgelöst werden. Das öffnet den Horizont für frei gewählte und individualisierte Beziehungen. Die Kehrseite dieser Befreiung der Akteure ist, dass sie auch in Primärbeziehungen unter Leistungsdruck geraten: Sie müssen selbst entwickelt, stabilisiert und koordiniert werden – und das unter den Vorzeichen erhöhter Ansprüche. Partnerschaften, Eltern-Kind-Beziehungen, Freundschaften stehen also unter doppelten Druck: Sie verlangen kompetente Investitionen und sollen beziehungsspezifische Leistungen (sprich: Glück) erbringen.

Damit ist die »work-load« moderner Akteure erkennbar: Sie müssen selbst mit einer heterogenen Sozialwelt, mit einer ebenso, aber auf andere Weise fordernden Nahwelt zurechtkommen, sie müssen ihre unterschiedlichen Lebensbezüge auf einen Nenner bringen und nicht zuletzt: sie müssen mit sich selbst in einer komplexen Welt zurechtkommen. »Selbst« heißt dabei nicht allein, da diese Welt zwar keine klaren Richtlinien, aber jede Menge von (mehr oder weniger passenden bzw. verführerischen) diesbezüglichen Angeboten enthält. Deshalb geht es für die Akteure nicht nur ums Mithalten, es geht auch ums Aushalten – von Zumutungen, Belastungen, von toxischen Einflüssen, die mit den Gegebenheiten verbunden sind und den eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten.

Auf der anderen Seite haben sich die Bedingungen, unter denen Akteure sich entwickeln und leben, erheblich verbessert. Materieller Fortschritt, die Spezialisierung von Primärgruppen auf Beziehungsfragen sowie die Erweiterung von Wissen und Kompetenzen haben die Möglichkeit eröffnet, dass aus prämodernen Formen der Er-ziehung kindzentrierte Sozialisation werden kann. Im günstigen Fall setzt sich das expandierte und qualitativ differenzierte Milieu in entsprechenden psychischen Raum um: In die Fähigkeit zu kompetentem Trieb- und Bedürfnismanagement, zu reflexiven Umwelt- und Innenweltkontrolle, zu stabilen und flexiblen Objektbeziehungen.

Die Umstände führen zu einem Ausbau der psychischen Autopoiesis, aber deren Effekte sind komplex und unberechenbar. Zwischen der »Investition« und dem »Ertrag« von Sozialisationsprozessen besteht gerade wegen der zunehmenden Autopoiesis kein einfaches Verhältnis. Vor allem aber ist ihre Balance schwieriger. Die »Betriebskosten« sind insofern höher, als sich eine auf diese Weise modernisierte Psyche mehr differente Impulse integrieren, mehr um sich selbst kümmern muss. Auch hier ist eine restlose und widerspruchsfrei, sprich: perfekte Entwicklung schon deshalb nicht möglich, weil nicht alle erforderlichen und möglichen Kompetenzen zugleich optimierbar sind – es ist schwierig, »achtsam« und »durchsetzungsfähig« zu sein, situativ angemessen und strategisch zu handeln etc.; es ist kaum zu schaffen, ein angemessen sublimierungsfähiges und sublimiertes Antriebspotenzial mit zugleich starken und flexiblen Ich-Leistungen und einem zugleich reifen und stabilen Über-Ich zu verbinden. Vollständige und permanente Dauerreife ist vermutlich weder erreichbar noch auszuhalten.

Auch die psychische Entwicklung bleibt daher auch unter günstigen Bedingungen in vieler Hinsicht unzulänglich. Die Bedingungen sind jedoch meist nicht passend, biografisch sind Beschädigungen und Beeinträchtigungen kaum vermeidbar. Partielles biografisches Scheitern, mehr oder weniger ausgeprägte neurotische Verzerrungen sind daher ein Stück weit normal.

