Gaben und andere Figuren des Kleinen – ein Wimmelbild

In seinem jüngst erschienenen Buch Über den Vertrag hinaus. Gaben und andere Zutaten der Arbeit (2026, Velbrück Wissenschaft) thematisiert Günther Ortmann Gaben, verstanden im Sinne Marcel Mauss’, mit denen Beschäftigte zum common good »ihrer« Organisation beitragen, obwohl sie dazu vertraglich nicht verpflichtet sind. Für das VELBRÜCK MAGAZIN betrachtet Ortmann in Form einer losen Aufzählung das mikroskopisch Kleine, welches weit über Gaben und deren Bewandtnis hinausgeht.

Ausschnitt aus Die kleine Obsthändlerin (1670–75) von Bartolomé Esteban Murillo (Quelle: Wikimedia)

Gaben und andere Figuren des Kleinen – ein Wimmelbild

Von Günther Ortmann

In memoriam Marianne Schuller † 2023

»… die großartige Vorstellung, dass im Kleinen eine ganze Welt beschlossen liege …« (Marianne Schuller, Gunnar Schmidt, Mikrologien)

In Über den Vertrag hinaus. Gaben und andere Zutaten der Arbeit (2026, Velbrück Wissenschaft) geht es um Gaben im Sinne Marcel Mauss’, mit denen Beschäftigte zum common good »ihrer« Organisation beitragen, obwohl sie dazu vertraglich nicht verpflichtet sind. Solche Gaben werden nicht im Modus eines do ut des, nicht im Wege des Tauschs, nicht um des Nutzens der Gegengabe willen gegeben, sondern weil es »the right thing to do« ist. Sie können nicht vertraglich vereinbart werden, weil Ethik und Alltagsmoral nicht Gegenstand eines Tauschkalküls werden können. Manchmal ist ihr Sinn, zum Wohl der Organisation beizutragen, manchmal sind sie Kolleginnen und Kollegen gewidmet, dann mit oder auch ganz ohne die Absicht, der Organisation zu helfen. Viele solcher Beiträge sind unscheinbar, geringfügig und geradezu winzig. Man denke an den Fabrikarbeiter, der am Ende des Fließbands noch einmal die Frontscheibe des niegelnagelneuen Autos wischt – »spit and polish« –, oder an den Wartungsarbeiter bei der Bundeswehr, der in einer magischen Geste über den Flügel des Tornados streicht, »good luck« für den Piloten, der jetzt zum Einsatz muss. Ohne solche Gaben, das ist die These des Buches, funktionieren Organisationen nicht. Sie haben konstitutive Bedeutung für deren Funktionsfähigkeit. Dass es oft kleine Gesten sind, und dass die je einzelne entbehrlich sein mag, verführt aber zu der Ansicht, sie seien unerheblich.

Das ist ein Irrtum, der in Ansehung des Kleinen auch sonst weit verbreitet ist, trotz des Diktums von Mies van der Rohe (oder schon Aby Warburg?): »Der liebe Gott steckt im Detail.« Daher folgt hier eine Laudatio auf das mikroskopisch Kleine weit über Gaben und deren Bewandtnis hinaus – nur in Form einer Aufzählung, ohne systematische Ordnung oder analytische Absicht. Eine Art Liste, begonnen als Wasch- und Spickzettel für ein gemeinsames Projekt mit Marianne Schuller über Figuren des Kleinen, in dem wir ihren Blick auf Mikrologien in der Literatur und meinen auf kleine Gaben weiten wollten, ihn auf weitere, auf alle möglichen kleinen Dinge ausweiten – welche, das wussten wir noch gar nicht, und ob und wie sie zusammenhängen, erst recht nicht. Zu dem Vorhaben ist es nicht mehr gekommen.

