»In welchem Style sollen wir bauen?« Diese 1828 vom deutschen Architekten Heinrich Hübsch aufgeworfene Frage stellt sich gegenwärtig unter Bedingungen, die eine rein auf die formale Gestaltung von Gebäuden und Räumen zielende Antwort nicht mehr zulassen. Es braucht andere Weisen, die Welt zu verstehen und zu gestalten. Gerhard Martin Burs legt in seinem neuen Buch (Die Ästhetik des Seins, Velbrück Wissenschaft 2026) einen mutigen Entwurf für eine neue Ästhetik vor, die vor allem der Architektur die Aufgabe anweist, den Menschen aus seiner Lage als bloßes Anhängsel der gegenwärtigen Welt zu befreien. Das VELBRÜCK MAGAZIN hat ihm einige Fragen gestellt.

Wie würden Sie ihr Buch zusammenfassen?
Der Ansatz meines Buches ist die Beobachtung, dass die Welt des Menschen in zwei Ebenen zerfällt. Zum einen die Ebene des Seins und des Lebens und zum anderen die Ebene des Geistes, des Diskurses und des Abstrakten. Dieser Gegensatz verschärft sich durch die digitale Technik, deren Mechanismen dem Leben zunehmend entgegenstehen. Eine Verbindung von beiden Ebenen könnte durch die Architektur als Profession der Weltgestaltung erfolgen, da sie Abstraktes und Analoges vereint und auf den Menschen als umfassendes Prinzip des Daseins zurückwirkt. Allerdings ist die Architektur formal erstarrt. Sie braucht einen neuen Ansatz, ein neues Selbstverständnis und eine neue Ebene des Denkens zum Entwerfen der Welt, die ich in diesem Werk versuche, in ihren Grundzügen zu beschreiben.
Was war die Motivation, sich dem Sein als Thema zuzuwenden?
Die Medienkontexte der Gegenwart sind wie ein Glaubenssystem des Mittelalters. Sie umnebeln die Menschen. Es ist Zeit für eine neue Aufklärung, die zurück zu den Quellen geht und die ursprünglichen Relationen im Sein mit der menschengemachten Welt verbindet. Das bisherige krampfhafte Festhalten an nicht funktionierenden und am Sein scheiternden Konzepten führt immer nur zu Chaos und Totalitarismus. Die Hinwendung zum Sein verstehe ich dabei als Freiheit, durch die dem technologischen ein menschlicher Fortschritt folgen kann.
In welchem Diskursrahmen bewegt sich ihre Arbeit?
Die große philosophische Problemstellung hinter meinem Ansatz umkreist die Frage, ob eine allgemeine Wahrheit, die hinter den Erscheinungen liegt, existiert oder ob alles aus dem Diskurs, der zwischen Perspektiven entsteht, geschaffen wird. Zunehmend leben wir in der Gegenwart in einer virtuellen Kultur, in denen diese gegensätzlichen Ansätze durch simulierte Bilder scheinbar vereint werden. Meine Erkenntnis dabei ist aber, dass es diesen Gegensatz, der sich auch in den Begriffen von Natur und Kultur zeigt, eigentlich nicht gibt. Auch die menschlichen Erzeugnisse und Kontexte sind im Endeffekt Ergebnisse der Natur. Was ihnen in der Gegenwart aber häufig fehlt, ist die Anbindung an das ursprüngliche Sein. Und genau dieses versuche ich durch eine neue, verbindende Ebene im Subjektiven – wenn man so will einen im menschlichen Dasein immanenten Transzendierungsschub – zu ermöglichen.
Was ist das besondere an ihrem Arbeitsansatz?
Ich widme mich dem Thema nicht nur deskriptiv, sondern konstruktiv. Als Architekt ist es mein Anliegen, nicht nur »Worte über Worte« zu formen, sondern ein fundamentales Modell menschlicher Weltaneignung und -gestaltung zu bilden, aus dem sich weitere Erkenntnispotenziale ergeben.
Was ist ihre grundsätzliche Kritik und welchen Lösungsansatz arbeiten sie aus?
