Wahrheit und Wahrhaftigkeit und die Beziehung zum Anderen

Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Lüge, Selbsttäuschung – diesen Themen widmet sich das jüngst von Joachim Küchenhoff und Emil Angehrn bei Velbrück Wissenschaft herausgegebene Werk »Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit im Gespräch. Philosophische und psychoanalytische Perspektiven.«
Im folgenden Beitrag für das Velbrück Magazin, verfasst anlässlich des Symposiums zum 80. Geburtstag von Alice Holzhey-Kunz, setzt sich Küchenhoff selbst mit der Bedeutung und dem Verhältnis jener Begriffe auseinander und etabliert des Weiteren die Rolle der Kommunikation und Psychoanalyse in diesem Kontext.

Wahrheit, Fotograf: PDPics

Wahrheit und Wahrhaftigkeit und die Beziehung zum Anderen

von Joachim Küchenhoff

Übersicht

Ich will den Gedankenfaden, an dem ich meinen Vortrag aufbaue, einleitend charakterisieren. Zunächst will ich das Begriffspaar, das uns als Rahmenthema vorgegeben worden ist, aufgreifen und Wahrheit und Wahrhaftigkeit begrifflich aufeinander beziehen. Betonen werde ich, dass Wahrhaftigkeit zunächst eine Kommunikationssituation und das Wahr-reden umschreibt. In einem zweiten Schritt werde ich die Beziehung zum Anderen ausweiten und auch Wahrheit auf das kommunikative Handeln beziehen, dafür werde ich einen anderen, nämlich von Karl Jaspers vorgetragenen existenzphilosophischen Ansatz nutzen. Schon hier betone ich – und werde darauf an verschiedenen Stellen, vor allem am Schluss, zurückkommen – das Wahrheitsgeschehen, den Appell an Wahrheit, die Wahrheitssuche, wie immer wir sagen mögen, die auf Wahrheit zielt, nicht die vollendete Wahrheit, wenn es denn so etwas gibt. Im dritten Abschnitt nutze ich qualitative Bestimmungen der Intersubjektivität, nämlich Offenheit und Resonanz, um Wahrhaftigkeit als psychologisch bedeutsam für die Selbstfindung und Selbsterzählung zu kennzeichnen. Dabei wird der eine Gegenbegriff zur Wahrheit, die Lüge, in ihrer Bedeutung für das Selbst hervorgehoben. Im vierten Abschnitt wird es um den zweiten Gegenbegriff, nämlich die Selbsttäuschung gehen. Ich will zeigen, dass Selbsttäuschung unter psychoanalytischen Gesichtspunkten nicht ohne weiteres der Wahrheit entgegengesetzt werden kann, sondern unter bestimmten Umständen auch als Wahrheitsgeschehen verstanden werden muss. Im fünften Abschnitt werde ich auf die Wahrheitssuche zurückkommen und sie als Ersatz zu oder Ergänzung zu den Begriffen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit einsetzen und die psychoanalytische Situation als Wahrheitssuche zu zweit als notwendige Voraussetzung dafür, Selbsttäuschung fruchtbar werden zu lassen, thematisieren. Im sechsten Teil will ich mich in dem therapeutischen Kontext weiterfragen, um welche Wahrheit es sich denn handelt, die durch Psychotherapie aufgedeckt wird, und mich mit Alice Holzheys Gedanken zur ontologischen Wahrheit auseinandersetzen. In einem abschließenden siebten Teil will ich Gedanken von Paul Ricœur zur Psychoanalyse nutzen, um klarzumachen, dass therapeutisch letztendlich keine Wahrheit aufzudecken ist, sondern nur die Hindernisse bei der Suche nach Wahrheit und der Umsetzung der Wahrheit in der Wahrhaftigkeit besichtigt und vielleicht weggeräumt werden können.

Begriffsanalyse und Geltungsanspruch im Gespräch

Wie können wir uns das Verhältnis von Wahrheit und Wahrhaftigkeit vorstellen? Ich ziehe, um Aufklärung bemüht, das Grimmsche Wörterbuch zu Rate. Es klärt darüber auf, dass Wahrhaftigkeit als »abstractbildung zu wahrhaft und wahrhaftig« erst im Neuhochdeutschen vorkommt. Wahrhaft meint: »die wahrheit redend, aufrichtig, der wahrheit gemäsz.« Das Prädikat kann sich auf das Selbst oder auf den anderen beziehen: »prädicativ: wahrhaft sein, bleiben, jemand wahrhaft finden«. Für unseren Zusammenhang weniger wichtig sind die Bezeichnungen von Dingen als wahrhaft. »wahrhaft wird dann auch von dingen gebraucht um zu bezeichnen, dasz sie der wahrheit gemäsz, mit der wirklichkeit in übereinstimmung sind.« Umso mehr aber ist es der Bezug zum Emotionsausdruck: »am nächsten steht wahrhaft seiner hauptbedeutung, wenn es von gefühlen und empfindungen gebraucht wird als ›aufrichtig, nicht blosz vorgeblich‹«.

Werten wir diese anscheinend selbstverständlich klingenden Definitionen noch weiter aus. Wahrhaftigkeit ist immer auf Wahrheit bezogen, und sie erweist sich in kommunikativen Situationen, in der Rede. »Die wahrheit redend«: Die Rede muss, soll sie wahrhaftig sein, der Wahrheit entsprechen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es um eine subjektive Äußerung oder einen Ausdruck geht, um den Gefühlsausdruck, der aufrichtig ist.