Als ein erstes Beispiel schwebten uns berühmte kleine Gesten aus Kleists Die allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Reden vor, einem Text, dem wir uns beide schon gelegentlich gewidmet hatten. Dort ist ja die Rede von einem kleinen Anfang, von dem es heißt, er sei »auf gutes Glück hin zu setzen«. Die Frage, wie etwas beginnen kann und wie wir einen Anfang machen können, ist in der Theorie erstaunlich schwierig zu beantworten (schon weil ›Anfang‹ begrifflich davon abhängt, dass ihm etwas folgt). In praxi dagegen kann es leichtfallen. Da können wir das, was Kleist vom Reden sagt, verallgemeinern und auf alles Handeln beziehen:

»Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.«

Dafür hat Kleist die Rede Mirabeaus vor der französischen Nationalversammlung am 23. 6. 1789 als Beispiel angeführt, die den Anstoß – noch ein Anfang – für deren Unabhängigkeitserklärung gegeben hat. Dabei mögen ihn Gesten seiner Zuhörer beflügelt haben, manche vielleicht als Gaben gegeben, manche ohne diese Absicht, aber mit diesem Effekt. Etwa so:

»Vielleicht, daß es auf diese Weise zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte.«

In der Begegnung mit anderen ist es schon schwerer anzufangen, weil dort doppelte Kontingenz besonders zu schaffen macht: Ich mache mein Handeln von deinem abhängig, aber du das deine von meinem. Wie kommt man aus diesem Zirkel heraus? Es geht mit einem Zuvor- und Entgegenkommen, das, mangels anfänglicher Kalkulierbarkeit, als Gabe gegeben werden muss (oder eben, indem wir, à la Kleist, den Anfang auf gutes Glück hinsetzen).

So, indem Literatur und Gabentheorie aufeinandertrafen, entzündete sich ein Funke, der übersprang, und dieser Funke ist das nächste der kleinen Dinge für meine Liste. Hier sind ein paar weitere riesige Winzigkeiten, nun ohne Zusammenhang zu Gaben und einer Ethik der Gabe:

Nietzsche preist, erstes Beispiel, »die stillsten Worte …, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt« (Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Zweiter Teil, Die stillste Stunde).

Er bekundet Respekt vor dem ephemeren Ereignis: Der Augenblick, »im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks« (Nietzsche). Man denke nur an den Augenblick der Entscheidung.

Man denke sodann an die Nussschale, darin die ganze Welt:

»I could be bounded in a nutshell and count myself a king of infinite space.« (Shakespeare, Hamlet, 2. Aufz., 2. Szene)

Und ein, zwei Etagen tiefer gibt es Frank Sinatras wee small hours:

In the wee small hours of the morning
While the whole wide world is fast asleep
You lie awake and think about the girl
And never, ever think of counting sheep

In einem Stück über Robert Walsers Poetik des Winzigen rühmt Marianne Schuller dessen »Verfahren …, das kleine Gegenstände auf der Schwelle des Rezeptiven in eine unbegreifliche Eigenlebendigkeit transformiert.« Das steht in dem Band Bunte Steine (S.131), erschienen ebenfalls bei Velbrück, in dem wir (Iris Därmann, Gunnar Schmidt, G.O.) Texte Mariannes versammelt haben, in denen Figuren des Kleinen ihre Rolle spielen. Darin zeigt sich ihre entschiedene, wohlüberlegte mikrologische Aufmerksamkeit für Kleines, für kleine Dinge, kleine Literatur, prima facie Unscheinbares, Flüchtiges, Fragmentarisches. Zum Beispiel:

  • die ephemerischen Laute in Ingeborg Bachmanns Hörspielen,
  • »der Worte südliche Buchstaben« bei Else Lasker-Schüler, die in Mamas Poesiealbum »Gedichte aus seltenen holden Knospen und seidigen Blättern geschrieben« sieht,
  • die Spuren des Scheiterns in Aby Warburgs Mnemosyne, Wörter, die zu Schriftbildern werden,
  • Rahel Varnhagens Briefe, Adalbert Stifters bunte Steine, Walter Benjamins Mummerehlen, Robert Walsers Asche, Nadel, Bleistift und Zündhölzchen,
  • Die Versammlung der Nägel Christian Morgensterns,
  • das von Else Lasker-Schüler so geschätzte »Tinnef und Nippes, wie sie in den Schaufenstern ausliegen«, und ihre »Kammern, vollgesogen mit Spielzeug, Puppen, Tieren, lauter Krimskrams«,
  • die Sprache von Kindern, wie sie bei Benjamin und Lasker-Schüler in Ehren gehalten werden, ihr Karneval der Wörter, wiederkehrend bei Michaíl Bachtín (S. 27, 39) und seinem subversiven Gelächter (das Marianne zufolge dem Feminismus gut zu Gesicht stünde),
  • das déjá vu bei Kafka, Benjamin, Bloch und Freud (S. 174 ff),
  • Lacans Objekt ›klein a‹ (S. 179).

