»Ludwig Wittgenstein hat die Probleme nicht gelöst, Josef Mitterer hat zumindest neue formuliert«

Der Kommunikationswissenschaftler und »Plagiatsjäger« Stefan Weber im Gespräch mit Jochen Zenthöfer, freier Mitarbeiter der F.A.Z., anlässlich des Erscheinens seines dritten Bands zum »Radikalen Lingualismus« bei Velbrück Wissenschaft. Für das VELBRÜCK MAGAZIN reflektiert er seine Arbeiten zum »Radikalen Lingualismus« und zum philosophischen Grundlagenproblem von Sprache und Wirklichkeit.

Platon, Ludwig Wittgenstein und Josef Mitterer

»Ludwig Wittgenstein hat die Probleme nicht gelöst, Josef Mitterer hat zumindest neue formuliert«

Von Stefan Weber

Jetzt haben Sie seit 2022 in drei Bänden und damit auf mehr als 400 Seiten zum »Radikalen Lingualismus« von Josef Mitterer philosophiert, zu einer randständigen Extremposition, die versucht, die Welt radikal von der Sprache aus zu begreifen. – Die Welträtsel haben Sie aber immer noch nicht gelöst, oder?
Nun, ich sollte hier jetzt besser nicht mit »In der Tat.« oder »Weil sie in Wirklichkeit unlösbar sind.« antworten. Denn das wäre ja genau das dualistische Vokabular, das Josef Mitterer kritisiert und das bei den allermeisten Philosophen sowie auch in zahllosen Übersetzungen der Klassiker unhinterfragt auftaucht. Aber ja, ich schreibe im Vorwort zum nunmehr dritten Band, dass sich die philosophischen Fragen immer wieder von Neuem stellen. Ein Salzburger Kulturmanager hat einmal gesagt: Weisheit ist ein Irrtum. Denn je älter man wird, desto mehr zweifelt man. Ein sehr schönes Diktum. Philosophieren ist ein Anrennen gegen den Tod. Und häufig das Erleben eines Verlusts von Gewissheiten.

Könnte man sagen, dass das ganze Problem, das Sie seit vielen Jahren umtreibt, in diesem einen Satz von Ludwig Wittgenstein kulminiert? Er lautet: »Die Grenze der Sprache zeigt sich in der Unmöglichkeit, die Tatsache zu beschreiben, die einem Satz entspricht (seine Übersetzung ist), ohne eben den Satz zu wiederholen.«
Ganz genau, und so beschreibt es ja auch Mitterer in seinem Hauptwerk »Das Jenseits der Philosophie«: Das Grundlagenproblem ist, dass wir die Unterscheidung zwischen Objekt und Beschreibung nur in einer weiteren Beschreibung darstellen können. – Aber die Pointe ist nun das, was Wittgenstein nach dem von Ihnen zitierten Satz geschrieben hat, nämlich: »(Wir haben es hier mit der Kantischen Lösung des Problems der Philosophie zu tun.)« Das ist richtig stark, denn es heißt: Das Ding an sich ist mittels Sprache uneinholbar, es ist und bleibt eben im »Jenseits der Philosophie« nach Mitterer. Genau das problematisiert nun Mitterer als erster Philosoph überhaupt: Er sagt, dass diese Selbstverständlichkeit auch ein infiniter Regress sein könnte. Seine Philosophie ist eine Dekonstruktion des »Dings an sich«.

Inwiefern ein infiniter Regress?
Wenn ich zwischen Objektangabe und Objekt unterscheide, muss ich das Objekt erneut angeben, hier etwa im Satz mit »Objekt«. Und wenn ich sage, dass ein Objekt schon vor jeder Beschreibung da war, ist ebendies eine Beschreibung des Objekts, vor der das Objekt schon da war, ad infinitum. – Sind solche Iterationen überhaupt infinite Regresse, und wenn ja: sind sie gutartig oder bösartig? Da das bislang niemand als Problem gesehen hat, fällt eine Antwort nicht leicht.

