Biomimetik verspricht technische Innovation durch das Lernen von der Natur und verbindet dazu Naturforschung und Ingenieurswesen. Johannes Hätscher stellt für das VELBRÜCK MAGAZIN sechs Thesen zu seiner Forschung vor, die darauf zielt, Biolog:innen in biomimetische Prozesse besser einzubinden. In seiner 2026 bei Velbrück Wissenschaft erschienen Studie Biomimetik und Klinische Konstruktion. Drei Modelle institutionalisierter Zusammenarbeit von Naturforschung und Ingenieurwesen beantwortet er die Frage, wie eine ökologische Transformation der Industriegesellschaft unterstützt werden kann.

Primat der Analyse, Kollaboration und klinische Konstruktion – Sechs Thesen zur Biomimetik aus soziologischer Perspektive[1]
von Dr. Johannes Hätscher
Einführung
Unser Projekt zur Biomimetik wird vom BMFRT für den Zeitraum von 3 Jahren gefördert. Beteiligt sind drei wissenschaftliche Zentren. Es handelt sich um zwei ingenieuriale Zentren sowie Senckenberg, das Naturforschungsinstitut mit seinen Naturkundemuseen und Sammlungen biologischer Exponate.
Das Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines Prototyps einer biomimetischen Plattform[2], die digital basiert ist, aber auch Formate der direkten Zusammenarbeit (Workshops, Messen) kennt.
Der Fokus dieses Artikels liegt nicht auf dem gemeinsamen Ziel der Verbundarbeit, der Plattform, sondern einem Aspekt, auf den sich speziell Senckenberg konzentriert: Dem Aufzeigen von Möglichkeiten einer systematischen Einbindung der Biolog:innen in den biomimetischen Prozess im Kontext einer Erweiterung des Lösungsraums, eine Strategie, die bisher vergleichsweise selten sowohl theoretisch wie praktisch verfolgt worden ist (vgl. Graeff et. al. 2019).
Gleich eingangs soll betont werden, dass sich diese institutionelle Ausgangssituation von der seit Jahrzehnten institutionalisierten Biomimetik unterscheidet, in der üblicherweise die biologische und technische Kompetenz in ein und derselben Person vereint ist und die sich damit sowohl für die Aspekte der Naturforschung wie die Entwicklung technologischer Anwendungen interessiert. Durch die Einbindung von initial kaum an Fragen der technischen Realisierung interessierten Biolog:innen in den Transferprozess, werden wir aber den Begriff der »Biomimetik«, entlehnt aus der angelsächsischen Diskussion, präferieren. Das ist insbesondere da angezeigt, wo sich die Physik für die Biolog:innen gerade nicht als basales Paradigma für die gemeinsame Arbeit eignet. Für die Entwicklung unbelebter Artefakte, von Technik, die durch die Implementierung abstrahierter Wirkprinzipien humane Handlungspraxis erweitern hilft, ist die Disziplin und damit der Begriff der Bionik gut etabliert. Dahinter liegen Jahrzehnte konzentrierter Forschung und Institutionalisierung einer maßgeblich von Werner Nachtigall begründeten Disziplin. Im Kontakt mit Sammlungsspezialist:innen, die das Leben in seiner Dynamik und Mannigfaltigkeit erforschen wollen, stößt aber deren grundlagenwissenschaftliche »branch«, Nachtigalls »Technische Biologie« (Nachtigall 2010) nicht ausschließlich auf Interesse. »Technik« erscheint hier unhintergehbar als genuin menschliche Praxis und eine solche in der Natur selbst am Werk zu sehen, gilt vielen biologischen Expert:innen hier tendenziell schon als Projektion. Der Begriff der »Mimesis« zeugt hingegen von mehr Demut vor der potenziell niemals abschließbaren Erforschung der Natur – eine wissenschaftstheoretische Überzeugung, die auf Immanuel Kant zurückgeht und zuletzt im Kontext der Negativen Metaphysik auch von philosophischer Seite erneuert wurde (Haag 2018 a, b).[3] Hier werden wir in diesem Artikel auch diskutieren, inwiefern neue Perspektiven einer grundlagenwissenschaftlichen Erforschung von Konstruktionen möglich sind, die über den Physikalismus und das Abstraktionsgebot des Nachtigallschen Paradigmas hinausgehen.
