Wider eine gewisse europäische Selbstgerechtigkeit: Europa im Zeichen der Feindschaft

Wie muss Europa mit seiner von Feindschaft geprägten Geschichte umgehen, damit diese sich nicht wiederholt? Diese Frage stellt sich Burkhard Liebsch für das VELBRÜCK MAGAGZIN und hinterfragt das verbreitete Selbstverständnis Europas als erfolgreiches Friedens- und Werteprojekt. Er plädiert dafür, Europa nicht als abgeschlossene Erfolgsgeschichte zu begreifen, sondern als ein dauerhaft offenes Projekt, dessen Zukunft davon abhängt, wie mit der konfliktreichen Vergangenheit umgegangen wird.

Wider eine gewisse europäische Selbstgerechtigkeit: Europa im Zeichen der Feindschaft

von Burkhard Liebsch

I  Europa steht noch aus

Ungezählte, mühselige Anstrengungen sind unternommen worden, Europa eine einheitliche politisch-rechtliche Gestalt zu geben. In vielen einschlägigen, fast ausnahmslos europafreundlichen Schriften, die zu diesem Prozess beigetragen haben, wurde immer wieder unterstellt, Europa bleibe zwar in vielen Hinsichten noch zu verwirklichen, aber was als Zukunft Europas zu verwirklichen ist, stehe wenigstens dem Sinn nach fest. Genau diese Erwartung ging offenbar mit der Verabschiedung einer gemeinsamen europäischen Verfassung einher. Was nur noch zu verwirklichen ist, hat seine Geschichte im Wesentlichen bereits hinter sich und ist insofern tatsächlich eine Angelegenheit der Vergangenheit, die das zu Verwirklichende als solches bereits vorwegnimmt. Henri Bergson sprach mit Blick auf Zeitvorstellungen, wie sie hier einfließen, einmal von einer »Präformation des Neuen im Alten«, die er als Leugnung »wirklicher Entstehung« von Neuem auffasste. Indem man nur noch die »Verwirklichung« Europas beschwört, macht man Europa im gleichen Zug zu etwas dem Sinn nach Abgeschlossenem. Wie es scheint, entspricht das regierungsamtlicher Denkart hierzulande. Eine im Jahre 2000 vorgelegte Bilanz europäischer »Werte, Wege und Perspektiven« bekundet zwar eine gewisse »Trauer über die Risse, die noch nicht überwunden wurden«, stellt aber das Kitten aller Risse und Fugen, die das »europäische Haus« als fragil erscheinen lassen, für die nähere Zukunft in Aussicht. Woran sich der Weiterbau bzw. die Neukonstruktion dieses Hauses zu orientieren hat, ist dabei klar: an etwas, »das immer schon da war und nun wiederzugewinnen ist«, d.h. an der europäischen Wertegemeinschaft, die uns dessen versichere, dass wir von einem »gemeinsamen Ursprung« her nach wie vor, allen geschichtlichen Zäsuren, Brüchen und Katastrophen zum Trotz, »auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel« seien, das da lautet: Einheit in oder trotz aller Vielfalt und allen »Andersseins«, das nun kein Hindernis mehr sein dürfe.[1]

Demnach hätte uns die Geschichte immerhin diesen Sinn Europas als aufgegebenes und unverlierbares Erbe hinterlassen. Und in historischer Perspektive bliebe nur noch die Aufgabe, die mehr oder weniger verschlungenen »Wege nach Europa«, d.h. ins Herz unserer politischen Gegenwart zu eruieren, die sich nachträglich als das gute, vorläufige Ende und insgeheime Ziel einer langen, allzu langem destruktiven Vorgeschichte erweisen würde. Das von Nietzsche bis Foucault zur Geltung gebrachte genealogische Denken, das jedes nachträgliche Teleologisieren verbietet, ist offenbar spurlos an diesem Triumph europäischen Selbstbewusstseins vorbeigegangen, das sich im Spiegel der Vergangenheit nun von den Historikern vorführen lässt, wie es hat werden können, was es nun ist: ein »phänomenal erfolgreiches« Integrationsprojekt.[2]

Auf der Linie, die dieses Selbstbewusstsein zukunftsweisend vorgibt, fragt man nach den »Ursprüngen« Europas, in denen man nachträglich den teleologischen Sinn seiner Gegenwart wiederzuerkennen meint. In der Suche nach Antworten auf die Frage, woher Europa kommt und woraus es entstanden ist, bleibt freilich oft der eigentliche Sinn des Fragens selbst unbedacht. Zu selbstverständlich scheint, dass es sich vor allem um die Aufgabe der politisch-rechtliche Einheit Europas zu drehen hat und dass genau diese Aufgabe als nunmehr unanfechtbares Resultat der europäischen Geschichte zu gelten hat. Demnach kann diese Aufgabe zugleich als historisch gehärteter Maßstab der Beurteilung unserer Vorgeschichte gelten. Und er fordert zu deren Verurteilung heraus, wo die Geschichte Europas in nachträglicher Sicht auf Abwegen vonstatten gegangen ist – bis hin zu jenem ganz anderen Europa, das uns als tausendjähriges »Drittes Reich« womöglich noch heute im Griff hätte, wenn sich nicht andere eingemischt hätten.[3] Die längst überbordende Literatur zum Werden Europas weist über weite Strecken keine tiefe Beunruhigung angesichts dieses Befundes auf, dass Europa sich nicht einfach sich selbst verdankt, wie es diejenigen glauben machen, die zwischen Ursprung und Ziel europäischer Existenz nur die in unserer Gegenwart sich nun erfüllende Vorgeschichte ihrer Einheit erkennen wollen. So zeichnet man den »Weg nach Europa« nach – unter der impliziten Voraussetzung, dass wir im historisch nur noch zu rekonstruierenden Europa bereits angekommen sind und uns einer bereits weitgehend europäisierten Gegenwart schon sicher sein können. In seiner lehrreichen kurzen Geschichte »des Europa-Gedankens« von Alexander dem Großen bis Zar Alexander I. ging Federico Chabod bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ganz in diesem Sinne davon aus, aus dem bereits gefestigten »Glauben an einige geistige und sittliche Werte höchster Art, die unsere europäische Kultur erschaffen hat, ist auch der Antrieb geboren, den Weg dieser Kultur historisch nachzugehen, und, als wichtigste Aufgabe, auf die Frage eine Antwort zu finden, wann und auf welche Weise unsere Ahnen das Bewußtsein erlangten, Europäer zu sein«. »Jetzt, nachdem die Existenz einer europäischen Kultur und Zivilisation gesichert« und das bereits in der italienischen Renaissance Anvisierte »also erreicht ist, fragt man sich, wie man dahin gelangt ist«.[4] Was Chabod so mit Blick auf den Europabegriff der Romantik sagt, gilt auch für seinen eigenen Standpunkt: Von der – vermeintlich gesicherten – europäischen Gegenwart aus fällt der Blick zurück in die Vergangenheit, die nur noch als Vorgeschichte eines offenbar im Großen und Ganzengebilligten und fest etablierten Europas erinnert wird. Noch heute, über vierzig Jahre später, erscheint freilich nicht wenigen eine derartige Sichtweise als nach wie vor anfechtbar. Zwar hat sich inzwischen eine Bejahung der europäischen politischen Einigung flächendeckend durchgesetzt, flankiert von einer Phalanx von nicht weniger als 180 »Integrationshistorikern«, die offenbar sämtlich an einer konsequenten Europäisierung unserer Vergangenheit im Sinne dieser Idee arbeiten. Doch vermochte bislang noch niemand ein eindeutiges »Kriterium der Europäität« anzugeben.[5] Daran hat bislang kein Versuch etwas ändern können, die eingangs aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Und vieles spricht dafür, dass es dabei bleiben wird.