Aber dafür haben wir ja die Unterscheidung zwischen Objektsprache (ohne Anführungszeichen) und Metasprache (mit Anführungszeichen).
Diese Unterscheidung ist nicht vom Himmel gefallen. Moderne Anführungszeichen (signum citationis) sind normierte Satzzeichen erst seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Unterscheidung zwischen Objektsprache und Metasprache stammt überhaupt erst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich sehe das alles nicht als in Stein gemeißelt.
Der Coup Mitterers ist ja, dass er versucht, Objekte und Beschreibungen zusammenzudenken, indem er eine neue Notation einführt, nämlich die von ihm so genannten Ausführungszeichen, die so aussehen: /…/. Die Notation /…/ wird seit circa 100 Jahren in der Linguistik bereits zur Kennzeichnung von kleinsten bedeutungsunterscheidenden Lauteinheiten, der sogenannten Phoneme, verwendet, aber bislang nirgendwo in der Philosophie.

Wenn Mitterer nun aber sagt, dass der Apfel im Prinzip dasselbe wie /der Apfel/ ist, dann besteht der Apfel aus zwei Wörtern, und da vergeht mir der Appetit.
Das ist der Haupteinwand gegen den Radikalen Lingualismus, den ich in allen drei Bänden diskutiere: Wir beißen nicht in das Wort. Aber bei Mitterer besteht eben nicht /der Apfel/ aus zwei Wörtern, sondern »der Apfel« (die Notation der doppelten Anführungszeichen kennt Mitterer ja weiter). Und »Der Apfel besteht nicht aus zwei Wörtern.« wäre dann eben eine Fortsetzung von /der Apfel/.

Aber wenn auch Mitterer zwischen dem Apfel und »dem Apfel« unterscheidet, wie Sie es jetzt sagen, ist er doch ein Dualist, ob er es will oder nicht?
Genau mit diesem Problem endet mein Band 3. Auch Mitterers Radikaler Lingualismus (wir können auch vom »Nicht-objektierenden Denken« sprechen, wie es in meinem Buchtitel heißt) unterscheidet zwischen den Notationen /…/ und »…«. Er nennt das die Beschreibungen so far (Notation /…/) und die Beschreibungen from now on (Notation »…«).

Und das haben Sie in allen drei Bänden kritisiert.
Richtig, bis mir für Band 3 endlich die Lösung eingefallen ist, die Grenze nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit zu ziehen. Ansonsten haben wir es mit Beschreibungen zu tun, die wir zwar markieren können, aber die noch nicht ausgeführt wurden. Ein glatter Widerspruch.

Ganz ehrlich: Führt Mitterers Denken nicht zu neuen Problemen? Schafft der Radikale Lingualismus bzw. das Nicht-objektierende Denken nicht mehr Probleme, als er bzw. es löst?
Gut möglich. Aber man kann nicht hoch genug einschätzen, dass hier überhaupt einmal ein Philosoph die unglaubliche Idee hatte, die Vorstellung vom Sprechen über Dinge, die vom Sprechen kategorial zu unterscheiden sind, zu hinterfragen, und auch noch eine neue Notation und eine neue Denkweise zu entwickeln. Ich bin zutiefst enttäuscht von der akademischen Philosophie, die sich mit diesem Vorschlag seit mehr als 30 Jahren in keiner Weise auseinandersetzt.

Das trifft sich mit Ihrer allgemeinen Kritik an der universitären Wissenschaft.
Die Philosophie kann nicht themengetrieben sein, sonst würde sie Mitterer längst ausführlich diskutieren. Aber seine Philosophie wird komplett beschwiegen. Vielleicht muss man es aber auch als Ehre verstehen, dass er nicht in Mode kommt. Bach war zu Lebzeiten auch ein lokaler Handwerker und kein Weltstar.

Bitte entschuldigen Sie, aber kann es sein, dass dies aus Höflichkeit geschieht, weil es einfach Bullshit ist?
Nun, dann wäre es doch ein gefundenes Fressen für Realisten und metaphysische Dualisten, den vermeintlichen Blödsinn zu widerlegen. Das Schwierige dabei ist: Bei jedem Versuch der Widerlegung müssen stets neue Beschreibungen aufgestellt werden, die Mitterer wieder mit /…/ markieren könnte, womit seine Position gewinnt. Vielleicht traut sich deshalb niemand ran.