Dabei haben diese Beschädigungen systematische Züge und korrespondieren mit sozialen Problemlagen, wie die lange Mängelliste der sozialpsychologischen Literatur (von Riesman bis zu Sennett) demonstriert. Und unabhängig von zeittypischen Beeinträchtigungen entsteht unter systematisch ungünstigen Bedingungen eine neue soziale Klasse von Sozialisations-Verlierern; Teil-Populationen, die wegen der Defizite ihrer psychosozialen Kompetenzen gesellschaftlich zu Opfern und zugleich in gewisser Weise zu Tätern werden. Denn die Moderne bringt mit neuen Konflikttypen auch neue Formen des individuellen Konfliktmanagements mit sich, die ihrerseits gesellschaftlich stimuliert und instrumentalisiert werden. So führen beispielsweise Balancekonflikte u.U. zu narzisstischen Formen der Abwehr (z.B. megalomane Expansion, Kontaktvermeidung, Objektverschleiß). Sie werden in gewisser Weise gesellschaftlich gefördert und instrumentalisiert (etwa dadurch die Aufforderung, etwas Besonderes zu sein oder zu permanentem Konsum).

Die moderne Psyche ist also ebenfalls eine Art »mission impossible«. Ihre anspruchsvolle und komplexe Autopoiesis ist aus strukturellen Gründen nicht perfektionierbar. »Individualisierung« heißt wegen der damit verbundenen Belastungen und Ansprüche daher nicht: gekonnte Individualität – eher im Gegenteil. Der Normalfall ist auch in dieser Hinsicht eine mehr oder weniger belastete Psyche.

3.3 Über die Interferenz von sozialer und psychischer Realität in modernen Gesellschaften

Modernisierung bringt also auch soziale und psychische Realität auseinander. Anders wäre ihre jeweils besondere Autopoiesis nicht möglich. Aber diese Differenzierung hat auch zur Folge, dass sich zwei verschiedene, aus strukturellen Gründen nicht perfektionierbare und empirisch nicht perfekte Formen von Autopoiesis gegenüberstehen.

Damit gewinnt ihr Austausch auch eine neue Dynamik. An die Stelle des (mehr oder weniger) identischen Zirkulierens von Themen – gesellschaftliche Imperative werden in psychische Struktur umgesetzt, die diese Imperative spiegelt u.a. – tritt ein mehrstufiger Prozess von Transformationen. Denn das, was die eine Seite erzeugt, wird von der anderen Seite nicht konsonant umgesetzt, sondern eigendynamisch – eben autopoietisch – verarbeitet. Soziale Impulse werden also von den Akteuren nicht um-, sondern in innere Realität übersetzt, d.h.: ins eigene System des Erlebens und Bewertens umformatiert. Soziales wird dabei selektiv gefiltert oder verstärkt, mit psychischen Konnotationen versehen und so angereichert in Handlungen umgesetzt. Was dabei zurückgespielt wird, sind also keine konformen, sondern eigenwillige Themenbehandlungen.

Daraus ergeben sich spezifische psycho-soziale Konfigurationen. In den prämodernen Typen herrscht hier eine Konsonanz zwischen gesellschaftlicher Semantik und individueller Expression: Die Gesellschaft bekommt, was sie produziert hat; die Akteure finden in der Gesellschaft das, was sie in sich selbst finden. In modernen Gesellschaften kommen stattdessen im Transformationsprozess Differenzen ins Spiel, die ihrerseits interferieren und im System zirkulieren. Denn auf diese Weise importiert die soziale Realität zwangsläufig anderes und mehr als das Erhoffte/Passende. Darauf reagiert sie ihrerseits aktiv und eigendynamisch. Das heißt: Aufgreifen, Umsetzen, Anreichern mit sozialen Funktionen und Themen und nicht zuletzt Instrumentalisierung für spezifische Interessen und Zwecke. Die andere Seite: Gewicht und Bedeutung der mitgelieferten Psychodynamik können soziale Realität auch zu Reaktionen nötigen. Mächtige Impulse, die kaum sozial zu kontrollieren sind; sie werden dann – teils gezielt, teils unter dem Druck der Verhältnisse – »kanalisiert«. Wo dies nicht möglich ist, wird die soziale Realität überflutet und mitgerissen. – Anders als solche mächtigen Wellen (von Hysterie, Paranoia, Enthemmung) ist der Effekt von intrusiven Formen von Psychodynamik, die die sozialen Funktionen und Themen infiltrieren. Sie werden dabei manifest oder latent aufgeladen, transportieren sie mit und agieren sie auf spezifische Weise.

