Videos und Bilder von Protesten sind in der heutigen Medienlandschaft omnipräsent. Wer sind die Menschen, die sie filmen? Was motiviert sie? In seinem 2025 bei v. Hase & Koehler erschienenen Buch »Between Streets and Screens – Digital Video Activism and the Right to the City« zeigt Jacob Geuder, dass jedes Video eine Geschichte hat und erläutert, warum wir bei den Videos genau hinsehen sollten. Für das Velbrück Magazin hat der Autor den Inhalt seines Buches zusammengefasst.

Mídia Independente Coletiva (2013): »REVOLUÇAO NAO CAI DO CÉU« auf Youtube
Hinter jedem Video steckt eine Geschichte
von Jacob Geuder
Seit mehr als einem Jahrzehnt sind sie omnipräsent – Videos von Protesten und Polizeigewalt. Gefilmt von Augenzeugen und Aktivist:innen wandern die Bilder durchs Netz, ehe sie meist so rasch verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Woher kommen sie? Wurde die Person, die Polizisten beim Einsatz filmte, selbst vom Pfefferspray getroffen oder gar bedroht? Was motivierte die Menschen, welche die Videoschnipsel zusammenfügte, sie vielleicht sogar mit Musik und Text unterlegten? Und die Finger, welche auf Buttons drückten, um das Material zu posten, zu verbreiten und zu liken – waren sie echt oder gekaufte Bot-Clicks?
Hinter jedem Video steckt eine Geschichte. In dem neu erschienen Buch Between Streets and Screens – Digital Video Activism and the Right to the City (2025) verfolgt Jacob Geuder einige dieser Geschichten. Zu Tage treten Erzählungen über den digitalen Videoaktivismus wie er in den 2010er Jahren entstand. Die neue Verfügbarkeit von Smartphones mit Kameras und Sozialen Medien hat die Bildproduktion über Proteste und Polizeigewalt im letzten Jahrzehnt radikal verändert, zugleich selbst in einer langen Tradition von sozialen Bewegungen und selbstproduzierten Bildern steht.
Aufbauend auf jahrelanger Forschung in Kapstadt und Rio de Janeiro, zeigt das Buch die Menschen hinter den Kameras und beleuchtet die Mechanismen, wie Videos auf unsere Screens gelangen, oder eben auch nicht. Dazu unterscheidet Geuder zwischen drei Typen von Videos: Journalisten-, Augenzeugen- und Aktivistenvideos. Diese drei Typen des Filmens bilden die Grundlage einer nuancierten Analyse über die positionsgebundene Herstellung audiovisueller Repräsentation und Ansatzpunkte zur Frage nach dem emanzipatorischen Potenzial von Videos. Was bedeutet es, Video als eine Form des »bottom-up city making« zu denken?
In dieser – aus heutiger Sicht schon nahezu historischen Perspektive auf das vergangene Jahrzehnt des Videoaktivismus‘ – wird deutlich, wie radikal soziale Medien Berichterstattung veränderten. Als neue Gatekeeper folgen Soziale-Medien-Unternehmen anderen Mechanismen als der traditionelle Journalismus – sie befeuern das Spektakel und eröffnen gleichzeitig Tore zu einer sich neu formierenden Öffentlichkeit. Immer und immer wieder steht dabei die Gewalt – in ihrer drastischen Darstellung – durch Augenzeugenvideos im Zentrum. Um jedoch die symbolischen und strukturellen Mechanismen von Gewalt sichtbar zu machen, braucht es mehr als vereinzelte Augenzeugen. Die kollektive Organisation von Medienaktivisten legt den Finger in die Wunde, wenn sie wie im Falle des 16-jähigen ermordeten Teenagers fragt, warum die Polizei wegen einer Tüte Popcorn niemanden in Rio de Janeiros reichstem Viertel erschießt, während solche »Zwischenfälle« in Favelas fast schon alltäglich wirken.
Heute stehen wir erneut an einem Wendepunkt, bei dem soziale Bewegungen und die technologische Revolution Sichtbarkeiten erneut verhandeln. Gerade in den letzten drei Jahren gerät die Aura des Authentischen der Videos zusehends unter Druck. Mit wenigen Befehlen lassen sich heute KI-Videos kreieren. Unter anderem von den Regierungen in Israel, Russland, China und den USA werden Informationskriege mit zunehmender Heftigkeit ausgetragen. Deren Opfer sind nicht nur die Wahrheit(en), sondern zuallererst die Menschen.
Der Blick zurück auf die utopischen Praktiken des Videoaktivismus, wie Between Streets and Screens sie mit vielen Fallbeispielen aus Brasilien und Südafrika beschreibt, mag Hinweise liefern, was hinter den flimmernden Bildern steckt und warum wir hinhören und hinsehen sollten, wenn Videomacher:innen ihre Kameras erheben.
Jacob Geuder ist Stadtforscher mit den Schwerpunkten soziale Bewegungen, digitale Medien und Stadtpolitik. Derzeit arbeitet er an der ETH Zürich und der Université de Neuchâtel. Zuvor war er in Lehre und Forschung an der Princeton University und der Universität Basel tätig, wo er auch promovierte. Geuder ist Mitbegründer des Vereins »Stadt für Alle Basel«. Bei v. Hase & Koehler ist 2025 »Between Streets and Screens« von ihm erschienen.