Und schließlich mag es für die bionische Diskussion auch interessant sein, was wir von der Seite Senckenbergs zu einem der drängendsten Themen unserer Zeit, der ökologischen Problematik beisteuern können: Eine kritische Perspektive auf die Biologisierung der Technik im Kontext der Biomimikry (vgl. Benyus 2001, Wanieck 2019: 3): Die Themen des Biodiversitätsverlusts und der Klimafolgenforschung stehen im Zentrum von Senckenbergs Forschungsaktivität – so sehr, dass es kaum möglich ist, mit den Sammlungsexpert:innen über eine Tier- und Pflanzenart zu sprechen, ohne dabei auf das 6. Massensterben in der Erdgeschichte (vgl. IPCC 2023) zu sprechen zu kommen.
In diesem Artikel sollen somit vermittelt über Instrumente der qualitativen Sozialforschung Biolog:innen und Ökolog:innen eine Stimme erhalten, die bisher kaum mit Fragen der Biomimetik in Berührung gekommen sind. Bestenfalls kann dieser Artikel dann die allgemeine bionische Fachdiskussion von außen mit neuen Impulsen ein wenig stimulieren.
Vorgehen und Methoden
Zum Zweck der Erforschung der Interaktion zwischen Ingenieur:innen und Biolog:innen wurde auf Methoden der nicht standardisierten (sogenannten »qualitativen«) Sozialforschung zurückgegriffen. Dazu gehören die Erhebung und Auswertung von 15 Expert:inneninterviews, eine Analyse des biomimetischen Transferprozesses in historisch-systematischer Perspektive, die Durchführung von drei Workshops mit Sozialexperimenten, Workshops sowie Gruppendiskussion und deren Auswertung mit Methoden der interpretativen Sozialforschung, Videographie und Ethnographie.
Die Ergebnisse der Forschung sollen anhand von sechs pointierten Thesen vorgestellt werden. Dabei werden auch Modelle einer möglichen Zusammenarbeit von Naturforschung und Ingenieurwesen in diesem konkreten Setting skizziert.
Thesen zum biomimetischen Prozess
These 1: Die den Lösungsraum deutlich erweiternde Workshop-, Datenbanken- und neuerdings KI-Kultur verführt zur Verengung auf bereits durchanalysierte Wirkprinzipien.
Die Geschichte der Biomimetik zeigt, dass sich der Lösungsraum fortwährend erweitert. Es gibt dabei zunehmend eine Tendenz zur Ressourceneffizienz. Man vermag eine Verwandtschaft, eine zusammenhängende Linie, zwischen den ersten methodisierten Ansätzen wie TRIZ (vgl. Hashemi & Lindemann 2018) oder später Ask Nature (Deldin & Schuknecht 2014) mit den zum Zeitpunkt der Niederschrift aktuellen LLM-Modellen (Shyam 2019 et al., Tschakarov et al. 2023; Saint-Sardos et al. 2024) erkennen. Man kann sie von überall aus bedienen, meist auch ohne spezielle biologische Vorbildung, und man braucht nicht mehr als einen Workshopraum oder im Fall der LLMs einen Laptop. Diese Praxis steht den biomimetischen Virtuos:innen gegenüber, die oft allein oder in sehr kleinen Teams über Jahrzehnte an einem speziellen Problem gearbeitet haben: Dazu gehören in der Zeit des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts unternehmerische Pionier:innen, wie sie aus der Ökonomie heraus Joseph Schumpeter (2020) als bürgerliche Akteur:innen einer Erzeugung des Neuen identifiziert hat (vgl. Nachtigall 2013). Oder aber die bereits verwissenschaftlichte Arbeit in auf die Entwicklung von Disruptionen fokussierten Agenturen wie der NASA, dem Silicon Valley oder der DARPA ab etwa 1940. Und schließlich die auch akademisch institutionalisierte Biomimetik an Lehrstühlen wie denen von Professorin Antonia Kesel in Bremen, den Professor:innen Speck & Speck in Freiburg, von Prof. Julien Vincent in England oder früher Prof. Nachtigall an der Universität im Saarland oder Ingo Rechenberg an der TU Berlin.
