Ein Universum ohne Sprache ist nicht möglich.

Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber, in der Öffentlichkeit besser als »Plagiatsjäger« bekannt, hat bei Velbrück Wissenschaft im Juni 2025 sein neues philosophisches Buch »Sprache, Mensch, Universum. Radikaler Lingualismus 2« veröffentlicht. Das Velbrück Magazin interviewte ihn, wie schon für Band 1, zum Buch.

»Ein Universum ohne Sprache ist nicht möglich.«

Ein Interview mit Stefan Weber

Wenn man die Inhaltsverzeichnisse von »Radikaler Lingualismus« (2022) und »Sprache, Mensch, Universum« (2025) vergleicht, könnte man denken, Sie hätten dasselbe Buch nochmal geschrieben.

Die Themen sind weitgehend dieselben, die Ausführungen hoffentlich nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren festgestellt, dass mich die Schwerpunktthemen des österreichischen Philosophen Josef Mitterer nicht mehr loslassen: Über allem steht das »Verhältnis« von Sprache und Wirklichkeit, dann kommen Themen wie die Unterscheidung von Objektsprache und Metasprache, die vermeintlichen »Grenzen der Sprache« und das Problem des infiniten Regresses, das Lügner-Paradoxon und das Phänomen des »Aspektsehens« nach Wittgenstein. Ich habe festgestellt, dass all diese Themen und Probleme eng zusammenhängen. Ich habe das mittlerweile in einer Art Mindmap dargestellt.

Wer zwischen sprachverschiedenen Objekten und Sprache unterscheidet, unterscheidet dann auch zwischen Objektsprache und Metasprache. Diese Unterscheidung braucht es angeblich, um das verstärkte Lügner-Paradoxon irgendwie in den Griff zu bekommen. Mit dieser Unterscheidung können ebenso angeblich bösartige semantische infinite Regresse vermieden werden. Die Unterscheidung spielt schließlich auch eine Rolle bei der Frage der Benennung von »ungedeuteten« Objekten, wenn Wittgenstein das »Aspektsehen« erörtert. Das ist alles miteinander verwoben und ergibt eine »philosophische Matrix«, die mich fasziniert. Ich habe sofort nach Beendigung des Manuskripts für »Sprache, Mensch, Universum« mit einer Ideensammlung für »Radikaler Lingualismus 3« begonnen. Ich würde gerne zu diesen Themen immer weiterschreiben, solange ich dazu in der Lage bin. Es gibt da richtig viel zu sagen und ich habe ständig neue Ideen.

Ihre und Mitterers Kritik an Wittgensteins Ausführungen zum Aspektsehen sind auffällig. In der philosophischen Community gilt ja der späte Wittgenstein eher als einer, der es mit dem Relativismus und der »linguistic philosophy« mitunter zu weit getrieben hat. Jetzt sagen Sie aber im Anschluss an Mitterer, Wittgenstein sei sogar zu wenig weit gegangen, habe ich das richtig verstanden?

Ganz genau. Oft wird ja in der Literatur unterstellt, für Wittgenstein sei alles Sehen ein Aspektsehen oder ein »Sehen als«. Die stellenweise unklaren und flapsigen Ausführungen Wittgensteins wenige Jahre vor seinem Tod haben offenbar wenige ganz genau gelesen. Wittgenstein setzt stets den Deutungen, den Interpretationen der Wahrnehmungsgegenstände, den Aspekten etwas voraus, nämlich den nicht gedeuteten Gegenstand selbst. Diesen benennt er mit »Figur«, »Illustration«, »Dreieck« oder ähnlichen Begriffen wie eben auch »Gegenstand«. Wenn man das wie Mitterer kritisch analysiert, kann man zu einer Denkweise gelangen, in der ein Ungedeutetes konsequenterweise obsolet ist. Das ist der Knackpunkt. Mitterers Kritik an den »nicht-relativistischen Voraussetzungen des Relativismus«, wie er es nannte, wurde jedoch nicht rezipiert oder gar verstanden, weil den meisten ja schon der Relativismus zu weit geht.