Sie alle erhielten ihren Sinn, so Marianne, nicht einfach auf den Wegen nachträglich-tröstlicher Stiftung, sondern verwiesen auf Unaussprechliches, auf »den entzogenen Ursprung des Schreibens«, auf einen »Bruch zwischen Schrift und Bild« (ad Benjamins Buchstabenbilder und Märchenillustrationen oder die Bilder Warburgs; zur Figur des Entzugs siehe auch ihren Beitrag »Verschwinden ohne Ende« in Kafka. Organisation, Recht und Schrift, bei Velbrück hg. von G. Ortmann und M. Schuller). In den Schreibverfahren zeige sich performativ das »nachträgliche Auf-scheinen als Effekt eines sich der Repräsentation entziehenden Verschwindens«. (So in »Literatur im Übergang. Zur Prosa Else Lasker-Schülers«, in Bunte Steine, S. 43). Mehr noch, »unter der Hand hält oder verbirgt sich eine poetologische Reflexion der exilierenden, nomadisierenden Textbewegung. Sie artikuliert ein Unaussprechliches im Sprechen, welches sich in der strukturellen Unmöglichkeit eines letzten Wortes kundtut.« (S. 45)

Von der »kleinen Literatur« hat Walter Benjamin einmal, in einem Text über Robert Walser, gesagt: Was es damit auf sich habe »und wieviel Hoffnungsfalter von der frechen Felsstirn der sogenannten großen Literatur in ihre bescheidenen Kelche flüchten, wissen eben nur wenige«.

Ihren genauen Blick für solche Figuren hatte sie schon in vielen kleinen Stücken in dem Band Mikrologien. Literarische und philosophische Figuren des Kleinen (Bielefeld 2003, zusammen mit Gunnar Schmidt) bewiesen. Auf der Seite Marianneschuller.de kann man sie in einem Video bei dem Vortrag »Nanoästhetik. Zur imaginativen Kraft des Kleinen« hören und sehen, den sie am ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry gehalten hat.

*

Marianne ging es in erster Linie um Literatur. Um nun aber die Liste der Stichworte darüber hinaus zu verlängern, fahre ich fort mit einer Vielfalt an Figuren des Kleinen, Assoziationen aus Binsen- und anderen Weisheiten. Sie alle drehen sich irgendwie um den kleinen, feinen Unterschied, der bekanntlich manchmal einer ums Ganze ist. Dazu Alexander Kluge in Die Kunst, Unterschiede zu machen:

»Paracelsus sagt, wenn ich auf der Ostseite des Rheins, da wo er in den Bodensee fließt, auch nur fünf Gramm gelben Farbstoff reinschütte, dann kommt diese geringe Potenz an Farbe mit größter Sicherheit bei Konstanz an.« (Alexander Kluge, Die Kunst, Unterschiede zu machen)

Wie der Volksmund sagt: Klein, aber oho. Weiter, ohne Anspruch auf Ordnung (Wittgenstein: »Auch Gedanken fallen manchmal unreif vom Baum«), mit diesen »small things«:

  • Eschers Tautropfen, in dem sich die Welt spiegelt (s. dazu auch Gunnar Schmidts »Von Tropfen und Spiegeln« (in Schuller/Schmidts Mikrologien, S. 33–57). Dazu ebd., 130: Virginia Wolfe: »… the dew dancing on the tips of the flowers and leaves made the garden like a mosaic of single sparks not yet formed into one whole.«
  • das Senfkorn aus der Bibel (»wenn es gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samen auf Erden; und wenn es gesät ist, so nimmt es zu und wird größer denn alle Kohlkräuter und gewinnt große Zweige, also daß die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können«; Markus 4, 31–32, zitiert nach den Mikrologien, S. 17);
  • der Stein des Anstoßes; das Körnchen Wahrheit (oder, bei Nietzsche, Wahnwurz); die Prise, das Gran Salz (»cum grano salis«); des Pudels Kern; der leise Zweifel; die dunkle Ahnung;der schmale Grat, die rote Linie;der Faden der Ariadne; der seidene Faden; der blinde Fleck;der Wimpernschlag; der Herzschlag im Herzschlagfinale; die logische Sekunde; die innere Regung; die feine Nuance; die Facette nach dem Feinschliff; das dünne Rinnsal; der Ton, der die Musik macht; das unscheinbare Indiz – die Spur à la Carlo Ginzburg, die nur Sherlock Holmes auffällt; der zarte Hinweis; das Augenzwinkern; der stille Zug im Schach; der No-look-Pass im Fußball; die Fußnote, in der bekanntlich das Wichtigste steht; das i-Tüpfelchen; das Sahnehäubchen;die stille Post; der Fuß in der Tür; der erste Schritt; der kleine Finger, den man reicht; das Tête-à-Tête; der Schwanz, der den Hund wedelt; die Stecknadel, die man (nicht) fallen hört.
  • Und eine andere Stecknadel: die nämlich im Heuhaufen, die zur Erläuterung von serendipity herangezogen wird: »Serendipity is jumping into a haystack to search for a needle, and coming up with the farmer’s daughter.«
  • Und noch eine Nadel – es kommen noch mehr, und mit einer werde ich meine Liste und diesen Text schließen; hier nun die, auf deren Spitze vielleicht viele Engel Platz haben.
  • Am schönsten aber die Schnabel- und Stachelspitzen von Storch und Stachelschwein aus der Erzählung Robert Walsers: »Wie gerne würde der Storch mit seinem Schnabel die Stacheln des Stachelschweins geküßt haben. Was das für ein Küssen gegeben hätte! Wir erschauern angesichts solcher Vorstellung.«
  • Zu alledem dieses Wort von Castoriades: »Aber ändere nur die Größenordnung der Zeit, und die Sterne am Himmel werden tanzen, daß dir schwindlig wird.« Und wer die Sternschnuppe fallen sieht, darf sich etwas wünschen.

*

Bis hier war fast nur von Segnungen des Kleinen und von seinen erfreulichen Seiten die Rede, von irgendwie guten Figuren des Kleinen und von der Sehnsucht danach.

Nun aber: Joachim Ringelnatz:

»Wenn man das zierlichste Näschen
Von seiner liebsten Braut
Durch ein Vergrößerungsgläschen
Näher beschaut,
Dann zeigen sich haarige Berge,
Daß einem graut.«

Und ist es nicht der Teufel, der im Detail steckt? Der Haarriss im System? »Die Flöhe und Wanzen/Gehören auch zum Ganzen«. (Goethe, oder vielmehr Eugen Roth?) Man denke an Kafkas unheimliche kleine Tiere, Kakerlaken, Ungeziefer und Mäuse, denen Marianne viele Texte gewidmet hat. (Ihr letztes Buch, das sie nicht mehr schreiben konnte, sollte Kafkas Tierleben heißen.) Und nun gar an den ersten Erreger von Epidemien.

Gefährlich auch: der Sand im Getriebe (und der ins Auge gestreute); das dünne Eis; die Erbse unter der Matratze; der Stein im Schuh; der Dorn im Auge; der Nagel zum Sarg; der Nadelstich; der eine faule Apfel; die Spitze des Eisbergs; der Staub, zu dem alles wird; die Nadeln in der Voodoo-Puppe; der Tropfen, der das Fass …; der gesäte Wind vor dem geernteten Sturm; das schwächste Glied in der Kette; die Schwalbe, die noch keinen Sommer macht; die Bäume, vor denen man den Wald nicht sieht; der Platz zwischen den Stühlen; der Pfennig, den man nicht ehrt, und der aus dem Sprichwort »You can be penny wise and pound foolish«; das Kleingedruckte; das kleine Karo; die kleinen Brötchen; klein beigeben; das Häkchen, das früh sich krümmt; das Fragment; das Zittern des Fälschers; die unmerkliche – vielleicht die eine falsche – Bewegung; das bedrohliche schmale Lächeln; die indigniert gehobene Augenbraue; das gekrümmte Härchen, das gesträubte Haar und das in der Suppe; das getrübte Wässerchen; das imaginäre Staubkorn auf dem Ärmel; der haarfeine Riss (im Knochen, im Deich, in der Mauer); die Schwachstelle in der Abwehrfront; die stillen Manöver, Finten und Intrigen der Mikropolitik; teile und herrsche; die Krümel vom Tisch des Herrn; der Dreck am Stecken; der Speck, mit dem man Mäuse fängt; das Nadelöhr, durch das ein Kamel niemals geht; die Sandkörner, die uns das Haufen-Paradox bescheren. Ganz schlimm: Mikroplastik in den Meeren.