Die Erweiterung des Lösungsraums, der Zeitdruck in den Unternehmen, der auf KI-Wirkprinzipiensuche drängt, bedeutet aber im Vergleich zur »Biomimetik als Kunstlehre«, in der man schon einmal 30 Jahre an einem Problem sitzen kann, auch eine gewisse Verflachung des Wissens. So fokussiert sich Professor Wolf Wawers in seinem Lehrbuch (Wawers 2022) in seinem an der Konstruktionslehre fokussierten KMU-Ansatz ausschließlich auf den KMU-Ansatz und betont dabei, wie schwierig es ist, für Maschinenbauer:innen den auch in der VDI-Norm 6220 (VDI 6220 Blatt 1,2 2021, 2023) vorgeschriebenen Schritt der Analyse mitzumachen. »Biology push« scheidet bei Wawers gänzlich aus. Dies ist aber genau die Strukturstelle, die uns im Projekt interessiert, denn wir sind überzeugt, dass gerade in der Analyse der Schlüssel für Innovationen liegt, die dann auch betriebs- und volkswirtschaftlich von Interesse sind. Es ist bekannt, welche Energie und Zeit Biomimetiker:innen in die Analyse stecken konnten (vgl. Rechenberg 2019). Otto Lilienthal hat den Gleitflug des Storches intensiv und über Jahre studiert (Drack & Jansen 2023 a, b). Bei Ask Nature (Deldin & Schuknecht 2014) und auch den auf Open Source Publikationen zurückgreifenden KI-Modellen (Shyam 2019 et al., Tschakarov et al. 2023; Saint-Sardos et al. 2024) ist diese Arbeit bereits geleistet worden. Im Sinne der VDI 6220 ist das noch keine biomimetische Arbeit, denn diese schreibt vor, dass es auch zum interdisziplinären Austausch der Methoden gekommen sein muss oder aber mindestens eine intensive Rezeption fachfremder Inhalte durch die Ingenieurin stattgefunden haben muss. Für die Strategie gibt es einen viel passenderen Begriff, der aus der Sozialgeschichte der KI stammt: »Wissensextraktivismus« (Pasquinelli 2024). Das bedeutet, dass man Wissen als einen Rohstoff ansieht und versucht, möglichst kostengünstig an diesen zu kommen.[4] Ask Nature, aber auch die ersten Entwickler biomimetischer KI-Tools bieten Analysen an, reife Früchte sozusagen, die man nur noch ernten muss. Aber die erreichte Ressourceneffizienz hat ihren Preis: Den der mangelnden Innovation, die der Ökonom Schumpeter in seiner Theorie noch als Kernaufgabe der erfolgreichen Unternehmerin definiert hat (Schumpeter 2020).
Die Sozialexperimente im direkten Vergleich von interdisziplinärer Kooperation von Biolog:innen und Ingenieur:innen vs. Ingenieur:innen, die sich an eine KI-Plattform setzen, offenbart noch zwei weitere entscheidende Unterschiede, die hier nur kurz aufgeführt werden sollen, denn für die detaillierte Illustration fehlt die Zeit. Zum einen ist da die Tatsache, dass die KI im Gegensatz zu einer biologischen Expertin die Ingenieurin nicht bildet. Das bedeutet, die Person, die promptet, bleibt letztlich auf ihrem Wissensniveau stehen, führt – wie es in der Bildungsforschung heißt – die Deutungsmuster nicht in die Krise. Die KI vermag damit auch nicht den Forschungsprozess automatisiert zu tragen, der immer auch krisenhaft ist.
Zum anderen hat die bildschirmvermittelte Darstellung der biologischen Vorbilder Grenzen. Wir alle wissen, wie sich ein Schwamm anfühlt. Doch wir mussten ihn als Kinder erst in den Händen halten, um ihn im wahrsten Sinne des Wortes auch zu begreifen. Schon Goethe – Gründungsimpulsgeber Senckenbergs – gab viel darauf, dass Naturforscher:innen die »bordeigene Sensorik« und damit die von Natur aus mitgegebenen Sinne in ihrer Tätigkeit auch nutzen (vgl. Schmidt 1984).
