Die unhinterfragte Denkvoraussetzung Name vs. Ding in Platons »Kratylos«

Resultieren die Namen aus den Eigenschaften der Dinge oder werden die Namen im Sprachgebrauch als bloße Konventionen ohne ›Ding-Zusammenhang‹ entwickelt? Oder stimmt mal dieses, mal jenes? Wenn man Platon mit Josef Mitterer querliest, gelangt man zu einer Kritik der Voraussetzung des Dualismus von Namen und Dingen selbst – und zu einer Denkalternative. – Der folgende Text ist ein Auszug aus dem 2026 bei Velbrück Wissenschaft erscheinenden dritten Band zum Radikalen Lingualismus des österreichischen Kommunikationswissenschaftlers Stefan Weber.

Römische Kopie einer Platon-Büste, Quelle: Wikipedia, Public Domain

Die unhinterfragte Denkvoraussetzung Name vs. Ding in Platons »Kratylos«

von Stefan Weber

Platons Dialog »Kratylos« gilt als der Startschuss in die europäische Sprachphilosophie, als das erste zusammenhängende Werk zur Sprache im westlichen Denken. Der fiktive Text hat knapp 2.500 Jahre Sprachdenken in unserer Wissenschaftstradition geprägt. Die zentrale Frage in »Kratylos« ist, ob uns die Begriffe etwas über die ›Natur‹ der mit ihnen benannten Phänomene verraten können oder nicht. Was also ist der Zusammenhang zwischen Begriff und Gegenstand?

Gibt es eine Gemeinsamkeit von Namen und Objekten der Art, dass uns die Namen stets etwas über die bezeichneten Objekte ›erzählen‹? Wenn der »Gottlieb« also einer sein mag, der Gott liebt, kann das auf mehrere oder auf alle Namen so zutreffen? Oder haben sich Namen rein zufällig entwickelt – hätten wir also zum Menschen statt »Mensch« auch »Pferd« sagen können, weil die Buchstabenkette »Mensch« mit dem Menschen und seinen Eigenschaften eigentlich überhaupt nichts zu tun hat? Anders gefragt: Resultieren die Namen aus den Eigenschaften der Dinge oder werden die Namen alleine als soziale Konventionen ohne ›Ding-Zusammenhang‹ entwickelt? Die erstere Position wird (semantischer) Naturalismus genannt (es gibt eine Beziehung vom Ding her, Namen sind etymologisch rückführbar), die letztere Konventionalismus (es gibt keine direkte Beziehung vom Ding her, sondern nur arbiträre Konventionen).

In Frage steht bei Platon also, welcher Art die Beziehung zwischen Namen und Dingen ist. In Frage steht bei Platon indes nicht, dass überhaupt zwischen Namen und Dingen unterschieden werden muss (in Anlehnung an Mitterer 2011, S. 37). – Warum eigentlich?

Die Unterscheidung von Namen und Dingen bildet den Startpunkt des Dialogs zwischen Kratylos, dem Vertreter des Naturalismus, und Hermogenes, dem Vertreter des Konventionalismus.

Hermogenes sagt zu Beginn von Platons Kratylos: »[…] Kratylos behauptet, es gebe für jedes Ding einen ihm von Natur zukommenden richtigen Namen, und der Name sei nicht das, was irgendwelche Leute unter sich festgelegt hätten, wie sie das jeweilige Ding nennen sollen […]« (Platon 2014, S. 7). Das Streitgespräch kreist im Folgenden dann nur noch um die Frage, wie die Beziehung zwischen Namen und Dingen zu denken ist, aber nicht darum, ob überhaupt eine Unterscheidung zwischen Namen und Dingen getroffen werden muss.

Man mag sich fragen: War diese Unterscheidung schon damals so selbstverständlich, dass sie auch für die griechischen Denker vor 2.500 Jahren kein ernstliches Thema der Reflexion war, oder wurde diese Unterscheidung erst im Laufe von 2.500 Jahren Sprachphilosophie zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit, weil sie von den Griechen stillschweigend vorausgesetzt und eingeführt – und fortan nicht mehr problematisiert – wurde? Ja, man könnte sogar folgende Frage stellen: Ist die Unterscheidung von Namen und Dingen selbst eine naturalistische oder eine konventionalistische? Liegt sie in der ›Natur‹ unserer Weltverhältnisse – können wir also gar nicht anders –, oder ist sie selbst das Produkt sozialen Gebrauchs – und damit vielleicht änderbar?