Am furchtbarsten aber der winzige Fehl bei Kafka: »Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen« (Ein Landarzt).

*

Und dann die lieben Kleinen!. Viel gelernt habe ich darüber aus dem Schwerpunktheft »Kindheiten« des Jahrbuchs für Literatur und Psychoanalyse, Bd. 30 (hg. von A. Lange-Kirchheim, J. Pfeiffer und P. Strasser, Würzburg 2011; darin Mariannes Beitrag »Kindheit schreiben – Kindheit lesen. Zu Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert«, wiederabgedruckt in Bunte Steine). Man lese auch diese Fußnote in Oskar Negts und Alexander Kluges Geschichte und Eigensinn (1981, S. 114):

»Zahlreiche Märchen berichten von Kindern, die nicht geliebt wurden, Stiefeltern hatten, ein Geschwister wurde unverkennbar vorgezogen. Sie können jetzt, weil der Antirealismus ihres Gefühls sich wehrt, ein Fünkchen Glück haben und ihr Vertrauen auf etwas anderes als ihre Eltern gründen, z. B. auf sieben Zwerge, einen gütigen Jäger usf. Vielleicht sind sie in ihrer Not besonders findig. In den Märchen wenden sie das Geschick.«

Wieder nur in loser Aufzählung: David gegen Goliath; Puck, der Hofnarr Oberons, des Königs der Elfen; Aladin, der mit der Wunderlampe; Rotkäppchen; Dornröschen; Schneewittchen (und die sieben Zwerge); Schneeweißchen und Rosenrot; Hänsel und Gretel; der Froschkönig (aber: »Die Prinzessin hat den Frosch nicht geküsst, sie hat ihn an die Wand geworfen«, Jan Philip Reemtsma); Rumpelstilzchen; die vier Stadtmusikanten; Hans im Glück;  Eichendorffs Taugenichts; Goethes Melusine; Pinocchio; der kleine Däumling (der mit den Siebenmeilenstiefeln); das tapfere Schneiderlein (»sieben auf einen Streich«); Peter Pan, Wendy und Tinkerbell; die Liliputaner in Gullivers Reisen; Nils Holgersson und seine wunderbare Reise mit den Wildgänsen; der kleine Prinz; die Kölner Heinzelmännchen, etwa aus August Kopischs Gedicht:

»Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul: … man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
Ehe man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten …
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, …
War all sein Tagewerk … bereits gemacht!«

Weiter: Pu, der Bär; Alice im Wunderland (und erst hinter den Spiegeln); Wilhelm Hauffs Zwerg Nase; der kleine Muck (der mit den magischen Pantoffeln so schnell war und sogar fliegen konnte); der Struwwelpeter; Klaus Groths Lütt Matten de Has’:

Lütt Matten de Has1-
De mak sik en Spaß,
He weer bi’t Studeern
Dat Danzen to leern,
Un danz ganz alleen
Op de achtersten Been.

Keem Reinke de Voß
Un dach: das en Kost!
Un seggt: Lüttje Matten
So flink op de Padden?
Un danzst hier alleen
Oppe achtersten Been?

Kumm, lat uns tosam!
Ik kann as de Dam!
De Krei de spȩlt Fitel,
Denn geit dat canditel,
Denn geit dat mal schön
Op de achtersten Been!

Lütt Matten gev Pot:
De Voß beet em dot;
Un sett sik in Schatten,
Verspis’ de lütt Matten,
De Krei de kreeg een
Vun de achtersten Been.