These 2: Will man Biomimetik weiterhin analysezentriert betreiben, bietet sich (noch immer) die institutionalisierte Zusammenarbeit mit Biolog:innen an.
Nach unserer Überzeugung wird eine KI allein deshalb nicht die Zukunft der Biomimetik revolutionieren können, sondern man muss hier beide Ansätze verbinden. Für den meist durch technology pull geprägten Fall der Wirkprinzipiensuche aus dem KMU heraus bietet sich hier der Weg an, dass man zunächst ressourceneffizient mit einer KI beginnt und so bereits etwa 80-90% des Wegs zurücklegt. Zur Vertiefung lässt sich dann ein Workshop an einem biologischen Forschungsinstitut buchen, der durch einen Transferhub rechtssicher institutionell eingebettet ist. Für den Hub bietet sich nur »technology pull« an. Idealerweise führt die KI natürlich durch den gesamten biomimetischen Prozess. Es ist aber davon auszugehen, dass die Analysen, mit der die KI trainiert worden ist, nicht alle Perspektiven der Ingenieur:innen abdecken können werden. Im besten Fall weiß sie aber schon Ansprechpartner:innen passend zur entsprechenden Tier- oder Pflanzengruppe zu nennen. Es empfiehlt sich, dass die Workshops dann zusätzlich von einer biomimetischen Transferbeauftragten begleitet werden, die auf die Einhaltung der VDI 6220 und das Zeitmanagement achtet. Insbesondere die Schritte der Analyse und Abstraktion bieten sich aus unserer Perspektive für den gemeinsamen Austausch an. In der Regel wird aber der Kontakt auch bei der Entwicklung des ersten Prototyps im Unternehmen punktuell immer wieder gesucht werden müssen: Erst wenn das Wirkprinzip wirklich verstanden worden ist, kann es auch erfolgreich in Technologie umgesetzt werden.
Was kann diese institutionelle Lösung einer Kombination von KI und Analyse-Workshop leisten? Man wird hier in der Regel inkrementelle Verbesserungen der Produkte vorantreiben, dass, wofür »hidden champions« in Süddeutschland, der Lombardei oder in Katalonien traditionell stehen (Kucher 2007). Das bedeutet vor allem Verbesserung der Effizienz oder des Gewichts im Kontrast zu nicht biomimetischen Lösungen wie im Projekt Boost unseres Verbundpartners, der THM, die letztlich nach diesem Modell hier vorgegangen ist.
Auch bietet sie die Möglichkeit eines »symmetrischen Transfers« (Intemann & Hätscher 2025): Statt also das Wissen einfach nur abzuschöpfen und anschließend zu verwerten, bietet der Austausch die Möglichkeit, dass die Ingenieur:innen einen Bildungsprozess erfahren und dabei auch Impulse zur Nachhaltigkeit, Komplexität der Natur und eines demütigeren Umgangs mit ihr erfahren.
These 3: Hauptbarrieren der Zusammenarbeit sind nicht sprachlicher, sondern habitueller Natur.
Zu Beginn des Projekts haben wir die Hauptbarriere in den verschiedenen Fachsprachen gesehen. Die Sozialexperimente zeigen aber, dass sowohl die Large Language Models als auch der direkte Austausch im Workshop ohne Probleme eine Verständigung ermöglichen. Dies lässt sich soziolinguistisch erklären, denn alle Fachsprachen basieren letztlich in der Alltagssprache, die hier als kommunikatives Vehikel fungiert (Hätscher 2026). Wichtig ist in der Workshopsituation die Triangulation mit Objekten und Bildern und auch Kulturtechniken wie die Nutzung eines Zeigestabes in Kombination mit einem anatomischen Modell. Auch Mimik und Gestik sind wichtig, so dass sich ein Remote-Setting nur bedingt anbietet.
