Warum die neue rechte Bewegung nicht schwächer wird – und wie wir unseren Umgang mit ihr verändern müssen

Der aktuelle politische und gesellschaftliche Umgang mit der Neuen Rechten offenbart eine tiefe Hilflosigkeit. Wie kann ein besserer Umgang aussehen, der das Opfernarrativ nicht stärkt? Dieser Frage geht Johanna K. Fröhlich für das VELBRÜCK MAGAZIN nach und stellt drei konkrete Vorschläge vor. Um die theoretischen Grundlegungen dieser Vorschläge geht es in ihrem Buch »Die leidende Gemeinschaft des Volkes« (2025 bei Velbrück Wissenschaft erschienen).

Parole »Nie wieder ist jetzt« bei einer Kundgebung in Stuttgart 2024; Quelle: Fyrtaarn – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Warum die neue rechte Bewegung nicht schwächer wird – und wie wir unseren Umgang mit ihr verändern müssen

von Johanna K. Fröhlich

1 Neu-Rechte sind Teil der modernen Ordnung

Es ist ein paradoxes Bild: Auf der einen Seite demonstrieren bundesweit Hunderttausende gegen Rechts, auf der anderen Seite erreicht die AfD in Umfragen und bei Wahlen Rekordwerte. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der neuen rechten Bewegung, jener sozialen Bewegung, die sich 2015/2016 im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise rund um die AfD, Identitäre Bewegung oder auch Pegida etablieren konnte, offenbart eine tiefe Hilflosigkeit. Die bisher etablierten Parteien – von der CDU bis hin zu den Grünen – bauen einerseits eine Brandmauer gegen Rechts auf, übernehmen aber andererseits rechte Positionen. Mit dem Plädoyer für eine restriktive Migrationspolitik versuchen sie AfD-Sympathisant*innen wieder eine politische Heimat jenseits der Neu-Rechten zu geben. Beide Strategien versuchen der Etablierung der neuen rechten Bewegung etwas entgegenzusetzen – und beide Strategien scheitern, wie die jüngsten Wahlergebnisse zeigen. Doch warum scheitern sie?

Die wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der neuen rechten Bewegung leidet unter einem grundlegenden Missverständnis: Diese Bewegung wird vor allem als Abweichung oder gar Rückschritt von der modernen Ordnung, als das Andere dieser Ordnung interpretiert. Diese Perspektive ist aus zwei Gründen problematisch: Erstens blendet sie systematisch die gesellschaftlichen Mechanismen aus, durch die die Neu-Rechten Anschlussfähigkeit in der Gesellschaft gewinnen. Zweitens verstärkt sie die Polarisierung zwischen einem kollektiven Wir und einem außerhalb der Ordnung stehenden Die: Eine ungewollte Verstärkung genau jener Dynamiken, durch die die Neu-Rechten Legitimität gewinnen.

Die bisherige Strategie der moralischen Empörung oder der politischen Anpassung läuft ins Leere oder entfaltet sogar die paradoxe Wirkung, den rechten Akteur*innen ihr eigenes Weltverständnis zu bestätigen. Hier zeigt sich ein gesellschaftliches Defizit, das alle politisch aktiven Bürger*innen betrifft. Statt Delegitimierungsversuchen bedarf es einer Auseinandersetzung, die versteht, warum die neu-rechten Narrative für viele Menschen anschlussfähig erscheinen und welche gesellschaftlichen Widersprüche sie adressieren.

Meine Dissertation setzt an diesem Punkt an. Ich betrachte die neue rechte Bewegung nicht isoliert, sondern in ihrem Verhältnis zur modernen Gesellschaft. Damit breche ich die binäre Polarität auf, die sowohl die wissenschaftliche als auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung bestimmt. Es zeigt sich, dass Rechte nicht entweder Feind*innen der Demokratie oder Teil moderner Ordnungsmuster sind. Vielmehr gelingt es ihnen an die moderne Ordnung anzuknüpfen und sie entwickeln gerade darin ein Potential, diese Ordnung zu gefährden. Ihr Erfolg beruht nicht auf einer reinen Opposition zur Moderne, sondern auf der Aneignung moderner Ordnungskategorien: Opferstatus, Gemeinschaftsbildung und Legitimitätsanspruch. Hier setzt meine Analyse an. Die Gefährdung der Ordnung entsteht also weniger durch die konkreten Forderungen im migrationspolitischen Bereich, sondern durch die Etablierung eines neuen Verhältnisses zu Gewalt, das auf sich polarisiert gegenüberstehenden Gruppen beruht.

