Kritische Sprechweisen gehören in den Geistes- und Kulturwissenschaften nicht selten zur unhinterfragten Norm. Wie könnte eine Alternative aussehen, die nicht hinter deren Errungenschaften zurückfällt? Dieser Frage geht Kai Wortmann in seinem Buch »An den Grenzen der Kritik« (2026, Velbrück Wissenschaft, Open Access) nach. Für das VELBRÜCK MAGAZIN stellt er das Anliegen einer post-kritischen Erziehungswissenschaft vor.

»Inwieweit es möglich wäre, anders zu denken«. Zum Anliegen einer post-kritischen Erziehungswissenschaft
Von Kai Wortmann
Am 27. Juni 1984, dem Tag nach dem Tod Michel Foucaults, schreibt Pierre Bourdieu in Le Monde, »[n]ichts« sei »gefährlicher, als eine Philosophie, zumal eine derart subtile, komplexe und von der Norm abweichende, auf eine Handbuchformel zu reduzieren«. Machen wir uns nichts vor: Das Gefährlichste ist geschehen. Vierzig Jahre später ist der Autor von »Qu’est-ce que la critique?« Gegenstand von gelehrten Handbüchern, sein Name schmückt »Methoden« und in zahllosen Aufsätzen wird in wenigen formelhaften Sätzen auf ihn verwiesen, so als würde dadurch deren »Perspektive« oder »Ansatz« klar: Es handelt sich um kritische Wissenschaft.
Zwei Tage später, auf der Beerdigung Foucaults, verliest Gilles Deleuze folgende Worte: »Aber was ist die Philosophie heute – ich meine die philosophische Aktivität –, wenn nicht die kritische Arbeit des Denkens an sich selber? Und wenn sie nicht, statt zu rechtfertigen, was man schon weiß, in der Anstrengung liegt, zu wissen, inwieweit es möglich wäre, anders zu denken?« Diese Worte stammen von Foucault selbst, aus dem Vorwort zu »Der Gebrauch der Lüste«. Sie beschreiben auch das Vorhaben meiner Dissertation: anstatt zu rechtfertigen, was man schon weiß, die Anstrengung aufzubringen, der Frage nachzugehen, inwieweit es möglich wäre, anders zu denken. Anders denken zu wollen als man schon denkt – das ließe sich wohl als kritische Arbeit des Denkens an sich selbst beschreiben. Doch dieses Selbst ist, das haben wir nicht zuletzt von Foucault gelernt, kein »individuelles«, sondern konstituiert sich in kollektiven Zusammenhängen. Wenn sich also die kritische Arbeit gegen mich selbst richtet, gegen das, was ich schon weiß, gegen meine akademische Sozialisation in kritischem Denken, so kann womöglich mit Recht gehofft werden, dass sie auch ein Kollektiv trifft, das eben nicht bloß ich selbst bin. Kritik an der Kritik zu üben ist, obwohl fortwährend gefordert, nicht leicht. Vielleicht hat sich das kritische Denken dadurch unglücklicherweise umso leichter zu einer Rechtfertigung dessen entwickelt, was man schon weiß.
Was man schon weiß: Schulen reproduzieren soziale Ungleichheit. Lehrer*innen legen rassistische Verhaltensmuster an den Tag. Wir alle unterliegen dem selbstoptimierenden Regime des lebenslangen Lernens. Man weiß es schon, kritische Studien haben es uns wieder und wieder gezeigt. Und nun? Brauchen wir mehr Studien, um dieses Wissen zu rechtfertigen? Wird durch mehr kritische Analysen und erneuerte Produktionen von Evidenz endlich die alte Hoffnung der Kritik wahr, dass sich endlich etwas ändern möge? Besteht wirklich begründeter Anlass zu dieser Hoffnung?
Heute, so scheint mir, wird vielerorts von kritischer Forschung geredet. Unkritisch Wissenschaft zu betreiben ist jedenfalls keine Option. Dementsprechend sind nicht selten Geständnisse gefordert, sich als kritisch auszuweisen, die wissenschaftliche Arbeit in den kritischen Diskurs einzuschreiben: Kritische Diskursanalyse, rassismuskritische Perspektive, ein machtkritischer Einsatz… Die endlose Wiederholung der immergleichen Namen, missbraucht zum Ausweis der kritischen Sprecher*innenposition und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Welch Ironie: Die bekenntnishafte Wiederholung der Namen verunmöglicht es, ihnen treu zu bleiben.
Möglicherweise besteht die einzige Möglichkeit, den Held*innen der Kritik treu zu bleiben, darin, mit bestimmten Dogmen ihrer Rezeption zu brechen. Zu erkunden, inwieweit es möglich wäre, anders zu denken. Vorschläge zu unterbreiten, ihre Tradition fortzuschreiben. So, wie sie selbst mit ihrem Werk umgegangen sind. Ohne hinter sie zurückzufallen oder bloß zu rechtfertigen, was man schon weiß. Dies ist der Anspruch meiner Arbeit.
Kai Wortmann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Bildungs- und Erziehungstheorie sowie Methodologien und Methoden empirischer Sozialforschung, insbesondere zeitgenössischer Pragmatismus und Akteur-Netzwerk-Theorie. Bei Velbrück Wissenschaft ist von ihm »An den Grenzen der Kritik. Perspektiven einer post-kritischen Erziehungswissenschaft« (2026, Open Access) erschienen.