Der Sprung zur Habermas’schen Theorie des kommunikativen Handelns überbrückt viele Zeiten- und Theorieabstände, drängt sich aber doch rasch auf. Habermas bezieht nämlich Wahrhaftigkeit gerade auf die zuletzt genannten expressiven Selbstdarstellungen, auf die Kommunikation von eigenen Erlebnissen (Habermas 1981: 35). Wahrhaftigkeit ist der Geltungsanspruch subjektiver Äußerungen. In jeder Kommunikation werden implizit unterschiedliche Geltungsansprüche gestellt, so der auf Wahrheit bei Aussagen, die ich mache, der auf Richtigkeit, wenn im Sprechakt Normen gesetzt oder bestätigt werden, und der auf Verständlichkeit dessen, was ich sage. Nun ist »eine Aussage wahr, wenn der Geltungsanspruch der Sprechakte, mit denen wir, unter Verwendung von Sätzen, jene Aussage behaupten, berechtigt ist« (Habermas 1984: 135). In Bezug auf den Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit heißt das: Ich spreche über mich so, dass ich keine Erlebnisse vortäusche und dass mir zugestanden wird, dass ich mich mit meinen Aussagen nicht über mich täusche. Wahrhaftigkeit richtet sich als Geltungsanspruch an den anderen, anders als Gewissheitserlebnisse: diese sind subjektiv evident, sie müssen und können nicht intersubjektiv überprüft werden, sie bestehen nur für den Einzelnen und sind gültig nur für diesen (ebd.: 140). Geltungsansprüche hingegen sind an Kommunikation gebunden.

Wenn wir nach dem Verhältnis von Wahrheit und Wahrhaftigkeit fragen, können wir bereits drei Punkte hervorheben:

  • Wahrhaftigkeit bezieht sich auf die eigenen subjektiven Erlebnisse, die Gefühle und Empfindungen.
  • Wahrhaftigkeit erweist sich, wie alle Geltungsansprüche an Wahrheit, in kommunikativen Situationen, in der Begegnung mit anderen.
  • In dem kommunikativen Handeln erweist sich, ob Aussagen stimmig, aufrichtig, von Selbst- und Fremdtäuschung frei sind. Nur dann ist der Anspruch auf Wahrhaftigkeit gerechtfertigt und die subjektive Aussage wahr.

Fügen wir noch hinzu: Überprüfbar ist dieser Wahrheitsgehalt freilich nicht so einfach. Derjenige, der sich expressiv äußert, also seine Erlebnisse ausdrückt und darstellt, kann den Wahrheits- oder Richtigkeitsanspruch nicht unmittelbar mit Argumenten, also diskursiv, einlösen. Er kann sich entweder über sich selbst täuschen oder er kann bewusst etwas vortäuschen, also lügen. Er kann nur in der Konsequenz seiner Handlungen beweisen, dass er das Gesagte auch wirklich gemeint hat. Die Wahrhaftigkeit von Expressionen lässt sich nicht begründen, sondern nur zeigen (Habermas 1981: 69).

Im Folgenden werde ich mich auf das Verhältnis von Wahrheit und Intersubjektivität konzentrieren und es weiter vertiefen.

Wahrheit und kommunikatives Handeln

Karl Jaspers hat das Verhältnis von Wahrheit und Kommunikation existenzphilosophisch vertieft, indem er nicht nur den Geltungsanspruch von Wahrheit im kommunikativen Handeln begründet, sondern betont, dass Wahrheit ursprünglich an Kommunikation gebunden ist. Dies gilt deshalb, weil Wahrheit nicht ein für alle Mal gewonnen und vorhanden ist, sodass sie nur vermittelt werden müsste. Dann wäre Wahrheit etwas, das nur zu entdecken wäre. Wenn Wahrheit aber ursprünglich an Kommunikation gebunden ist, so Jaspers, dann ist sie nur in der Verwirklichung von Kommunikation denkbar. Die Wahrheit ist nie vollendet, sondern sie entsteht.

»Sie hätte zur Bedingung die Verwandlung nicht nur des Menschen, an den mitgeteilt wird, sondern auch die des mitteilenden Menschen selbst infolge seiner Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation […] Es wäre die Wahrheit, die erst als Kommunikation und durch sie wirklich ist, somit in ihr erst entspringt, die weder vorher schon da ist und dann mitgeteilt wird, noch ein methodisch erreichbares Ziel darstellt, indem sie dann ohne Kommunikation gelten könnte.« (Jaspers 1973: 75)

Daraus entsteht auf der Suche nach Wahrheit auch eine Pflicht, nämlich Kommunikation nie aufzugeben, vielmehr ist ein grenzenloser Kommunikationswille, wie Jaspers sagt (79), die Voraussetzung für ein »unabsehbares Wachsenkönnen durch Offenheit«. Nur so, nämlich indem nicht nur eine Wahrheit behauptet und durchgesetzt wird, sondern die Wahrheit des einen durch die Wahrheit des anderen ergänzt, relativiert, bejaht oder angezweifelt wird, lässt sich der Anspruch, dass die Suche nach Wahrheit und der Anspruch auf Wahrhaftigkeit ohne Gewalt auskommen, verwirklichen. Auf der anderen Seite aber kann dies keine Relativierung der Wahrheit oder ihre Herabstufung zu einer bloßen Meinung bedeuten. Dass dies eine besondere Form der Lüge ist, wenn Tatsachen zu bloßen Meinungen herabgestuft werden, darauf hat bereits Hannah Arendt (1987: 44–92) immer wieder hingewiesen. Wie wir wissen, ist dies eine in der Gegenwart des auf Halbwahrheiten (Gess 2021) beruhenden politischen Diskurses immer neu erprobte und zugleich wirkungsvolle Lüge.