Aus diesem tieferen Verständnis der Bewegung ergibt sich die Möglichkeit nachhaltiger gesellschaftlicher Antworten und damit neuer Handlungsoptionen, die über eine bloße Reaktionspolitik hinausgehen. Die Gesellschaft ist durch die Etablierung der neuen rechten Bewegung herausgefordert und es ist von fundamentaler Bedeutung, diese Herausforderung so zu lösen, dass sich nicht ein für die demokratische Ordnung katastrophales Verhältnis zur Gewalt etabliert. Wenn Proteste das rechte Weltbild eher stärken als schwächen, sind neue gesellschaftliche Antworten gefragt. Ich werde drei konkrete Vorschläge diskutieren, die es ermöglichen, der neuen rechten Bewegung zu begegnen, ohne ihr Opfernarrativ zu stärken.

Um die neue rechte Bewegung als gesellschaftlich eingebettete soziale Bewegung zu analysieren, habe ich einen ethnographischen Forschungsansatz gewählt. Dies ermöglichte mir, die Perspektiven der Akteur*innen nicht nur aus dokumentierten Diskursen oder medialen Repräsentationen abzuleiten, sondern diese Perspektiven unmittelbar aus ihren Interaktionen miteinander zu rekonstruieren. In der Kernbeobachtungszeit von neun Monaten habe ich bei Stammtischen, Demonstrationen, Schulungen und Vorträgen teilnehmend beobachtet, sowie begleitend teil-narrative Interviews mit Teilnehmer*innen und Unterstützer*innen der Bewegung geführt. Mein methodischer Zugang verbindet die Offenheit ethnographischer Forschung mit einer Gesellschaftstheorie, die es erlaubt, neu-rechte Ordnungsbildung nicht nur als Abweichung, sondern als spezifische Form gesellschaftlicher Ordnung zu verstehen.

2 Was ist die moderne Gesellschaft?

Oft wird die neue rechte Bewegung als Gegenmodell zur modernen Gesellschaft dargestellt. Diese Gegenüberstellung greift jedoch zu kurz: Vielmehr greift die Neue Rechte zentrale Elemente der modernen Ordnung auf und transformiert sie. Um dies zu verstehen, lohnt es sich, die Grundlagen der modernen normativen Ordnung zu analysieren.

Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch eine spezifische normative Ordnung aus, die sich in zentralen Prinzipien wie Individualität, Gewaltlosigkeit und Universalität der Menschenrechte manifestiert. Ihr liegt die Vorstellung eines differenzierten Gesellschaftsmodells zugrunde, in dem soziale Zugehörigkeit nicht über ethnische oder religiöse Homogenität, sondern über rechtliche und institutionelle Mitgliedschaft geregelt wird. Damit sich Individuen mit gleicher Freiheit und Würde etablieren konnten, mussten sie aus Subgruppen wie Familien oder Berufsgruppen herausgelöst werden. Für diesen Prozess waren einerseits der Staat als Garant individueller Rechte und andererseits die Bildung eines Staatsvolkes, das dem Staat kritisch gegenübersteht, zentral.