(›De Voß‹ ist der Fuchs, dem Lütt Matten die Pfote gibt – »gev Pot« –, ›de Krei‹ die Krähe, die zum Tanz die Fidel – ›de fitel‹ – spielt.)

Immer noch nicht genug? Emil und die Detektive; das doppelte Lottchen; Pünktchen und Anton; Pippi Langstrumpf; Kalle Blomquist; die Brüder Löwenherz; Mio, mein Mio; Karlsson vom Dach; Ronja Räubertochter; die rote Zora; Krabat; der standhafte Zinnsoldat; die kleine Meerjungfrau; das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern; das bucklichte Männchen (Walter Benjamin); Rudyard Kiplings Mogli; Tom Sawyer und Huckleberry Finn; Dorothy aus The Wizzard of Oz; Oliver Twist; David Copperfield; Pip aus Dickens’ Great Expectations und Kapitän Ahabs Schiffsjunge Pip; der kleine Lord; Holden Caulfield, der Fänger im Roggen; Oskar Matzerath, der mit der Blechtrommel, und Oskar Schell aus Jonathan Safran Foers Extrem laut und unglaublich nah; die Oompa Loompas aus Willy Wonkas Schokoladenfabrik; die Biene Maja; Momo; Jim Knopf (und die wilde Dreizehn); König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte; Herr Tur Tur, der Scheinriese; Atréju aus Die unendliche Geschichte; Tolkiens Frodo und die anderen Hobbits; die Gnome und Elben – und Orks; Enid Blytons fünf Freunde; Jack Arnolds The Incredible Shrinking Man; Kevin allein zu Haus; Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft; E. T.; Max und Moritz; Alfred E. Neumann; Luis Murschetz’ Maulwurf Grabowski; Garfield; die Peanuts; Calvin & Hobbes; Huey, Dewey und Louie alias Tick, Trick und Track; Susi und Strolch; Fritz the Cat; die kleine Raupe Nimmersatt; der kleine Bär und der kleine Tiger aus Janoschs O wie schön ist Panama; Günter Kastenfrosch und die Tigerente; die wilden Kerle aus Wo die wilden Kerle wohnen; Asterix und Idefix; Ernie und Bert; die Muppets: Kermit, der Frosch, Miss Piggy und all die anderen; Super Mario; Harry Potter und so fort, ad infinitum.

Und zu guter Letzt Das kluge Kind Hugo von Hofmanthals: »Kannst du einen Stern anrühren, fragte man es. ›Ja‹, sagte es, neigte sich und berührte die Erde.«(Zitiert nach Hans Blumenberg, Die Vollzähligkeit der Sterne, S. 36)

*

Für Theorie-aficionados, querbeet, beginnend mit den Monaden Leibniz’:

»Jedes Materiepartikel kann als ein Garten voller Pflanzen und als ein Teich voller Fische aufgefaßt werden. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes Glied des Tiers, jeder Tropfen seiner Säfte ist noch ein solcher Garten oder ein solches Tier.« Auch das zitiert nach Marianne Schullers und Gunnar Schmidts Mikrologien, S. 71.

Davon angeregt: Deleuzes molekulare Mächte; das, was er kleine Literatur nannte; Deleuzes und Guattaris Mikropolitik; das Zurückweichende aus Adornos Negative Dialektik:

»Das Zurückweichende wird immer kleiner … immer unscheinbarer; das ist der erkenntniskritische wie der geschichtsphilosophische Grund dafür, daß Metaphysik in die Mikrologie einwandert. Dieser ist Ort der Metaphysik als Zuflucht vor der Totale.« (S. 399)

Roland Barthes’ Punktum, »das Gestochene«, »Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, Tupfen oder Einstich«, das Interesse des Betrachters durchbohrend wie ein Pfeil; Foucaults kleine, schäbige Dinge des Genealogen; die Mikrophysik der Macht; Rancières Unvernehmen; Serres’ Parasiten.