Dass Wahrheit nicht einfach zu haben ist, sondern immer wieder gesucht und angestrebt werden muss, diesen Gedanken hat Gotthold Ephraim Lessing sehr schön folgendermaßen in einem kleinen Essay »über die Wahrheit« ausgedrückt:

»Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.« (Lessing 1777)

Die existenzphilosophischen Gedanken will ich nun auf psychologische Zusammenhänge, genauer auf das kommunikative Handeln in Beziehungen anwenden.

Wahrhaftigkeit und Offenheit in Beziehungen

Wenn Wahrheit kommunikativ ist, wenn also die intersubjektiven Beziehungen für die Wahrheit wesentlich sind und die Wahrhaftigkeit des Gesprächs in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit verankert ist, dann ist Wahrhaftigkeit mit kommunikativer Offenheit verbunden. Je offener miteinander gesprochen werden kann, je wahrhaftiger sich die Gesprächspartner geben können, desto unvoreingenommener kann nach einer gemeinsam geteilten Wahrheit gesucht werden. Offenheit bedeutet, in der Kommunikation empfänglich zu sein für das, was die Wahrheit des Anderen ist, ohne sie durch vorschnelle Kritik oder Verurteilung oder Interpretation zu erledigen oder in den eigenen Verstehenshorizont einzugemeinden und umzubiegen. Offenheit hat zwei Seiten, die eine betrifft die Offenheit des Vernehmens, des Aufnehmens, die andere die Offenheit der Entäußerung, des Sich- äußerns (Maldiney, nach Thoma 2022: 56ff.). Offenheit ist abhängig von der Bereitschaft, dem Fremden zu begegnen, sich überraschen zu lassen, oder aber sich selbst als überraschend Anderen zu offenbaren. Die bewusste Lüge oder das Verschweigen von Tatsachen oder Einstellungen und Gefühlen schränken diese Offenheit ein. Um die Wahrheit betrogen aber sind alle an der Kommunikation Teilnehmenden, weil auch der, der lügt oder verschweigt, sich selbst die Suche nach der Wahrheit vorenthält. Denn vielleicht meint er sich der Bedeutung dessen sicher zu sein, das er zurückhält, aber deren Wahrheitsgehalt wird nicht in der gemeinsamen Kommunikation überprüft oder weiterentwickelt. Wenn wir weiter oben mit Habermas zwischen Gewissheitserleben und Wahrheitsanspruch unterschieden haben, so können wir nun die psychologischen Konsequenzen dieser Unterscheidung sehen: Was gewiss sein mag, ist kommunikativ nicht erhärtet, es hat sich einer Kritik seiner

Wahrhaftigkeit nicht gestellt. Wenn subjektive Gewissheiten, eigene Einstellungen, Gefühle, Überzeugungen nicht in die Kommunikation eingebracht werden, öffnen sie sich nicht in dem Sinn, dass sie offen vertreten werden und vom Anderen beglaubigt oder angegriffen, jedenfalls beantwortet werden können. Die Suche nach der Wahrheit bedarf der Antwort durch den Anderen. Diese fehlt in der Lüge, dem Verschweigen, der Halbwahrheit. Daher ist der Aphorismus Friedrich Nietzsches aus Die Fröhliche Wissenschaft treffsicher; er ist mit »Einmaleins« überschrieben: »Einer hat immer Unrecht; aber mit zweien beginnt die Wahrheit.« (Nietzsche 1882: 158). Auch die Wahrheit der eigenen Geschichte, des eigenen Entwicklungsweges, des persönlichen Narrativs beginnt hier. Der Hochstapler bleibt doch immer im Modus des »als ob«, es sei denn, er beherzigte den Rat Walter Benjamins: »Schwindeln darf einer so viel er will. Aber nie darf er sich als Schwindler fühlen« (1972: 352). Von dem, was ich dem Anderen sage, erhalte ich also die Antwort an mich selbst zurück und finde mich in dieser Resonanz erst wieder.

Selbsttäuschung und Wahrheit

Wer nicht lügt, aber sich über sich selbst täuscht, kann aus der Antwort der Anderen für das eigene Selbst nichts schöpfen – jedenfalls scheint es so bei erster Näherung. Wir werden darauf gleich zurückkommen. Erst einmal soll es um das Verhältnis der Selbsttäuschung zur Wahrheit gehen. Selbsttäuschung unterscheidet sich von der Lüge oder dem Verschweigen. Friedrich Nietzsche hatte sie allerdings doch als Lüge gesehen und polemisch die ehrliche von der unehrlichen Lüge unterschieden. Die ehrliche Lüge ist diejenige, die voraussetzt und es erlaubt, zwischen »wahr« und »falsch« bei sich selbst zu unterscheiden (Nietzsche 1887: 878). Die ehrliche Lüge bleibt also auf Wahrheit bezogen, wenn auch negativ. Die unehrliche Lüge hingegen nicht; für Nietzsche ist sie Zeichen der Schwäche, Unfähigkeit, in sich hineinzuhören, Unfähigkeit, die Wahrheit über sich und die Welt auszuhalten, es handle sich um die »guten Menschen«, die in Hinsicht auf die Ehrlichkeit »verhunzt bis in alle Ewigkeit« seien, die keine »wahre Biographie« ertrügen (ebd.). Offenbar ist die unehrliche Lüge Nietzsches das, was wir als Selbsttäuschung bezeichnen würden. Anders als Nietzsche aber entwertet die Psychoanalyse die Selbsttäuschung nicht, und dies aus mehreren Gründen:

Sie ist zum einen gar nicht vermeidbar, weil sie mit der Tatsache notwendig gegeben ist, dass ich meiner selbst nicht vollständig inne werden kann, dass von frühesten Erfahrungen an ein unbewusster Bereich dynamisch entsteht, der eben der eigenen rationalen Selbst- und Welterkenntnis verborgen bleibt und bleiben muss. Er entsteht dynamisch, das heißt auch: aus Gründen der intrapsychischen Abwehr, durch die etwas verdrängt oder verworfen oder abgespalten werden muss, das zu erregend, zu belastend, zu konflikthaft wäre und nicht zu verkraften und zu verarbeiten wäre. Das führt zum zweiten Punkt, warum die Selbsttäuschung nicht abgewertet werden kann aus psychoanalytischer Sicht. Weil sie sich einer Psychodynamik, einem Kräftespiel im eigenen Selbst verdankt, ist sie weder Lüge noch unehrliche Lüge im Sinne Nietzsches, vielmehr hat sie einen eigenwilligen Bezug zur Wahrheit: Selbsttäuschung aus psychoanalytischer Sicht ist nicht unwahr, sie bezieht sich nicht oder nicht allein auf eine äußere Wahrnehmung, die richtig oder falsch sein kann, sondern ebenso sehr auf die eigene Phantasie. Selbsttäuschungen stellen Formen der narrativen Selbstbeschreibung dar, die unvollständig oder falsch sein können, aber deren Wahrheitsanspruch gerade im Prozess der Selbsttäuschung enthalten ist: das Leid, das nicht in Worte zu fassen ist, der Wunsch, der gegen alle Wertmaßstäbe verstoßen könnte und damit als unsäglich empfundener unsagbar bleibt – sie legen gerade in dem, was in der eigenen Erzählung fehlt, Zeugnis ab von einer Wahrheit, die nicht auf die objektive Realität, sondern auf die psychische Realität bezogen ist. Selbsttäuschung ist demnach eine aktive Leistung der Person, der eine persönliche, durchaus auch unbewusste Motivation zugrunde liegt, und die mit einer Einschränkung der sprachlich fassbaren Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten der Person verbunden ist. Dabei ist aber zugleich das Ergebnis von Selbsttäuschung nicht falsches Bewusstsein oder gegen die Wahrheit gerichtete Erkenntnis, sondern Ausdruck der Persönlichkeit, ihrer persönlichen Geschichte und ihrer Lebensentwürfe. In dieser Hinsicht gehört Selbsttäuschung zur persönlichen Wahrheit und ist nicht gegen die Erkenntnis von Wahrheit gerichtet.

Der pragmatische Einwand liegt nahe, dass es schön und gut ist anzunehmen, dass Selbsttäuschung auf Wahrheit bezogen ist, aber das nützt dem, der sich über sich selbst täuscht, nichts, weil er ja keinen Bezug zu dieser Wahrheit hat, die ihm oder ihr ja per definitionem verschlossen ist. Sodass in der Selbsttäuschung, in der nicht vermeidbaren Selbsttäuschung, der immer neu auftretenden Selbsttäuschung ein Appell an die eigene Wahrheit erscheint, nämlich sie, wenn nicht aufzuheben, so doch aufzuhellen, beschreibbar werden zu lassen und vielleicht auch zu verringern. An dieser Stelle komme ich auf die kommunikative Wahrheit zurück und beziehe mich noch einmal auf Nietzsches Aussage, verändere sie aber ein wenig.

Mit zweien beginnt die Wahrheitssuche

Ich ersetze den Begriff der Wahrheit durch den Begriff der Wahrheitssuche, so dass es nun heißt: Mit zweien beginnt die Wahrheitssuche. Den Appell, die Wahrheit zu suchen, greift die Psychoanalyse in besonderer und nicht vergleichbarer Weise auf. Das liegt darin begründet, dass in ihr eine besondere Beziehung zwischen Wahrheit und Intersubjektivität realisiert wird: der Appell an die Wahrheit, die Wahrheitssuche ist in der Intersubjektivität, in der Beziehung zum anderen fundiert. Psychoanalyse hat die Aufgabe, die »Nachforschung der Wahrheit«, der eigenen subjektiven Wahrheit und der tatsächlichen Wahrheit der Geschichte des Subjekts zu unterstützen. Dies geschieht in einer besonderen Kommunikationssituation, und diese erlaubt es, über die schon dargestellten Zusammenhänge zwischen Wahrheit und Kommunikation, Offenheit und Responsivität hinauszugehen, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