Mit dem veränderten Status des Individuums ging auch ein verändertes Verhältnis zur Gewalt einher. Frühere Gesellschaften basierten in der Regel auf einem Vertrauen in die eigene, kollektive Gewaltfähigkeit. Gewalt gehörte zum Alltag und in der Interaktion mit Fremden musste das Gewaltpotenzial immer mitbedacht werden. Moderne Gesellschaften hingegen beruhen auf einem Vertrauen in die Gewaltlosigkeit. Das heißt, wir Modernen vertrauen in der Regel darauf, nicht zum Opfer von Gewalt zu werden, wenn wir den Schutz unserer Familie verlassen. Die zentrale Aufgabe des Staates in einer solchen Gesellschaftsformation ist es, das Vertrauen in Gewaltlosigkeit aufrechtzuerhalten. Um das Vertrauen in die eigene Gewaltlosigkeit aufrechtzuerhalten, stützt sich der Staat selbst auf Gewalt. Allerdings muss er diese Gewalt stets gegenüber dem kritischen Staatsvolk legitimieren und zeigen, dass sie dazu gedient hat, schlimmere Gewalt zu verhindern – dies ist die Grundlage des staatlichen Gewaltmonopols. Damit einher geht ein Wandel der Position derer, die Gewalt erleiden müssen, der Opfer. Während diese in früheren Zeiten delegitimiert wurden und geradezu als unheimlich galten, erhält das Opfer illegitimer Gewalt in der modernen Gesellschaft eine privilegierte Sprecher*innenposition. Diese Aufwertung des Opfers verändert die politische Kultur grundlegend. Während in früheren Gesellschaften Macht häufig mit der Fähigkeit zur Gewaltausübung verbunden war, liegt in modernen Gesellschaften moralische Autorität zunehmend bei denen, die Gewalt erlitten haben, weil sie Gewalt erlitten haben.

Gleichzeitig zeichnet sich die normative Ordnung der modernen Gesellschaft durch eine Orientierung an der offenen Zukunft aus: Die Individuen sollen ihre Zukunft selbst gestalten können und nicht vordeterminiert werden. Damit unterscheidet sich das moderne Zeiterleben von etwa vormodernen zirkulären Konzeptionen, die mehr das ewige Wiederkehren des immer Gleichen in den Vordergrund rücken. Die Orientierung an der offenen Zukunft geht mit den beiden anderen Entwicklungen einher und umfasst sowohl den Wandel zur Individualisierung als auch die Abkehr von der Gewalt. Deutlich wird dies am Beispiel der Abkehr vom Prinzip der Vergeltung. In Gesellschaften, die auf Kollektivität und Vertrauen in die Gewaltfähigkeit ausgerichtet waren, gab es oft eine implizite oder explizite Verpflichtung, erlittenes Unrecht durch Rache, z.B. durch Blutrache, zu vergelten. Dieser Austausch von Racheverpflichtungen nimmt aber die Möglichkeit, die Zukunft offen zu gestalten. Der moderne Rechtsstaat hingegen ersetzt dieses Vergeltungsprinzip durch das Gewaltmonopol des Staates. Damit wird die Zukunft von Gruppen nicht im wechselseitigen Austausch von Racheverpflichtungen festgelegt.

Diese drei Prinzipien – normative Ordnung, Gewaltfreiheit und Zukunftsorientierung – bilden das Fundament moderner Gesellschaften. Doch genau an diesen Punkten setzt die neue rechte Bewegung an, indem sie alternative Zugehörigkeitskonzepte, ein anderes Verhältnis zu Gewalt und ein anderes Zeitverständnis entwirft. Um dies zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf ihr zentrales Konzept: das Volk.

3 Die Bedrohung des Volkes als eine homogene, überzeitliche Einheit

Ein zentrales Merkmal der neuen rechten Bewegung ist ihre Orientierung am Konzept des Volkes. Sie stellt sich das Volk als eine kollektive, überzeitliche Einheit vor, die über den Einzelnen hinausreicht und dauerhaft bestehen muss. Im Gegensatz zur modernen Gesellschaft, die Identität primär über Staatsbürgerschaft und politische Zugehörigkeit definiert, versteht die neue rechte Bewegung das Volk als eine in sich geschlossene, ethnisch-homogene Gemeinschaft. Diese Vorstellung ist eng mit der Idee von Dauer verbunden: Das Volk wird als ein historisches Subjekt betrachtet, dessen Existenz über Generationen hinweg bewahrt und gegen äußere Einflüsse verteidigt werden muss.