Sie widmen ein Kapitel dem Philosophen Quentin Meillassoux. Ist der Neue Realismus von Markus Gabriel, Meillassoux, Paul Boghossian und anderen falsch?

Nein, aber er geht davon aus, dass das, was aktuell der Kenntnisstand der Naturwissenschaften ist, im Wesentlichen für immer Gültigkeit hatte und haben wird: Die Welt ist also in ihren Grundzügen so, wie sie derzeit von der Wissenschaft beschrieben wird. Ich halte das für etwas naiv. Denn vor knapp 100 Jahren gab es noch keine Urknalltheorie. Das Standardmodell der Teilchenphysik gibt es erst seit ca. 60 Jahren. Wir müssten ja von einem ungeheuren Glück reden, dass wir genau jetzt in jener Zeit leben, in der wir die Welt endlich so beschreiben, wie sie in Wirklichkeit ist. Schauen wir mal in 500 oder 1.000 Jahren weiter…

Aber das klingt etwas wissenschaftsfeindlich. Sind die Radikalen Lingualisten nicht Wissenschaftsskeptiker und bekommen damit Beifall von Coronavirus- und Klimakrisenleugnern?

Nun, aber haben die, die zwischen Tatsachen und Interpretationen von Tatsachen streng unterscheiden wollen und dabei stets im Detail scheitern, den Pluralismus, das Dickicht an Expertenmeinungen gestoppt? Wie sagte Josef Mitterer? Mit seiner Nicht-dualisierenden Redeweise werden die Auffassungen, die wir vertreten, nicht beliebiger, als sie schon sind. Wenn man Mitterer genau liest, wird ja bei ihm nicht auf ein Substrat verzichtet. Wir sollten es nur nicht als die unumstößlichen Fakten auffassen, denn das wäre naiver Realismus. Es handelt sich vielmehr um Basiskonsense, konsensuelle Interpretationen, wenn man so will, von denen wir ausgehen, mit denen wir weitermachen.

Sie sagen, ein Universum ohne Sprache sei nicht möglich. Aber vor zehn Milliarden Jahren gab es doch ein Universum ohne Sprache, oder nicht?

Ja, unseren gegenwärtigen Auffassungen zufolge gab es das selbstverständlich. Aber man muss die These genau lesen: »Ein Universum ohne Sprache ist nicht möglich.« Der Satz ist im Präsens formuliert und behauptet etwas über eine Unmöglichkeit. Die Beschreibung »Es gab ein Universum ohne Sprache.« ist ja eine Beschreibung, die nur in einem Universum mit Sprache möglich ist. Genau das ist der Punkt. Und das betrifft eben auch die Unterscheidung zwischen ebendieser Beschreibung und dem Sachverhalt der Beschreibung. Das ist der Clou Josef Mitterers und meines Radikalen Lingualismus.

Sie beschäftigen sich jetzt seit vielen Jahren mit der Philosophie Mitterers. Sie wurden einmal als sein »Jünger« bezeichnet, haben aber 2020 auch ein kritisches Paper zu seiner Philosophie publiziert. Haben Sie zu Josef Mitterer eigentlich eine persönliche Beziehung?

Natürlich, ich kenne ihn seit mehr als 30 Jahren. Ich habe ihn sicher viele Jahre mit E-Mails und philosophischen Treffen genervt, er hat es zumeist, aber nicht immer geduldig ertragen. Unsere philosophischen Gespräche, die stets im »Bürgerbräu« in Bad Reichenhall stattfanden, habe ich allesamt auf Band aufgenommen. Es gibt da stundenlange Mitschnitte. Die E-Mails, die ich ihm in den vergangenen Jahren mit philosophischen Fragen gestellt habe, möchte ich lieber nicht zählen. Aber auch der österreichische Philosoph Peter Strasser, der ja als Metaphysiker und Realist genau die Gegenposition von Mitterer vertritt, musste das aushalten.