Zuletzt hat der Althistoriker Christian Meier in seinem Buch Von Athen nach Auschwitz gezeigt, dass nicht nur ein Weg ins gegenwärtige, vielfältige Europa geführt hat; und die eingeschlagenen Wege waren nirgends teleologisch, in einem weit zurückliegenden Ursprung Europas vorgezeichnet. Keineswegs hat ein Telos, ein Ziel (wie auch immer man es formulieren möchte) von Anfang an festgestanden. Wir sollten daher nicht der retrospektiven Illusionen verfallen, die europäische Geschichte sei nichts als die Vorgeschichte des heutigen, noch immer umstrittenen Europa. Umgekehrt kann Europa bzw. sein Sinn auch nicht einfach von einem der europäischen Gegenwart vorgegebenen Ursprung hergeleitet werden.

Zwar ist man immer wieder der Versuchung erlegen, eine teleologische Vorzeichnung des Sinns europäischer Existenz in einen geschichtlichen Ursprung zurückzuprojizieren, um von ihm her all die verworrenen Ereignisse zu verstehen, die die Geschichte Europas teils vorangetrieben, teils paralysiert und zum Stillstand gebracht, teils auch endgültig ruiniert zu haben schienen. Doch hat tatsächlich niemand in der europäischen Geschichte je vorab gewusst, worauf die europäische Geschichte mit Europa gleichsam »hinauswill«. Das gilt selbst noch für die jüngste Phase der europäischen Einigung, zu der es, lt. Ernst Friedländer (1965), »keine frühen Vorläufer« gibt. Viel weiter als bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg reicht eine oft zitierte Rekonstruktion des »Wegs nach Europa« nicht zurück, die auf die Forderungen nach politischer Einigung abstellt. Forderungen nach politischer Einigung waren zwar längst vorher laut geworden. Man erinnert an Saint Simon, an Victor Hugo u.a. »Rufer in der Wüste«. Doch konkrete Vorschläge, wie denn diese Einigung zu gestalten sei, setzen sich erst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch. Als Katalysatoren werden immer wieder genannt: die Paneuropa-Bewegung; die von verschiedenen Seiten vorgetragene Forderung nach »Vereinigten Staaten von Europa« bzw. nach einem föderativen Staatensystem; die »Europa-Union«; sowie die Geburt des europäischen Föderalismus aus dem Geist des Widerstands gegen die totalitären Systeme, aus deren Erfahrung keineswegs politisch eindeutige »europäische Schlüsse« gezogen wurden. (Der Kreisauer Kreis zog ganz andere als die Insassen der Konzentrationslager, die nach der Vernichtung von Militarismus und Faschismus vermittels der Überwindung national-staatlicher Souveränität Europa neu aufbauen wollten.) Mit der Hertensteiner Konferenz (1946), Churchills Züricher Rede (ebenfalls 1946) und dem Haager Konvent (1948) schließlich tritt Europa in die Phase der konkreten politisch-rechtlichen Institutionalisierung seiner (allerdings unter dem Druck der sich abzeichnenden West-Ost-Konfrontation halbierten) Einheit. Jetzt geht es scheinbar nur noch um »Verwirklichung« des Vorgedachten. Nach wie vor drängen sich freilich Zweifel daran auf. Stellt denn der bürokratischmilitärisch-ökonomische Kretin, der herauskam, wirklich eine angemessene Antwort auf die Lage dar, in der man sich fand? Was war das für eine Lage? Churchill sprach von einer »Tragödie Europas«, das sich als eine »Brutstätte von Haß« erwiesen habe; er wollte verhüten, dass »das Mittelalter in seiner ganzen Grausamkeit« die moderne Zivilisation noch einmal bedrohen könnte. Konnte man auf solchen Diagnosen eine politische Antwort aufbauen? Beschäftigt uns die Frage, was in und mit Europa wirklich geschehen ist, als 1945 der sog. Zweite Weltkrieg zu Ende ging, nicht bis heute? Hält die Auseinandersetzung um die Frage, wie dieses Geschehen den Sinn europäischer Existenz – und keineswegs nur den Sinn des Einigungsprozesses zwischen den Staaten – betreffen muss, nicht bis heute an? Muss Europa nur »zu sich selbst zurückfinden«?[6] Zu seinen besten, durch das Geschehene »negierten« Traditionen und »Werten«? Oder ist es in einem bis heute noch nicht wirklich verstandenen Ausmaß selbst betroffenen von einer Destruktivität, die ihm nicht wie eine Krankheit oder als aus ihm selbst nicht zu verstehende, brutale Negation widerfahren, sondern aus seiner eigenen Geschichte erwachsen ist?

Bis heute bleibt das Denken dessen nachzutragen, worauf Europa eine historische Antwort geben müsste. In diesem Sinne bezweifeln immer noch einige wenige, dass die Frage, wie denn der Sinn Europas von der europäischen Geschichte betroffen ist, eine befriedigende Antwort gefunden hat. Für Derrida ist es gerade eine nicht auszuräumende Unangemessenheit, die die Suche nach einem Europa in Gang hält, das nicht aufhören wird, auszustehen.[7] Nicht eine bloße Verwirklichung des bereits gültig Vorgedachten, sondern vielmehr der im Ausstand befindliche Sinn Europas inspiriere die europäische Wirklichkeit. Dabei geht es Derrida weniger um die Frage, ob dasjenige Europa, das seiner Geschichte gewachsen wäre und sie begriffen hätte, um auf allen Ebenen europäischer Existenz die angemessene Antwort zu geben, in naher oder ferner Zukunft liegt, sondern vielmehr darum, ob es überhaupt in dieser temporalen Weise »aussteht«. Was Derrida als das »Kommen« Europas beschreibt, verweist nicht auf eine für die Zukunft zu erwartende Morgendämmerung, die endlich die Nacht der europäischen Vorgeschichte hinter sich lassen würde. Europa befindet sich demnach unvermeidlich in einem radikaleren Sinne im Ausstand, und das heißt in einem nicht auszuräumenden Missverhältnis zu seiner eigenen Geschichte, das auch in der Zukunft nicht einfach als überwunden oder als aufgehoben wird gelten können. Dem »Ausstehen« Europas entspricht eine bleibende Herausforderung seiner gegenwärtigen Existenz. Gründe dafür werden im Folgenden noch zur Sprache kommen.