  • Zum einen geht es in der psychoanalytischen Therapie auch, aber in besonderer Weise um die sprachliche Verständigung in einem engeren Sinne und ihre Lücken und Leerstellen, sondern ebenso sehr um die emotionale und – um den Begriff Merleau-Pontys zu gebrauchen – zwischenleibliche Kommunikation. Ja, sogar das Symptom wird als eine Form der Kommunikation rekonstruiert. Jacques Lacan hat das treffend so beschrieben:

»Sie (sc. die Wahrheit des Subjekts) findet sich in Monumenten: so in meinem Leib, d. h. im hysterischen Kern der Neurose, zeigt doch hier das hysterische Symptom die Struktur einer Sprache und dechiffriert sich als eine Niederschrift, die einmal gelesen, ohne großen Verlust gelöscht werden kann; in archivierten Dokumenten: so in meinen Kindheitserinnerungen, die, falls ich um ihre Herkunft nicht weiß, ebenso undurchdringlich sein können; in der semantischen Entwicklung: und dies entspricht dem Bestand und der Bedeutung des mir eigenen Wortschatzes, wie auch meinem Lebensstil und Charakter; in Traditionen und selbst in den Legenden, die in heroisierter Form meine Geschichte in Bewegung halten.« (Lacan 1966: 259; Übers. Lang 1973: 125. Lacan 1975: 98 f.).

  • Zusätzlich wird die Wahrheit des Subjekts auch in dem unbewussten Erleben verortet, das sich Beziehungserfahrungen verdankt und in den Beziehungserlebnissen der Übertragung, in der Inszenierung unbewusster Konflikte in der Beziehung zum Therapeuten, sichtbar wird. Diese besonders organisierte intersubjektive Erfahrung ist also nicht nur der Austragungsort des Wahrheitsgeschehens, sondern sogar Ermöglichungsgrund von Wahrheit. Nicht ohne Grund gilt die Arbeit mit und an der Übertragung in allen psychoanalytischen Richtungen als der Kernbereich der therapeutischen Arbeit. Die Arbeit an der Übertragung ermöglicht es dem Therapeuten, den Schilderungen des Patienten eine persönliche, mit ihm geteilte Beziehungserfahrung hinzuzufügen und so im eigenen Erleben einer Beziehung mit dem Patienten ihn oder sie von einer vielleicht anderen Seite kennenzulernen, die darauf schließen lässt, dass der Selbstsicht des Patienten Einstellungen, Gestimmtheiten und Gefühle entgehen, die aber dem Anderen deutlich werden und auf die er hinweisen kann. Selbsttäuschungen werden auf diese Weise in der und vermittels der therapeutischen Beziehung allererst sichtbar.
  • Die Funktion der Übertragung für die Bearbeitung der Selbsttäuschung muss aber noch grundlegender verstanden werden. Aus psychoanalytischer Sicht haben Selbsttäuschungen immer mit dem Anderen zu tun, seelisches Leiden entsteht aus der intersubjektiven Beziehung – oder sollte man besser sagen: aus dem Verfehlen einer intersubjektiven Beziehung heraus, sei es aufgrund traumatischer Erfahrungen, sei es aus der Enttäuschung durch das, was hätte sein sollen, aber nicht gelebt werden konnte. Die Selbsttäuschung hat beim Anderen ihren Ursprung und sie zeigt sich in der Beziehung zum Anderen. Deshalb braucht es den Anderen, um mit Selbsttäuschungen fertig zu werden. Indem der Analytiker sich als Übertragungsperson zur Verfügung stellt, bietet er sich als Objekt an, das sich verstricken lässt in die Täuschungen und Enttäuschungen des Analysanten.

Die in der Psychotherapie aufscheinende Wahrheit

Ausgangspunkt meiner Überlegungen war das Verhältnis von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Ich habe im vorhergehenden langen Abschnitt Wahrheitssuche und Intersubjektivität miteinander verbunden und war auf die spezifische Erkenntnis von Wahrheit durch die Unwahrhaftigkeit der Selbsttäuschung hindurch im psychoanalytischen Verfahren eingegangen. Nun soll es um das Ergebnis gehen, das sich durch eine psychoanalytische Therapie erreichen lässt. Konkreter gesprochen: welche Wahrheit wird durch sie aufgedeckt? Wenn ich von der Wahrheit des Subjekts gesprochen habe, so ist damit noch nicht viel gesagt.

Darauf gibt Alice Holzhey in ihrem 2020 erschienenen Buch Emotionale Wahrheit. Der philosophische Gehalt emotionaler Erfahrungen eine klare Antwort. Sie entwickelt, ausgehend von den Emotionen der Angst, Schuld und Scham, die Wahrheit der ontologischen Erfahrungen. Ein herausgehobenes Beispiel ist die Angst; sie schreibt: »In der «Angst» erfährt der Mensch, dass er als Mensch frei ist und frei zu sein hat als «nacktes Dass» respektive als «pure Faktizität» seines Existierens.« Wie in Schuld- und Schamerfahrungen werden wir Menschen »mit der «emotionalen Wahrheit» über unser Menschsein konfrontiert.« Allerdings sind diese Erfahrungen nicht dazu geeignet, dem Leben irgendeinen Sinn zu geben. Vielmehr sei die Frage nach dem Sinn, nach dem woher und dem wozu, eine Abwehr dieser existenziellen Erfahrungen. »Dieser Anspruch entspringt ironischerweise aber nicht der «Liebe zur Weisheit», sondern dem vorherrschenden Verlangen des Menschen nach Sicherheit durch Sinnorientierung.« (Holzhey-Kunz 2020: 16).