Kränkt Sie das eigentlich, dass Sie in der Öffentlichkeit nur als »Plagiatsjäger« – zuletzt war sogar vereinzelt vom »Kopfgeldjäger« zu lesen – wahrgenommen werden und nicht als Sprachphilosoph, der Sie offenbar sein wollen?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin da hoffnungslos uneitel. Obwohl der folgende Satz eitel klingen mag: Neue Ideen werden doch immer vom Mainstream verkannt. Viele, wenn auch nicht alle Innovationen etwa in der Musikgeschichte wurden von Zeitgenossen ausgelacht und von der Kritik verrissen. Ich habe bereits vor rund 30 Jahren erlebt, dass auch Josef Mitterer von der scientific community ausgelacht wird. Das ist völlig in Ordnung. Ich bin themengetrieben. Die Philosophie ist mein Lebenselixier. Mich interessieren die Themen, nicht die Rezeption. Wenn ich mich wieder einmal mit dem »Aspektsehen« vertieft beschäftige und etwa feststelle, dass Denker wie Klaus Sachs-Hombach in Lexika zu dem Stichwort Quatsch schreiben, dann finde ich das faszinierend. Oder dass Wittgenstein dazu Dinge unterstellt werden, die er nie geschrieben hat.

Werden Ihre philosophischen Bücher denn in der philosophischen Fachwelt rezipiert?

Nein, null. Oft will ich mit Philosophen zu Themen diskutieren. Autoren, die ganze Bücher zu infiniten Regressen oder zum Lügner-Paradoxon geschrieben haben, erhalten klare Fragen, aber antworten überhaupt nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die über ihre Themen gar nicht diskutieren wollen. Sehr sonderbar. Eine Ausnahme bildet Claude Gratton, mit dem ich intensiv zu infiniten Regressen diskutiert habe.

Im Anhang Ihres Buchs werden Sie extrem persönlich. Sie schildern den Bruch Ihrer letzten Liebesbeziehung, Ihre anschließende Odyssee zu Psychologen und Psychiatern und den Unfalltod Ihres Vaters. Das Buch widmen Sie einer »Caroline B.«. – Machen Sie solche Ausführungen und Angaben nicht als Autor angreifbar?

Oh ja, das hat man mir ja schon beim vorletzten Buch »Auf ›Plagiatsjagd‹« (2023) vorgeworfen, dass ich meine persönlichen Zurückweisungen im Wissenschaftssystem zu stark eingebracht hätte. Für mich ist das, sorry, typisch deutsch und so eine Art von objektivistischem Wissenschaftsverständnis, wonach man nur bloß nicht zu persönlich werden dürfe. Halte ich für Nonsens. Übrigens bin ich schon im Anhang von »Radikaler Lingualismus« (2022) persönlich geworden. Das ist dann immer ein gefundenes Fressen für Kritiker, die nach was suchen: Der Autor sei zu persönlich geworden, jetzt könne man den Rest nicht mehr ernst nehmen. Was ich in den vergangenen Jahren erlebt habe, passt gut in das Framework der radikalen Relativität. Und ja, das Buch ist einer Person gewidmet, die mich mit ihrer außerordentlichen Hochsensibilität und Intelligenz in den Wochen des Schreibens begleitet und angetrieben hat, ohne dies zu beabsichtigen.

Stefan Weber ist Kommunikationswissenschaftler und der Öffentlichkeit besser als »Plagiatsjäger« bekannt. Bei Velbrück Wissenschaft erschienen: »Radikaler Lingualismus. Von Wittgenstein zu Mitterer und einer neuen Philosophie« (2022) und »Die Dritte Philosophie. Kritische Beiträge zu Josef Mitterers Non-Dualismus« (hg. mit Alexander Riegler, 2010).

Hinterlasse einen Kommentar