II  Erinnerung und Europäisierung

Zweifellos steht Europa heute nicht nur vor einer Herausforderung. Die Probleme seiner zukünftigen Existenz gesellen sich zu denen seiner Gegenwart – in rechtlicher, politischer, kultureller und sozialer Hinsicht. Und nichts rechtfertigt es, der Herausforderung durch seine eigene Geschichte vor diesen Problemen und ihrer Bewältigung absoluten Vorrang einzuräumen. Im Folgenden stelle ich dennoch die Herausforderung durch exzessive Verfeindung in den Mittelpunkt meiner Überlegungen, ohne damit aber suggerieren zu wollen, sie stelle das einzige Maß dar, an dem europäische Existenz heute zu messen sei. Europa ist die Resultante unterschiedlicher Herausforderungen, die verschiedene Arten der Europäisierung nach sich gezogen haben. Europa liegt der Europäisierung nicht historisch voraus (etwa weil es in einem bis heute unangefochtenen Ursprung verwurzelt wäre); vielmehr ist es das kontingente Produkt diverser Europäisierungsprozesse, die ihrerseits auf die Herausforderung von Ereignissen Antwort gegeben haben, die den vorherigen Vorstellungen Europas widersprochen oder sie sogar zum Scheitern und zum Untergang verurteilt haben. So gesehen ist Europa nicht zuletzt auch das Produkt unvorhergesehener Enteuropäisierungen, die uns von einer kritisch beurteilten und nicht selten auch verurteilten Geschichte mehr und mehr trennen.

Doch selegiert man im selbstbewussten Rückblick allzu oft einfach das, was man als positiven Beitrag zu einer heute bejahten europäischen Gegenwart auffassen kann und stuft als bloßes Hindernis oder als vorübergehenden Umweg all das ein, was den »Weg nach Europa«, d.h. in unsere Gegenwart aufgehalten, behindert oder anders vom Ziel abgelenkt zu haben scheint, statt Europa den »kurzen Weg der Vernunft« (Kant) gehen zu lassen. Aber ist die Geschichte nur dazu da, nachträglich vor Augen zu führen, wie wir »gute Europäer« geworden sind?[8] Kann die Geschichte Europas etwa nur die Vorgeschichte der europäischen Einigung sein, d.h. eines zwar in sich pluralen und im Widerstreit mit sich selbst liegenden, dennoch aber politisch geeinten Europas, das gerade durch seine seit langem in Aussicht gestellte Einheit all die Zerwürfnisse, Kriege und Feindschaften zu überwinden verspricht, die es immer wieder durch sich selbst zu zerstören drohten?

Gewiss ist die europäische Geschichte mehr als bloß eine weitgehend überwundene Vorgeschichte der heutigen europäischen Gegenwart, die sich aus vielen, heterogenen Quellen, darunter aus solchen speist, die ihr bis heute eine nicht überwundene (und vielleicht niemals gänzlich zu überwindende) Selbstfremdheit einzeichnen. Gerade die europäische Geschichte lehrt uns auch, was uns bis heute als unannehmbar erscheint und doch zu uns gehört als Herkunft und bedrohliche Vorzeichnung einer Zukunft, in der eine verurteilte Vergangenheit wiederkehren könnte. Die Genealogie Europas aus ihm selbst Fremdem verlangt ihm bis heute ab, sich zu dieser Selbst-Fremdheit ins Verhältnis zu setzen. Genau das geschieht aber nicht, wenn wir uns von der Geschichte nur affirmativ vor Augen führen lassen, wie wir haben werden können, was wir – angeblich – heute sind: »gute Europäer«.

Wenn »gute Europäer« zu werden nur um den Preis möglich sein sollte, dass wir diese Selbstfremdheit zu vergessen haben, dann ist vielleicht doch, als Gegengift sozusagen, eine gewisse Enteuropäisierung angezeigt. Enteuropäisieren wir uns, um in Erinnerung zu rufen, was niemals in europäischer Gegenwart, gar im Stolz eines selbstgerechten historischen Bewusstseins, aufgehen wird. Nicht auszuschließen ist, dass gerade eine solche enteuropäisierende Erinnerung an die befremdlichen Herausforderungen, denen Europa sich gegenüber sah (und untergründig noch immer gegenüber sieht), einer neuen, besseren Europäisierung Vorschub leisten wird; einer Europäisierung, deren Sinn freilich niemals in der Untermauerung eines historisch guten Gewissens liegen kann, das sich immer wieder auf eine Weise geltend macht, die unsere historische Sensibilität verkümmern lässt und schon dadurch Europa in gewisser (doppelsinniger) Weise verrät.

Anzeichen eines solchen »guten Gewissens« gibt es genug. Endlich befreit aus der Geiselhaft des atomaren Patts, endlich befreit vom sog. »Terrorfrieden« (Raymond Aron) des Kalten Krieges, in dem die Ost-West-Konfrontation innereuropäische Konflikte weitgehend daran gehindert hat, in Formen zwischenstaatlicher Gewalt zum Ausbruch zu kommen, wollen die »guten Europäer« heute, so scheint es, nichts mehr als Frieden, Verständigung, Achtung der Menschenrechte, gewaltfreien Ausgleich so genannter Interessen, wozu auch der unbehinderte Handel gehört, einschließlich raffinierter Waffen, die man freilich unter der Bedingung exportiert, dass die dazugehörigen Kriege anderswo geführt werden mögen. Längst haben sich die Europäer den Vorwurf der Feigheit zugezogen, so wenig scheinen sie gewillt, nach der Kriminalisierung des Angriffskrieges im Briand-Kellog-Pakt von 1928, nach der UNO-Konvention gegen Völkermord und nach der UN-Charta über die Achtung der Menschenrechte (beide 1948 verabschiedet) noch einmal mit militärischer Gewalt gegeneinander oder gegen Andere vorzugehen. (Dass es fragwürdige Ausnahmen gibt, kann nicht verschwiegen werden: die britische Regierung und die Unterzeichner des Briefes, in dem acht weitere europäische Regierungen den Angriffskrieg der USA gegen den Irak unterstützten, befanden und befinden sich in eklatantem Widerspruch zur Mehrheit der jeweiligen Bevölkerungen, deren Motiv nicht mangelnde Entschlossenheit zur Gewalt, sondern Mut zum Frieden war…)