Obwohl das Volk als überzeitliche Größe gedacht wird, beschreibt die neue rechte Bewegung es zugleich als permanent bedroht. Diese Bedrohung bleibt jedoch vage: Nicht eine konkrete Gefahr steht im Mittelpunkt, sondern eine diffuse, aber existenzielle Bedrohung. Die Bedrohung geht im neu-rechten Narrativ von drei Gruppen aus: (1) Äußere Bedrohung – andere Völker und Migrant*innen, die die ethnische Homogenität gefährden. (2) Innere Bedrohung – diejenigen, die sich nicht selbstverständlich als Teil des Volkes verstehen und damit das unmittelbare Gemeinschaftserleben stören. (3) Eliten – die durch politische Kontrolle die Willensbildung des Volkes verhindern. Das Volk wird jeweils in Bezug auf diese Gruppen als bedroht erlebt.

Der Orientierung an der Dauer des Volkes liegt also eine spezifische Opferperspektive zugrunde: Das Volk wird von Neu-Rechten als leidende Gemeinschaft erfahren, die sich gegen äußere Bedrohungen zur Wehr setzen muss. Der Opferstatus dient dabei nicht nur der Selbstlegitimation, sondern ermöglicht der neuen rechten Bewegung auch den Anschluss an die normativen Grundlagen der modernen Gesellschaft. Indem sie das Narrativ der Bedrohung und Verfolgung kultiviert, beansprucht sie die moralisch überlegene Sprecher*innenposition des Opfers, die sie gegen die als illegitim empfundene liberale Ordnung in Stellung bringt. In der hier vertretenen Konzeption des Opfers ist es jedoch nicht einmal notwendig, als Individuum Opfer geworden zu sein; die Position des Volkes als Opfer lebt gerade davon, dass kein Individuum die unmittelbare Erfahrung machen muss, Opfer zu sein, und sich dennoch als Teil eines Kollektivs in einer Opferposition erlebt.

4 Erfolg durch Opferposition im Antagonismus zur modernen Gesellschaft

Das Erleben, Opfer zu sein, beschränkt sich in der neuen rechten Bewegung nicht nur auf das Volk als Kollektiv, sondern umfasst auch die Bewegung selbst und verdoppelt damit die Opferposition. Ein wichtiger Teil der kollektiven Identität der Neu-Rechten ist es, sich in ihrem Rechts-Sein als Opfer zu erleben. Sie sehen sich einerseits als Opfer einer liberalen Hegemonie und andererseits als direkt Verfolgte durch Proteste gegen Rechts. Proteste gegen die neue rechte Bewegung verstärken ihre Selbstwahrnehmung als bedrohte Gemeinschaft. Sie dienen der Bestätigung eines antagonistischen Weltbildes, in dem sich das ›Wir‹ der Bewegung stets im Kampf gegen ein feindliches ›Die‹ behaupten muss. Die Neu-Rechten beschreiben sich selbst damit als die wahre unterdrückte Gruppe, deren Meinungsfreiheit durch politische Korrektheit und Cancel Culture beschnitten würde. Auf diese Weise gelingt es dieser Bewegung, sich in den normativen Diskurs der modernen Gesellschaft und die Legitimation durch den Opferstatus einzuschreiben und gleichzeitig dessen Grundlagen in Frage zu stellen.

Die Bewegung befindet sich in einem paradoxen Spannungsverhältnis: Um gesellschaftliche Macht zu erlangen, muss sie sich gleichzeitig als unterdrückt darstellen. Dieser Antagonismus ist für die politische Wirksamkeit der Bewegung essenziell, führt aber zu einem strukturellen Dilemma: Die neue rechte Bewegung strebt nach gesellschaftlicher Macht und Anerkennung, kann ihre Identität aber nur durch die fortgesetzte Erfahrung von Marginalisierung und Bedrohung aufrechterhalten. Ihr Erfolg hängt somit paradoxerweise von der Fortdauer des Konflikts mit der modernen Gesellschaft ab. Diese Dynamik erklärt, warum klassische Gegenstrategien – wie öffentliche Gegenwehr, Protest oder mediale Skandalisierung – die Bewegung oft nicht schwächen, sondern vielmehr ihre Selbstwahrnehmung als verfolgte, aber standhafte Verteidigerin des Volkes verstärken.