Die grundsätzliche Kritik ist der Bedeutungsverlust von Worten und Begriffen in der virtuellen Welt. Sinn und Bedeutung verschwinden zunehmend. Kontexte, Meinungen und Fakten werden dadurch beliebig. Die Leere der Zeichen verhindert dabei, dass etwas wirklich Neues oder Anderes gedacht werden kann. Die Hinwendung zum Sein, als grundlegende Ebene der Existenz des Menschen, erzeugt die Möglichkeit einer fundierten eigenen Perspektive. In ihr kann eine neue Urform des Denkens, in den Relationen der Gegenstandslosigkeit, ermöglicht werden.
Welche Bedeutung kommt dabei der Ästhetik zu?
Unsere Welt der Gegenwart ist ein Kunstwerk, das in einem kollektiven ästhetischen Akt geformt wird. Der Mensch selbst aber wird zunehmend Teil dieses Kunstwerkes und durch die dominierende Ästhetik der Objektivierung zu einem kategorisierten Gegenstand. Gestaltung fokussiert sich überwiegend auf Dringlichkeiten. Objekte werden aus dem Subjekt entworfen als Prägungen aus seinem Kontext, in denen er sein Selbst spiegelt und die auf ihn zurückwirken. Ein zunehmend selbstreferentieller Kreislauf. Allerdings gibt es ja auch Impulse aus dem Sein, die die Erscheinungen formen. Die werden in unserer virtuellen Welt zunehmend negiert und die stelle ich in meinem Buch unteranderem dar. Der Ästhetik hat dabei als Schnittstelle eine Schlüsselposition inne, die ich versuche, auf eine gegenstandlose Welt jenseits der Dinge zu erweitern.
Was sind die konkreten Auswirkungen der von ihnen entwickelten Methodik?
Wo die Ästhetik tendenziell einen subjektiven Weltbezug beschreibt, übersetzt die Architektur diesen in allgemeinere und umfassende Konzepte, die wiederrum als reales Habitat auf ebendiese Bildung zur Ästhetik zurückwirken. Seit der Renaissance hängt aber das Denken zur Architektur überwiegend in einer Geometrisierung fest. Ähnlich den Worten und Zeichen arbeitet sie damit in einem abstrakten Raum, der sich in bildlichen Simulakren manifestiert. Im Digitalen Zeitalter verstärkt sich dieser Tendenz zunehmend und greift auf alle Weisen der Weltgestaltung über. Aber da liegt ein systemischer Fehler drin, da die grundlegenden Relationen des Seins ausgeklammert werden. Ich erweitere diesen Ansatz mit dem Ziel, ein neues Verständnis von Architektur zu schaffen – weg von einem rein objektivierten und gegenständlichen, hin zu einem ganzheitlichen Ansatz.
Welche Implikationen ergeben sich aus ihrer Arbeit für das Verhältnis von Mensch und Welt?
Architektur ist das Werkzeug zur Gestaltung der Welt. Umso fataler, dass sie hochspezialisiert ist und dabei methodisch erdrückt wird und in leeren Diskursen versinkt. Es wird in meinem Buch deutlich, dass das Fach befreit und den Menschen wiedergegeben werden muss. Der Architekt dabei ist kein rein analytisches Wesen mehr, sondern auch ein ganzheitlich ästhetisches. Nur in der Erkenntnis der Phänomene als Verbindung von Subjekt und Objekt in sich kann er Relationen schaffen, die in anderen wirken. Die Profession der Architekten ändert sich dadurch weg vom Bild eines gottgleichen Weltenplaners, hin zu einem Nukleus der Bewusstwerdung zum Sein, der es Menschen ermöglicht, sich selbst ein universelleres Dasein zu erschaffen.
Gerhard Martin Burs ist freier Architekt und promovierte über virtuelle Sinnstrukturen in der Globalisierung. Als wandernder Philosoph bewegt er sich an den Schnittstellen von Raumschaffung, Medien, Kunst und Wissenschaft. Neben Die Ästhetik des Seins ist von ihm das Buch Kontext. Sinnstiftung in virtuellen Systemen (2018) bei Velbrück Wissenschaft erschienen.
Im Velbrück Magazin erschien von ihm außerdem: Strukturierte Analysepraktiken für virtuelle Kontexte