Dass die Europäer sich jenen Vorwurf zugezogen haben, mag viele, ganz unterschiedliche Gründe haben. Nicht der unwichtigste scheint mir zu sein, dass man programmatisch auf eine Weise der Gewalt abgesagt hat, die sich heute in gewissen humanitären Platituden zu erschöpfen droht. Wie kommt es, dass das Thema Europa bei vielen »einen unwiderstehlichen Reiz zum Gähnen hervorruft«, wie Peter Schneider 1988 schrieb?[9] Vielleicht liegt das nicht nur an den Bergen bürokratischen Widersinns, die von demokratisch nicht oder nur höchst unzureichend legitimierten Verwaltungsapparaturen aufgehäuft worden sind. Möglicherweise liegt es auch an der üblichen, komfortablen Berufung auf »Werte«, denen sich angeblich alle Europäer verpflichtet fühlen oder verpflichtet fühlen sollten, um eben dadurch womöglich zu einer gewissen kollektiven Identität zusammenzufinden. Zumal wenn diese Werte bzw. die sie stützenden Überzeugungen keinen Anschluss mehr an Erfahrungen erkennen lassen, denen sie ursprünglich ihre Geltung zu verdanken haben, verkümmern sie nur allzu schnell zu bloß verbalen Bekundungen eigener Gutwilligkeit. Wer man – als Europäer – ist, gibt man zu erkennen, indem man sich auf fragwürdige Weise diese Werte zu eigen macht. Dann geht es gar nicht mehr um die Erfahrungen, aus denen sie in einem Prozess der Wertung entstanden sind, sondern um die Behauptung der eigenen Gegenwart, die sich der mehr schlecht als recht erinnerten Geltungsbasis der Werte wie eines Vorratslagers bedient. Dieser fadenscheinige Zweck läuft Gefahr, die Werte gerade durch ihre Aneignung zu entwerten und sie polemisch gegen Andere in Stellung zu bringen, die nicht den gleichen, für die eigene Tradition reklamierten, privilegierten Zugang zu ihnen haben.

Mit Rémi Brague ist deshalb vor einer bequemen Inanspruchnahme gewisser europäischer Traditionen als eigenes Erbe zu warnen. Eine solche Inanspruchnahme erklärt zu einem Gutteil den Überdruss an Europa, das den Anschein erweckt, als sei die an sich lobenswerte Absage an kollektive Gewalt um den allzu hohen Preis einer historischen Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit erkauft, die man andernorts, wo man die Geschichte Europas nicht so leicht vergessen wird, nur als zynisch empfinden kann. Daran haben Ted Honderich und Jacques Derrida erinnern wollen.[10] Abgesehen von dieser keineswegs nur »außenpolitisch« bedeutsamen Fragwürdigkeit Europas empfiehlt sich auch im geschichtlichen Selbstverhältnis schonungslose Erinnerung daran, was jegliche Möglichkeit nachträglich selbstgerechter Aneignung europäischer Traditionen vereiteln muss. Dazu zählt vor allem die in der Vergangenheit mehrfach heraufbeschworene Selbstzerstörung Europas durch exzessive Verfeindung.

III  Europa – Aus Feindschaft geboren?

Dass eine Vielzahl von Kriegen die europäische Geschichte tief greifend bestimmt hat, ist oft gesagt worden. Doch obwohl bereits Clausewitz den Krieg aus der Feindschaft ableitete, ist Europa nur selten genealogisch aus Feindschaft bzw. aus den Folgen vielfacher Verfeindungen erklärt worden. In der europäischen Geschichte wurde Feindschaft nur selten bedacht; und erst in der Moderne wurden Phänomene der Verfeindung auf die Genealogie Europas selber bezogen. Vor allem Montaigne stellte die Europäer als Barbaren dar, die nur dem Namen nach Christen seien. Tatsächlich sei Europa von Briganten beherrscht, »die sich die Zeit damit vertreiben, einander umzubringen und, noch schlimmer, sich untereinander die verzweifelten und gepeinigten Völker zum Fraß vorwerfen«. Hobbes’ Rede vom Naturzustand entwirft ein ähnliches Bild. Bis heute legt es nahe, sich an den polemos Heraklits als eine unvermeidliche Bestimmung zur Auseinandersetzung, zu Streit und Krieg zu erinnern. Bei Autoren wie Pato_ka, Levinas, Lyotard, Derrida und Rancière ist dieser Zusammenhang noch heute überaus deutlich.

Zwar haben die modernen Staaten ihren Bürgern einen generellen Gewalt-Verzicht abverlangt und in ihrem Innern die Feindschaft (sowie Selbstjustiz) mit Nachdruck delegitimiert, um den Naturzustand aufzuheben. Doch kehrte die Feindschaft auf internationaler Ebene dafür mit umso durchschlagenderer Wirkung wieder. Rousseau, Kant und Hegel waren davon überzeugt, dass Staaten im Verhältnis zueinander mindestens latent feindselig eingestellt sein müssen. Sie »lädieren« einander, schrieb Kant, schon durch ihr bloßes Nebeneinander; erst recht aber durch ihr bedrohliches Gewaltpotenzial, das zu präventiver Gewaltanwendung verleitet. Dass ein Staat »aggressiv sein könnte, genügt, um ihn als Feind gelten zu lassen«.[11]Unter dieser Voraussetzung musste im Naturzustand der Staaten ein unbeschränktes Misstrauen herrschen. Keineswegs hat das Aufkommen der modernen Staaten dabei den persönlichen Hass obsolet gemacht, wie etwa Hegel und noch Carl Schmitt glaubten. Stattdessen betrat in Verbindung mit der lévée en masse des modernen Volksheeres auch der Nationalhass die Bühne der Geschichte, was Clausewitz klar gesehen hat. Der Nationalhass war nicht etwa geschichtlich Ererbtes, unvermeidliches Schicksal, sondern fungierte als Medium der originären Formierung national-staatlicher Ordnungen, die auf einander prallten.