5 Eine integrative Analyse hat gesellschaftlichen Nutzen

Meine Analyse der neuen rechten Bewegung zeigt, dass sie nicht einfach als reaktionäres Gegenmodell zur modernen Gesellschaft verstanden werden kann, sondern vielmehr in einem widersprüchlichen Verhältnis zu deren normativen Grundlagen steht. Sie greift zentrale Werte wie Gewaltlosigkeit, Meinungsfreiheit und kollektive Identität auf, ohne sich dabei aber gleichzeitig auf das moderne Individuum der Menschenrechte zu beziehen. Die Untersuchung zeigt zudem, dass rechte Akteur*innen sich nicht vollständig den Mustern der modernen Gesellschaft verschließen: Sie nutzen bestehende moralische Ordnungsmuster – etwa die privilegierte Sprecher*innenposition von Opfern – und transformieren sie, um ihre eigenen politischen Ziele zu legitimieren.

Diese Erkenntnisse zeigen, warum die klassischen Gegenstrategien, wie Delegitimierung, symbolische Abgrenzung oder Protest, oft nicht nur wirkungslos bleiben, sondern die Bewegung sogar stärken können. Indem sie die rechte Selbsterleben als verfolgte Minderheit bestätigen, tragen sie dazu bei, ihren Opferstatus zu verfestigen. Stattdessen erfordert der Umgang mit der neuen rechten Bewegung eine tiefere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die ihre Anschlussfähigkeit ermöglichen. Dies erfordert eine tiefere Reflexion des Spannungsverhältnisses zwischen individueller Freiheit und kollektiver Zugehörigkeit. Statt allein auf Abgrenzung zu setzen, muss eine gesellschaftliche Ordnung gestärkt werden, die Sicherheit, Anerkennung und Gemeinschaft ermöglicht – ohne dabei autoritären oder ausgrenzenden Tendenzen nachzugeben.

6 Handlungspraktische Folgen

Meine Analyse der neuen rechten Bewegung zeigt, dass klassische Gegenstrategien häufig nicht nur wirkungslos bleiben, was die Schwächung der Bewegungen betrifft, sondern in einigen Fällen sogar zur Stabilisierung und Stärkung des Selbstverständnisses der Bewegung beitragen. Denn neu-rechte Akteur*innen definieren sich über einen permanenten Antagonismus und inszenieren sich über die Erfahrung von Marginalisierung als Opfer einer vermeintlich hegemonialen liberalen Ordnung. Eine effektive gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der neuen rechten Bewegung erfordert daher ein Umdenken in der Art und Weise, wie auf rechte Ideologien und deren Verbreitung reagiert wird.