Ein viel größeres Problem liegt darin begründet, dass die meisten Biolog:innen nicht in der gleichen Weise an Konstruktionen im Allgemeinen und deren Entwicklung als kulturelles Artefakt im Besonderen interessiert sind. Ihr Interesse liegt in der möglichst interesselosen Anschauung der sie interessierenden Lebewesen, oft haben sie ihr Fach sogar gewählt, um der Sphäre des Menschlichen, Allzumenschlichen entfliehen zu können. Sie verkörpern den Habitus der Grundlagenforscher:innen geradezu idealtypisch. Ingenieur:innen sind auf der anderen Seite geschult darin, möglichst schnell in die Anwendung zu gehen. Gerade Maschinenbauer:innen sind nicht daran interessiert, natürliche Vorbilder immer neu zu studieren. Sie verlangen möglichst schnell nach der Abstraktion des Wirkprinzips wie auch nach entsprechenden Formeln in den modularen Tabellen der Konstruktionslehre (Pahl & Beitz 2021). In der Summe führt das dazu, dass es an einer gemeinsamen Zusammenarbeit nur bedingt ein Interesse gibt. Dieser Befund in unserem Material zeigt aber noch einmal, wie voraussetzungsvoll die Schulung zur Biomimetikerin ist. Sie hat es gelernt, diese »zwei Seelen in ihrer Brust« zu balancieren, eine besondere Kulturleistung in der Konstruktion, nachgerade eine Hochkultur des Ingenieurwesens, die in genealogischer Linie bis zu Leonardo da Vinci zurückgeht.[5]
These 4: Um Biomimetik bei Senckenberg als Wissenschaft zu etablieren, muss der Anwendungsaspekt eingeklammert werden
Die oben beschriebene Praxis der KMU-Beratung würde getreu der VDI 6220 entsprechend auch nur bedingt als Biomimetik bezeichnet werden können. Es fehlt dafür die Augenhöhe zwischen den biologischen Expert:innen und den Ingenieur:innen sowie die Zeit für den tieferen interdisziplinären Austausch. Unsere Expert:inneninterviews lassen auch ein Interesse an der »Technischen Biologie« erkennen, doch am Ende sind es immer die Anwendungsaspekte der Biomimetik, die in der Vergangenheit dazu geführt haben, Kollaborationen wieder aufzugeben oder zumindest sehr zu begrenzen. In der ethnographischen Beobachtung der Interaktion von Ingenieur:innen und Biolog:innen beobachten wie eine Art Kulturkampf. Die Ingenieur:innen stehen immer mit einem Bein in der Produktion, sie drängen auf Abstraktion, robustes Wissen und geben gern die Zeiten (Time-Boxing) und Milestones vor. Biolog:innen fliehen dieses Regime oder stören es in unseren Workshops subversiv.[6] Sie können aber auf der anderen Seite dann auch autoritär wirken, wenn es darum geht, Ergebnisse der Zusammenarbeit zu präsentieren. Dann sprechen sie länger, komplexer und es reproduziert sich eine Art Ungleichheit in den Achsen Kopf- und Handarbeit. So wie insbesondere die Ingenieur:innen im HAW-Kontext gewohnt sind, sich der elaborierten Reflexivität der Mathematiker:innen anzuvertrauen, steuern dann die Biolog:innen die Zusammenarbeit, indem sie die »hohen« Aufgaben (Analyse) an sich reißen und weniger wertig erscheinende Aufgaben wie das Basteln von Prototypen an die Ingenieur:innen delegieren. So wie in einer Fabrik sprechen die Biolog:innen hier wie Manager:innen auch elaborierter, länger, komplexer und distinguieren sich so von den »Arbeiter:innen« am Fließband. Das sind natürlich Tendenzen und dabei solche, die den Akteur:innen auch selbst nicht bewusst sind: Bewusst abfragen kann man sie nicht, weshalb man auf Erhebungssettings zurückgreifen muss, in dem sich die Akteur:innen vergleichsweise unbeobachtet fühlen.