Edgar Morin ging so weit, zu sagen, »im historischen Gedächtnis der Europäer« sei ihr »einziges gemeinsames Erbe« ihre gegenseitige Feindschaft.Seit dem sei Europa weitgehend das Resultat einer »europa-organisierenden Anarchie«, in der alles, was das moderne Europa formte, auch seine Zerrissenheit bedingt habe (und umgekehrt).[12] Diese Anarchie lässt sich nicht einfach als »ungesellige Geselligkeit« (Kant) verharmlosen, die unfreiwillig doch die Aufhebung der Zerrissenheit und die Pazifizierung der vielfachen Feindschaften beförderte. Denn in Verbindung mit einer ungeahnten Entwicklung der Waffentechnologie beschwörte der Naturzustand der Nationalstaaten schließlich die »Selbstzerstörung Europas« und damit den Abbruch seiner Geschichte herauf: Der im 18. Jahrhundert endgültig sich im Zeichen des jus gentium und eines Gleichgewichts der Kräfte durchsetzende Begriff Europa bezeichnet zunächst ein polyzentrisches Geflecht von Lebensformen. Deren Nationalisierung im Verlauf des 19. Jahrhunderts aber wird in den totalen Krieg münden und die Zerstörung aller vermeintlichen »Grundlagen« Europas riskieren. Kein späterer Rückgriff auf europäische Geschichte hat für diese Zerstörung entschädigen können, die weniger materielle Verluste betrifft als vielmehr den Sinn Europas. Das hat schon Paul Valéry in seinen heute viel beachteten Reflexionen über den Ausgang des Ersten Weltkriegs so gesehen.[13]

Wird hier ein allzu düsteres Bild gemalt? Zweifellos hat man sich schon zur Zeit der Aufklärung mit der Gefahr drohender Vernichtungs- und Vertilgungskriege auseinandergesetzt. Doch überwog der Optimismus, der »unsterbliche Sinn« Europas könne nicht vernichtet, höchstens »getrübt, gelähmt, von anderen Sinnen [!] verdrängt« werden, wie es bei Novalis 1799 heißt. Nächster Zweck des Krieges sei eine »mannichfaltigere Connexion und Berührung der europäischen Staaten«; er werde aber nur aufhören, wenn »die Nationen ihren fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden«, um sie endlich »alles Feindliche vergessen [!]« zu lassen. Im Bericht seiner Reise nach Frankreich schreibt dagegen Friedrich Schlegel 1803, es sei nicht länger sicher, »dass Europa als ein Ganzes noch vorhanden sey«; infolge der Französischen Revolution habe sich gezeigt, dass in Europa »das Gute der Erde mit dem Bösen am heftigsten ringt, und hier also die Menschheit endlich entschieden werden muß«. Dieser radikale »Streit« habe bis an den Rand der Selbstzerstörung Europas geführt, lasse aber darauf hoffen, dass »eine neue Welt aus der Zerstörung aufzubauen« sei. Dieser Gedanke der Selbstzerstörung und des Wiederaufbaus war nicht neu. Doch hat man das 19. Jahrhundert nicht als den »Beginn einer glücklichen Epoche«, als »Jahrhundert des Friedens« (Polanyi, 1944) bezeichnet, das dann aber auf ganz unvermutete, selbst die Apologeten der Gewalt im Ersten Weltkrieg wirklich überraschende Weise in die Katastrophe Europas mündete? Offenbar stimmt etwas nicht mit dieser offenbar die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges verharmlosenden Sicht. Immerhin vermochte man sich über dem konfliktträchtigen Widerstreit staatlicher Interessen im 19. Jahrhundert keinerlei vermittelnde Instanz denken, die an die Stelle einer gewaltsamen Austragung des Widerstreits hätte treten können. Stattdessen konzipierte man wie gesagt einen inter-nationalen Naturzustand, der die Feindschaft zwischen Völkern, Nationen, Staaten und Kulturen geradezu zu provozieren schien. Im Vorfeld des Ersten Weltkrieges werden auch Kulturen insgesamt als Überlebenseinheiten gedeutet, die scheinbar einem quasi-evolutionären Gesetz des Überlebens gehorchen müssen. Sie befinden sich so gesehen in einem »natürlichen« Krieg der Kulturen bzw. der Lebensformen, die auf Gedeih und Verderb gegeneinander in Stellung gebracht sind. So wird Kultur als Krieg aufgefasst und die eigene kulturelle Tradition für den Krieg mobilisiert, in dem es letztlich um das eigene kulturelle Überleben und um die Wahrheit der eigenen kollektiven Existenz geht.[14]Allerdings hat die Kulturkritik der Vorkriegszeit hierzulande nichts so sehr in Zweifel gezogen wie gerade das »Leben«, die »Lebendigkeit« und die »Überlebensfähigkeit« der Kultur. Im Zuge einer bemerkenswerten Vertauschung der Begriffe konnte man sich vom Krieg (d.h. vom zwischen-staatlich organisierten Tod) mehr Leben bzw. eine Wiederbelebung der eigenen Kultur versprechen. Die Erneuerung der Kultur denken hieß: die Drohung gewaltsamen Todes als Versprechen erneuerten Lebens denken. So affirmierte Ernst Jünger in diesem Sinne den kriegerischen Kampf als Lebensform, wobei der polemos zu fragwürdigen Ehren kommt. Das Leben selbst, so heißt es in Das Antlitz des Krieges (1930), sei »selbst im Grunde durchaus kriegerischer Natur«.[15] Wer sich dem Krieg bedingungslos überlässt, »lebt« also im vollen Sinne. Um nichts war Jünger deshalb so besorgt wie um den Verlust des Krieges als eigentlicher Lebensform menschlicher Existenz durch seine Kriminalisierung und Ächtung von Seiten eines verachteten »humanitären Gewissens«.

Jüngers Sorge um den Krieg als Lebensform sollte sich als gänzlich unbegründet erweisen. Denn längst schon hatte sich auch das staatstheoretische Denken dieses Begriffs angenommen. Schon bei Haeckel, in den Welträtseln, wird der Staat zu einer bloßen Lebenserscheinung; einflussreicher noch bei Kjellén, der programmatisch den Staat als Lebensform begriff und, im Zeichen der Ideen von 1914, konsequent den darwinistischen »Gesetzlichkeiten« unterstellte. Auf derselben Grundlage skizzierte J. J. Ruedorffer in seinen Grundzügen der Weltpolitik in der Gegenwart (1915) das Bild eines Naturzustandes der Staaten, deren widerstreitende Interessen sie ohne weiteres zur gegenseitigen Feindschaft disponiere. Für Ruedorffer war es ausgemacht, dass die Staaten sich innerlich zu homogenisieren streben müssen, um sich in ihren stets nur vorübergehend friedlichen Verhältnissen auf den nächsten Krieg um ihren Lebensraum vorzubereiten. »Die Feindseligkeit, die wir allerorten wahrnehmen und die aus dem politischen Leben nicht weichen will […], entspringt nicht einer Unzulänglichkeit der menschlichen Einrichtungen oder einer Verderbnis der menschlichen Natur, sondern dem Wesen der Welt und den Quellen des Lebens selbst.«[16] Freundschaft könne nur »Aufschub der Feindschaft oder gemeinsame Feindschaft gegen einen Dritten« bedeuten.