  1. Keine Bestätigung des Opfernarrativs: Statt rechte Akteur*innen pauschal als Feind*innen der Demokratie oder als das Andere der Ordnung zu behandeln, ist es notwendig, ihre Position als Teil gesellschaftlicher Dynamiken zu verstehen. Dies bedeutet nicht, rechte Positionen zu akzeptieren oder zu normalisieren, sondern gezielt zu reflektieren, inwiefern bestimmte Reaktionsmuster das Opfernarrativ der Bewegung unbeabsichtigt verstärken. Konfrontative Strategien, die darauf abzielen, rechte Akteur*innen öffentlich bloßzustellen oder aus gesellschaftlichen Diskursen auszuschließen, können deren Selbstbild als verfolgte Wahrheitsverkünder*innen ungewollt legitimieren. Das gilt insbesondere mit Bezug auf mediale Akteur*innen.
  2. Zweifel an der Legitimität von kollektiven Opfernarrativen: Ein zentrales Problem der modernen Gesellschaft ist die wachsende Bedeutung kollektiver Opfernarrative als Quelle politischer Legitimation. Während der Schutz vulnerabler Gruppen essentiell ist, zeigt die rechte Bewegung, dass die Logik der Opferprivilegierung auch von Akteur*innen genutzt werden kann, die sich nicht für Gleichberechtigung, sondern für Ausgrenzung einsetzen. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern das politische Gewicht des Opferstatus als primäre Legitimationsressource problematisch sein kann. Anstelle einer politischen Kultur, die Leid automatisch als moralische Legitimation anerkennt, bedarf es einer stärkeren Orientierung am universellen Individualismus, d.h. an der Anerkennung gleicher Rechte für alle, unabhängig von Gruppenzugehörigkeiten oder kollektiven Verfolgungsnarrativen. Mit diesem Vorschlag soll die für das Vertrauen in Gewaltlosigkeit zentrale Position des Opfers nicht delegitimiert werden. Es ist eine Errungenschaft der Moderne, dass das Opfer von Gewalt über diese Erfahrung Rechenschaft ablegen und damit Defizite des modernen Vertrauens in Gewaltlosigkeit aufzeigen kann. Wenn aber kollektive Opfernarrative entwickelt werden, wird eine ganze selbst konstruierte Gruppe in diesen herausgehobenen Status gehoben. Hier kann insbesondere auf sozialpädagogischer Ebene eine Unterscheidung zwischen individueller Opfererfahrung und kollektiver Opfererfahrung eingeübt werden.
  3. Stärkung von Gemeinschaftsformen jenseits des Antagonismus: Die Attraktivität der neuen rechten Bewegung speist sich unter anderem aus ihrem Angebot einer stabilen kollektiven Identität. Dabei steht ihr Gemeinschaftsmodell in direktem Konflikt mit den pluralistischen und offenen Identitätskonzepten der modernen Gesellschaft. Eine gesellschaftliche Antwort auf rechte Ideologien muss daher auch darin bestehen, alternative Formen der Gemeinschaftsbildung insbesondere auf lokaler Ebene zu fördern, die Zugehörigkeit ermöglichen, ohne auf Exklusion oder antagonistische Logiken angewiesen zu sein. Besonders wichtig ist es, kollektive Identitäten zu stärken, die mit der Idee des Menschenrechtsindividualismus vereinbar sind – etwa durch eine Neubewertung des Staatsvolks als inklusiver Gemeinschaft oder durch die Förderung von sozialen und politischen Netzwerken, die Individualität und Zusammenhalt nicht als Gegensätze begreifen. Hier sind politische Lösungen gerade auf kommunaler Ebene gefragt.

Eine wirksame Auseinandersetzung mit der neuen rechten Bewegung kann nicht allein durch symbolische Abgrenzung oder strafrechtliche Maßnahmen erfolgen, sondern erfordert eine kritische Reflexion gesellschaftlicher Normen und Diskurse sowie ein Ändern des Umgangs mit den Gegenübern in politischen Konflikten. Zentral ist dabei, die Mechanismen zu verstehen, durch die rechte Akteur*innen Anschluss an bestehende moralische Ordnungsmuster finden, und Strategien zu entwickeln, die diese Anschlussfähigkeit gezielt begrenzen. Dazu gehört, das Opfernarrativ als universelle Legitimationsquelle zu hinterfragen, alternative Formen von Gemeinschaftsbildung zu stärken und rechte Ideologien nicht allein durch Konfrontation zu bekämpfen, sondern durch eine inhaltliche Auseinandersetzung, die langfristige gesellschaftliche Alternativen bietet.

Johanna K. Fröhlich ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Universität Basel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der qualitativen Sozialforschung, Sozial- und Gesellschaftstheorie, Gewaltforschung und historischen Soziologie. Bei Velbrück Wissenschaft ist »Die leidende Gemeinschaft des Volkes« von ihr erschienen.

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