Der einzige Weg – neben der etablierten Biomimetik – den wir aus dieser Situation heraus sehen ist eine Biomimetik als Wissenschaft, in der Ingenieur:innen für eine bestimmte Zeit Fragen der Anwendung einklammern und sich darin schulen, sich vergleichsweise voraussetzungslos auf das Studium von Konstruktionen in der Natur gemeinsam mit den Biolog:innen einzulassen. Dabei können sie sowohl durch Messungen im Sinne der Technischen Biologie die morphologische Arbeit unterstützen. Sie können sich aber noch stärker als dass das für die Technik gut ist auf die Mannigfaltigkeit und Multidimensionalität der Natur einlassen. Denn das ist, was die Biolog:innen wiederum kritisieren: Die Physik sei eben primär eine Grundlagenwissenschaft der unbelebten Welt. Aus dieser Perspektive könnte die Biologie weiter revolutioniert werden, in dem man Flora & Fauna noch stärker unter dem Aspekt ihrer Konstruiertheit betrachtet, eine Aktivität, die an den Lehrstühlen wie denen der Professor:innen Speck längst etabliert ist, aber immer noch eine Nische darstellt. Ein solcher Ansatz wäre auch humboldtianisch in dem Sinne, dass man möglicherweise gerade weil man nicht auf die Anwendbarkeit von Beginn an schielt, auf Wirkprinzipien und Konstruktionsprinzipien stoßen könnte, die so radikal und neu sind, dass sie dann später auch in disruptive Anwendungen im Sinne der Biomimetik translationiert werden können. Das Humboldt-Modell war insbesondere in Deutschland im 19. Jahrhundert aktiv und hat hier die Physiologie (Johannes Müller), Chemie (Justus von Liebig), Psychologie (Wilhelm Wundt) bis hin zur Forschung an der Kernspaltung (Hahn & Meitner) vorangebracht, bis es dann als das nobelpreisträchtigste Modell in die USA exportiert wurde (und dort bis Januar 2025 existierte).
These 5: Grundbedingung der Biomimicry ist eine Abkehr von Wachstumsmodellen
Wir folgen der Analyse des Begründers der Bioökonomie, Nicholas Georgescu Roegen, wenn wir feststellen, dass alle Industrie und damit alle Fertigung auf Kosten späterer Generationen geht. Was früheren Generationen als Mythos, Märchen oder religiöse Erlösung galt, hat die Neuzeit seit Francis Bacon eingelöst: Wir können heute fliegen, die Supermärkte gleichen dem Schlaraffenland und nur mit einem Smartphone und unserem Daumen können wir jedes Produkt jederzeit bestellen und es wird uns direkt geliefert. Hier ist jetzt nicht der Raum, in ökologisch-politische Kritik zu verfallen, aber die bioökonomische Analyse zeigt, dass wir radikal auf Wohlstand verzichten müssten, um dieses Missverhältnis wieder zugunsten einer Balance mit dem Ökosystem balancieren zu können. Für einen solchen Kurswechsel wird sich realistischerweise so schnell keine politische Mehrheit finden lassen. Die Grundfrage bleibt bis dahin, ob der (Wachstums-)markt von sich aus auch Strategien wie eine Biologisierung der Technik prämiert. Im Moment lässt sich ein solcher Trend nicht erkennen: Der Time-to-Markt-Druck wird immer höher und die Chance ist viel höher, auf bereits bewährte Erfindungen zurückzugreifen. Ob diese auch ökologisch sind, bleibt fraglich.
These 6: Klinische Konstruktion und Kreislaufforschung fokussiert sich nicht auf die Translation von Wirkprinzipien in »prometheische Technologien«, sondern untersucht die Passung jedweder Technik auf die Performanz in der ökologischen Nische.
Es ist an dieser Stelle nicht genügend Raum, die von uns entwickelte Idee einer »klinischen Konstruktion und Kreislaufforschung« zu veranschaulichen. Wir haben dies detailliert an anderer Stelle ausgeführt (Hätscher 2026). Die Idee wäre aber, dass in einer Gesellschaft, die sich für eine Balancierung der Industrie entschieden hat, klinische Konstrukteur:innen ähnlich wie Ärzt:innen Lösungen für ökologische Reformen von Firmen, Gemeinden oder Städten anbieten könnten. Gerade die Biomimetiker:innen könnten an dieser Stelle eine Avantgarde darstellen, da sie stärker als gemeine Ingenieur:innen Bildungsprozesse an der Natur durchlaufen haben. Die soziologische Professionalisierungstheorie geht generell davon aus, dass nicht standardisierte Krisenlösungen in der Wissenschaft, Medizin, Jurisprudenz oder Architektur professionalisierungsbedürftig sind. Hier liegt grundsätzlich ein Potenzial.