Psychisch Kranke, so hat Alice Holzhey immer wieder betont, sind hellhörig, sie sind also besonders begabt darin, existentielle Fragen des Daseins zu spüren und auszudrücken (z.B. Holzhey 2002: 211). Der psychisch Kranke ist daher ein »Philosoph wider Willen« (ebd.: 243). Prinzipiell ist jeder psychisch Kranke begabt mit einer überdurchschnittlichen Sensibilität gegenüber den normalerweise ausgeblendeten ontologischen Fragen. Aber er ist eben auch ein Philosoph wider Willen, d.h. die Fragen drängen sich ihm auf, er hat sie nicht durchgearbeitet und anerkannt, an die Stelle dieser Anerkennung treten die Symptome. Sie sind Ausdruck des Leidens am eigenen Sein, noch nicht Formen der Bejahung und der Toleranz diesem Leiden gegenüber. Dem Kranken Hellhörigkeit zu unterstellen, das bedeutet auch, dass er in seinem Subjektsein Bezug nimmt auf die ontologischen Dimensionen. Er bewältigt sie nicht einfach, aber er setzt sich mit ihnen auseinander.

Im Folgenden möchte ich beispielhaft veranschaulichen, welche Perspektiven der ontologische Ansatz von Alice Holzhey ermöglicht. Er bietet mir auch die Gelegenheit, meine eigenen Überlegungen anzufügen. Ich greife als Beispiel die Hypochondrie auf.

In ihrem Buch befasst sich Holzhey auch mit der Hypochondrie, und zwar dort, wo sie existenzphilosophisch angeleitet Angstsymptome deutet; Ausführungen finden sich am Ende des Kapitels »Angst als emotionale Erfahrung von Nichts« (ebd.: 34ff.). Auch der Mensch, der hypochondrische Ängste durchlebt, ist für einen bestimmten Aspekt der ontologischen Wahrheit hellhörig.

»Wer ständig von der Furcht gequält wird, er sei lebensgefährlich erkrankt, ist hellhörig für die ontologische Wahrheit, dass wir Menschen aufgrund unserer Leiblichkeit prinzipiell krankheitsanfällig sind und deshalb in der Tat jederzeit vom Tod ereilt werden können. Darin liegt der wahre Kern der hypochondrischen Ängste.«

Nun leidet der hypochondrisch erlebende Mensch aufgrund dieser Hellhörigkeit, er erleidet eine philosophische Erfahrung, unterliegt ihr, hält sie nicht aus, kann ihre Wahrheit nicht anerkennen. Dadurch kommt es zu einem Fehlschluss: konfundiert wird diese ontologische Wahrheit mit dem aktuellen und konkreten körperlichen Befund. So schreibt Holzhey:

»Der Einbruch der Angst vor dem Tod als Nichts verunmöglicht es ihm, die ontische Realität seines Körpers noch angemessen wahrzunehmen. Der illusionäre Wille des Agierens zielt darauf, durch absolute Wachsamkeit im Ontischen die körperliche Krankheitsanfälligkeit als solche unter seine Herrschaft bringen zu können.« (ebd.: 37)

Die therapeutische Antwort auf diesen Fehlschluss baut auf einer sich von selbst einstellenden Sympathie auf; sie kann entstehen, weil die Therapeutin beim Zuhören unweigerlich auf das stößt, was auch für sie gilt, was auch sie selbst ängstigt. Sympathie ist die ontologische Schwester der Empathie, während diese dazu verhilft, sich in das individuelle, je einmalige Schicksal, eindenken und einfühlen zu können, so stiftet die Sympathie eine privilegierte Beziehung; beide, so Holzhey, Therapeut und Patient, sitzen im gleichen Boot, weil sie dasselbe Los, Menschen zu sein, teilen (ebd.: 190).

Dieser ontologischen Interpretation will ich meine eigene Überlegung zur Hypochondrie zur Seite stellen, um die verschiedenen Perspektiven sichtbar zu machen. Ich gehe von einer psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie aus. Sie bringt mich zu der Überlegung, was der hypochondrisch erlebende Mensch mit seinem Leib, den er zu einem Körper objektiviert, macht. Er verleiht ihm bzw. einem krank gewähnten oder sorgenvoll überwachten Körperteil einen Objektstatus. Damit ist nicht nur gesagt, dass der Körper insgesamt oder ein Körperteil sich aus dem als selbstverständlich zum Selbst gehörenden Körperbild, aus dem Leibsein, herauslöst und in gewisser Weise zum Körperobjekt und damit fremd wird. Objektstatus heißt dabei aber auch, dass der Körper oder der Körperteil mit einem Beziehungsobjekt identifiziert, dass also der Körperteil personifiziert wird: der hypochondrische erlebende Mensch geht mit dem Körperteil um wie mit einer Bezugsperson seiner Fantasie, sodass ein ›Körperdialog‹ entsteht, der wichtige Beziehungserfahrungen im Umgang mit dem eigenen Körper ausdrückt. Diese Interpretation wirft ein neues Licht auf den Umgang hypochondrischer Patienten mit dem eigenen Körper. In der ständigen Sorge um körperliche Krankheit oder Gesundheit, die in der therapeutischen Beziehung so quälend werden kann, lässt sich dann auch eine Fürsorge erkennen, nämlich dass dem erkrankten Körperteil die Zuneigung und Liebe entgegengebracht wird, die der Patient unter Umständen gerne für sich beanspruchen würde, die er aber nicht beanspruchen zu können glaubt, sei es dass er sie als unerfüllbar oder als unmäßig betrachtet. In der hypochondrischen Thematik sind in diesem Fall Versorgungswünsche aufgehoben. Der Umgang mit dem eigenen Körper muss nicht immer einer liebevollen Emotion geschuldet sein, vielmehr kann der Körperdialog auch voll von Hass auftreten. Der Körper wird unter Umständen durch unsinnig wiederholte diagnostische Eingriffe zahlreichen Misshandlungen ausgesetzt. Dann könnte ein zentrales Thema des Patienten sein, dass Hassimpulse, die gegen andere nicht geäußert werden dürfen, am eigenen Körper ausgelebt werden. Die therapeutische Konsequenz ist hier also, auf die destruktiven Beziehungs- und Erlebnisformen hypochondrischer Patienten zu achten und sie zu bearbeiten.