Josef Mitterer beginnt sein Hauptwerk »Das Jenseits der Philosophie. Wider das dualistische Erkenntnisprinzip« mit den Worten: »Der Problemkanon der Philosophie, vor allem jener der Erkenntnistheorie, hat sich seit Platon nur wenig verändert. […] Am Anfang der Philosophie stehen nicht Probleme, sondern nicht-problematisierte Voraussetzungen.« (Mitterer 2011, S. 7) Und damit meint er genau die Unterscheidung, mit der Platons Dialog »Kratylos« anhebt und die seit Jahrhunderten die sprachphilosophische Debatte bestimmt. Josef Mitterer spricht an anderer Stelle von einem »Schema [….], das meist sehr klar und deutlich in den ersten Seiten der Bücher ihrer Hauptvertreter auftaucht, und dann mehr oder weniger vernachlässigt wird« (Mitterer 2011, S. 38). Hier einige Spielarten dieses dualistischen Schemas:

Tabelle 1: Varianten des dualistischen Schemas des Sprachdenkens seit Platon
(Eigen-)NameDing
WortSache
Benennung, Bezeichnung, SignifikantBenanntes, Bezeichnetes, Signifikat
AusdruckSachverhalt
BegriffGegenstand
SatzPhänomen
TheseTatsache, Tatbestand
BeschreibungWirklichkeit
AuffassungRealität
RedeEtwas
SpracheWelt
WissenUniversum
MenschEreignis
SubjektObjekt
Eigene Tabelle Stefan Weber, 2025

Ich sage nun nicht, dass Platons Startunterscheidung von Namen und Dingen falsch sei. Ich stelle zunächst nur mit Mitterer fest, dass sie bei Platon und in der Folge nicht problematisiert wurde, dass sie selbst nicht Gegenstand der Reflexion wurde, sondern einfach zu Beginn mit den Worten von Hermogenes, der die Position von Kratylos wiedergibt, eingeführt wurde: eben als Unterscheidung von Namen (ὄνομα, onoma) und Dingen (wörtlich ἕκαστον τῶν ὄντων, hekasto ton onton, jedes einzelne Seiende bei Platon) oder dem, »was da ist«, dem »Zugrundeliegenden« (bei Aristoteles 1998, S. 5).

Platon fragte (so der zeitgenössischer »Kratylos«-Übersetzer Gernot Krapinger im Klappentext): Warum heißt das Feuer »Feuer«?

Platon fragte nicht (aber Mitterer fragt heute): Warum unterscheiden wir zwischen Feuer und »Feuer« (und verwenden dafür doppelte Anführungszeichen, warum steht das Wort zweimal im Satz, einmal ohne und einmal mit Anführungszeichen)?

Diese Leit-Unterscheidung ist bis herauf zur modernen Semiotik von Ferdinand de Saussure mit ihrer Unterscheidung von Signifikant und Signifikat und ihrem Postulat der Arbitrarität der Zeichen (Konventionalismus) und zu einflussreichen Werken des Sprachdenkens des 20. Jahrhunderts wie W. V. O. Quines »Word and Object« (1960) oder Michel Foucaults »Les Mots et les Choses« (1966) diskursbestimmend.

In einer Kritik des »Kratylos« und seiner Übersetzungen ist zunächst darauf hinzuweisen, dass das Altgriechische keine Anführungszeichen kannte. Die Unterscheidung von Phänomenen (wie Feuer) und diese Phänomene bezeichnenden Wörtern (wie »Feuer«) konnte deshalb auf die heute übliche Weise gar nicht dargestellt werden. Entsprechend finden sich im »Kratylos« auch keine Sätze dieser Art, wie wir sie im 20. Jahrhundert im Gefolge Tarskis geschrieben hätten: Feuer ist heiß, aber besteht nicht aus Buchstaben – während »Feuer« aus Buchstaben besteht, aber nicht heiß ist. Es gab zwar die Begriffe ὄνομα (Namen) und ὄντων (Seiendes), aber weiter definiert und expliziert wurden diese nicht. Kein Dialogpartner im »Kratylos« unterscheidet expressis verbis etwa so: Sokrates ist ein Mensch, wohingegen »Sokrates« ein Name ist. Das wird einfach vorausgesetzt, es ist schon da.