Noch in Haushofers Weltpolitik von heute (1934) findet sich die Spur Kjelléns, wobei aber der Kampf der staatlich organisierten Lebensformen um mehr Lebensraum zur »staatsbiologischen Lebensregel« erklärt wird. Keineswegs sollen die Lebensformen ein für allemal – wie der klassische Nationalstaat – territorial gebunden und »verortet« bleiben. In ihrem Verurteiltsein zu »ewiger Feindschaft« greifen sie am besten zu präventiver Gewalt gegen andere, um ihrem eigenen Untergang im Kampf uns Überleben zuvorzukommen. Jede politische Lebensform, die bestehen wollte, musste sich demnach als »raumüberwindende Macht« behaupten. Hier ist mit Händen zu greifen, wie eine biopolitisch in Dienst genommene Wissenschaft vom Leben, amalgamiert mit geopolitischem und anthropogeografischem Denken den zukünftigen Vernichtungskriegen der Nazis entgegenkommen konnte. Blut und Boden treten bei Haushofer, »mystisch vereinigt«, zur »allseitigen Lebensform des Volksstaates« zusammen. Vergleichbares konnte man auch beim Heidelberger NSPhilosophen Krieck lesen. Noch 1944 kann dieser einer Apologie restloser Vereinnahmung des einzelnen in rassisch bzw. ethnisch homogenisierten Lebensformen das Wort reden, zu einer Zeit, wo der Staat als Rechtsform längst preisgegeben war.

Schon bald nach 1933 hatte sich – nicht zuletzt vermittels des Instruments der sog. »Schutzhaft« – jene charakteristische Struktur der Doppelstaatlichkeit etabliert, die letztlich alles Recht dem Willen einer politischen Führung unterstellte, die ihrerseits auf nichts mehr verpflichtet war; auch nicht auf die Selbsterhaltung des Staates. Wenn das rassisch gereinigte Volk im weltgeschichtlichen Kampf unterliegt, dann ist es eben reif für den Untergang, wird Hitler im sog. »Nerobefehl« vom 19. März 1945 quasi testamentarisch bestätigen. Ganz bewusst hat er das Staatsvolk als Lebensform mit allen Konsequenzen aufs Spiel gesetzt – und damit letztlich zur Vernichtung bestimmt. Dem ging aber der Versuch voraus, es von jeglicher Fremdheit zu reinigen, um ihm zur eigenen, homogenen Existenz zu verhelfen.[17] Lange bevor der eigentliche Krieg im Jahre 1939 begann, wurde Ernst gemacht mit einer unnachsichtigen Verfolgung all der »Elemente«, die die Homogenität des »deutschen Volkes« angeblich gefährden konnten. Dabei bot die nach anfänglicher, aber bald erlahmender Kritik bereits 1933 eingeführte »Schutzhaft« die rechtlich unbehinderte Möglichkeit, »Staatsfeinde« aller Art einer »Sonderbehandlung« zuzuführen. Von der vermeintlich bloß defensiven Praxis ging man alsbald zur umfassenden »Prävention« über. Best (unter Kaltenbrunner Chef des für »Organisation, Verwaltung und Recht« zuständigen Amtes II des Reichssicherheitshauptamtes der SS) verlangte in einem Aufsatz über die Aufgaben der Gestapo, die »präventivpolizeiliche« Aufspürung, Überwachung und Unschädlichmachung der Staatsfeinde müsse »unabhängig von jeder Bindung jedes zur Erreichung des notwendigen Zwecks geeignete Mittel« anwenden dürfen.[18]

So verschärfte sich die politische »Gegnerbekämpfung« zur »rassischen Generalprävention«, die erklärtermaßen »den Feind nicht nur im unmittelbar drohenden gefährlichen Einzelfalle, sondern ihn nach einem großen Gesamtplan systematisch auch dort vernichten« wollte, »wo er nicht gerade mit einer einzelnen Tat gefährlich wird«.[19]19 Diese Generalprävention bestimmte die Feinde ohne Rücksicht auf irgendein Handeln allein aufgrund ihres bloßen Seins zur Vernichtung. Angesichts der offenkundigen Unmöglichkeit, den hypostasierten Feind objektiv, biologisch-rassisch (oder auch nur ersatzweise etwa durch seine Religionszugehörigkeit) zu definieren, musste sich Hitler schließlich darauf zurückziehen, selber festzulegen, wer Jude sei. Damit offenbarte sich die Suche nach dem Feind endlich als das, was sie von Anfang an war: als selbstherrliche Feinderfindung. Zu diesem Mittel muss man schließlich greifen, hatte schon Carl Schmitt gelehrt, wenn sich ein objektiver Feind in seiner diabolischen Hinterhältigkeit nicht zu erkennen gibt, so dass es unmöglich zu werden droht, zu definieren, wer man selbst, im Unterschied zum Feind, ist. Darauf sollte politisch aber alles ankommen. Der exzessive Verdacht gegen einen überall und nirgends zu findenden Feind provoziert die souveräne Entscheidung, wer es ist; eine Entscheidung, mit der der entscheidende Unterschied zum Feind erst entsteht, der sich nirgends dingfest machen lässt.

Ich zögere nicht, die darauf aufbauende Vernichtungspolitik als Projekt einer radikalen Verfeindung zu beschreiben, das sich über alle Formen kollektiver Feindschaft hinweggesetzt hat, mit denen man auf europäischem Boden vertraut war. Man denke nur an die Fehde, an die Konfessionskriege, den merkantilistischen Krieg, die Kabinettskriege, an den modernen Volks- und Bürgerkrieg, den Partisanenkampf, den politischen Terror (der zunächst mit äußerster Rücksicht auf Unbeteiligte praktiziert worden ist), den von Handlangern eines deutschen Kaisers begangenen Völkermord an den Hereros, an die Verbrechen des belgischen Königs Leopold im Kongo, an den Genozid an den Armeniern, der bereits die »ethnischen Säuberungen« unserer Zeit ahnen lässt, und schließlich an den Ersten Weltkrieg, den C. Schmitt noch als einen völkerrechtlich »korrekten« verteidigte. Im als Revanche lange angekündigten Zweiten Weltkrieg wird man sich nicht mehr mit einer Vernichtung des Gegners im Sinne seiner »Wehrlosmachung« (Clausewitz) begnügen; er wird die Form der Endlösung annehmen, die man einem vermeintlich radikalen Feind angedeihen lässt; er wird jedes Recht zerstören und im Exzess der »Vernichtungspolitik« auch das Politische.