Dass etwa Politik und Konsum Prozesse sind, die massiv von Psychodynamik bestimmt sind, ist bekannt. Auch können scheinbar neutrale Regelungen zugleich Strafaktionen, kann Zuwendung eine Form von Repression sein usw. Gesellschaftlich ist also mit jeder Menge von Hybridprodukten zu rechnen, in denen sich Soziales und Psychisches in Raum und Zeit auf komplexe Weise verbinden. Diese Hybridprodukte sind unberechenbare und schwer zu kontrollierende Momente eines hochdynamischen Prozesses. Alles in Allem: Moderne Gesellschaften wie moderne Akteure sind aus inneren wie äußeren, aus strukturellen wie empirischen Gründen chronisch überfordert, überfordern sich gegenseitig und durchdringen sich auf intensive, aber heikle Art und Weise. Das ist unvermeidbar und nötig, weil erst die Interferenz von Eigendynamiken modernes Prozessieren ermöglicht. Insofern ist die schwierige Balance von sozialer und psychischer Realität Bedingung und Preis der Moderne.

Die Frage, ob moderne Gesellschaften unter diesen Umständen mit sich selbst Schritt halten können, lässt sich daher mit einem eindeutigen »Ja-und-nein« beantworten. Nein, weil die Dialektik von sozialer und psychischer Realität weder steuerbar noch perfektionierbar ist. Sie erzeugt Überschüsse, Abweichungen und Innovationen und (über)fordern sich damit gegenseitig. Nicht-Identität als Modus der Moderne heißt, dass Gesellschaften sich vor sich hertreiben und von sich getrieben werden. Die andere Seite der damit verbundenen chronischen Balanceprobleme ist ein chronisches Defizitproblem: Ständige Veränderungen erfordern soziale und psychische Kompetenzen, die ihrerseits nicht leicht zu entwickeln und zu stabilisieren sind. Wo sie fehlen, schlagen die Risiken durch (was dann die Entstehung passender Kompetenzen erst recht behindert).

Auf der anderen Seite: Ja. Denn die Struktur der Moderne hat die Möglichkeit der Reflexion und der Problembehandlung ebenso gefördert. Und nicht nur das Verständnis der Problematik und die Strategien ihrer Bändigung haben sich weit entwickelt, sondern auch die Fähigkeit, mit Situationen umzugehen, die überfordernd sind – das, was O. Marquard als »Inkompetenzkompensationskompetenz« bezeichnet hat.

Wie weit es gelingt, Chancen zu nutzen und Risiken zu kontrollieren, ist kaum vorhersehbar. Einiges spricht dafür, einiges dagegen. – Positive Utopien tendieren dazu, die Möglichkeiten zur (endgültigen) Erlösung von Übeln hochzurechnen, Negative sehen dagegen die definitive Katastrophe kommen. Vielleicht gibt noch eine dritte Möglichkeit: weder das eine noch das andere tritt ein, sondern beides. Oder, wie es S. Lem bildlich ausdrückt:

»In einem gewissen Sinne ist die Welt wie ein Kranker, der glaubt, er müsse entweder alsbald gesunden oder in Kürze sterben, und dem es nicht einmal in den Sinn kommt, daß er – bei zeitweiligen Besserungen und Verschlechterungen seines Zustands – kränkelnd ein hohes Alter erreichen könnte.« (Summa technologiae, S. 16)

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