Sie haben vor wenigen Tagen in Ihrem teils sehr polemisch geführten X-Account geschrieben: »Ich habe mir gestern die ›Philosophischen Untersuchungen‹ (also den ›Teil I‹) von Ludwig Wittgenstein wieder durchgelesen. Der Text ist so dermaßen wirr und zum Teil platt, dass man sich fragt, wie diese Thesensammlung ohne roten Faden eines der Hauptwerke der Philosophie des 20. Jahrhunderts werden konnte. Vielleicht sollte man mal Josef Mitterer und Stefan Weber lesen.« – Also, warum sollten wir das?
Vor allem sollte man den soeben erschienenen Band 3 lesen. Ich glaube, dass ich der erste bin, der sich die frühesten Angaben der Unterscheidung von Wörtern und Dingen abseits von Platons »Kratylos«, also interkulturell, angesehen hat, etwa bei Mozi im »Mohistischen Kanon« oder bei Yāska im »Nirukta«. Die Unterscheidung wurde fast zur selben Zeit nicht nur bei Platon, sondern auch in China und Indien eingeführt, obwohl diese frühen Hochkulturen nichts voneinander wussten. Das halte ich für spektakulär. Jetzt kann man sagen: Das passierte eben deshalb, weil die Unterscheidung stimmt, weil es zu ihr keine Alternative gibt. Man kann aber auch sagen: Auch die Unterscheidungen von Himmel und Erde oder von Göttern und Menschen wurden zu dieser Zeit oder schon früher in allen Hochkulturen eingeführt, und diese werden seit langem problematisiert, wenn sie nicht in der Philosophie längst verworfen wurden. Warum also nicht auch dasselbe mit Sprache und »nichtsprachlicher« Wirklichkeit versuchen?

Die Kernfrage Mitterers ist also: Ist diese Unterscheidung unausweichlich oder ist eine Alternative möglich?
Das würde ich so sehen, ja. Mitterer sagt: Unterscheidungen entstehen aus Nicht-Unterscheidungen. Unterscheidungen werden gemacht.

Mitterer radikalisiert Wittgenstein, oder sagt er etwas ganz Neues?
Ludwig Wittgenstein hat die Probleme nicht gelöst – weder im »Traktat« noch mit den »Philosophischen Untersuchungen«. Der darin enthaltene Ansatz der »Sprachspiele« ist trivial. Wenn Wittgenstein schreibt, etwas zu benennen ist, als hefte man einem Ding ein Namenstäfelchen an, hilft das nicht weiter. Josef Mitterer hat zumindest völlig neue Probleme formuliert, rund um die Themenkomplexe Aspektsehen, Objektsprache und Metasprache, infinite Regresse, ja zuletzt sogar zum verstärkten Lügner-Paradoxon. Warum sich die akademische Philosophie dieser Debatte nicht öffnet, ist mir unbegreiflich bzw. genauer: Ich kann es mir nur so erklären, dass es ihr nicht um Inhalte geht.

So lesen sich Ihre Bücher als Zwiegespräche zwischen Ihnen und Mitterer.
Nun ja, Platon hat Dialoge geschrieben, ich setze mich stets mit ein und demselben Denker auseinander. Passt doch.

Wie geht es weiter?
Mein nächstes Projekt ist ein Buch zur Geschichte der Anführungszeichen.

Stefan Weber, geboren 1970 in Salzburg, ist Kommunikationswissenschaftler. Bei Velbrück Wissenschaft erschienen: »Radikaler Konstruktivismus. Von Wittgenstein zu Mitterer und einer neuen Philosophie« (2022), »Sprache, Mensch, Universum. Radikaler Lingualismus 2« (2025) und »Nicht-objektierendes Denken. Von Platon zu Mitterer. Radikaler Lingualismus 3« (2026).

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