Vor diesem Hintergrund lässt sich zu Morins These, Europa sei »aus Feindschaft geboren«, nur zwiespältig Stellung nehmen. Gewiss wird man sie nicht einfach mit einem Ja oder Nein beantworten können. Man wird auch nicht behaupten können, Europa sei oder werde nur »aus Feindschaft geboren« – und entstehe zumal gegenwärtig aus nichts anderem. Europa ist auch ein »Projekt« (wie nicht zuletzt der Konvent zur Vorbereitung der europäischen Verfassung deutlich gemacht hat). Aber was auch immer Europa werden wird, es wird doch nicht vom Anderen, das seiner Geschichte innewohnt, loskommen. Dieses »Andere« können wir vielleicht am allerwenigsten als spezifisch »europäisch« verstehen und akzeptieren; obwohl Europa unverkennbar einmal nahe daran war, zu einem ganz anderen Europa zu mutieren, in dem das heute Unannehmbarste europäischer Geschichte Wirklichkeit geworden wäre. Ungeachtet dessen halten »gute Europäer« diese Vergangenheit nunmehr für verjährt. Man vergisst zunehmend, dass tief greifende, vielfache Verfeindungen die Menschen dieses Kontinents erst radikal trennen mussten, um sie vor die Aufgabe einer politischen Einigung zu stellen. Es ist mehr als ein Wortspiel, wenn Adolf Muschg in diesem Sinne sagt, dass »Kern des alten Europa ein Riss« sei, der »zum Grundriss eines neuen wurde«.[20]

Wir sind nicht so harmlos, wie es scheint, wenn der Eindruck erweckt wird, ein der demokratischen Rechtsstaatlichkeit, der friedlichen Konfliktbeilegung, der Anerkennung von »Differenzen« usw. verpflichtetes Europa habe inzwischen seine Lektion gelernt, die ihm die Geschichte seiner beinahe vollendeten Selbstzerstörung erteilt habe. Auf diese Worte lässt sich nicht ein festes »Fundament« gründen, das keine Spur eines Risses mehr verraten würde. Es mag wohl sein, dass die europäischen Nationen den einstigen polemischen Naturzustand zu überwinden begonnen haben, in dem sie um ihr geschichtliches Überleben kämpften. Doch kein noch so fest gegründetes und verfugtes politisches System wird gegen die Wiederkehr einer radikal-polemischen Politik immun sein, die Feinden nur noch die Vernichtung androht und sie jeglichen rechtlichen und zivilen Schutzes beraubt. Eine solche Politik muss am Ende zur Vernichtungspolitik werden und sich selbst, als Politik, zerstören.

Vor dieser Gefahr ist auch der erklärte »Krieg« gegen den Terror nicht gefeit, in den auch Europe hätte unter dem amerikanischen Slogan infinite justice eintreten sollen. An dieser Stelle von Krieg zu reden, zeigt nicht nur ein völliges Missverständnis der asymmetrischen Form dieser Auseinandersetzung mit radikalen Feinden an, wie bereits mehrfach festgestellt wurde.[21] Die Machthaber, die diese Art der kriegerischen Politik propagieren, scheinen auch nicht zu realisieren, dass sie die Selbstzerstörung der Politik heraufbeschwören, indem sie sie einer absoluten Verfeindung überantworten, die keinen Gedanken an irgend eine Form der Koexistenz der Gegner auf dieser Erde mehr gestattet. Statt sich wie diese Politik auf gewisse Werte zu berufen, die man als unerschütterliches Fundament »westlicher« Geschichte und Identität für sich in Anspruch nimmt, sollte man sich daran erinnern, dass das seit dem letzten heißen Krieg sich abzeichnende Europa nur als Antwort auf die Perversion eines anderen Europa zu begreifen war, das sich mit Haut und Haaren einer exzessiven Vernichtungspolitik ausgeliefert hatte. Woraus Europa geboren wurde, war wesentlich die Erfahrung der Erschütterung durch diese »Politik«. Wer die Erinnerung an sie bewahrt, wird gewiss nur ein »schlechter Europäer« sein können, der Versprechen letzter Siege über radikale Feinde – im Namen welcher Werte auch immer – keinen Glauben mehr schenkt. Diese Einsicht ist all denen entgegen zu halten, die uns angesichts gegenwärtig besonders durch den Terrorismus virulenter Bedrohung »Mut zu echter Feindschaft« machen wollen. Wird radikale Feindschaft angesichts eines Feindes, mit dem politische Koexistenz schlechterdings nicht vorstellbar erscheint, ohne Umschweife affirmiert und zur Maßgabe politischen Handelns, so gerät dieses unweigerlich auf die abschüssige Bahn einer den Feind vernichtenden Politik, der man schließlich auch das Recht dienstbar macht, die es das Beispiel der USA gegenwärtig lehrt.[22] Was für Europa auf dem Spiel steht, wenn es diesem Beispiel folgen sollte, kann eine schonungslose Erinnerung an die Genealogie Europas aus dem Geist der Feindschaft lehren. Diese, mit einem allzu rechtschaffenen Europäertum kaum zu vereinbarende Erinnerung ist anzumahnen. Zu erinnern hätte man sich an die exzessivsten Formen der Verfeindung, die die europäische Geschichte geprägt und Europa an den Rand der Selbstvernichtung gebracht haben; und zwar nicht allein durch die reale Zerstörungskraft der beiden Weltkriege, sondern auch dadurch, dass man Politik im Zeichen radikaler Feindschaft als Vernichtungspolitik praktiziert hat. Nur wer realisiert, dass sich eine vernichtende Politik, die radikale Feindschaft affirmiert und sich zu eigen macht, am Ende als Politik notwendig selbst zerstört, kann Anspruch darauf erheben, aus der befremdlichen europäischen Geschichte ansatzweise eine Lehre gezogen zu haben.[23] An politisch artikulierten Hoffnungen auf eine europäische Zukunft hat es nicht gefehlt, die als angemessene Antworten auf die Erfahrungen der europäischen Geschichte gemeint waren. Doch sind sie noch heute bis ins Mark affiziert von unvorhergesehenen Ereignissen, die uns nach wie vor zu Revisionen aller Vorgriffe auf die europäische Zukunft zwingen. Die terroristische Herausforderung ist dafür gewiss das eindringlichste Beispiel. Denn sie beschwört die Gefahr einer absoluten Verfeindung herauf, in deren Sog auch das Recht geraten kann, wie das Beispiel der USA deutlich zeigt. Es steht dahin, ob die europäischen Staaten mit ihrer kategorischen Verpflichtung auf die Achtung der menschlichen Würde eine auch angesichts dieser Gefahr sich bewährende, angemessene Antwort gegeben haben. Ohne diese Verpflichtung, die selbst angesichts eines radikalen Feindes Bestand haben müsste, gering zu schätzen, muss man doch die Frage stellen, ob es genügen kann, in diesem Zusammenhang allein die Verfassungsebene und die rechtliche Ordnung der europäischen politischen Systeme in Betracht zu ziehen. Wie sich Europa in Zukunft zu jener Herausforderung verhält, wird entscheidend davon abhängen, wie die Menschen Europas sie annehmen. In dieser Hinsicht interessiert weniger das Europa, das auf  Haager, Maastrichter oder Brüsseler Papier steht, als vielmehr gelebtes Europa und sein Verhältnis zu einer Geschichte, die schließlich in der Selbstzerstörung zu münden drohte, vor der es wohl nur durch die Alliierten, letztlich vor allem und entscheidend nur durch die USA, hat bewahrt werden können.