Schließen sich nun die Perspektiven aus? Wie stehen sie zueinander? Sie stimmen in ihrer psychoanalytischen Fundierung überein, die Psychoedukation und Selbstmanagement ausschließt, sondern der es um die Wahrheit geht. In beiden Fällen ist in der Therapie die Beziehung zum Anderen entscheidend. In einem Fall dient sie dazu, um mit den ontologischen Wahrheiten sympathetisch umgehen zu können; sollen sie nicht umgangen werden, müssen sie gemeinsam ausgehalten werden, und dazu braucht es die Beziehung. Im anderen Fall dient sie, wie beschrieben, der Erkenntnis der Wahrheit selbst. Wie aber stehen beide Ansätze zueinander? Bei Alice Holzhey ist es so, dass das Sinnverstehen, also auch die psychoanalytische Interpretation der Objektbeziehungen einen Abwehrcharakter besitzt. Wenn ich bei den hypochondrisch lebenden Patienten davon ausgehe, dass der Umgang mit dem eigenen Körper einem verdrängten Beziehungsgeschehen entspricht, dann stehe ich in Gefahr, damit die Seinserfahrung der Vergänglichkeit und Anfälligkeit allen leiblichen Geschehens zu überdecken. Sogleich stellt sich die komplementäre Frage. Muss ich denn annehmen, dass am Anfang die ontologische Wahrheit steht, die dann mit Sinn gleichsam umhüllt und damit abgewehrt wird? Lässt sich das Verhältnis nicht auch umkehren, in dem Sinne, dass allein die Grenzsituation betrachtet wird, um dem Anderen als einem befürchteten oder ersehnten Beziehungspartner nicht ausgesetzt zu sein? Dann hätte das Insistieren auf der Ontologie seinerseits Abwehrcharakter. Dies spricht dafür, dass es sich um nicht aufeinander reduzierbare Erfahrungsschichten handelt, die wechselseitig im Verhältnis von Entdeckung und Verdeckung stehen können.

Der negative Bezug zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Am Ende soll aber ein Einwand stehen, der beide Interpretationsansätze hinterfragt; auch wenn ich dabei meinen eigenen scheinbar in Frage stelle, so ist mir der Einwand doch sehr wichtig. Ich verstehe die Psychoanalyse als eine negative Anthropologie, die nicht herausarbeitet, was die Wahrheit des Subjektes eigentlich ist, sondern die an der Verbesserung eines Bezugs zwischen Wahrhaftigkeit und Wahrheit arbeitet, die also dementsprechend an den Selbsttäuschungen arbeitet und sie aufhebt. Sie ist also nur negativ auf Wahrheit bezogen, kann keine Wahrheiten vorschreiben oder vorzeichnen. Wenn alles gut geht, erlaubt es die Analyse, Fixierungen zu hinterfragen, Knoten aufzulösen, die sich im Laufe der Lebensgeschichte geknüpft haben und die die eigene Entwicklung hindern. Am Ende stehen nicht inhaltliche Wahrheiten, sondern capabilities, Fähigkeiten, die Wahrheitssuche uneingeschränkter und offener zu bewerkstelligen. Paul Ricœur hat als Kriterien der Wahrheit in der Psychoanalyse vier Dimensionen benannt, die auf solche Fähigkeiten verweisen. Das erste Wahrheitskriterium ist ein »wahr sprechen«, Lacan würde wohl sagen: ein volles Sprechen, das auf sein Negativ verweist, die Mechanismen der Verzerrung, der Verfälschung, überhaupt der Selbsttäuschung (Ricœur 2016: 46). »Eine solche Wahrheit ist näher an der griechischen Tragödie als an der modernen Physik. Pathei mathos, lerne aus dem Leiden, singt der Chor des Agamemnon von Aischylos.« Eng damit verbunden ist das zweite Kriterium, die zwischenmenschliche Kommunikation erfüllter werden zu lassen, »durch die positive Aufgabe der Wiedergewinnung von Selbsterkenntnis auf dem Weg der Anerkennung des anderen und durch die Wiedererweiterung des Symbolvermögens im Bereich der öffentlichen Sprache« (ebd.: 47). Sehr gut gefällt mir das dritte Kriterium nämlich die Öffnung der Phantasie, die ein Mehr an Kreativität, an eigener gedanklicher Offenheit erlaubt, die wiederum die Bedingung für neue Erfahrungen und neue Entwicklungen ist. Das vierte und letzte Kriterium verweist auf die Bedeutung von Erzählung und Geschichte.