Ein weiterer Kritikpunkt, der im »Kratylos« auch thematisiert wird, ist, dass der Naturalismus keine Letztbegründung bieten kann: Der Ansatz von der ›natürlichen Richtigkeit der Namen‹ benötigt vielmehr stets den Konventionalismus als Unterbrecher eines potenziellen infiniten Regresses: Gott käme von »theoús«, dem Läufer, also übertragen von dem, der den Lauf der Welt lenkt (so Sokrates in Platon 2014, S. 55). Aber woher kommt dann »theoús« als Läufer? An irgendeiner Stelle bricht die Sinnhaftigkeit der etymologischen Rückschau ab, verliert sich die Spur oder gibt es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Und selbst bei der kleinsten Silbe oder dem kürzesten Wortstamm ließe sich wieder fragen: Woher kommt dieser, was bedeutet er?Sokrates bietet im »Kratylos« drei Auswege als Regress-Unterbrecher an: Sehr alte, heute nicht mehr zugängliche Sprachen, ausländische Sprachen oder Gott als initialen Namensgeber der »Stammwörter« (Sokrates in Platon 2014, S. 151 ff.).

Während der Naturalismus keine gesicherte Letzt- bzw. Erstbegründung bietet, ist aber auch der Konventionalismus in seiner Selbstanwendung möglicherweise problematisch. Denn auch bei ihm tut sich ein möglicher infiniter Regress auf. Um zu halbwegs stabilen Konventionen über Wörter zu gelangen, bedarf es einer (Rahmen-)Übereinkunft, dass dies überhaupt der zielführende Weg ist: Wir brauchen also eine Konvention über die Konvention. Aber auch diese Konvention benötigt wieder eine Übereinkunft – ad infinitum.

Wenn nun aber sowohl der Naturalismus als auch der Konventionalismus keine befriedigende Lösung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit bieten, könnte dies vielleicht darauf hinweisen, dass in Platons »Kratylos« ein Scheinproblem diskutiert wird?

Gibt es vielleicht gar keine Lösung des »Verhältnisses« von Sprache und Wirklichkeit, weil die Voraussetzung des »Verhältnisses« selbst das Problem ist?

Auf Grundlagenprobleme dieser Art verweisen auch die Übersetzungen: Alleine schon wenn man die griechische und die deutsche Version des »Kratylos« parallel liest, spricht dies bei zahlreichen Wörtern gegen einen naturalistischen Ansatz von der Sprache. Während man etwa bei »Name« und »onoma« die etymologische Verwandtschaft leicht erkennen kann, ist dies bei »Seiendem« und »ónti« nicht der Fall: Einmal lässt sich also eine gemeinsame etymologische Wurzel finden, einmal nicht. Ein situativer Ansatz scheint der einzig sinnvolle zu sein: Hier Naturalismus, dort Konventionalismus. Aber auch damit sind die oben geschilderten Grundprobleme der infiniten Regresse nicht gelöst.

Übersetzungen legten eine »vergegenständlichende« (Quine 2003, S. 17) Sichtweise in den altgriechischen Text hinein. Wörter wie »Ding« (aus dem 8. Jahrhundert, aus dem Germanischen kommend und ursprünglich die Gerichtsversammlung bedeutend, später dann über die Gerichtssache zur Bedeutung Sache, Etwas, Objekt) oder noch stärker »Gegenstand« (in der heutigen Bedeutung erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts) brachten eine »objektierende« (nach Mitterer) Interpretation mit sich und verhärteten, stabilisierten damit den Dualismus von Wort und Objekt.

Und die Übersetzer setzten neben der Unterscheidung von Sprache und Wirklichkeit auch das Sprechen über Wirklichkeit voraus. So heißt es etwa im Klappentext von Aristoteles‘ »Hermeneutik«, dass »Aussagen über Dinge getroffen werden können«.