Handfester als Nietzsches Taubenfüße: die Tauben von San Marco:

»Die Tauben von San Marco haben das Biotop ›Markusplatz‹ nicht intendiert und nicht geschaffen, aber sie zehren davon und tragen zu seiner Reproduktion bei. Niemand – niemandes Ordnungswillen – hat diese ökologische Struktur gewollt, aber das hindert nicht, nun, da sie einmal in der Welt ist, sich daran zu nähren und ihr auf diese Weise ihre enervierende Beharrungskraft zu verleihen. Das tun nicht nur die Tauben, sondern auch, zum Beispiel: Touristen, Photographen, Futterverkäufer und Straßenreiniger, ›die sich‹, wie Niklas Luhmann in einer kleinen Skizze (in Soziologische Aufklärung 4, S. 118) formuliert hat, ›wechselseitig teils fördern, teils behindern, in jedem Fall aber nur in Symbiose mit der dominanten Struktur existieren, die ihrerseits durch sie überlebt.‹ Man könnte die Liste verlängern: Cafébetreiber, Musikanten, die dazu Die kleine Nachtmusik fideln, Taschendiebe und Tierschützer gehören dazu, und am Ende der Nahrungskette sogar Sozialwissenschaftler, die der Szene ihr evolutionstheoretisches Modell für die Entstehung und Persistenz bürokratischer Strukturen abzugewinnen. Eben das hat Luhmann getan, und die Idee ist: Auch Bürokratien bilden sich aus und überdauern, weil ›sich parasitäre Erscheinungen anschließen, die sich wechselseitig parasitieren und subparasitieren können‹ (ebd., 110). Auch Bürokratien sind Biotope. Der Mensch ist dem Menschen manchmal ein Wolf, manchmal aber auch Wirtstier und Parasit.« (Das habe ich einmal, in der Zeitschrift OrganisationsEntwicklung 2/2018, S. 124, geschrieben, in Anspielung auf Michel Serres: »Der Mensch ist des Menschen Laus. Und so ist auch der Mensch des Menschen Wirt.«)

À propos Luhmann: die Elemente in der Systemtheorie; die Teile der Emergenz sensu Michael Polanyi (das Ganze ist mehr als ihre Summe); die Mutationen der Evolutionstheorie; Stephen Jay Goulds Spandrillen der Evolution; der Rand in der Formel »Ordnung am Rande des Chaos«; der Schmetterlingsschlag der Komplexitätstheorie; Alfred Schütz’ phänomenologische Mikroanalyse der Entscheidung (mit den kleinen Leerstellen im Handlungsentwurf, die erst mittels Vorstellungen im Futur II gefüllt werden: »Wie, wenn ich entschieden und gehandelt haben werde?«); (die individuelle) Handlung versus Struktur; die Insignifikanz des individuellen Beitrags (etwa zu Wahlen, zur Rettung der Umwelt oder zum Wohl einer Organisation); das Sandkorn, das zur Düne wird (s. dazu H. Meinhardts Wie Schnecken sich in Schale werfen, das schönste Buch über rekursive Selbstverstärkung); das eine zerbrochene Fenster in New York, exponiert vom broken-windows-Theorem; der Spalt im Fenster der Möglichkeit; die Unebenheiten des Sozialen, für Ernesto Laclau jene Anstößigkeiten, die stören, aufstören und zu Steinen des Anstoßes werden; Eric Leifers von Goffman inspirierte micromoments der Interaktion; Malcolm Gladwells Tipping Points (und die Kipppunkte der Klimaentwicklung); Iris Därmanns stille Widerstände und Undienlichkeiten; und nicht zuletzt: Gunnar Schmidts und Marianne Schullers medien- und literaturwissenschaftliche Mikrologien, noch einmal vertieft in Atemräume von Gunnar Schmidt, am Beispiel der Atemnöte und Atemstöße in Thomas Manns Zauberberg.

Kleines à la Derrida: Die kleinen Veränderungen und Verschiebungen, bewirkt von der Kraft der différance; seine Kontaminationen,Verschmutzer jedweder Reinheit; das supplément, klein, unscheinbar und scheinbar sekundär und bloß abgeleitet und dann doch konstitutiv im Verhältnis zum Primären, Originären; Hymen und Falte, Metaphern für die Auslöschung der Grenze zwischen einem Innen und einem Außen; die Spur, die auf das abwesende Ausgeschlossene verweist.