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Burkhard Liebsch ist Prof. i. R. an Ruhr-Universität Bochum. Nach Studium an den Universitäten in Heidelberg und Bochum und Promotion war er Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Philosophie von Bernhard Waldenfels. Nach der Habilitation 1994/5 war er Gastprofessur am Humboldt-Studienzentrum für Geisteswissenschaften und Philosophie der Universität Ulm, Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut im Wissen­schafts­­­­­­­­­­zen­t­rum Nord­rhein-West­­­­fa­len in Essen, mehrfach Research Fellowam Forschungsinstitut für Philosophie Hannover und Fellow an der Universität Rostock; darüber hinaus war er Gastdozent an den Universitäten Debrecen, Bukarest und Sofia, am Institut für Philosophie und Gesellschafts­­the­orie der Uni­ver­si­tät Belgrad, am Open Society Institute Vilnius, Bozen/Innsbruck und an der Universität Bamberg; zwischenzeitlich mehrjährige Lehre im Rahmen des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschich­te am Institut für Politikwissenschaft der Fakultät für So­­­­zi­al­­wissen­schaf­ten und Philosophie der Universität Leip­­­­­­­­­­­­zig. Bis zum Eintritt in den Ruhestand lehrte er als Professor an der Fakultät für Philosophie und Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum in Verbindung mit einem mehrjährigen DFG-Forschungsprojekt zu Grundfragen hermeneutischer Anthropologie. Bei Velbrück Wissenschaft ist sein Buch Gastlichkeit und Freiheit. Polemische Konturen europäischer Kultur erschienen.


[1] C. P. Thiede, Europa. Werte. Wege. Perspektiven, Berlin 2000, S. 11, 13.

[2] Vgl. ebd., S. 12.

[3] Der gemessen an den Utopien der Nationalsozialisten glückliche Ausgang dessen, was einst mit der Landung an der Normandie begonnen hat, lässt nur allzu sehr vergessen, dass Europa seinerzeit eigentlich ein ganz anderes Europa bevorstand. »Indem sie den Nazismus zerschlugen, der für eine begrenzte, aber entscheidende Zeit die Sowjetunion zum Verbündeten hatte, verhinderten die als ›westliche Demokratien‹ bezeichneten Länder eine bestimmte europäische Vereinigung; sie taten das im Namen einer anderen europäischen Idee.« (Derrida, Das andere Kap, Frankfurt/M. 1992, S. 46 f.) In gewisser Weise lässt sich wirklich (sarkastisch?) mit Thomas Mann von einer »Entdeckung Europas durch die Nazis« sprechen. (Vgl. T. Mann, Essays, Bd. 2, Frankfurt/M. 1977, S. 262–280, hier: S. 271.) Indem man ihrer Vorstellung von Europa nämlich radikal zu widersprechen begann, zeichnete sich erst ein Bild von einem neuen Europa ab, das versprechen könnte, dieser extremsten Herausforderung seiner Geschichte gerecht zu werden. Vieles spricht dafür, dass der Prozess des radikalen Widerspruchs noch lange nicht zu Ende ist; ja, dass wir erst zu entdecken beginnen, was es überhaupt bedeutet, jenem anderen Europa radikal zu widersprechen und auf diesen Widerspruch eine tragfähige Zukunft zu bauen. Vgl. die Bestandsaufnahme v. Verf., Geschichte als Antwort und Versprechen, Freiburg, München 1999.

[4] F. Chabod, Der Europagedanke. Von Alexander dem Großen bis Zar Alexander I., Stuttgart 1961, S. V, 115.

[5] Vgl. R. Dahrendorf, F. Furet, B. Geremek, Wohin steuert Europa?, Frankfurt/M., Paris 1993.

[6] Zur Kritik an einer solchen Denkweise vgl. J.-L. Nancy, Das Vergessen der Philosophie, Wien 1987.

[7] Vgl. J. Derrida, Das andere Kap.

[8] Vgl. U. Frevert, »Gute Europäer. Karriere und Wandel eines Leitbegriffs«, Neue Züricher Zeitung, 7./ 8. Juni 2003, Nr. 130, S. 45.

[9] P. Schneider, »Plädoyer für eine Kultur des Zweifels«, in: P. M. Lützeler, Hoffnung Europa, Frankfurt/M. 1994, S. 488–499, hier: S. 491.

[10] Was seine Rechtfertigung des palästinensischen Terrors um keinen Deut besser macht. Vgl. T. Honderich, Nach dem Terror. Ein Traktat, Frankfurt/M. 2003; J. Derrida, »Autoimmunity: Real and Symbolic Suicides«, in: Philosophy in a Time of Terror. Dialogues with Jürgen Habermas and Jacques Derrida, Chicago, London 2003, S. 85–136.

[11] F. Lion, »Gedanken über Europa«, in: P. M. Lützeler (Hg.), Hoffnung Europa, S. 212–227, hier: S. 216.

[12] E. Morin, Europa denken, Frankfurt/M. 1988.

[13] P. Valéry, Die Krise des Geistes, Wiesbaden 1956.

[14] Vgl. W. J. Mommsen, »Einleitung«, in: ders., E. Müller-Luckner (Hg.), Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996, S. 1–16.

[15] E. Jünger, Das Antlitz des Krieges, Berlin 1930, S. 223.

[16] S. 23.

[17] Die Begriffe Homogenität, das Eigene und Fremdheit stehen hier für Phantasmen in der Logik der NS-Ideologie.

[18] U. Herbert, Best, biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, Bonn 1996, S. 163.

[19] Ebd., S. 174 f.

[20] A. Muschg, »›Kerneuropa‹. Gedanken zur europäischen Identität«, in: Neue Züricher Zeitung, Nr. 124 (2003), S. 35.

[21] Vgl. H. Münkler, Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexion, Weilerswist 32004.

[22] Diese Gefahr mag in Europa vorläufig, so lange es nicht seinerseits verstärkt vom islamistischen Terror unter Druck gesetzt wird, weniger Besorgnis auslösen als in den USA, wo man mit dem berüchtigten Patriot Act (prominenten Kritikern wie S. Sontag und R. Rorty zufolge) bereits einige Schritte in Richtung Liquidierung der Demokratie unter dem Vorwand ihrer Verteidigung im Namen des Rechts vorangegangen ist. Nicht umsonst ist polemisch behauptet worden, die größte Gefahr liege angesichts der terroristischen Gewalt weniger in dieser selbst, als vielmehr in den staatlichen Maßnahmen, mit denen die westlichen Demokratien auf die vermeintliche Bedrohung ihrer Existenz reagieren.

[23] Diese Schlussfolgerung wird v. Verf. ausführlich begründet in: Gastlichkeit und Freiheit. Polemische Konturen europäischer Kultur, Weilerswist 2005, Teil B. Die vorangegangenen Überlegungen überschneiden sich teilweise mit Kap. VI.

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