Aus Perspektive der anthropologischen Philosophie sind Menschen aber grundsätzlich »exzentrisch positionalisiert«: Diese sozialphilosophische Perspektive geht auf den Philosophen, Soziologen und Zoologen Helmuth Plessner (1992-1985) zurück. Auch diese komplexe Theorie kann hier nicht ausgeführt werden. Auf die Technik angewandt bedeutet sie aber, dass Menschen unmöglich wie die Natur konstruieren können. Aus dieser Perspektive erscheint eine Biologisierung der Technik als ein hoffnungsloses Unterfangen. Auch in unserer Forschung mehren sich Indizien dafür, dass menschliche Konstruktionen grundsätzlich anders als natürliche sind. Werner Nachtigall wusste um diesen Hiatus, wenn er immer wieder auf die Bedeutung der Abstraktion verwies und darauf, dass Wirkprinzipien nicht sklavisch kopiert, sondern kreativ in menschliche Lösungssysteme eingebettet werden müssen. Mit Blick auf die zehn Designregeln Werner Nachtigalls (Nachtigall 2010) oder auch von Janine Benyus (vgl. Benyus 2001) – die sich auffällig gleichen – wäre aber die Überlegung, diese in Zukunft als Orientierung für die Evaluation aller Technik anzuwenden: Biomimetische und nicht biomimetische; historische, aktuelle wie zukünftige. Umso mehr wäre hier eine ökologische Konstruktionsperspektive gefragt, die z.B. Techniken des Segelns, Webens, der Wasserkraft etc. in historischer Perspektive zu überblicken weiß, um dann neue Formen der Kombination aus etwa antiken und aktuellen prometheischen High-Tech-Technologien definieren zu können, die in der Summe dann maximal nachhaltig und ressourceneffizient sind. Und hier gilt natürlich: Jedes Gramm Gewichtseinsparung, jede Optimierung des Footprints zählt. Eine solche allgemeine Konstruktionswissenschaft könnte auch Aspekte der Handlungspraxis rund um Technologie noch stärker erforschen: So z.B. Aspekte noch nicht verstandener innerer Natur, also biologischer Antriebe im Menschen bei der Entwicklung von Technologie, die sich auf Balzverhalten, den Ausdruck von Agressionen oder Formen der Gemeinschaftsbildung beim Homo Sapiens bezieht.
Literatur
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Johannes Hätscher studierte Soziologie, Psychologie, Philosophie und einige Semester Elektrotechnik in Frankfurt am Main und Berlin. Er wurde mit einer klinisch-soziologischen Arbeit im Feld der Neurologie und Neurochirurgie promoviert. Berufliche Stationen führten ihn in die globale Industrieanalyse & Think-Tankarbeit, in die Ethik der medizinischen Forschung, zur Studienstiftung des deutschen Volkes sowie zuletzt zur Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Bei Velbrück Wissenschaft erschienen: Geregelte Außeralltäglichkeit. Deutungs- und Handlungsprobleme von Patienten mit Morbus Parkinson und ihren Partnern bei der Therapie durch Tiefe Hirnstimulation (2014) und Biomimetik und Klinische Konstruktion. Drei Modelle institutionalisierter Zusammenarbeit von Naturforschung und Ingenieurwesen (2026).
[1] Dieser Artikel ist die ausgearbeitete Version eines Vortrags, den der Autor beim »11. Bremer Bionik-Kongress«, veranstaltet vom Bionik-Innovations-Centrum (B-I-C), der Hochschule Bremen, dem Bionik-Kompetenznetz (BIOKON e.V.) und der Gesellschaft für Technische Biologie und Bionik (GTBB) im Herbst 2025 im ECOMAT Bremen vor Ingenieur:innen und Biomimetiker:innen gehalten hat. Er möchte sich vor allem bei Frau Professorin Antonia Kesel und der GTBB bedanken, dass er als Soziologe hier vortragen durfte. Im Anschluss an den Vortrag wurde recht intensiv diskutiert.