Das griechische Wort »phōnḗ« bei Aristoteles wird schließlich heute mit »Sprache« übersetzt. Der abstrakte Sammelbegriff »Sprache« ist aber auch erst ab dem 8. Jahrhundert gebräuchlich (althochdeutsch sprahha). »phōnḗ« dürfte bei den Griechen eher Ton, Stimme oder Rede gemeint haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Platons »Kratylos« und im Gefolge bei Aristoteles ein Fundament gelegt wurde, das es zwar ermöglicht hat, die Beziehung zwischen den Namen und dem Seiendem zu diskutieren, aber nicht ermöglicht hat, die Unterscheidung zwischen den Namen und dem Seienden zu reflektieren. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Unterscheidung sogar weiter gefestigt und dichotomisiert, wofür etwa der abstrakte Sammelbegriff »Sprache« und objektierende Begriffe wie »Ding« oder »Gegenstand« stehen.

Dass die Sprache nur als intrinsischer Teil der Wirklichkeit (der Begriff der »Wirklichkeit« ist in der heutigen Bedeutung auch erst seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich) gedacht werden kann und die Sprache der Wirklichkeit nicht in irgendeiner Form konzeptionell gegenübersteht, ist eine erstaunlich junge Idee, die etwa von Markus Gabriels Neuem Realismus expliziert wird. Hier ist allerdings darauf hinzuweisen, dass schon im »Kratylos« Sokrates Hermogenes fragt, ob nicht auch Handlungen wie Sprachhandlungen zum Seienden gehören, was Hermogenes bejaht (Platon 2014, S. 17 ff.). Sokrates wollte mit diesem Hinterfragen den Konventionalismus von Hermogenes ad absurdum führen – der Konventionalismus argumentiert freilich dualistischer als der Naturalismus auf Basis von Heraklits Denken, der hier eher eine Einheit bzw. Kontinuität sieht. Dass aber auch Namen stets Dinge sind und alle Dinge mit Namen einhergehen (wie soeben: »Ding«) – so weit wagt sich kein Gesprächspartner im »Kratylos« hinaus.

Um vieles radikaler ist freilich Josef Mitterers Philosophie einer nicht-objektierenden Redeweise, die nicht die Wirklichkeit über die Sprache zieht, sondern gleichsam die Sprache über die Wirklichkeit. Und so beginnt Mitterers Dissertation auch mit einer Zurückweisung der Probleme der Semantik und der modernen semantischen Theorien: Der Ausstieg aus dem unhinterfragten, in Platons »Kratylos« wurzelnden Dualismus von Sprache und Welt ist nur möglich, wenn man sich eine andere Art des Denkens angeeignet hat – etwa eine, die Objekte als die bislang erfolgten Beschreibungen versteht. Doch das ist eine andere, komplexe Geschichte (vgl. Mitterer 2011 sowie meine Bände zum »Radikalen Lingualismus«).

Literatur

Aristoteles (1998, Original Mitte 4. Jh. v. Chr.): Kategorien. Hermeneutik oder vom sprachlichen Ausdruck. Griechisch – Deutsch. Herausgegeben, übersetzt, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Hans Günter Zekl. Hamburg: Felix Meiner.

Mitterer, Josef (2011, Original 1992, Überarbeitung der Dissertation von 1978): Das Jenseits der Philosophie. Wider das dualistische Erkenntnisprinzip. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Platon (2014, Original Ende 4. Jh. v. Chr.): Kratylos. Griechisch/Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Gernot Krapinger. Stuttgart: Reclam.

Quine, W. V. O. (2003, Original »Speaking of Objects« 1957/1958): Über Gegenstände Sprechen. In: Derselbe: Ontologische Relativität und andere Schriften. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 17–42.

Stefan Weber ist Privatdozent für Medien- und Kommunikationstheorien an der Universität Wien. Bei Velbrück Wissenschaft erschienen: »Radikaler Lingualismus. Von Wittgenstein zu Mitterer und einer neuen Philosophie« (2022) und »Sprache, Mensch, Universum. Radikaler Lingualismus 2« (2025). In Vorbereitung ist ein dritter Band zum Radikalen Lingualismus, der 2026 bei Velbrück Wissenschaft erscheinen wird.

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