*

Für Volks- und Betriebswirte, Management- und Rational-Choice-Theoretikerinnen: Die Marginalien des Marginalprinzips (Grenzkosten, -erträge, -produktivitäten); Marktnischen; Israel M. Kizners Gelegenheiten, nicht leicht wahrnehmbar, aber von findigen Unternehmern erspäht und genutzt; der kleine Vorsprung der rat race economics – Effekt: »the winner takes it all« (»the winner«, das ist, wer vielleicht so eben die Nase vorn hat); Schellings micromotives (vs. macrobehavior); low costs; der kleine Stups (nudge) der Verhaltensökonomik von Richard Thaler und Cass Sunstein; die kleinen Schritte in Abrüstungsverhandlungen à la Axelrods tit for tat; Kahneman/Tverskys »small numbers«; James Colemans Mikro-Makro-Badewanne; low costs; die small events der Pfadtheorie; die schwachen Signale des strategischen Managements; die bottlenecks der Produktionstheorie, silent resistance, Widerpart des Managements. Nicht zu vergessen die »kleinen Geschenke« zur Anbahnung von Korruption – zum »Anfüttern« der Opfer.

*

Und nun die kleine Gabe, gegeben in Mikromomenten, als priming in einer Begegnung, opening gift. (Nicht alle Gaben, versteht sich, sind klein. Sogar sehr groß soll die Mutter aller Gaben gewesen sein, das trojanische Pferd, eine giftige Gabe, Danaergeschenk.) Scheu und irgendwie minimal aber ist der Kuss, der in Robert Walsers Storch und Stachelschwein gegeben wird. In Organisationen etwa das ermunternde Mhmmm für die gute Idee der Kollegin. Und, Szenenwechsel: Eine, einer »gibt einen aus«. Vielleicht jene kleine Flasche Wein in der kleinen Gaststätte – einer Schenke – in Südfrankreich, von der Claude Lévi-Strauss erzählt hat? Dazu passt Lévinas’ Weg-vom-Ego: »Bitte nach Ihnen«, winziges Paradigma der Gabe. Nicht dazu passt dagegen zunächst ein anderes kleines Ding, »die Warze auf der Stirn eines Fremden«, bei Freud Beispiel für jene »unscheinbarsten der Erinnerungen« im Traummaterial, »einzelne kleine Stücke«. Was aber tut die Traumarbeit? Sie vollbringt ein »Weber-Meisterstück«. Freud zitiert Goethes Gedicht Antepirrhema:

»Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.«
(Die Traumdeutung, 238)

Das Antepirrhema ist eine Antwort des Chors im griechischen Drama, Entgegnung oder Zuspruch zum Epirrhema, der preisenden Beschreibung der Götter. Der griechische Chor gibt seinerseits Antworten auf die Handelnden und die Handlungen im Drama. Antwort zu geben, muss nicht, kann aber und wird oft im Modus einer Gabe geschehen. Ich bin daher geneigt, Goethes Gedicht hier, anders als Goethe und auch Freud, als Allegorie auf die Weberarbeit mit kleinen Gaben zu nehmen. Fast wie bei Marcel Mauss, der zitiert, was die Neukaledonier über ihre Gabenfeste sagen. Da ist vom Dach eines Hauses die Rede. In Über den Vertrag hinaus schlage ich vor, dieses ›Haus‹ als Metapher für Organisationen zu nehmen. Die kleinen Bewegungen des gift giving »nähen ihr Dach zusammen«, können aber, das ist die Botschaft, nicht Gegenstand des Arbeitsvertrags sein.

»Unsere Feste sind die Bewegung der Nadel, die die Teile des Strohdachs zusammennäht, so daß sie ein einziges Dach bilden, ein einziges Wort.«


Günther Ortmann war bis 2010 Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, und von 2014 bis 2022 Forschungsprofessor für Führung an der Universität Witten/Herdecke. Bei Velbrück Wissenschaft erschienen: Organisation und Moral (2010), Kunst des Entscheidens (2011), Noch nicht/Nicht mehr (2015), Kafka. Organisation, Recht und Schrift (2019, hg. mit Marianne Schuller) und Organisation und Mythos (2023, hg. mit Thomas Klatetzki).

Günther Ortmann: Über den Vertrag hinaus. Gaben und andere Zutaten der Arbeit

472 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-95832-430-5
49,90 €

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