[2] Wir bedanken uns insbesondere bei Biokon und seinem Geschäftsführer Dr. Rainer Erb, bei Markus Hollermann und vor allem auch bei Professorin Wanieck, Kirstin Wommer und Jessica Brüggebors für den sehr konstruktiven Austausch und die Zusammenarbeit in den letzten Monaten.
[3] Ein anderer Weg ist die revolutionäre Überwindung des neuzeitlichen Mechanismus, des idealistischen Rationalismus und dem Primat der Objekte, wie sie z.B. Alfred North Whitehead in seiner Naturphilosophie als einer der ersten vordachte. Im Vordergrund stehen dann vielmehr intelligible Prozesse in ihrer komplexen Relationalität (vgl. Muraca 2010). Als Kritiker des »Arithmomorphismus« wiederum muss der rumänische Begründer der Bioökonomie Nicholas Georgescu-Roegen gelten, der die Gegenstände der Biologie und Ökonomie als zu komplex für eine physikalistisch/exakt-mathematische Beschreibung ansah (Georgescu-Roegen 1971). Beide Gelehrte sind Mathematiker. Oder einfacher formuliert: Jedes Kind kann einen realen Hund von einem Hunderoboter differenzieren. Und auch wenn das Delta zwischen Natur und Kultur immer kleiner wird: Die Ressourcen, die für diese Optimierung – zuletzt in der Entwicklung der künstlichen Intelligenz seit den Dartmore-Konferenzen – verbraucht werden, sind exorbitant höher als der evolutionäre Weg des Lebens.
[4] So fragte bei der Präsentation eines KI-Tools der Manager eines Automobilkonzerns, wie lange es dauern würden, bis außer den Open Source Artikeln auch diejenigen Artikel in das LLM eingespeist werden, die sich hinter einer Pay-Wall verbergen.
[5] In Analogie zur Medizin kann man konstatieren: Durch das Studium der Pathologien lernen Ärzt:innen erst, wie ungeheuer voraussetzungsreich der Zustand der Gesundheit ist. In der Geschichte der Soziologie hat Niklas Luhmann diesen Perspektivwechsel vollzogen: Wir gehen immer davon aus, dass sich Gesellschaften von Tag zu Tag in ihrer Ordnung reproduzieren. Aber eigentlich ist es alles andere als wahrscheinlich. Entsprechend – sollte unsere These stimmen – ist es immer auch die Aufgabe der akademischen Lehrer:innen, diese Habitusunterschiede bei der Formierung des bionischen Nachwuchses implizit oder explizit zu vermitteln. Es ist zu vermuten, dass es hierfür auch einer besonderen diplomatischen und multiperspektivischen Kompetenz bedarf. Als Aussenstehendem – der u.a. die erste Technikakademie der Studienstiftung entwickelt und dutzende Auswahlseminare auch mit Ingenieur:innen durchgeführt hat – fällt auf, wie viele Frauen an der bionischen Technikgestaltung im Vergleich zum klassischen Maschinenbau interessiert sind. Hier könnte es einen tieferen Zusammenhang geben, was die Fähigkeit zur flexiblen Perspektivübernahme statt einem eher imperialen Beharren auf Disziplingrenzen betrifft: Solche Geschlechterunterschiede können immer auch gesellschaftlich konstruiert bzw. geformt worden sein, nichts desto trotz wirken sie in situ reformierend auf die MINT-Fächer. Auch Da Vinci sagt man eine ausgeprägte »weibliche«, heute würde man sagen »queere«, Seite nach (vgl. Freud 1995).
[6] Man muss die Interaktion detektivisch untersuchen. Der ungeübte Blick sieht eine geregelte Praxis. Der Teufel liegt im Detail, dieses lässt sich aber rekonstruktionslogisch freilegen und dann – analog dem kriminologischen Vorgehen – auch objektivieren. Im Detail wird dies in unserer Untersuchung dargestellt (vgl. Hätscher 2026).