»Der Wahrheitsanspruch ist hier an […] die Verpflichtung der psychoanalytischen Erzählung zur Narration gebunden. […] Das Problem der Selbsterkenntnis liegt in der Wiedereroberung der Fähigkeit, seine eigene Geschichte erzählen zu können, in der Fähigkeit, der Selbstreflexion unermüdlich die Form einer Geschichte zu geben.« (ebd.: 49–52)

Demnach ist an der Psychoanalyse nicht die Wahrheitsfrage entscheidend, sondern ihre Potenz, in Rückwendung auf sich selbst und in Rückwendung auf die eigene Lebensgeschichte neue Geschichten zu erzählen, einen Zuwachs von Freiheitsmöglichkeiten zu schaffen (Rorty 1995). Wolfgang Loch, ein wichtiger psychoanalytischer Theoretiker der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, hat eine therapeutische Pragmatik vertreten. Er spricht von einem »hebräischen Wahrheitsbegriff« (Loch 1976: 869), der der Psychoanalyse angemessen sei. Wahrheit wird als Fels, auf dem man stehen kann, als existenztragende, nicht als objektive Wahrheit verstanden. »Phantasien und Erinnerungen stellen keine entdeckte Wahrheit von historischem Charakter dar, sondern sind vielmehr Versuche, einen Sinn zu schaffen, um weiterleben zu können« (ebd.: 874).

Dabei unterscheidet Loch zwischen den Patienten, deren Störungen in den Erfahrungswelten liegen, die bereits versprachlicht sind, und solchen, die in frühen vorsprachlichen Entwicklungsphasen traumatisiert worden sind. Gerade bei der letzten, heute klinisch äußerst relevanten Gruppe von Patienten gilt:

»Deutungen, die hingegen auf das Bewusstwerden von Erinnerungsspuren zielen, die noch nie übersetzt, noch nie mittels Sprache bewusst geworden waren, was immer dann der Fall sei, wenn eine Objektlosigkeit bedingende traumatische Situation als Fixierungspunkt fungiert, sind ›Stiftungen‹, sind ›Sinnkonstrukte‹.« (Loch 1993: 93)

Ich bin der Rede von einer hebräischen Wahrheit nachgegangen, die W. Loch nicht weiter ausgewiesen hat, und bin schließlich auf Hans von Soden gestoßen. Er war evangelischer Theologe und aktiv in der Bekennenden Kirche, die sich gegen den Naziterror stellte. Er sagte 1927 in einem Vortrag:

»Für den Griechen ist der Begriff des Seins der Maßstab für den Gedanken Gottes, für den Hebräer das Sein die von Gott geschaffene Wirklichkeit; für jenen ist Gott Inbegriff der Natur, für diesen der Urheber der Geschichte. […]; für den Griechen [ist] Wahrheit grundlegend Sache des Verstehens, für die Bibel Sache des Bestehens.« (Von Soden 1927: 18f.)

Die negative Kraft der Psychoanalyse liegt darin, eingespielte Muster zu hinterfragen und in Frage zu stellen, um durch solche Hinterfragungen neue Bedingungen dafür zu schaffen, dass die eigene Wahrheit aufgefunden werden kann. Sie positiv zu beschreiben, das ist nicht mehr die Aufgabe der Analyse. Synthetisch wird der Einzelne jenseits von ihr. Psychoanalytische Interpretation befreit die Gegenwart von der übermäßigen Last des Vergangenen, erlaubt das Vergangene einzuordnen und schafft Voraussetzungen für sowohl eine neue lebensgeschichtliche Reflexion wie einen neuen Zukunftsentwurf.

Literatur

Arendt, Hannah (1987): Wahrheit und Lüge in der Politik: Zwei Essays. 2. Aufl. München / Zürich: Piper (Serie Piper 36).

Benjamin, Walter (1972): Der Weg zum Erfolg in 13 Thesen, in: Gesammelte Schriften Bd. IV.1, hrsg. v. Tillmann Rexroth, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 349–352.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/25, https://www.woerterbuchnetz.de/DWB (Zugriff: 13.10.2025).

Gess, Nicola (2021): Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit. Berlin: Matthes & Seitz.

Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Habermas, Jürgen (1984): Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Holzhey-Kunz, Alice (2002): Das Subjekt in der Kur: Über die Bedingungen psychoanalytischer Psychotherapie. Wien: Passagen.

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Joachim Küchenhoff praktiziert als Psychoanalytiker (IPA) und Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Basel. Er ist Professor emeritus der Universität Basel, Vorsitzender des Aufsichtsrates der IPU Berlin, wissenschaftlicher Beirat u.a. des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt und der Lindauer Psychotherapiewochen. Bei Velbrück Wissenschaft hat er veröffentlicht: Die Achtung vor dem Anderen. Psychoanalyse und Kulturwissenschaften im Dialog (2005/2021), Der Sinn im Nein und die Gabe des Gesprächs. Psychoanalytisches Verstehen zwischen Philosophie und Klinik (2013/2022).

© Joachim Küchenhoff

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